Donogene Insemination: Recht auf Nichtwissen oder Zwang zur Information?

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Theoretisch haben Kinder, die mit Hilfe einer heterologen Insemination (Spermienspende) gezeugt wurden, nach ihrem 18. Geburtstag das Recht, Näheres zur Person des Samenspenders zu erfahren. Ähnliche Reglungen bei anonymen Samenspenden gibt es in vielen Ländern Europas, so z. B. in Östereich (ab 14), Deutschland, den Niederlanden und seit 2005 auch Großbritannien (hier auch bei Eizellspenden).

Nun kann ein Kind diese Möglichkeit nur wahrnehmen, wenn es auch weiß, dass es neben seinem Vater auch noch einen biologischen Vater hat, durch dessen Samenspende es entstanden ist. Wird das Kind über seine Abstammung nicht informiert, laufen diese Gesetze ins Leere.

Bisher wurde es den Eltern des Kindes überlassen, ob eine Aufklärung erfolgt. In Großbritannien soll dies nun zwangsweise erfolgen, wie die Wiener Zeitung berichtet:

eine Gruppe britischer Abgeordneter hat Anfang August die Empfehlung abgegeben, künftig auf der Geburtsurkunde einen Vermerk zu haben, ob das Baby das tatsächliche Kind seiner Eltern ist, oder ob es Frucht einer Samensspende oder eines fremden Eis ist. Weder die Lords noch das Unterhaus scheinen den Eltern zu vertrauen, dass sie irgendwann zur Beichte schreiten – und ihrem Kind erzählen, dass es eine andere biologische Abstammung hat, als bisher angenommen.

Viele der betroffenen Eltern haben sich seitdem entschieden, daß jetzt, wo das Kind seinen Ursprung ausfindig machen könnte, sie ihrem Kind niemals von dem Umstand seines Entstehens erzählen werden. Ein Entschluss, den der britische Ausschuss nun umgehen möchte: Mit dem Vermerk könnten Eltern das – für die Abgeordneten fundamentale Recht auf Wissen der Herkunft – nicht länger verschweigen

Nun ist in diesem Artikel der Begriff „Beichte“ mehr als unglücklich gewählt, impliziert er jedoch die Auffassung, dass die Schwangerschaft auf unrechtmäßigem Wege erfolgte, was ja nicht der Fall ist.

Juristisch gibt es eine Vielzahl von Bedenken gegenüber dieser Initiative. So ist in den meisten Ländern die Preisgabe der Identität des Vaters durch eine alleinstehende Mutter nicht notwendig. Auch bei normal entstandenen Schwangerschaften innnerhalb einer Ehe gilt zwar juristisch der Ehemann immer als Erzeuger (sofern er dies nicht gerichtlich anfechtet), der Anteil von Kindern, die jedoch nicht vom Ehemann sind scheint beträchtlich, der Artikel der Wiener Zeitung schätzt, dass es bei einem Drittel aller Schwangerschaften so sei.

Die Wiener Juristin Maria Kletecka-Pulker sieht den britische Vorstoß auch als „bedenklich“ an. Denn: „es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen“, erläutert die Geschäftsführerin des Wiener Instituts für Ethik und Recht in der Medizin; von Juristen wird das aus dem Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention abgeleitet, dem Recht auf Privatleben – „das kann man dem Kind doch nicht nehmen.“ Davon abgesehen würde sich die Datenschutzproblematik genauso stellen, wie auch eine eventuelle spätere Diskriminierung des so gezeugten Kindes. „Der Mehrnutzen eines solchen Vermerks ist mir nicht klar“, meint Kletecka-Pulker.

Spontan halte ich diese erzwungene Aufklärung der Kinder auch nicht für angemessen oder in irgendeiner Weise hilfreich. Mich würde es jedoch sehr interessieren, wie das von Betroffenen gesehen wird. Ich werde auf diesen Artikel mal im HI-Forum aufmerksam machen und bin gespannt auf Ihre Einschätzung.
Und noch ein Ping an Konny

Via Wiener Zeitung


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Kommentar

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9 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    atonne schreibt

    Ich halte so einen Vermerk auch für sehr bedenklich, da er zu einer Stigmatisierung der Kinder und auch der Eltern führen kann, zumindest in gewissen Kreisen dieser Gesellschaft. Irgendwie erinnert mich das ganz stark an das Outing von Homosexuellen vor einigen Jahren, egal, ob diese das in der Öffentlichkeit breittreten wollten oder nicht.
    Wer sagt denn, dass das Kind unbedingt wissen will, wie es entstanden ist und wer sein Erzeuger ist? Ist ein Kind wirklich glücklicher, weil in der Geburtsurkunde (die ja ein öffentliches Dokument ist, das man ständig irgendwo vorweisen muss, z.B. bei Hochzeit, Arbeit im öffentlichen Dienst usw) ein Vermerk drin steht, dass das Kind nicht genetisch von seinen Eltern abstammt?
    Ich denke, das wird eher dazu führen, dass die zukünftigen Eltern ins Ausland reisen, da die Massnahmen durchführen werden und dann in GB verschweigen, wie das Kind entstanden ist, also ähnlich wie bei den verbotenen Massnahmen in D, wo man ebenfalls ins Ausland geht, wenn man auf diese Massnahmen angewiesen ist. Gewonnen hat dadurch keiner.

