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  "Schattenkind"
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  HM
schrieb am 27.02.2004 18:36
Hallo alle,

der niederländische Autor P.F. Thomése hat, als seine Tochter mit 6 Wochen starb, versucht seine Gefühle in Worte zu fassen. Daraus wurde das bewegende Buch "Schaduwkind". Im März soll das Buch auf deutsch erscheinen: Es bedeutet für den Leser viele Tränen, aber auch viel Erkennung und Schönes.
Da mich das Buch so bewegte, und ich Niederländerin bin, habe ich einige Passagen ins Deutsche übersetzt. Hier folgt meine Übersetzung des 1. Kapitels:

Die Knospen gestutzt

Heute einen Zaun aufgestellt. Auch wenn wir auf dem Dach der Stadt, hoch über dem ‚Tal der Ameisen‘, wohnen, es gibt immer Gesichter, Köpfe, Visagen. Gott, wie ich die Menschen hasse. Sch! Geht fort! Auf jeden Fall habe ich in unserem abgesonderten Garten hier oben die Blüten abgeschnitten, die Knospen gestutzt, ich muss doch etwas tun, es kann doch nicht alles einfach weitergehen, alsob sich nichts verändert hätte? Überall quellen Blätter, es ist nicht zu bremsen. Überall Triebe und junge Schößlinge. (Und in der dunkelsten Ecke, heimlich und unberührt, die Erle. Ein kleiner grauer Baum, der wohl irgendwann als blinder Passagier in alter Erde mitgekommen ist. Jetzt schon so groß wie ein Kind.)
Zäune, Gatter, Scheren. Andere graben Graben, schmieden Schlösser, ziehen Brücken auf. Brennen Städte nieder. Aber es läuft auf dasselbe hinaus. Etwas gerade rücken wollen, wenn es zu spät ist. Etwas gerade rücken wollen, weil es zu spät ist. Beschränkung, Begrenzung, Kontrolle: Die kleine Terz der Ohnmacht.
Jeden Tag driften wir weiter von ihr weg, jeder Schritt, den wir machen, führt von ihr fort. Wir stemmen uns gegen die Tage, aber die Tage nehmen uns nicht wahr. Sie schleifen uns mit, führen uns weg zu Orten, die dem was wir kannten täuschend ähnlich sehen. Und dennoch ist alles anders. Hat jemand während unserer Abwesenheit absichtlich den ganzen Kram verstellt? Wir stoßen überall an, wir bleiben immer wieder hängen, weil wir bei Gott nicht wissen, wo wir gelandet sind.
Unser Haus das Haus zweier Fremden. Haben sie ein Kind? In der Stille ist das nicht gut zu hören. Vorsichtig ertasten wir uns einen Weg. Wir suchen nach dem Geruch weißer Wäsche in sauberen Zimmern, die atemweiche Ruhe des Mittagsschlafs. Glück ist etwas, das man erst zu benennen anfängt, wenn man es nicht mehr finden kann. Baumwollweiße Gedämpftheit, gemildertes Tageslicht.
Still ist es, ja, aber es ist die falsche Stille. Aus allen Schränken, aus allen Ecken kann Panik hervorspringen. Überall lauert Ratlosigkeit. Wir sind auf der Hut, versuchen nicht zu schauen. Nicht auf die Babywäsche in der Truhe. Aber bestimmt auch nicht auf die Wiege, die rote Decke mit dem Milchfleck, die kleine Fliegermütze. Nein! Nicht schauen!! Es ist das dreckige Unheil, das sich vermummt, gerade in den süßesten Sachen.
Wir müssen uns besser wehren, auf diese Weise sind wir viel zu verletzlich. Wenn einen schon eine Babymütze erschreckt, macht man etwas falsch.
Immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass die Sachen besser geordnet werden müssen. Wer hat die Knospen abgeschnitten, verdammt? Der Garten fing gerade zu blühen an. Ich weiß es, ich weiß es (die Dinge laufen nicht wie sie laufen sollen).
Wir müssen achten auf das, was wir tun, denn es wurden Fehler gemacht, etwas ist grundlegend schief gelaufen. Und inzwischen, wie ein Schwarzfahrer in meinen Gedanken, das trügerische Vertrauen, dass eine Lösung gefunden werden wird. Wir müssen die Dinge nur der Reihe nach durchgehen. Wenn man etwas nicht findet, bedeutet das, dass man nicht mehr weiß, wo man es hingelegt hat. Richtig suchen also, auch dort, wo man nicht glaubt, es zu finden. Gerade dort. Und die Sachen sofort wieder richtig wegräumen, sonst verliert man die Übersicht. Wenn die Dinge keinen festen Platz haben, hört alles auf. Ehe man es sich versieht, zieht die unflätige Trauer das Kleid-mit-den-zahmen-Tieren an und lässt sie absichtlich die kleinsten Socken rumliegen.



Viele Grüße,
Hilde


  Re:
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  Julia&J
schrieb am 28.02.2004 15:56
hallo hilde

vielleicht schaust du auch mal unter www.schmetterlinskinder.de da sind frauen die auch ihre babys verloren haben.
und die zeilen, die du übersetzt hast würden wunderbar passen, weil sie aus der gleichen situation entstanden sind: der verlust eines babys. schön dass du dir soviel mühe gemacht hast.

liebe grüsse






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