Frühchen: Schlechter Start in Deutschland

Die Frühgeborenenrate in Deutschland ist höher als in den meisten anderen europäischen Ländern


Das wohlhabende Industrieland Deutschland beeindruckt andere Länder in vielen Bereichen. In einer Hinsicht stehen wir jedoch schlecht da: Unsere Frühgeborenenrate von 8,6 % gehört zu den höchsten in Europa.

2016 kamen in Deutschland 66.851 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Rund 11.000 von ihnen kamen sogar vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt. Diese niederschmetternden Zahlen nannte der Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ anlässlich des Welt-Frühgeborenentages (17. November).

Frühgeborene sind damit die größte Kinderpatientengruppe Deutschlands. Obwohl ihre Überlebenschancen über die Jahre hinweg dank stetiger Weiterentwicklungen in der neonatalen Intensivmedizin gestiegen sind, betont der Bundesverband dennoch, dass die Risiken und Probleme für die weitere Entwicklung der Kinder immer noch nicht ausreichend wahrgenommen werden.

Förderung Frühgeborener greift zu spät

Noch immer würden die Kinder erst dann durch entsprechende Therapien gefördert, wenn „defizitäre Leistungen“ auffallen, sie also ihren Altersgenossen in der Entwicklung hinterherhinken. Die entsprechenden Anzeichen könnten nach Meinung des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ aber deutlich früher erkannt werden.

Viele Frühchen haben später mit motorischen und kognitiven Einschränkungen zu kämpfen. Eine Studie aus Niedersachsen ergab, dass 14,1 % der Frühgeborenen im Alter von fünf Jahren geistig, 17,4 % körperlich behindert waren. 33,1 % der Kinder wiesen Verhaltensauffälligkeiten auf, 40,4 % hatten sprachliche Auffälligkeiten. Der Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ fordert deswegen eine engmaschige Betreuung von Frühchen, besonders von sehr kleinen Kindern, durch Kinderärzte und Entwicklungsexperten. So könnten Therapieangebote viel früher gemacht werden als das momentan üblicherweise der Fall ist.

Risikofaktoren kontrollieren

In Anbetracht der vielen Probleme, mit denen Frühgeborene später zu kämpfen haben, wäre es natürlich am besten, Frühgeburten möglichst zu verhindern. Die Stiftung Kindergesundheit weist darauf hin, dass sich viele der einschlägigen Risikofaktoren durchaus beeinflussen lassen, etwa der Konsum von Alkohol, Nikotin oder Drogen. Weniger bekannt ist aber, dass auch andere Faktoren das Risiko einer Frühgeburt erhöhen. So können etwa Entzündungen im Mundraum und Infektionen der Harnwege. Sogar ein Migrationshintergrund kann das Risiko einer Frühgeburt; Schwangere aus Krisenländern haben sogar nach mehreren Jahren in Deutschland noch ein erhöhtes Frühgeburtsrisiko.

Die Stiftung Kindergesundheit betont aber auch, dass trotz der Gefahren und Risiken, die mit einer zu frühen Geburt einhergehen, die meisten Frühchen zu gesunden jungen Menschen heranwachsen. Die Stiftung zitiert eine deutsche Analyse, nach der bei Frühgeborenen der Jahrgänge 1987 bis 2004 im Alter von neun Jahren kein Unterschied in der Lebensqualität (im Vergleich mit reifgeborenen Kindern) nachzuweisen war.

Newsletter 11/2017 der Stiftung Kindergesundheit: Babys, die nicht warten können (pdf-Download)


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