  2. Elmar Breitbach
    Tralala schreibt

    Obwohl ich persönlich meine Tochter aufklären möchte über ihre besondere Entstehungsgeschichte, halte ich auch gar nichts von solchem staatlichen Zwang.

    Wenn man als Eltern sein Kind – aus welchen Gründen auch immer – nicht aufklären kann oder will, so muss diese Entscheidung respektiert werden.

    Nur wer als Eltern wirklich kein Problem hat mir dieser Zeugungsart, kann seinem Kind auch ein positives Bild von seiner Entstehung vermitteln, und das ist unbedingt notwendig. Ein kalter staatlicher Akt kann da unendlich viel kaputt machen. Und Eltern, die sich aus Angst vor diesem staatlichen Akt zur Aufklärung gezwungen sehen, werden sicherlich auch Schwierigkeiten haben, ihr Kind angstfrei und selbstbewusst aufzuklären.

    Wir haben ein sehr unterstützendes Umfeld und leben in einer Großstadt – dies erleichtert die Aufklärung sehr. Doch gibt es sicherlich HI-Kinder, die in einer weniger offenen und unvoreingenommenen Umgebung aufwachsen, und diesen Kinder würde der Staat durch eine Zwangsaufklärung sicherlich nicht wirklich helfen, zumal die Kinder mit ihrer Geburtsurkunde erst relativ spät im Leben in Kontakt kommen, meist erst als Erwachsene. Sie würden dann in eine tiefe Identitätskrise gestoßen. Fachleute hingegen empfehlen eine sehr frühe Aufklärung der Kinder.

    Allerdings weiß ich von einigen erwachsenen HI-Kindern, die erst spät von ihrer Zeugung erfahren haben, dass sie eine solche Regelung unbedingt unterstützen würden, weil sie sich durch nicht-auflärende Eltern um ein Grundrecht betrogen sehen.

  3. Elmar Breitbach
    Silke schreibt

    ….und bald wird an jedem neugeborenen Kind automatisch ein Vaterschaftstest durchgeführt…

    Besonders Sorgen macht mir dabei eine evtl. Kennzeichnung von Samenspenderkindern auf der Geburtsurkunde. Die Kirche steht dem doch auch nicht gerade aufgschlossen gegenüber. Da würde ein Vermerk den Kindern viele Steine in den Weg gelegt werden, sei es bei einer Taufe oder einem Kindergartenplatz.

    Mit einem solchen Gesetz würden die potentiellen Eltern für nicht mündig erklärt.

  4. Elmar Breitbach
    silvia26 schreibt

    Wir wollen, wenn wir mit der HI mal erfolg haben, unser Kind auch aufklären, aber das finde ich nicht in Ordnung. Vorallem was ist denn mit adoptierten Kinder oder Kuckuckskinder? Ich denke mal man sollte den Eltern die Entscheidung überlassen was sie für richtig halten und ihnen nicht vorschreiben was sie zu machen haben. Es wäre vermutlich einfacher wenn die Gesellschaft anders auf Kinder die mit Spendersamen gezeugt wurden reagieren, dann gäb es vermutlich auch mehr Eltern die aufklären, vielleicht, reine Spekulatioin. Was ist denn wenn die Eltern das umgehen? Werden sie dann bestraft*?* Also manchmal denke ich einige Leute haben zu viel Langeweile. Finde auch das dem Kind dadurch das es auf der Geburtsurkunde eingetragen wird zuviele Steine in den Weg gelegt werden.

  5. Elmar Breitbach
    Konny schreibt

    Danke für den Ping 🙂

    Sehr spannender Artikel. Ich bin ja ein Verfechter der Aufklärung, finde aber, dass muss jedes Paar für sich selbst entscheiden. Ich habe z.B. ein türkisches Paar kennengelernt, dass HI macht, da darf es aus religiösen Gesichtspunkten keiner in der Verwandschaft erfahren. Solche Paare würden wahrscheinlich das Risiko nicht eingehen, dass die HI in der Familie bekannt wird und auf Kinder verzichten.

    Ich finde ein staatliches Handlen an dieser Stelle völlig unnötig. Man hat oft das Gefühl, dass eine HI von allen Seiten immer noch als etwas "unnormales" angesehen wird. Wenn sich eine Frau von einem anderen Mann ein Kind machen lässt, ohne dass es jemand weiß, dann wird das niemand in Frage stellen und niemand wird sich einmischen. Warum mischt sich der Staat hier also in die Privatsphäre der Paare derart ein? Wir werden doch noch nicht mal mit Steuergeldern unterstützt? Das kann auch nicht mehr im Interesse des Kindes sein, was doch das eigentliche Ziel dieser Aktion sein sollte. Oder etwa nicht?

