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Verbessert Samenflüssigkeit die Einnistung bei künstlicher Befruchtung?

Können Spülungen mit Seminalplasma die Einnistung bei einer In Vitro Fertilisation verbessern?

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Die In Vitro Fertilisation unterscheidet sich von der normalen Empfängnis in einem ganz wesentlichen Punkt: Es findet kein direkter Kontakt des weiblichen Genitaltrakts mit dem Ejakulat des Mannes statt, die Befruchtung geschieht außerhalb des Körpers. Welche Rolle hat die Samenflüssigkeit auf die Einnistung? Erhöht die Spülung mit Seminalplasma die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft?

Woraus besteht  eigentlich die Samenflüssigkeit?

Das Ejakulat besteht nicht nur aus Spermien, sondern darüber hinaus aus den Sekreten verschiedener Drüsen, wie Prostata und Samenbläschen. Hier finden Sie eine ausführliche Darstellung der Spermien- und Ejakulatproduktion. Die Samenflüssigkeit ermöglicht den Spermien durch seine Konsistenz und seinen pH-Wert das Überleben in der Scheide. Aber es hat offenbar auch andere Funktionen:

Das Seminalplasma als immunologische Unterstützung der Einnistung

Die Samenflüssigkeit enthält eine Vielfalt von Botenstoffen, z.B. TGF und Interleukin 8, die das Wachstum von Blutgefäßen fördern und Entzündungsreaktionen oder andere immunologische Reaktionen beeinflussen1)Nikolaeva MA, Babayan AA, Stepanova EO, Smolnikova VY, Kalinina EA, Fernández N, Krechetova LV, Vanko LV, Sukhikh GT
The relationship of seminal transforming growth factor-β1 and interleukin-18 with reproductive success in women exposed to seminal plasma during IVF/ICSI treatment.
J Reprod Immunol. 2016 Sep;117:45-51. doi: 10.1016/j.jri.2016.03.006. Epub 2016 Jul 5.
. Bestimmte natürliche Killerzellen werden in der Gebärmutter nur dann gefunden, wenn die Frau vor dem Eisprung Geschlechtsverkehr hatte2)Kimura H1, Fukui A, Fujii S, Yamaguchi E, Kasai G, Mizunuma H
Timed sexual intercourse facilitates the recruitment of uterine CD56(bright) natural killer cells in women with infertility.
Am J Reprod Immunol. 2009 Aug;62(2):118-24.
.  Auch in Zellversuchen konnte der Nachweis erbrecht werden, dass Samenflüssigkeit die Produktion von sogenannten Zytokinen, sehr aktiven Botenstoffen des Immunsystems, in den Zellen der Gebärmutterschleimhaut reguliert3)Gutsche S, von Wolff M, Strowitzki T, Thaler CJ
Seminal plasma induces mRNA expression of IL-1beta, IL-6 and LIF in endometrial epithelial cells in vitro.
Mol Hum Reprod. 2003 Dec;9(12):785-91.
. Diese begünstigen wiederum die Einnistung der Eizelle.

Spülung mit Samenflüssigkeit zur Förderung der Einnistung

Es ist in Anbetracht dieser Erkenntnisse nahe liegend, diese Wirkung auszunutzen, also die Samenflüssigkeit (Ohne Spermien, versteht sich) als „Medikament“ zu verwenden. 2008 berichtete die Universität Heidelberg über eine Studie, bei der im Rahmen der Eizellentnahme eine Spülung der Gebärmutter mit Samenflüssigkeit (Seminalplasma) erfolgt.

Und wie es dann immer so ist, wenn man eine Studie sauber durchführt (prospektiv, randomisiert, doppelblind, plazebokontrolliert), dann dauert es ein wenig, bis belastbare Ergebnisse publiziert werden können. 2013, also 5 Jahre später war es dann soweit4)von Wolff M, Rösner S, Germeyer A, Jauckus J, Griesinger G, Strowitzki T.
Intrauterine instillation of diluted seminal plasma at oocyte pick-up does not increase the IVF pregnancy rate: a double-blind, placebo controlled, randomized study.
Hum Reprod. 2013 Dec;28(12):3247-52. doi: 10.1093/humrep/det351. Epub 2013 Sep 17.
. Insgesamt 279 Patientinnen wurden in die Studie einbezogen. 138 Frauen erhielten eine Spülung mit verdünntem Seminalplasma (20% in Kochsalzlösung) des Ehemannes und 141 nur Kochsalzlösung ohne Ejakulatbestandteile.

