Schwanger wie im Fernsehen


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Fernsehen und das Internet sind Teil unserer Realität. Auch wenn es nicht real ist oder gar etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Medien und Pop-Kultur haben einen enorm großen Einfluss darauf, wie wir die Welt um uns herum sehen. Vor allem wird auch immer deutlicher, wie sehr der Zugang zu mehr oder weniger zuverlässigen medizinischen Informationen die Erwartungen und Einstellungen von Patienten verändert.

Das trifft auch US-amerikanische Frauen werden in ihrer Wahrnehmung von Schwangerschaft und Geburt stark vom Fernsehen beeinflusst. Das hat Soziologin Danielle Bessett von der Universität Cincinnati im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts festgestellt.

Bessett begleitete zwei Jahre lang eine Gruppe von Frauen, die mit nur 64 Mitgliedern zwar recht klein, dafür aber sozioökonomisch und ethnisch sehr divers war. Dabei stellte sich heraus, dass Fernsehprogramme – sowohl fiktive Handlungen wie auch Reality-TV – ganz entscheidenden Einfluss darauf hatte, wie die Frauen sich ihre Schwangerschaft und die Entbindung vorstellten. Das galt auch dann, wenn die Frauen selbst davon überzeugt waren, dass das Fernsehen keinen Einfluss auf sie hatte.

Klassenunterschiede

Frauen, die außer Haus tätig waren, hatten nach eigenen Angaben weniger schwangerschaftsbezogene Sendungen gesehen als Frauen, die arbeitslos waren oder sich zu Hause um Kinder kümmerten. Bessett fiel aber auf, dass Frauen mit höherem sozialen Status den Einfluss, den TV-Sendungen auf sie hatten, selbst als viel geringer einschätzten als Frauen mit niedrigerem sozialen Status.

Frauen mit einem höheren Bildungslevel gaben an, Serien oder Dokumentationen über Schwangerschaft nicht als Informationsquelle zu verwenden, sondern höchstens zur Unterhaltung. Weniger gebildete und wirtschaftlich benachteiligte Frauen sahen die Sendungen jedoch als eine von mehreren Möglichkeiten, Informationen über Schwangerschaft und Entbindung zu sammeln. Interessanterweise setzten gerade diese Frauen sich sehr kritisch mit Reality-TV-Sendungen auseinander und hinterfragten deren Glaubwürdigkeit.

„My water just broke!“

Bessett weist darauf hin, dass Geburten in Fernsehsendungen oft komplizierter sind und mehr medizinische Eingriffe benötigen als im echten Leben. Diese Szenen sind dramatischer und fesseln die Zuschauer mehr als die „durchschnittliche“ problemlose Geburt. Diese künstlich geschaffene Dramatik kann dazu beitragen, dass Frauen vor der Geburt ihrer Kinder Angst haben oder sie sich einfach komplett falsch vorstellen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Platzen der Fruchtblase, das in Serien von Friends bis Scrubs und in zahllosen Filmen immer wieder gern vorkommt, in der Realität jedoch nicht zwingend der Startschuss für die Geburt ist.

Aber natürlich ist der Blasensprung als Startschuss für eine Geburt viel spektakulärer und daher kann man die Drehbuchautoren verstehen, die die Realität lieber so darstellen.

Kulturelle Mythologie

Bessett fasst die Art und Weise, wie Schwangerschaft und Geburt in Medien und auch in Gesprächen untereinander dargestellt werden, unter der Bezeichnung „kulturelle Mythologie der Schwangerschaft“ zusammen. Sie hält es für wichtig, dass Mediziner sich nicht nur darauf konzentrieren, was die Patientin sie fragt, sondern dass sie sich auch dieser „Mythologie“ bewusst sind und darauf eingehen. Das gilt auch und vor allem dann, wenn die Schwangere sich selbst dieses Einflusses vielleicht nicht bewusst ist.Foto von keriluamox