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  Erziehungsstreit
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   Bert
schrieb am 16.07.2021 14:23
Meine Frau und ich sind seit 10 Jahren zusammen, seit 7 Jahren verheiratet und seit 5 Jahren Eltern.
Was als große Liebe begann ist durch das Traumkind schwierig geworden.
Wir sind beide ohne Vater aufgewachsen und haben uns besonders viel vorgenommen die bestmöglichen Eltern zu sein.
Das hat schnell dazu geführt, dass wir in Erziehungsfragen sehr empfindlich reagiert haben.
Ich kam mir nicht gewertschätzt vor, obwohl ich mich nach der Geburt wie eine zweite Mutter um das Kind gekümmert habe und die ersten drei Jahre fast komplett zu Hause war.
Ich habe mich zwei Tage die Woche um das Kind gekümmert, als meine Frau wieder arbeiten ging und habe dann nachts die verlorene Arbeitszeit nachgeholt.
Ich habe das gern gemacht. Allerdings haben die Streits zugenommen.
Ich bin sehr schnell beleidigt, diskutiere emotional und rede dann lauter.
Meine Frau emfindet das dann als Schreien.
Das kommt daher, dass ich mich unverstanden und hilflos fühle.
Sie hat mir oft die Autorität entzogen, in dem sie eingegriffen hat, wenn ich mein Kind geschimpft habe.
Daraus entstand das Gefühl, dass meine Meinung weder bei Frau noch Kind wichtig ist.

Mir ist klar, dass ich aufbrausend bin, wenn ich gestresst bin. Hinzu kommt eine Depression, deswegen habe ich vor einem halben Jahr eine Therapie angefangen und ein besserer Vater, Ehemann und Mensch zu sein.
Ich weiß, dass ich das eigentlich bin, aber nicht immer zeigen kann und schnell überfordert bin mit Selbständigkeit, hohen Lebenskosten und anspruchsvoller Familie.

Ich denke zwar, dass ich mich im Griff habe, aber bei kleinen Meinungsverschiedenheiten artet es immer aus, so dass ich verletztende Dinge zu ihr gesagt habe und mir jedes Mal vorstelle abzuhauen.

Heute habe ich meine Sachen gepackt.
Mein Kind wollte nicht in den Kindergarten und ist meiner Frau davongelaufen und hat geweint und geschrien.
Ich habe es wieder ins Haus getragen und mich auf Augenhöhe gekniet und lauter mit ihm gesprochen.
Weil es mich nicht angesehen hat, habe ich sein Gesicht in meine Richtung gedreht und gesagt: schau mich Mal an.

Ich wollte es so beruhigen und habe aus meiner Sicht nicht laut gesprochen.

Meine Frau hat sich dazwischen gedrängt und mir vorgeworfen, dass ich handgreiflich geworden bin.

Ich habe weder ihr noch meinem Kind jemals ein Haar gekrümmt, finde auch, dass ich nicht laut werden muss, habe das aber mit Plan gemacht und nicht, weil ich ausgeflippt bin.

In dem sie sich eingemischt hat, obwohl sie sich vorher vom Kind auf der Nase rumtanzen ließ, gab sie mir gar nicht die Möglichkeit die Situation zu lösen.
So eine Situation gab es schon oft. Immer mit dem gleichen Muster.
Das Kind macht nicht das, was wir erwarten (Überraschung!)
Meine Frau versucht es lange mit Geduld (vergeblich).
Ich rede lauter, um dem Kind Grenzen zu setzen. (Als Gegenpol zur Mutter)
Ich halte es dabei auch fest und will, dass es mich anschaut um sich zu beruhigen.
Meine Frau erträgt keine Lautstärke und empfindet es als Schreien und gewalttätig.
Sie will ihr Kind beschützen und drängt mich weg.
Ich gebe nach und sie bringt es in den Kindergarten.
Sie kommen aber nach wenigen Minuten wieder, weil sich das Kind nach wie vor weigert in den Kindergarten zu gehen.

Ich nehme mein Kind in den Arm und sage, dass es ok ist und ich nicht laut werden wollte. Für mich ist die Sache erledigt.

Meine Frau sieht die Sache aber wieder viel dramatischer.
Sie meint, ich hätte die Beherrschung verloren.
Dabei war ich nur lauter und klarer in meinem Vorgehen.

