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Schilddrüse und Kinderwunsch: Nochmal ganz grundlegend

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Wenn man im Forum so herumliest, dann kann man den Eindruck bekommen, dass aktuell für den Misserfolg von Kinderwunschbehandlungen fast ausschließlich Störungen der Schilddrüse verantwortlich gemacht werden. Das ist sicherlich ein großer Fortschritt gegenüber der Situation vor einigen Jahren, wo der weibliche Psyche diese Rolle zugewiesen wurde. Eine Übersicht zum Thema Schilddrüse und Kinderwunsch soll dieser Artikel geben.

Ein erheblicher Fortschritt ist es deswegen, weil Schilddrüsenstörungen tatsächlich das Schwangerwerden, – bleiben und die Gesundheit der Kinder beeinträchtigen können. Richtig ist auch, dass die Grenzziehung zwischen Pathologie („krank“) und Euthyreose („schilddrüsengesund“ bzw. richtig eingestellt) lange umstritten war und immer noch ist. Diese Verunsicherung ist in Einzelfällen immer noch vorhanden. Aber nicht generell. Auch wenn im Forum gelegentlich ein anderer Eindruck vermittelt wird: in 98% der Fälle ist die zu empfehlende Vorgehensweise glasklar und nicht wirklich jede Forumsbesucherin sollte sich automatisch den schwierigen 2% zuordnen.

Denn das Übersehen einer Erkrankung oder die unzureichende Therapie einer solchen ist selbstverständlich unbedingt zu vermeiden. Fast ebenso wichtig ist es jedoch, Verunsicherungen zu vermeiden, die durch die thyreozentrische Sichtweise der Dinge entstehen oder eine zu dogmatische Interpretation. Kurz: Gesunde Leute krank zu reden hilft niemandem.

Ich habe gelesen…

Eine typische Eröffnung eines Gesprächs durch den Patienten in den heutigen Tagen. Ich bin der Letzte, der etwas dagegen hat, wenn Patientinnen sich im Internet informieren und befürworte auch, den zuständigen Arzt mit diesen Erkenntnissen zu konfrontieren. Nicht zuletzt, um Verunsicherungen zu beseitigen.

Schilddrüse und Kinderwunsch. Ein Puzzle.

… dass der TSH-Wert unter 1,0 mU/l liegen muss bei Kinderwunsch

Diese Aussage ist in ihrer Undifferenziertheit natürlich falsch.

Nur nochmal kurz: Wie wird eigentlich die Schilddrüse gesteuert? TSH wird von der Hypophyse ausgeschüttet und regt die Schilddrüse an, Hormone zu bilden (gibt’s als T3 und T4, ist in diesem Zusammenhang aber egal) Die Messung des freien – nicht an Transportglobuline gebundenen – Schilddrüsenhormons ist wichtig. Also genauer fT3 und fT4. Im Forum auch gerne „freie Werte genannt“.

Produziert die Schilddrüse zu wenig Thyroxin, dann wird diese Unterversorgung an die Hypophyse gemeldet (direktes Feedback). Und diese reagiert darauf, indem sie versucht, die Schilddrüse stärker anzuregen. Sie schüttet also mehr TSH aus.

Wie hoch darf der TSH-Wert denn sein?

Sehr ausführlich habe ich schon vor einigen Jahren etwas dazu geschrieben. Es kommt darauf an. Viele Hausärzte sind immer noch der Meinung, dass der TSH-Wert nur < 4,5 sein muss und dann ist alles in Ordnung. Das ist es nicht. Eine anerkannte Grenze sind inzwischen 2,5 mU/l. Wird dieser Wert überschritten, sollte eine weitere Abklärung der Schilddrüsenfunktion erfolgen und die Entscheidung für eine Behandlung mit L-Thyroxin großzügig erfolgen.

Sonderfall Autoimmunerkrankung der Schilddrüse

Es gibt zwar auch noch andere Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, aber die häufigste ist die „Hashimoto-Thyreoditis“, bei der die Schilddrüse durch das Immunsystem angegriffen wird. Die Folge ist üblicherweise eine (latente) Unterfunktion des Organs. Die entsprechenden Antikörper sind nicht immer, aber meistens nachweisbar.

