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  Zerbreche ich? Physische und psychische Gewalterfahrungen.
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  Ichbindochnurich
schrieb am 01.02.2019 23:10
Therapeutisches Schreiben.

Ich habe viel erreicht, fast alles, das ich mir erträumt hatte. Ein liebevoller Mann, 3 Kinder (1-7 Jahre), Haus, einen tollen Beruf, finanzielle Absicherung.

Meine ganze Kindheit und Jugend hindurch habe ich mir das gewünscht und mit Abitur und Studium darauf hin gearbeitet. Auch als es nach dem Studium mit dem Kinderwunsch nicht so klappte, haben wir das Problem in die Hand genommen, viel gelesen, viel getan, noch mehr bezahlt und mussten uns auch hier nicht dem Schicksal fügen.
Wenn man sich anstrengt kann man alles erreichen, dachte ich.

Und nun fühle ich mich fremd in meinem Leben. Die Menschen, die uns umgeben scheinen mir immer etwas voraus zu haben (familiäre Unterstützung, Ressourcen aus einer guten Kindheit, Unbeschwerthei). Ich kämpfe und kämpfe und kämpfe, wie ich es seit meiner Kindheit getan habe, um physischer und psychischer Gewalt zu entgehen, zu überleben, zu gesunden.
Wenn ich meine Ziele erreicht hätte, dachte ich, ich müsste nicht mehr kämpfen. Aber das ganze Leben ist ein Kampf. Dieses Leben, das ich so sehr wollte, verlangt mir alles ab. Kampf statt Glückseligkeit.
Den Alltag zu wuppen, eine gute Frau und Mutter zu sein, fällt mir so unendlich schwer. Ich möchte das und wünsche mir, dass meine Liebsten glücklich sind, weil sie großartig sind.

Während ich das schreibe merke ich, dass eigentlich etwas ganz anderes das Problem ist. Ich kämpfe mit mir selbst, mit meinen Dämonen, meiner Vergangenheit. Ich kämpfe gegen Erinnerungen und Gefühle, gegen Verhaltensmuster, gegen Unverständnis von außen auf meine Meinungen und mein Verhalten.

Ich hatte nie den Wunsch mir etwas anzutun. Auch jetzt nicht. Aber dass das Leben endlich ist, ist eine beruhigende Vorstellung. Irgendwann höre ich auf zu kämpfen.


  Re: Zerbreche ich? Physische und psychische Gewalterfahrungen.
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  mjuka
schrieb am 02.02.2019 11:24
Liebe ichbindochnurich,

es ist so unendlich schmerzhaft, alles gegeben zu haben und dann zu spüren, dass die eigenen Dämonen nicht besiegt sind!

Erst einmal kannst du total stolz auf dich sein. Du hast so derartig viel erreicht! Du führst jetzt das Leben, das DEINES ist, das du dir auch in deiner Kindheit gewünscht hast und das du jetzt deinen Kindern bietest. Das ist einfach eine unfassbare Leistung! Andere Menschen mit deinem Hintergrund scheitern, haben gebrochene Biografien... ich ziehe ernsthaft den Hut vor dir!

Vermutlich hast du mehr Schlimmes erlebt als ich. Ich hatte trotzdem mit vielem zu kämpfen und kann den Schmerz und die Anstrengung in deinen Worten sehr gut nachfühlen (ja, quasi "auf der Zunge spüren"). Auch die Gedanken an ein Ende der Plage durch das Lebensende als eine Art Verheißung kenne ich auch.

Ich habe mit therapeutischer Hilfe gelernt, mich anzunehmen wie ich bin. Es dauerte viele Jahre, aber die Meilensteine schreibe ich dir: Es ging darum, erst einmal den Schmerz in seinem Ausmaß wahrzunehmen (für WAHR zu nehmen, war eine echt schwere Angelegenheit). WIRKLICH zu wertschätzen, wer ich heute bin, war der nächste Schritt (auch auf dem Hintergrund, dass die schlimmen Erlebnisse mich geformt haben und meine Stärke sich auch aus dem Überleben selbiger speist). In einem letzten Schritt ging es darum, Flashbacks, also unwillkürlich aufsteigende Erinnerungen, als solche zu erkennen. Das dauerte auch. Aber ich bleibe inzwischen im Heute, bin mir gewiss, dass alles Schwere vorbei ist und ich mein Inneres als erwachsene, gestandene Frau jetzt schützen kann. Dieser Prozess zog sich über Jahre hin. Die rasende Wut zu überwinden, und das Gefühl der unfassbaren Ungerechtigkeit, warum ausgerechnet ich mit so viel Mist kämpfen muss, immer und immer weiter und immer wieder neu, so wie mit "Kai aus der Kiste" war ebenfalls lange... und manchmal überfällt sie mich noch, genau so wie Flashbacks und der ganze Mist inklusive Selbstabwertung . Aber dank vieler Strategien komme ich insgesamt gut klar und führe ein "befreites" Leben, das ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich schreibe extra nicht anonym. Wir sind viele, und jede von uns kämpft sich durch den Alltagsdjungel. Du bist nicht alleine, auch wenn sich das verdammt so anfühlt...

