Schilddrüsenantikörper in der Schwangerschaft: Muss man L-Thyroxin geben?

Offenbar wird die Wirkung von L-Thyroxin in der Schwangerschaft überschätzt


Schilddrüse und Schwangerschaft: Sind Antikörper gegen die Schilddrüse vorhanden, senkt eine Behandlung mit L-Thyroxin das Risiko für Fehl- und Frühgeburt nicht.

Es steht außer Frage, dass eine gute Funktion der Schilddrüse und eine ausreichende Versorgung mit dem Schilddrüsenhormon besonders wichtig für Frauen mit Kinderwunsch ist. Beim Schwangerwerden und auch im Verlauf der Schwangerschaft spielt das Thyroxin eine bedeutsame Rolle.

Nun gibt es auch Menschen, deren Immunsystem die Schilddrüse angreift (TPO-Antikörper). Nicht immer kommt es dabei auch gleich zu einer Unterfunktion des Organs. Bei sehr vielen Betroffenen funktioniert die Schilddrüse trotz der Antkörper einwandfrei.

Im Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung hatten wir unlängst eine Studie vorgestellt, die sich mit der Auswirkung der Schilddrüsenantikörper auf den Erfolg einer solchen IVF oder ICSI beschäftigt. Eine Übersichtsarbeit1)Poppe, K., Autin, C., Veltri, F., Kleynen, P., Grabczan, L., Rozenberg, S., & Ameye, L. (2018). Thyroid autoimmunity and intracytoplasmic sperm injection outcome: a systematic review and meta-analysis. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism103(5), 1755-1766. fand hier weder einen Einfluss der Antikörper auf die Schwangerschaftsraten noch auf die Zahl der Fehlgeburten.

Kontrollierte Studie bestätigt dies

Natürlich sind sich alle Experten einig, dass man Frauen mit Kinderwunsch oder bereits Schwangere mit L-Thyroxin behandeln sollte, wenn sie eine Unterfunktion der Schilddrüse aufweisen. Was man jedoch tun sollte, wenn zwar TPO-Antikörper vorhanden sind, die Funktion der Schilddrüse jedoch davon unbeeinträchtigt ist, bleibt weiterhin umstritten.

Eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie stellt nun eine aktuelle Studie2)Dhillon-Smith, R. K., Middleton, L. J., Sunner, K. K., Cheed, V., Baker, K., Farrell-Carver, S., … & Ghobara, T. (2019). Levothyroxine in women with thyroid peroxidase antibodies before conception. New England Journal of Medicine380(14), 1316-1325. vor, die diesen Sachverhalt mit einer kontrollierten Studie untersuchte. Kontrolliert bedeutet dabei, dass ein Teil der Probandinnnen Placebo bekamen („Kontrollgruppe“) und ein anderer Teil L-Thyroxin (50 µg) erhielt („Verumgruppe“).

952 Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch oder vorausgegangener Fehlgeburt wurden dabei untersucht. Forscher unter der Leitung von Dr. Rima Dhillon-Smithob gingen der Frage nach, ob die Gabe von Levothyroxin bei Frauen mit normalen Schilddrüsenhormonen (TSH < 4 mU/l) und TPO-Antikörpern die Lebendgeburtenrate erhöht.

Die Ergebnisse in beiden Gruppen („Verum“ und „Kontrolle“) waren vergleichbar. 266 der 470 Frauen (56,6 Prozent), die Levothyroxin erhielten, und 274 von 470 Frauen (58,3 Prozent), die ein Plazebo erhielten, wurden schwanger. 76 Teilnehmerinnen der Levothyroxingruppe (37,4 Prozent) und 178 der Plazebogruppe (37,9 Prozent) brachten ein lebendes Kind zur Welt. Professor Führer3)Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel/Zentrallabor – Forschung und Lehre am Universitätsklinikum Essen. fasst zusammen:

„Die Qualität der Studie ist hoch und die Ergebnisse deshalb relevant: Levothyroxin erhöht nicht den Schwangerschaftserfolg für Frauen mit normaler Schilddrüsenfunktion und TPO-Antikörper.“ Die ergänzende Gabe von Levothyroxin sei hier deshalb nicht evidenzgesichert (= die Wirkung ist nicht bewiesen).

Auf zwei weitere wichtige Aspekte weist Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der DGE und Leiter der Endokrinologie der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hin: „Bei den schwangeren Patientinnen könnten durch eine medizinisch nicht notwendige Verordnung von Schilddrüsenhormonen eventuell Ängste entstehen. Zudem wird das Gesundheitssystem unnötig belastet.“ Für die DGE-Experten sind die Ergebnisse der NEJM-Studie so überzeugend, dass sie hoffen, dass sie in nationale und internationale Leitlinien Eingang finden und in der Praxis diese neuen Erkenntnisse auch konsequent umgesetzt werden.

In Anbetracht des Leidensdrucks bei unerfülltem Kinderwunsch oder gar bei wiederholten Fehlgeburten ist die Umsetzung sicherlich nicht ganz so einfach, wie Prof. Weber dies sich wünscht. Gerade bei den eher gering ausgeprägten Nebenwirkungen des L-Thyroxin wird vermutlich die Gabe in solchen Fällen oft erfolgen. Auch wenn der Nutzen nicht mehr umstritten, sondern offenbar nachweislich nicht vorhanden ist.


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Literatur   [ + ]

1. Poppe, K., Autin, C., Veltri, F., Kleynen, P., Grabczan, L., Rozenberg, S., & Ameye, L. (2018). Thyroid autoimmunity and intracytoplasmic sperm injection outcome: a systematic review and meta-analysis. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism103(5), 1755-1766.
2. Dhillon-Smith, R. K., Middleton, L. J., Sunner, K. K., Cheed, V., Baker, K., Farrell-Carver, S., … & Ghobara, T. (2019). Levothyroxine in women with thyroid peroxidase antibodies before conception. New England Journal of Medicine380(14), 1316-1325.
3. Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel/Zentrallabor – Forschung und Lehre am Universitätsklinikum Essen.
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