Im Falle einer solchen Erkrankung sollte man die Einstellung sehr viel strenger vornehmen. Die den Angriffen des Immunsystems ausgesetzte Schilddrüse ist oft nicht in der Lage, ausreichend Hormone zu produzieren. Insbesondere Belastungsspitzen wie sie bei hormoneller Stimulation oder Schwangerschaft entstehen, können eine Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen nach sich ziehen. Deswegen ist es sinnvoll, sich im Vorfeld solcher Belastungsspitzen etwas „Luft nach oben“ zu verschaffen. Und genau deswegen ist es notwendig, bei einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (und nur dann), den TSH-Wert streng einzustellen, also möglichst < 1,0 mU/l. In diesen Fällen sollte man auch (unabhängig vom TSH-Wert) anstreben, das fT3 und fT4 in das obere Drittel der entsprechenden Normwerte zu erhöhen.

Was muss man denn untersuchen?

Schilddrüse und Kinderwunsch Schilddrüsensonographie
Untersuchung der Schilddrüse

Wenn keine Schilddrüsenerkrankung vorliegt oder der Verdacht auf eine solche, dann reicht für das Screening bei Kinderwunsch die Bestimmung des TSH-Wertes und der Schilddrüsenantikörper. Sind die Antikörper nicht vorhanden (= keine „Hashimoto“) und der TSH < 2,5 mU/l, dann sind weitere Untersuchungen nicht notwendig. Ist der Wert > 2,5 mU/l und/oder sind Schilddrüsenantikörper vorhanden, dann sollte man weitergehende Diagnostik veranlassen (Bestimmung der „freien Werte“ und Schilddrüsen-Ultraschall). Da es auch Schilddrüsenantikörper-negative Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse gibt, ist in solchen Fällen im Zweifel auch eine Absenkung des TSH auf 1,0 anzustreben, wobei dies bei unauffälligem Ultraschall auch umstritten und möglicherweise überzogen ist.

Soll ich die Schilddrüsenwerte auch während der Stimulation untersuchen?

Nur, wenn Sie wirklich gute Nerven haben. Es muss klar sein, dass der TSH-Wert unter der Gabe von Hormonen zur Stimulation der Eierstöcke ansteigt und die Schilddrüsenhormone sinken. Wenn man dann weiterhin meint, nur mit einem TSH < 1,0 mU/l kann man schwanger werden, sollte solche Untersuchungen nicht veranlassen.

Die Frage ist auch, was es bringt. Bei guter Einstellung der Werte vor Beginn der Behandlung: Nichts. Das ist ja genau der Grund, weshalb man es mit der Einstellung von Schilddrüsenerkrankungen bei Frauen mit Kinderwunsch so genau nimmt. Der sehr niedrige TSH-Wert ist nämlich für das gesunde Meistern des Alltags nicht notwendig. Da kann der TSH-Wert ruhig etwas höher sein und es reicht auch (nach subjektiver Befindlichkeit natürlich), die freien Schilddrüsenhormone in der Mitte des Normbereichs zu halten

Wenn also die Einstellung bei einer Hashimoto gut ist, dann hat man auch die „Luft nach oben“, die notwendig ist, um die negativen Effekte einer Hormonbehandlung abzupuffern. Untersuchungen oder gar beständige Dosisanpassungen sind nicht notwendig. Wer so etwas zelebriert, wird eher von magischem Denken geleitet, nicht jedoch von wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Meine Schilddrüsenwerte sind prima. Aber die Antikörper?

Inwieweit bei einer Hashimoto die Antikörper selbst ein Problem darstellen über ihren Hinweis auf eine Schilddrüsenstörung, ist gegenwärtig unklar. Selen als zusätzliche Therapie ist hier etabliert. Während einer Kinderwunschbehandlung gibt es verschiedene Konzepte, deren Wirkung in kleinen Studien nachgewiesen werden konnten. Bewiesen ist hier jedoch nichts. Die empirische (= versuchsweise) Anwendung von Prednisolon und ASS (ggf. auch Heparin) ist jedoch in Anbetracht des geringen Nebenwirkungsspektrums durchaus zu rechtfertigen.

Aber was ist mit T4 -> T3 Umwandlungsstörungen?

Mit dieser Frage gehören Sie zu den eingangs erwähnten 2% und mit einigen anderen hier ausgelassenen Themen ebenfalls. „Grundlegend“ war eigentlich das Vorhaben. Dazu habe ich mich ohnehin schon zu sehr davontragen lassen. Außerdem ist in solchen Fällen weniger die Diagnose das Problem, sondern die Einstellung der Werte.


