Vorzeitige Wechseljahre als Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch

Vorzeitige Wechseljahre
Der Eintritt der Wechseljahre wird nicht durch den „Verbrauch“ von Eizellen bestimmt – auch wenn dies oft so behauptet wird – sondern ist vor allem genetisch vorgegeben. Jede Frau geht mit mehreren hundert nicht genutzten Eizellen in die Wechseljahre.
„running on empty“ von John Lodder
Autor: Dr. Elmar Breitbach - Zuletzt bearbeitet am: 20. Mai 2019 @ 21:24 Literatur und Quellennachweise

Für einen regelmäßigen Zyklus und Eisprung ist eine ungestörte Funktion der Eierstöcke wichtig. Stellen diese ihren Dienst ein, dann spricht man von vorzeitigen Wechseljahren.

Definition der „vorzeitigen Wechseljahre“

Bei jeder Frau stellen die Eierstöcke ab einem bestimmten Alter ihre Tätigkeit ganz ein. Dieser Vorgang ist ganz natürlich und wird allgemein als „Wechseljahre“ bezeichnet. Durchschnittlich treten diese normalen Wechseljahre um das fünfzigste Lebensjahr herum auf.

Tritt dieser Funktionsverlust der Eierstöcke jedoch vor dem 40. Lebensjahr auf, dann handelt es sich um vorzeitige Wechseljahre, auch als (primäre) Ovarialinsuffizienz bezeichnet. Der Fachbegriff lautet „Klimakterium praecox“ und oft wird auch der englische Begriff „Premature ovarian failure“ (=“POF„) verwendet. Diese Erkrankung kann auch bei sehr jungen Frauen Anfang 20 auftreten.

Der Mythos Eizellverbrauch

Meist wird der Eintritt der Wechseljahre damit erklärt, dass Frauen nur eine begrenzte Anzahl an Eizellen haben und diese irgendwann verbraucht sind. Ist dies der Fall, dann treten die Wechseljahre ein. Das klingt einleuchtend, ist aber falsch.

Ginge es tatsächlich nur um die Zahl der Follikel, dann müssten bei einer Frau, die 20 Jahre lang die Pille eingenommen hat, die Wechseljahre auch 20 Jahre später eintreten. Denn wer keine Eizellen verbraucht – und das ist ja Sinn der Pille – müsste entsprechend später die letzte Regelblutung (=Menopause) erleben. Seine Eizellen also durch die Pille aufzusparen, um länger etwas davon  zu haben und später in die Wechseljahre zu kommen, funktioniert nicht.

Übrigens auch nicht umgekehrt: Der vermeintlich höhere Verbrauch an Eizellen durch eine künstliche Befruchtung führt nicht zu einem früheren Eintritt der Wechseljahre1)Marschalek J, Ott J, Aitzetmueller M, Mayrhofer D, Weghofer A, Nouri K, Walch K
The impact of repetitive oocyte retrieval on the ovarian reserve: a retrospective cohort study.
Arch Gynecol Obstet. 2019 Feb 21. doi: 10.1007/s00404-019-05098-9

verbrauchte Eizellen
Foto von torbakhopper

Eizellsterben ist durch die „biologische Uhr“ vorgegeben

Wie also kommt es, dass trotz unterschiedlichster Voraussetzungen das durchschnittliche Alter der Frauen beim Eintritt ihrer letzten Regelblutung bei 51 Jahren liegt? Natürlich kann man die 400.000 Eier, die zum Beginn des Lebens vorhanden sind, in ca. 35 Jahren mit je 12 Eisprüngen pro Jahre (=420 Eizellen) nicht verbrauchen.

Dennoch verschwinden sie. Die Eizellen sterben im Lauf des Lebens ab. In der Tat scheint es die so oft zitierte biologische Uhr zu sein, die hier den Takt vorgibt. Denn weniger die Zahl der zu Beginn des Lebens vorhandenen Eizellen oder ihr Verbrauch durch Eisprünge sind für den individuellen Zeitpunkt der Menopause (=Letzte Regelblutung) verantwortlich, sondern das Absterben der Eizellen2)Gosden, R. G. (1987). Follicular status at the menopause. Human Reproduction2(7), 617-621. Wie schnell dies passiert, ist vor allem genetisch vorgegeben3)De Bruin, J. P., Bovenhuis, H., Van Noord, P. A. H., Pearson, P. L., Van Arendonk, J. A. M., Te Velde, E. R., … & Dorland, M. (2001). The role of genetic factors in age at natural menopause. Human Reproduction16(9), 2014-2018

Ursachen für vorzeitige Wechseljahre

Von diesem Problem sind ca. 1% aller Frauen betroffen. Die Ursachen sind sehr vielfältig und noch nicht vollständig geklärt. in 30% der Fälle können genetische Erkrankungen vorliegen, hier vor allem das sogenannte Turner-Syndrom, bei dem die betroffenen Frauen statt zweier X-Chromosomen nur eines aufweisen. Auch das „Fragile-X-Syndrom“ führt häufig zu einer verminderten Aktivität der Eierstöcke.