Sie wirft mir vor, dass ich gewaltätig war.
Ich bin einfach stärker und finde, dass Kinder auch Mal eine Grenze brauchen, in dem man sie beim Toben festhält.
Dass das nicht die beste Wahl ist, ist mir auch klar.
Nichtsdestotrotz eskaliert die Situation nur weil die Mutter sich wie eine Furie einmischt und mich dastehen lässt, als wäre ich wirklich ein schreiender Gewalttäter.

Ich sehe meine Fehler und würde auch lieber Buddha-mäßig auf alles reagieren. Denke aber auch, dass ein strenger Ton und ein kurzes festhalten von 3 Sekunden keine Bedrohung sind und mir das als Erziehungsperson zusteht.

Ich will das gar nicht rechtfertigen, fühle mich elendig schlecht und arbeite seit Jahren an mir und meinem Verhalten.

Meine Frau reagiert dennoch, als wäre ich eine Gefahr für das Kind und nur ihre Art der antiauthoritären Laissez-Fair-Diskussion ist genau richtig.

Ich finde das ja gut und halte sie für eine überragende Mutter.
Allerdings leidet auch das Kind darunter, da es keine Frusttoleranz entwickelt, ihre Mutter vergöttert und sich schwer tut mit anderen Kindern in Kontakt zu treten.

Meine Frau steht jetzt wieder als verständnisvolle Freundin da, während ich der böse Vater bin, der laut und grob ist.

Meine Teil akzeptiere ich. Das ist keine gute Art und habe ich selbst zu verschulden.

Das Verhalten meiner Frau sowie ihr empfindliches Intervenieren in alltäglichen Konfliken stellt mich als Alleinschukdigen hin.

Ich bin ratlos.
Ich denke, sie wird sich nie ändern und mir nie vertrauen, dass ich als Vater Konflikte auf meine Art ebenfalls lösen kann, ohne, dass das Kind Schaden nimmt.

Ich sitze auf gepackten Sachen und Frage mich, was man noch retten kann?


  Re: Erziehungsstreit
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   pmami
schrieb am 16.07.2021 22:32
Ich will nur kurz einige Punkte ansprechen:

Du ärgerst Dich, dass Deine Frau in Deine Erziehung eingreift. Du tust aber genau dasselbe, wenn das Kind nicht in den Kindergarten will, sie in diesem Augenblick für die Situation zuständig ist und Du dann dazwischen funkst, indem Du das Kind festhältst und laut mit ihm sprichts.

Ein aufgewühltes Kind beruhigt man nicht durch lautes Reden. In einer derartigen Situation laut zu werden setzt eine Eskalationsspirale in Gang.

Ein aufgewühltes Kind kann man zum Beispiel auch - wenn das Kind das toleriert - in den Arme nehmen. Warum muss es festhalten sein?

Du sprichst davon, dass Deine Frau eine tolle Mutter sei, machst Dich aber gleichzeitig über ihren antiautoritären laissez faire Erziehungsstil lustig.

Das Problem scheint in der Kommunikation zwischen Dir und Deiner Frau zu liegen. Vielleicht solltet Ihr da ansetzen.

Die Koffer zu packen ist keine Lösung, denn Eltern werdet Ihr trotzdem bleiben müssen. Und genau da liegt ja Euer Problem.

Viele Grüße pmami


  Re: Erziehungsstreit
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   pmami
schrieb am 17.07.2021 13:15
Und noch eine ergänzende Anmerkung. Du sagst, fühlst Dich nicht genügend wertgeschätzt. Es mag sein, dass dies mit der veränderten Familienkonstellation nach der Geburt Eurer Tochter zusammenhängt.

Vor ihrer Geburt war Deine Frau Deine Nummer 1 und Du warst Ihre Nummer 1. Nach der Geburt eines Babys ist es meistens so, dass das Kind für beide Elternteile die Nummer 1 wird und der Partner die Nummer 2. Soweit noch so gut. Wenn dann das Kind aber - was häufig passiert - unter den Eltern auch eine Nummer 1 hat, steht die Nummer 2 plötzlich ein wenig in der Ecke. Offensichtlich ist Deine Frau für die Tochter die Nummer 1. Das heißt, Du bist für die beiden wichtigsten Menschen in Deinem Leben "nur" Nummer 2 und möglicherweise fühlt sich das doof an.