    LG
    Konny

  6. Elmar Breitbach
    dakini schreibt

    es wurde schon viel gutes gesagt.
    wir haben 2 hi-kinder und werden aufklären.
    ich freue mich das immer mehr eltern pro aufklärung sind, da dies meiner meinung nach das gesündeste für die familie ist.

    dennoch ist eine entscheidung für oder gegen aufklärung eine private entscheidung der eltern. niemand hat das recht sich in diese entscheidung einzumischen!
    wie tralala schon sagte, wer sich durch den staat gezwungen sieht sein kind aufklären zu müssen, wird dies nicht selbstbewusst und locker tun können.

    sicher würde eine solche regelung väter, die die entstehungsgeschichte ihrer kinder lieber für sich behalten möchten, in eine krise stürzen. bestimmt wären viel weniger paare bereit eine heterologe insemination überhaupt in betracht zu ziehen.

  7. Elmar Breitbach
    Käsekückchen schreibt

    Das ist doch mal wieder eine wunderbare Möglichkeit der Schickanierung von HI-Eltern oder solchen die es werden wollen. Die Brandmarkung unfruchtbarer Männer die ihr ganzes Leben mit dem Stempel des Kindes in der Geburtsurkunde leben müssen nach dem Motto: Du darfst zwar alles in Dein Kind investieren aber eigentlich ist es ja nicht Dein Kind weil Du ja Deine Gene nicht weitergeben konntest. Die alte Reduziereung der Vaterschaft auf genetische Aspekte katapultiert uns dann ins Mittelalter zurück. ‚Blut ist dicker als Wasser‘, die Zeugung von Stammhaltern zur Sicherung von Monarchien und solche Auswüchse wie Lebensborn zeigen geschichtlich die Dominanz genetischer ‚Werte‘. Und weil es so schön einfach ist, wird diese Dummheit immer weitergesponnen.

    Der Schutz der Eltern, insbesondere der Väter, scheint keinen Stellenwert zu haben. Alle anderen Aspekte die mir dazu einfallen wurden ja schon genannt.

    Lg Käsekückchen

  8. Elmar Breitbach
    Suse schreibt

    in D ist es rechtlich doch so – es gibt ne Geburtsurkunde, aber es gibt auch ne Abstammungsurkunde. in der sollten (theoretisch) die biologischen eltern stehen. zwar ist das bei der Mutter schon mal problematisch, denn die Frau, die das Kind geboren hat, ist rechtlich die Mutter. Da eizellspende nicht gestattet ist, ist das aber (theoretisch) kein problem.
    Keine Ahnung, wie das mit dem Vater gehandhabt wird, aber der Sinn einer Abstammungsurkunde ist ja, daß nah miteinander Verwandte nicht heiraten….
    mir erzählte eine Standesbeamte, daß sie beim aufgebot von Brautleuten schon mal welche in Kentnis setzen mußte, daß einer von ihnen ein Ado-Kind ist…. sie sagte, sie hatte verdammt weiche Knie dabei….

    Über den Sinn oder Unsinn dieser Regelung könnte man natürlich diskutieren. Fakt ist, daß sich eigentlich strafbar macht, wer dafür sorgt, daß die Unwahrheit auf einer urkunde steht.
    sollte man auch bedenken.

  9. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich lehne eine solche Regelung, nach der die HI auf der Geburtsurkunde eingetragen werden soll, auch ganz klar ab!

    Zwar hat es sich in der Tat als günstig für das Kind erwiesen, bereits vor dem Teenageralter über die HI aufgeklärt zu werden, aber staatlicher Zwang ist da der falsche Weg! Viel eher würde ich eine Initiative zur Entstigmatisierung der HI und zur umfassenden Information der Eltern über das Thema "Sollen wir es dem Kind sagen?" begrüßen. Damit könnte man erreichen, dass die Eltern sich besser informiert entscheiden können, welchen Weg sie gehen. Sollten sie dennoch schweigen wollen, ist es ihre Entscheidung!

    Bedenklich finde ich es auch, dass völlig fremde Personen, die das gar nichts angeht, als Erste über den Umstand der HI informiert werden würden. So zum Beispiel Mitarbeiter beim Finanzamt, bei der Bank und wo auch immer man eine Geburtsurkunde einreichen muss! Die geht das ja nun wirklich nichts an. Im ungünstigsten Fall ist der Sachbearbeiter bei der Bank mit der Familie bekannt (oder auch nur über ein paar Ecken) und hält – trotz des Dienstgeheimnisses – nicht dicht. Resultat könnte die von uns Eltern gefürchtete Situation sein, dass das Kind, bevor es von den Eltern aufgeklärt wird, von einer dritten Person über die Art seiner Entstehung erfährt.