Jod- und Schilddrüsenscreening für Schwangere?


Professor Dagmar Führer von der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen des Universitätsklinikums Essen fordert ein generelles TSH-Screening in der Frühschwangerschaft und „eine ausreichende Jodsupplementation aller Schwangeren“, schreibt die Ärztezeitung.

Der Grund für ihre Forderung: Für die Gehirnentwicklung und das Wachstum ungeborener Kinder ist es wichtig, dass die Schilddrüse der Mutter gut funktioniert und sie ausreichend mit Jod versorgt ist. Allerdings besteht bei fünf bis zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter eine noch unerkannte Hashimoto-Thyreoiditis, einer Immunerkrankung der Schilddrüse, weshalb dieses Thema bereits vor der Schwangerschaft von Bedeutung ist. Während der Schwangerschaft entwickle sich daraus eine Schilddrüsenunterfunktion, so Führer auf dem Symposium „Schilddrüse 2013“, das vom Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis finanziert wurde.

Um die Schilddrüsenerkrankung zu erkennen, fordert Führer ein Schilddrüsen-Screening aller Schwangeren schon im ersten Schwangerschaftsdrittel. Die Kosten für das Screening sollen die Krankenkassen tragen. Gegebenenfalls solle dann sofort eine Hormonsubstitution einzuleiten, die fehlenden Schilddrüsenhormone (Thyroxin) würde die Schwangere dann also in Tablettenform zu sich nehmen.

Autismus durch Mangel an Schilddrüsenhormon?

Untersuchung der Schilddrüse mit Ultrschall
Untersuchung der Schilddrüse mit Ultrschall
Ein Thyroxinmangel im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel scheint sogar die Gefahr zu erhöhen, dass das Kind mit einer autistischen Störung geboren wird. Niederländische und US-amerikanische Neurologen haben unter der Leitung von Gustavo Román, Weill Cornell College of Medicine in New York, über 5000 Schwangere untersucht.

Sechs Jahre später füllten die Mütter einen speziellen Fragebogen zum Verhalten ihrer Kinder aus. Es zeigte sich, dass rund 2 Prozent der Kinder Verhaltensweisen und emotionale Symptome zeigten, die typisch für Autismus sind. Die Ergebnisse wurden mit den in der Schwangerschaft gemessenen Schilddrüsenwerten abgeglichen, und es stellte sich heraus, dass ein starker Thyroxinmangel während der Schwangerschaft das Risiko für ein späteres autistisches Verhalten der Kinder fast vervierfachte.

Román betont, dass sich damit zwar nicht belegen lasse, dass Thyroxinmangel bei der Mutter direkt zu Autismus beim Kind führt. Die Ergebnisse der Studie eröffneten seiner Meinung nach aber durchaus einen Anlass zur Vorbeugung.

Die von Prof. Dagmar Führer geforderte generelle Jodsupplementation aller schwangeren und stillenden Frauen ist notwendig, da die allgemeine Jodzufuhr nicht ausreicht. Das weiß auch Dr. Joachim Feldkamp, Ärztlicher Direktor des Klinikums Bielefeld.
Nach einer verbesserten Jodversorgung in den vergangenen Jahren, etwa durch den Zusatz von Jod zu Speisesalz, habe sich vor allem bei Kindern, bei Frauen im gebärfähigen Alter und bei Schwangeren die Versorgung jüngst wieder verschlechtert. Der Grund: Für industriell hergestellte Lebensmittel wird weniger Jodsalz verwendet. 2005 lag der Anteil von in der Lebensmittelindustrie verwendetem Jodsalz noch bei 35 Prozent, aktuell sind es nur noch 25 Prozent.
Schuld an der schlechten Jodversorgung ist nach Meinung der Mediziner auch die „an sich begrüßenswerte Initiative der Europäische Union“, den Salzgehalt in Lebensmitteln generell zu senken. Mit weniger Salz wird natürlich auch weniger zugesetztes Jod aufgenommen.
Feldkamp rechnet wegen der schlechter werdenden Jodversorgung wieder mit mehr Schilddrüsenvergrößerungen. Er fordert deswegen ein „Jodmonitoring“, um rechtzeitig Maßnahmen zur Prophylaxe einleiten zu können, beispielsweise eine Erhöhung des Jodanteils im Salz.

Es gibt aber auch warnende Stellungnahmen: Bei der eingangs erwähnten „Hashimoto“-Erkrankung der Schilddrüse kann die Gabe von Jod die Situation sogar verschlimmern, weshalb von einer solchen „Zwangsjodierung“ abgeraten wird.


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