Übersichtlicher Erfolg

In der Gruppe mit der Samenflüssigkeit wurden 37 von 138 (26,8%) Probandinnen schwanger (klinische Schwangerschaft) und in der Kontrollgruppe waren es 41 von 141 (29,1%). Die Studie wurde schließlich vorzeitig beendet, da ein wesentlicher Vorteil der Spülungen schon zu diesem Zeitpunkt nicht zu erwarten war. Diese Ergebnisse wurden in einer ähnlich durchgeführten Studie bestätigt, wenngleich mit wesentlich niedrigerer Fallzahl5)Mayer RB, Ebner T, Yaman C, Hartl J, Sir A, Krain V, Oppelt P, Shebl O
Influence of intracervical and intravaginal seminal plasma on the endometrium in assisted reproduction: a double-blind, placebo-controlled, randomized study.
Ultrasound Obstet Gynecol. 2015 Feb;45(2):132-8.
: 40 und 37 Frauen erhielten Spülungen mit Samenflüssigkeit oder Placebo. Auch hier fanden sich keine Unterschiede in den Erfolgsraten.

Es ist immer bedauerlich, wenn eine hervorragende Idee, die im Tier- und Zellversuch funktioniert, in der klinischen Anwendung beim Menschen die gehegten Erwartungen nicht erfüllt. Aber hier ist es auch so: Spülungen mit Samenflüssigkeit verbessern die Einnistung nicht.

Kann man daher aussschließen, dass Verkehr nach Transfer hilfreich sein könnte?

Natürlich nicht, da die Spülung mit Seminalplasma etwas anderes ist als Verkehr. Daher kann man diese Frage nur mit Hilfe von Studien beantworten, in denen die Probanden nach dem Embryotransfer Geschlechtsverkehr hatten oder eben nicht. Dazu morgen mehr.


Literatur   [ + ]

1. Nikolaeva MA, Babayan AA, Stepanova EO, Smolnikova VY, Kalinina EA, Fernández N, Krechetova LV, Vanko LV, Sukhikh GT
The relationship of seminal transforming growth factor-β1 and interleukin-18 with reproductive success in women exposed to seminal plasma during IVF/ICSI treatment.
J Reprod Immunol. 2016 Sep;117:45-51. doi: 10.1016/j.jri.2016.03.006. Epub 2016 Jul 5.
2. Kimura H1, Fukui A, Fujii S, Yamaguchi E, Kasai G, Mizunuma H
Timed sexual intercourse facilitates the recruitment of uterine CD56(bright) natural killer cells in women with infertility.
Am J Reprod Immunol. 2009 Aug;62(2):118-24.
3. Gutsche S, von Wolff M, Strowitzki T, Thaler CJ
Seminal plasma induces mRNA expression of IL-1beta, IL-6 and LIF in endometrial epithelial cells in vitro.
Mol Hum Reprod. 2003 Dec;9(12):785-91.
4. von Wolff M, Rösner S, Germeyer A, Jauckus J, Griesinger G, Strowitzki T.
Intrauterine instillation of diluted seminal plasma at oocyte pick-up does not increase the IVF pregnancy rate: a double-blind, placebo controlled, randomized study.
Hum Reprod. 2013 Dec;28(12):3247-52. doi: 10.1093/humrep/det351. Epub 2013 Sep 17.
5. Mayer RB, Ebner T, Yaman C, Hartl J, Sir A, Krain V, Oppelt P, Shebl O
Influence of intracervical and intravaginal seminal plasma on the endometrium in assisted reproduction: a double-blind, placebo-controlled, randomized study.
Ultrasound Obstet Gynecol. 2015 Feb;45(2):132-8.
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Kommentar

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13 Kommentare
  1. Tralala schreibt

    Lieber Dr. Breitbach,

    das ist sehr interessant. Die für mich interessante Frage: Sind diese einnistungsförderlichen Botenstoffe auch in der Samenflüssigkeit von Männern mit Azoospermie enthalten?

    Und zweite Frage: Da die wenigsten Praxen die Samenflüssigkeit des Partners in die Gebärmutter spritzen werden (jedenfalls jetzt noch nicht) – bedeutet das, dass man ab Punktion häufig Sex haben sollte?