Dafür kann Deine Frau aber nichts und Deine Tochter auch nicht. Und das ist auch keine Konstellation, die in Stein gemeißelt ist. Vielleicht tauschst Du noch den Platz mit Deiner Frau oder Deine Tochter hat zwei Nummer 1 oder aber Deine Tochter ist irgendwann groß, zieht aus und Du bist wieder die Nummer 1 Deiner Frau oder ihr bekommt noch ein Kind .... oder ... oder ...

Jetzt ist die Situation aber so, wie sie ist und Du wirst das akzeptieren und annehmen müssen und lernen müssen Dich deshalb nicht weniger wertgeschätzt zu fühlen.

Viele Grüße pmami


  Re: Erziehungsstreit
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   HulksMother
schrieb am 17.07.2021 13:23
Mein Respekt dafür, dass Du Dir Hilfe suchst und an Dir arbeitest. Habt Ihr mal zusammen eine Erziehungsberatung oder Paartherapie aufgesucht? Es bringt so viel mehr, wenn beide Partner durch Hilfe von außen an sich arbeiten können.
Ich würde nicht ausziehen - wer weiß, ob es danach wieder ein Zurück gibt.
Alles Gute!


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  Re: Erziehungsstreit
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   xKirschblüte
Status:
schrieb am 17.07.2021 13:47
Hey!

Es ist positiv, dass du erkannt hast, dass ihr in der Erziehung nicht an einem Strang zieht und daran aber arbeiten solltet.

Ich würde als Mutter nicht wollen, dass du Konflikte auf diese Art löst. Auch, wenn das deine Art ist.
Für mich ist deine Art auch eine Form von Gewalt, weil du durch das Schreien das Kind dominierst. Es guckt dann zur Seite, weil es dich nicht anschauen kann (würde jeder Erwachsene auch nicht tun). Du reagierst, dass du seinen Willen brechen willst, indem du es zwingst, dich anzuschauen. Indem du den Kopf drehst.
Wieso sollte es das tun? Es geht in dem Moment um Macht.

Du hast deine Art als autoritär bezeichnet und meinst, du kannst so mit deinem Kind umgehen, ohne ihm zu schaden. Was heißt denn schaden für dich? Dem Kind wird kein Ohr abfallen, aber eine autoritäre Erziehung schadet deinem Kind sehr wohl. Ua brichst du deinem Kind den Willen und sorgst dafür, dass es kein Selbstbewusstsein aufbauen wird und sich ggü anderen nicht durchsetzen können wird. Weil durchsetzen wurde ja unter Gewalt aberzogen.
Dazu gibt es Studien, wenn du nachlesen magst.

Du bist schon in Behandlung- das ist super. Du solltest dringend an deiner Beherrschung/Impulsivität arbeiten.
Ein kleiner Tipp, einfach ins Blaue: du scheinst sehr impulsiv zu sein, wie du schreibst. Impulsivität ist eines der Symptome von ADHS. Unbehandelt führt ADHS im Erwachsenenalter zu Depressionen.
Wenn du Fragen dazu hast, kannst du mich kontaktieren- ich bin auf diese Thematik beruflich spezialisiert. Ansonsten ist das natürlich keine Diagnose, aber du solltest deine Therapeutin auf diese Möglichkeit ansprechen.

Was ich bei dir rauslese: deine Partnerin und du habt sehr hohe Vorsätze und wollt für euer Kind nur das beste. Eben, weil ihr beide nicht so toll aufgewachsen seid. Diese Einstellung, die ihr habt, ist nicht selbstverständlich.
Wenn man so hochmotiviert ist, entsteht schnell Frust, wenn es nicht klappt. Das spürst du gerade.
Das ist kein Grund, seine Koffer zu packen. Setzt euch hin und findet eine Lösung.
Wir sind zwar alle erwachsen, aber dennoch muss man an sich und seinem Verhalten arbeiten. Ständig. So geht es jedem von uns.
Ich würde dir raten, mit deiner Frau zu einer Erziehungsberatung zu gehen und euch dort helfen zu lassen.
Die können euch erklären, dass das Verhalten eures Kindes in dem Alter völlig normal ist und wie ihr da am besten drauf reagiert.
Eine Frustrationstoleranz muss man erst aufbauen- aber Spoiler: die wird dein Kind nicht durch deine autoritäre Erziehung lernen, sondern durch einen empathischen Umgang.
Das kann man euch aber in der Erziehungsberatung erklären.