Autoimmunerkrankungen schieinen ebenfalls eine Rolle spielen zu können. Durch fehlgeleitete Abwehrmechanismen kann dabei die Funktion der Ovarien blockiert werden. Nachgewiesen wurden bereits Antikörper gegen verschiedene Gewebe des Eierstocks. In Frage kommen dabei auch Antikörper gegen die FSH-Rezeptoren, so dass die Eierstöcke die Signale der Hirnanhangsdrüse nicht wahrnehmen können.

Nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung aufgrund einer Krebserkrankung kann die Funktion der Eierstöcke ebenfalls zum Erliegen kommen.

Bei den meisten Frauen, die von einem POF („Premature ovarian failure“) betroffen sind, lässt sich eine konkrete Ursache nicht feststellen.

Begünstigende Faktoren für ein POF

Zu den unten genannten Symptomen ist statistisch gesehen ein Zusammenhang herzustellen, wobei die eigentlich Ursache für den Eintritt der vorzeitigen Wechseljahre nicht immer klar ist:

  • Rauchen
  • familiäre Häufung (vermutlich genetischer Ursache)
  • häufige Blutung/kurze Menstruationszyklen
  • Diabetes
  • Mangelernährung
  • Immunologische Erkrankungen wie bestimmte Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, Rheumatoide Arthritis oder Systemischer Lupus erythematodes

Anzeichen für vorzeitige Wechseljahre

Die Befunde für diese Erkrankung sind sehr typisch: Die Frauen haben die gleichen Symptome wie in den Wechseljahren

  • Hitzewallungen
  • Schweißausbrüche
  • trockene Schleimhäute
  • psychische Verstimmungen (bis hin zur Depression)
  • Verlust der Libido
  • Die Regelblutung bleibt aus

Die Östrogene sind deutlich erniedrigt. LH und FSH sind stark erhöht, da die Hirnanhangsdrüse „merkt“, dass die Östrogene erniedrigt sind und versucht durch Erhöhung der Hormonproduktien, also LH und FSH, die Eierstöcke doch noch zu einer Reaktion zu „zwingen“. Mehr zu diesen Zusammenhängen finden Sie unter „hormonellen Grundlagen„.

Behandlung der vorzeitigen Wechsejahre

Eine Behandlung gibt es hinsichtlich des Kinderwunsches nicht. Da diese Erkrankung gelegentlich nur vorübergehend auftritt, sollte man die endgültige Diagnose nicht aufgrund einer einzigen Hormonbestimmung stellen.

Glücklicherweise besteht dieses Phänomen nicht immer dauerhaft und die Funktion der Eierstöcke kann sich auch (vorübergehend) wieder erholen. Dies wird dann als „intermittant ovarian failure“ bezeichnet.

Eine Stimulation der Eierstöcke mit hohen Hormondosen kann gelegentlich zum Erfolg führen, ist jedoch nur im Ausnahmefall sinnvoll. In Deutschland nicht erlaubt ist die Eizellspende, mit Hilfe derer man eine Schwangerschaft auch bei vorzeitigen Wechseljahren erzielen kann.

Noch Fragen?

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4)Ludwig Bispink, Elmar Breitbach, und Norbert Schlote Praktische Fertilitätsdiagnostik - Uni-Med, Bremen (2011) 5)Freimut A. Leidenberger (Herausgeber), Thomas Strowitzki (Herausgeber), Olaf Ortmann (Herausgeber) Klinische Endokrinologie für Frauenärzte - Springer; Auflage: 5. Aufl. 20146)Michael Ludwig, Frank Nawroth, Christoph Keck Kinderwunschsprechstunde - Springer; Auflage: 3. Aufl. 2015 (13. April 2015) 7)Ludwig, M. (Hg.) (2010): Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Aktuelle Themen aus der frauenärztlichen Praxis. München.

Literatur - Quellen   [ + ]

1.Marschalek J, Ott J, Aitzetmueller M, Mayrhofer D, Weghofer A, Nouri K, Walch K
The impact of repetitive oocyte retrieval on the ovarian reserve: a retrospective cohort study.
Arch Gynecol Obstet. 2019 Feb 21. doi: 10.1007/s00404-019-05098-9
2.Gosden, R. G. (1987). Follicular status at the menopause. Human Reproduction2(7), 617-621
3.De Bruin, J. P., Bovenhuis, H., Van Noord, P. A. H., Pearson, P. L., Van Arendonk, J. A. M., Te Velde, E. R., … & Dorland, M. (2001). The role of genetic factors in age at natural menopause. Human Reproduction16(9), 2014-2018
4.Ludwig Bispink, Elmar Breitbach, und Norbert Schlote Praktische Fertilitätsdiagnostik - Uni-Med, Bremen (2011)
5.Freimut A. Leidenberger (Herausgeber), Thomas Strowitzki (Herausgeber), Olaf Ortmann (Herausgeber) Klinische Endokrinologie für Frauenärzte - Springer; Auflage: 5. Aufl. 2014
6.Michael Ludwig, Frank Nawroth, Christoph Keck Kinderwunschsprechstunde - Springer; Auflage: 3. Aufl. 2015 (13. April 2015)
7.Ludwig, M. (Hg.) (2010): Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Aktuelle Themen aus der frauenärztlichen Praxis. München.