    Danke und Gruß,
    Tralala

  2. reaba schreibt

    hallo tralala,

    aus eigenem erleben: wir haben 5 erfolglose transfere gemacht. bei den letzten kryos haben wir, nicht zuletzt wegen dieser studien, die besagte substanz besagt angewendet ;-); zuvor wurde das eigentlich immer von ärztlicher seite aus abgelehnt.
    zusammen mit noch anderen stimmigen faktoren kann das mit der bringer gewesen sein. mein mann hat OAT II-III…ein zufallstreffer (da war eine reife EZ) schließe ich wirklich eher aus…
    glaube es liegt wirklich an der zusammensetzung der trägersubstanzen für die spermien…vllt sogar verbunden mit einer immunologischen komponente?
    nix genaues weiß man nicht…aber die anwendung ist immerhin relativ angenehm..

  3. Thinka906 schreibt

    *nix genaues weiß man nicht…aber die anwendung ist immerhin relativ angenehm..* Normalerweise schon, aber da ich jemand bin, der zu Überstimu neigt, kommt die Anwendung in dem Fall meistens eher nicht in Frage, weil einfach zu schmerzhaft. Schade eigentlich, einen Versuch wär’s ja wert. Ich könnte natürlich meinem Mann auch zu Hause ein Becherchen hinstellen, aber ich befürchte, dass er dann auszieht *lol*

  4. raise schreibt

    Lieber doc,

    die Frage von tralala finde ihc auch sehr interessant, besonders weil man eben (noch) nicht davon ausgehen kann, dass das KiWuZentrum einem die Samenflüssigkeit spritzt.

    Würde mich freuen, dazu von Ihnen zu hören.

    Danke im Voraus,
    raise

  5. […] des Artikels zur Förderung der Einnistung durch Samenflüssigkeit bei einer künstlichen Befruchtung, wurde in den Kommentaren auch darüber diskutiert, ob […]

  6. Pusteblume11 schreibt

    Hallo,

    ich bekam bei meinem letzten Versuch das Seminalplasma. Ich wurde SS (die SS endete leider in der 9.Woche mit einer FG). Ob`s am Seminalplasma lag, warum ich SS wurde – keine Ahnung.

    Gruss, Pusteblume

  7. E. Breitbach schreibt

    @ Raise und Tralala,

    Ich habe einen Beitrag eingestellt, um diese Frage zu beantworten, übr Pusteblumes Kommentar, einfach mal auf die Überschrift klicken.

  8. atonne schreibt

    Hallo, Doc,

    damit ist aber nicht die Frage beantwortet, ob sich die entsprechenden Stoffe auch bei Azoospermie-Männern finden, insbesondere bei solchen, die keine Samenleiter haben, was meist mit nur wenig und vorallem anders zusammengesetzter Samenflüssigkeit verbunden ist.
    Ich würde auch gern Ihre Einschätzung dazu hören.

    Viele Grüße, Atonne

    P.S. Bei uns hatte Sex nach TF bisher keinerlei positive Auswirkungen… aber mein Mann hat auch keine Samenleiter.

  9. E. Breitbach schreibt

    Die Samenleiter verbinden lediglich den Hoden mit dem männlichen Genitaltrakt. Die Samenflüssigkeit stammt aus Prostata und Samenbläschen. Ich weiß, dass Sie den Theorie-teil kennen, schauen Sie aber nochmal, dort ist auch ein Bild dazu. Wenn hier also von Samenflüssigkeit die Rede ist, dann ist sind damit nicht die Spermien gemeint, sondern eben jene Sekrete aus Prostata und Samenbläschen.

  10. Tralala schreibt

    Lieber Doc,

    sorry, dass ich auch noch mal nachhake – mein Mann hat Azoospermie MIT Samenleitern. Verstehe ich Sie jetzt richtig, dass auch bei diesen Männern in der Trägerflüssigkeit die Stoffe drin sind, die die Einnistung fördern? Und trifft dies auch zu, wenn der Embryo, der sich einnisten soll, nicht von meinem Mann, sondern von einem Spender gezeugt wurde?

    Nochmals danke und viele Grüße,
    Tralal

  11. E. Breitbach schreibt

    Das ist ja noch nicht abschließend geklärt, aber auch im Ejakulat des azoospermen Mannes sollten diese Substanzen vorhanden sein und einen direkten Bezug zur Entstehungsgechichte des Embryos kann man vermutlich ausschließen

  12. […] Basierend auf diesen Überlegungen haben die Reproduktionsmediziner der Universität Heidelberg eine Studie durchgeführt, deren erste Ankündigung hier bereits vor vier Jahren publiziert wurde und deren vorläufige Ergebnisse ebenfalls zu Beginn dieses Jahres. […]

  13. […] des Artikels zur Förderung der Einnistung durch Samenflüssigkeit bei einer künstlichen Befruchtung, wurde in den Kommentaren auch darüber diskutiert, ob dann Sex […]