Liebe Grüße

Kirschblüte


  Re: Erziehungsstreit
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   Nessa15
schrieb am 17.07.2021 20:00
Hallo,

du scheinst ihr seid beide ohne Vater aufgewachsen, das heißt ihr habt beide nicht erlebt wie ein Vater eine Familie prägt. Habt ihr euch mal unterhalten darüber, was ihr euch in eurer Kindheit von einem Vater gewünscht, was euch gefehlt habt? Seid ihr hierbei auf ähnliche Dinge gekommen?
In den Medien stoßen Frauen oft auf ein weiches, sehr liberales und auch recht modernes Vaterbild- in typischen Frauenformaten (egal ob Streaming, TV oder Kino) sind die „ idealen“ (wenn es so etwas überhaupt gibt) Papas überaus kompromissbereit und werden beinahe ausschließlich gegenüber Teenager laut.
Männer erleben Vaterrollen in Medien oder aus Erzählungen ihrer Freunde immer noch als strenger bzw. auch eher in der Rolle als Mentor/Lehrer und nicht selten ist auch eine gewisses Maß an Autorität vorhanden.
Ohne eigene Erfahrungen aus der Kindheit ist es vielleicht schwierig sich oder auch den Partner zu finden/einzuordnen.

Ich muss sagen, ich empfinde deine Reaktion als nicht ganz so extrem wie meine Vorgängerinnen. Das Einzige was mich als Mutter extrem gestört hätte, wäre das zum Abschauen zwingen durch festhalten. Das hat für mich damit zu tun dass ich es so empfinde als hättest du in diesem Moment die Scham/Wut deines Kindes nicht ernst genommen bzw. dein Bedürfnis über seine (Rückzug) gestellt.


  Re: Erziehungsstreit
avatar    Juna30
Status:
schrieb am 21.07.2021 08:38
Ich erkenne das Muster "Mama und Papa sind sich nicht einig" und "Mama/ Papa ist sich nicht sicher" auch bei uns.
Für euer Kindergartenthema hieße das, ihr müsst euch unter 4 Augen außerhalb der akuten Situation unterhalten. Muss das Kind jeden Tag in den Kindergarten? Warum? Warum nicht? Sind Betreuungskapazitäten auch zu Hause vorhanden? Wie oft? Und dann, wenn ihr euch einig seid, wird das mit dem Kind kommuniziert. Kinder, vor allem, wenn sie schon 5 sind, können sehr gut verstehen, wenn man z. B. sagt "Ich verstehe, dass du nicht jeden Tag Lust hast, in den Kindergarten zu gehen. Papa und Mama gehen aber arbeiten und benötigen die Zeit. Wir beeilen uns nach der Arbeit, dich so früh wie möglich abzuholen, damit wir danach schöne gemeinsame Zeit verbringen können." Und dann könnte man dem Kind z. B. noch die Wahl lassen, ob es früher abgeholt wird und mit zum Einkauf geht, oder etwas später, aber dafür dann direkt nach Hause fahren kann. Vielleicht hat es auch die Wahl, ob Mama oder Papa abholt. Kinder auf diese Weise mitentscheiden zu lassen ist sinnvoll, aber die Grundsituation mit streitenden Eltern bestimmen zu lassen mit Sicherheit nicht. Die Verantwortung dafür trägt aber nie das Kind, sondern wir als Eltern.

Wenn du "etwas lauter" mit dem Kind sprichst, fühlt es sich herabgewürdigt, ausgeschimpft, vielleicht auch bloßgestellt, ungeliebt und dergleichen mehr. Dass es dich dann nicht anschaut ist völlig normal und dann sein Gesicht zu dir zu drehen würde ich ebenso als handgreiflich bezeichnen und finde nicht, dass das einem Elternteil zusteht. Das ist immer ein Zeichen davon, nicht weiter zu wissen. Es hilft mir oft, mich dann zu fragen, warum das so ist und was ich eigentlich will. Auch hier ist das Problem i d R meins, nicht das des Kindes und schon gar nicht das Kind selbst.