Ich wünsche dir den Mut, den ganzen Mist anzusehen. Es tut weh, macht kaputt, ist nicht schön. Aber du wirst auch sehen, dass du dir selber immer näher kommst und am Ende ist dein Leben wirklich DEIN Leben und bleibt es auch, wenn es dir mal nicht so gut geht.
Du bist so eine starke Frau! Du wirst es schaffen, dass du dir am Ende dieses beschissenen, schweren Weges "selbst" gehörst!!!!!

Alles erdenklich Liebe,
mjuka


  Re: Zerbreche ich? Physische und psychische Gewalterfahrungen.
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  Hamamelis71*
schrieb am 02.02.2019 11:45
Liebe TE,

ich möchte Dir noch mal ein paar andere Gedanken mit auf den Weg geben. Ich stolpere gerade über Deine Worte bzgl. Alltag wuppen, gute Frau und Mutter zu sein. Wie perfektionistisch bist Du? Kannst Du auch mal manche Sachen nicht so perfekt erledigen? Wie viel Zeit hast Du einfach nur für Dich? Wie viel Freizeitstress hast Du wegen Deiner Kinder am Nachmittag?

Mein Sohn geht nur noch einmal in der Woche am Nachmittag zum Schwimmkurs und das bringt mir soviel Ruhe in mein Leben und meinen Alltag. Wir haben in den Weihnachtsferien an manchen Tagen es uns einfach nur zu Hause gemütlich gemacht, ohne Verabredungen oder Aktivitäten.

Die meisten meiner Freundinnen und Bekannten in unserer Lebensphase empfinden ihr Leben und ihren Alltag extrem anstrengend und fordernd - auch ohne das Päckchen, das Du zu tragen hast. Wir sind alle froh, dass wir uns so offen darüber austauschen können. Nirgends ist es perfekt und das macht es manchmal leichter, wenn man sieht, dass auch andere Frauen ihren Alltag nicht so ohne Weiteres wuppen.

Mir ging es in den letzten Jahren gesundheitlich nicht so gut. Ich war fix und fertig. Mein Ferritinwert war extrem im Keller. Ich war überhaupt nicht mehr leistungsfähig und alles hat mich enorm angestrengt. Vitamin D substituiere ich sowieso aufgrund einer beginnenden Osteoporose.

Zusätzlich zu Deiner derzeitigen Lage solltest Du mal beim Arzt (notfalls als Selbstzahler) Ferritin und Vitamin D und ggfs. noch andere Werte checken lassen. Ein Mangel kann auch ganz schönen Leidensdruck schaffen.

Zweimal im Monat gehe ich zur Massage, einmal in der Woche gehe ich zum Sport und ansonsten bewege ich mich viel an der frischen Luft. Bis auf einmal in der Woche verbringen mein Sohn und ich hier sehr ruhige entspannte Nachmittage und ab und zu verabredet er sich mit Freunden. Diese Ruhe genießen wir beide sehr.

Deine Kinder sind noch sehr klein und fordern Dich sehr, das solltest Du auch bedenken. Hast du die Möglichkeit eine Haushaltshilfe zu organisieren, um dadurch im Haushalt Unterstützung zu bekommen? Um mehr Zeit für Dich zu bekommen. Könntest Du eine Gesprächstherapie starten?

Alles Gute!


  Re: Zerbreche ich? Physische und psychische Gewalterfahrungen.
avatar  Linnea13
schrieb am 04.02.2019 14:54
Liebe ichbindochnurich

Dein Beitrag berührt und beschäftigt mich, seit ich ihn vor ein paar Tagen gelesen habe und ich bin am Überlegen, wie ich dir antworten soll. Ich weiss es noch nicht, weiss nicht, wo ich anfangen soll, deshalb schreibe ich nun einfach drauf los. Ich gehe in Resonanz zu dem, was du geschrieben hast. Auch meine Kindheit und Jugend war von Gewalt geprägt, wie du habe ich gekämpft, über Jahre, Jahrzehnte, um heute da zu stehen, wo ich bin: Glücklich verheiratet, zwei wundervolle Kinder, ein Traumjob in meinem Wunschberuf, ein Haus. Von aussen also scheint alles perfekt. Alles erreicht. In mir drin sieht es anders aus. Wie du fühle ich mich bisweilen lebens-müde, also eben nicht im suizidalen Sinn, sondern im wortwörtlichen: Mein Leben, mein banaler, umspektakulärer Alltag kostet mich unglaublich viel Kraft.