Menschen, die ohne ein Elternteil aufwachsen haben manchmal das Problem, sich im Inneren ungeliebt oder sogar abgelehnt zu fühlen. Das führt dann dazu, dass Kleinigkeiten als "gegen mich" empfunden werden statt als "für sich".
Das könnte in der Streitsituation von euch bedeuten, dass du das Verhalten deines Kindes als Respektlosigkeit dir gegenüber empfindest, wenn sie dich nicht ansieht, wenn du mit ihr sprichst. Dass sie das nicht gegen dich, sondern für sich, als Schutz, tut, ist dann in der Situation schwer oder auch gar nicht für dich zu deuten. Sollte das so sein, könntest du in der Therapie mal über Selbstliebe sprechen oder etwas zu dem Thema lesen. Das kann helfen den Ursprung dieses Problems, sich unsicher durch das Gefühl ungeliebt oder ungewollt zu sein, aufzulösen. Denn die Grundwertschätzung deiner Person, die durch bedingungslose Liebe der Eltern in der Kindheit entstanden sein sollte, die können Frau und Kind dir nicht ersetzen. Das kannst du aber selbst tun, indem du für dich daran arbeitest, genug zu sein. Gut genug für dich und deine Familie.


Dann würde ich gern noch etwas zur Sicht auf deine Frau sagen. Einerseits sagst du, sie ist die beste Mutter und andererseits erlebst du die Situation so, dass das Kind dir auf der Nase herumtanzt. Das passt nicht zusammen.
Gestehe auch deiner Frau zu, dass das Kind für sich, nicht gegen sie arbeitet. Es tanzt niemandem auf der Nase herum, um zu ärgern oder als Selbstzweck.
Es lief davon, weinte und schrie. Weinen und schreien wird sicher nicht aufzulösen sein, aber davonlaufen schon. Auch da sind wir als Erwachsene gefragt, dies zu verhindern, ohne körperlich zu werden. Zwei Erwachsene sollten in der Lage sein, sich einem Kind in den Weg zu stellen, den Weg zur Tür durch offene, tröstende Arme zu versperren, damit das Kind seinen Kummer kund tun kann. Und dann tut ihr, was am Vorabend besprochen wurde: entweder das Kind muss in den Kindergarten, weil es nicht anders geht, oder es darf 1 oder 2 Mal die Woche zu Hause bleiben, weil ihr Kapazitäten habt, oder oder oder. Eure Lösung eben.
Sollte es in den KiGa gehen müssen, würde ich mit den Erziehern sprechen und darum bitten, dass diese sensible Phase begleitet wird, damit das Kind schnellstmöglich wieder gern in den KiGa gehen kann.

Wenn man alle Zuständigkeiten für sich geklärt hat und regelmäßig Erziehungsfragen ohne Kind bespricht, ist man auf einem guten Weg. Aber auch dann wird man immer wieder feststellen, dass viele Dinge nicht von einem selbst abhängen, sondern das Kind eigene Vorstellungen, Vorlieben, Abneigungen, Temperamente und Charaktereigenschaften mit bringt, die nicht veränderbar sind. Egal wie gut und sinnvoll man daran herum erzieht. Da bleibt einem nur, zu begleiten und Rahmenbedingungen vorzugeben.
Unser Großer ist z. B. ein sehr emotionales Kind. Bevor wir weitere Kinder hatten, hieß es oft, es sei ja klar, dass das Kind sich so und so verhält, weil wir dem so viel Raum geben. Als wir dann weitere Kinder hatten, denen wir ebenso viel Raum in diesen Aspekten einräumten, stutzen die Unkenrufer, denn die anderen Kinder sind anders. Klar, sind eben andere Kinder. Jedes ist einzigartig. Das war mir aber nach einem Kind noch nicht so klar, weil mir da die Erfahrung mit weiteren fehlte.

Last but not least: frag mal deine Frau, ob sie antiautoritär oder gar laissez faire erziehen möchte. Ich könnte mir vorstellen, dass sie es bedürfnisorientiert nennt oder auch der Begriff attachement parenting fällt. Dann kann sie dir erklären, was sie damit meint und was sie damit möchte und warum ihr das so wichtig ist. Und dann kannst du einsteigen und sagen, dass die Bedürfnisse aller relevant sind und an welchen Stellen du dir nicht sicher bist, was bei eurem Kind Bedürfnis und was Wunsch ist. Denn das ist oft gar nicht so leicht auszumachen beim ersten Kind, oder erst im Nachhinein klar. Zumindest ging es mir mit dem Großen so.

LG
Juna

P. S. Ich hoffe, du hast deine Sachen wieder ausgepackt und gibst das Problem ohne Vater aufzuwachsen, nicht an die nächste Generation weiter.


  Re: Erziehungsstreit
no avatar
   Bert
schrieb am 21.07.2021 12:42
Vielen Dank für die vielen sehr wertvollen Antworten!

Leider hat sich meine Frau entschieden, dass wir uns trennen.
Ich bin ins Hotel gezogen, werde meine Geschäfte abwickeln und dann die Orte bereisen, die mir schon lange gefehlt haben in der Hoffnung durch Zeit mit mir selbst runter zu kommen von jahrelangem Dauerstress im Hamsterrad.

Es tut verdammt weh zu sehen, dass ich mit meinem Verhalten das Leben meines Kindes so unnötig schwierig mache. Das wollte ich sicher nicht. Auch, wenn ich in solchen Situationen laut und vielleicht sogar grob gehandelt habe, war ich in 5 Jahren der Mensch, der mehr (99% schöne) Zeit mit ihr verbracht hat, als es die meisten Väter in ihrem ganzen Leben können.
Gerade dieser Gegensatz zwischen meinen guten Absichten und das was dabei herausgekommen ist, macht mich extrem traurig.

Aber hier kommt dann eben die Beziehung zu meiner Frau ins Spiel, die durch die Geburt komplett anders war. Nicht mehr die Frau, die ich geheiratet hatte, sondern eine übertrieben fürsorgliche Mutter. Jedes Wort von mir hat sie auf die Goldwaage gelegt und sich jedes böse Wort, das im Affekt gefallen ist extrem zu Herzen genommen, egal wie oft ich es ihr erklärt habe oder mich entschuldigt habe.
Jeder halbwegs normale Streit war so immer gleich unfassbar schlimm, weil wir beide so empfindlich und nachtragend waren.
So hat sich das hochgeschaukel und bei jedem Streit ging es wieder gleich um den Grundsatz: sie fällt mir immer in den Rücken. Ich bin zu streng. Sie diktiert unser Leben, ich bin zu stur.
Im Nachhinein alles lächerlich. Auf der anderen Seite wirde ich als Vater über Jahre demontiert. Ich dürfte alles zahlen und den Fahrer bei Ausflügen spielen, war aber immer nur der Zuschauer, weil Mutter und Tochter best Friends sind. Die Verletzung durch die Zurückweisung und Ausklammerung ist natürlich mein eigenes Problem. Trotzdem hätte ich von meiner Frau mehr Verständnis erwartet, was erst nach 4 Jahren kam, als wir gemeinsam bei der Psychologin waren.

Eine Sitzung hat aber leider nicht gereicht. Es tut mir sehr weh, dass wir nicht eine Paartherapie oder/und Erziehungsworkshop machen bevor wir das gemeinsame Leben aufgeben, das durch viele äußere Einflüsse woe Corona und finanzielle Belastung als Selbständiger auf meine labile Psyche geprallt sind.

So habe ich wenigstens eine Ausrede, obwohl ich mir auch immer klar mache, dass ich alleine Verantwortung habe und in jeder Situation die Chance hatte anders zu reagieren. So ist es eher unwahrscheinlich, dass sich alles so zu gespitzt hätte, wenn wir nicht seit fast zwei Jahren unter diesem Druck aufeinander komprimiert gewesen wären und ich nicht depressiv geworden wäre.

Ich habe die leise Hoffnung, dass die guten Zeiten nach ein paar Wochen überwiegen und meine Frau sich auch daran erinnert, dass wir noch vor kurzem noch ein Haus bauen wollten und eine bessere Zukunft für unser Kind wollten als wir es selber hatten.

Aber ich fürchte sie ist ohne mich glücklicher. Das kann ich gut verstehen und unser Kind wäre es mit Mama alleine wohl auch gewesen.