Hast du deine Erfahrungen in therapeutischer Begleitung aufgearbeitet? Für mich war das ein immenser aber unabdingbarer Kraftakt. Über dieses Gefühl, noch immer im Kampfmodus festzustecken, habe ich mit meinem Therapeuten oft gesprochen. Ich habe für mich herausgefunden, dass das Kämpfen, dieser Kampfmodus für mich überlebenswichtig war, die Strategie war, die mich handlungsfähig gemacht und unglaubliche Energie frei gesetzt hat. Und obwohl dieser Modus dann bezogen auf die äusseren Bedingungen irgendwann nicht mehr nötig war, kämpfte ich weiter, weil es die einzige mir vertraute Art war, dem Leben zu begegnen. Mittlerweile gelingt es mir immer mal wieder, das Kämpfen zugunsten anderer Modi zurückzufahren. Ganz einfaches Alltagsbeispiel: Mittagessen kochen, meine Tochter (5) kommt bald hungrig vom Kindergarten, mein Sohn (2) möchte gefühlt alle 30 Sekunden etwas von mir. Ich bin gestresst, wimmle meinen Sohn ab, schaue ständig auf die Uhr, überlege, wann genau meine Tochter wohl kommt, ob das Essen dann bereit ist, ob das Mittagessen den beiden sowohl schmeckt als auch gesund ist - ich kämpfe! Wenn ich mir dessen gewahr werde, schaffe ich nun gelegentlich, aus dem Kampf auszusteigen: Ich schalte den Herd aus, damit nix anbrennt, lasse mich von meinem Sohn zu seiner Garage führen und lasse Autos die Rampe runtersausen. Wenn meine Tochter zur Tür reinkommt, decken wir gemeinsam den Tisch, ich koche zu Ende, während die beiden schonmal etwas Karrotten knabbern.

Ein anderer Aspekt, der mir sehr vertraut ist, ist dieser hier "Und nun fühle ich mich fremd in meinem Leben. Die Menschen, die uns umgeben scheinen mir immer etwas voraus zu haben (familiäre Unterstützung, Ressourcen aus einer guten Kindheit, Unbeschwerthei)." Dieses Fremdsein begleitet mich auch. Eigentlich ständig. Aber ich merke, wie sich das Gefühl verändert bzw. sich in seiner Intensität wandelt. Manchmal ist es ganz stark, tut richtig weh, macht mich einsam. In manchen Momenten ist es schwächer, dann fühle ich mich in Gesellschaft zwar immer noch wie ein Alien von einem anderen Stern, aber so, dass ich die Sprache der Erdbewohner um mich herum verstehe, kommunizieren kann, mich auf Gemeinsamkeit einlassen kann.

Seit einem halben Jahr habe ich beruflich intensiv mit zum Teil schwer kranken, behinderten, sterbenden Kindern mit teilweise auch sehr komplexen, schwierigen sozialen Umständen zu tun. Nun kommt mir zugute, dass ich weiss, was es heisst zu kämpfen, dass ich um Ränder, Schattenseiten und Abgründe des menschlichen Daseins weiss. Ich habe durch meine Geschichte gelernt, verschiedene und unterschiedlichste Aspekte einer Situation zusammenzudenken, zu verbinden, ich verschaffe mir einen Überblick, behalte die Fäden in der Hand und plane weitere Schritte. Ich kann viel aushalten, aber ohne abstumpfen zu müssen, weil ich Erfahrung mit Schmerz habe. Und weil mein eigenes Leben so lange Zeit völlig neben der Spur lief, wirft mich heute nix mehr so schnell aus der Bahn. Ohne meine Vergangenheit schönreden zu wollen oder in eine "in allem Schlechten steckt doch auch was Gutes drin"-Verblendung zu verfallen, versuche ich, diese meine Eigenschaften als Ressourcen zu sehen und zu würdigen.

Was für ein Roman, ich hoffe, du kannst damit was anfangen. Vielleicht magst du dich per PN ausführlicher austauschen? Wenn ja, dann bitte melden.

Von Herzen alles Gute!

Linnea




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