Jetzt muss ich nur schauen, wie ich mich mental aus diesem Loch ziehe. Pläne zum Reisen geben mir hier Hoffnung. Alles was weiter als 2 Monate in der Zukunft liegt macht mir aber Angst.
Ich war gefühlt noch nie alleine. Freunde waren immer da, Eltern, die nächste Beziehung, Fußball, Arbeit. Ich freue mich einerseits alleine zu sein, aber mit dem Wissen, was ich verloren habe, habe ich auch schreckliche Angst.
Wie ich immer sage: Hoffnung ist das beschissenste Gefühl der Welt. Besser man erwartet nichts und wird positiv überrascht.
Ich werde erstmals mein Leben selbst mit Leben füllen müssen. Und nicht darauf hoffen, dass es wieder so wird wie vorher.


  Re: Erziehungsstreit
no avatar
   littlemeamy
Status:
schrieb am 21.07.2021 16:05
... nur ganz kurz, da ich schon auf dem Sprung bin:

Du bist auch jetzt nicht alleine. Du bist immer noch Vater und trägst Verantwortung und Sorge für deine Tochter. Mach was draus!


  Re: Erziehungsstreit
avatar    Juna30
Status:
schrieb am 22.07.2021 06:41
Zitat
littlemeamy
... nur ganz kurz, da ich schon auf dem Sprung bin:

Du bist auch jetzt nicht alleine. Du bist immer noch Vater und trägst Verantwortung und Sorge für deine Tochter. Mach was draus!

Dem schließe ich mich an.
Wenn die Entscheidung deiner Frau nicht rückgängig zu machen ist, nutz die Chance nicht nur für doch und reisen. Nutze sie, um deiner Tochter der Vater zu werden, der du sein möchtest. Zumindest die negativen Einflüsse durch deine Frau entfallen nun bei der Vater-Tochter-Zeit.
Biete ihr Halt und Geborgenheit auch im Alltag, nicht nur Freizeitspaß am WE.


  Re: Erziehungsstreit
no avatar
   pmami
schrieb am 23.07.2021 10:54
Weißt Du, so ein wenig kann ich das alles nicht nachvollziehen.

Zuerst stellst Du es so dar, als ob DU auf deinen Koffern sitzt, weil für DICH die Ehe zu Ende ist und DU Deine Familie verlassen willst und zwar ohne vorher darüber mit Deiner Frau zu sprechen.

Drei Tage später ist es plötzlich Deine Frau, die Dich rausschmeißt und nicht mehr gesprächsbereit ist.

Mir kommt das so vor, als ob Du in einer Opferrolle gefangen bist. Egal, was passiert, es sind immer die anderen Schuld und Dir wird unrecht getan. Das mag kurzfristig zu einer inneren Genugtuung führen, langfristig wirst Du allerdings mit dieser Strategie krachend scheitern.

Mir ist völlig unklar, weshalb Du ans Reisen denkst. Dein Platz ist jetzt bei Deiner Tochter und im Gespräch mit Deiner Frau, um ein tragfähiges Modell zu entwickeln, wie Ihr weiterhin gemeinsam Eltern für Eure Tochter sein könnt. Und allen Groll darüber, dass Mutter und Tochter sich gut verstehen solltest Du dabei ganz weit hinter Dir lassen und Dich statt dessen freuen, dass Deine Tochter eine stabile und liebevolle Bindung zu ihrer Mutter hat.

Es gibt Angebote für Eltern, um über das Umgangsrecht konstruktiv und mit Begleitung durch Dritte ins Gespräch zu kommen. Nutzt diese Angebote.

Viele Grüße pmami


  Re: Erziehungsstreit
avatar    Alice Cullen
Status:
schrieb am 25.07.2021 16:37
Danke @pmami, du hast es sehr gut getroffen.

@Bert Ich kann dem nur anschließen und bitte dich darum dein Fokus nicht auf dich zu richten sondern auf konstruktive Gespräche um es eurer Tochter zu ermöglichen beide Elternteile weiterhin aktiv im Leben zu haben.

Mein Ex Mann ist seit 4 Jahren in dieser Opferrolle und hat eine neue Ehefrau die ihn darin aufgehen lässt und zudem ihn instrumentalisiert glaub mir das ist nicht gut!

Jedes Landratsamt hat eine psychologische Beratungsstelle die gemeinsam mit den Eltern ein Konzept erarbeitet. Allerdings funktioniert dies nur wenn keiner in einer Opferrolle steckt.


1 mal bearbeitet. Zuletzt am 25.07.21 16:38 von Alice Cullen.




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