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Kommentar

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17 Kommentare
  1. Lavendel125 schreibt

    Danke für diesen Beitrag. Da bei mir auch Hashi diagnostiziert worden ist, bin ich wirklich dankbar für die ganzen Infos!

    Lg, Lavendel

  2. grueneGurke schreibt

    Leider spielt auch hier noch mehr mit, denn oftmals liegt auch ein Vit D Mangel vor oder eine Nebennierenschwaeche. (Lieder nehmen beides die Aerzte auf die leichte Schulter)

    Nicht immer sollte man sofort LT verschreiben, sondern auch den Koerper gesamt betrachten.

    Laut einigen Buechern kann man auch bewusst auf alles Glutenhaltige verzichten, denn Glutenunvertraeglichkeit kann sich auch auf die SD auswirken – als Hashi Autoimmunkrankheit. Der Koerper kann dann nicht mehr zwischen Gluten und SD unterscheiden (grob gesagt)
    << Glutenfrei, Milchfrei und zuckerfrei wird im Amiland mittlerweile auch bei laengerem Kinderwunsch und Behandlung empfohlen.

  3. Elmar Breitbach schreibt

    Nebennierenschwäche…

    Ich zitiere mal aus dem Netdoktor-Forum:

    Wenn man aber im Internet nach dem Begriff Nebennierenschwäche findet man nur zahlreiche naturkundlich orientierte Websites, die erklären mit einem ganzheitlichen Therapieansatz könne man etwas gegen das „Fatigue-Syndrom“ oder die „Nebennierenschwäche“ tun. Manche behaupten, diese „subklinische“ Erkrankung sei bei den meisten Medizinern nicht bekannt.

    Das ist genau das, was ich meine, liebe Gurke. Thyreozentrisches Weltbild. Panikmache. Unsinn. Basis für esoterische Therapien/Geldmacherei.

    Vit. D zu kontrollieren ist inzwischen übrigens in vielen Praxen Bestandteil der Basisdiagnostik.

  4. Gruenegurke schreibt

    Tja, den meisten Medizinern ist auch nicht bekannt, dass der TSH unter 2.5 liegen sollte…

    Warten wir ein paar Jahre und schauen dann zurück zu dieser Diskussion 😉

    Beim Vit D war es ja auch so, viele streiten jetzt noch ab, dass es in D kaum einen Mangel gibt.

  5. sita80 schreibt

    Vor 2,5 Jahren (!) habe ich die Pille abgesetzt. Die FÄ verschrieb mir a.g. eines hohen TSH Euthyrox. Meine Zyklusprobleme (1.Zyklushälfte viel zu lang, 2.ZH zu kurz) blieben. Bin dann zu einem Endokrinologen, der Hashimoto feststellte, aber keine Notwendigkeit zur weiteren Medikation sah. Antikörper wurden nicht (!) bestimmt!
    Nun 1 Jahr später: Endlich hat mich ein Endokrinologe (Privatarzt – ich habe die gesamte Behandlung selbst bezahlt)richtig eingestellt: mein Antikörper war über 400!
    Habe nun endlich mit einer höheren Dosis Euthyrox, hochdosiertem Selen, Vitamin D und DHEA einen geregelten Zyklus ohne Zysten und Beschwerden.
    Ärgerlich, dass sich nur wenige Ärzte mit der Thematik richtig auskennen und man sofort in KiWu-Praxen geschickt wird.

  6. Greta S schreibt

    wenn man hier von sooo vielen schlechten erfahrungen mit unwissenden ärzten liest… es bleibt doch jedem selbst überlassen, den jeweiligen arzt mit WISSEN zu überraschen 🙂 das man sich durchaus auch selber aneignen kann.

    und sollte ihn das wissen dann förmich erschlagen, wechselt man eben zu jemanden, der eh schon weiß 😉

  7. Kinderwunsch40 schreibt

    Hallo!

    Jetzt habe ich mal eine Frage.
    Meine Schilddrüse wurde im November 2011 komplett entfernt. Ich nehme l-Thyroxin 150mg. Worauf muss ich achten, wenn ich schwanger werden möchte? Sollte mein TSH-Wert auch max. 2,5 betragen?

    Danke vorab!
    LG
    Kinderwunsch40

  8. A.P. schreibt

    Das ist ja interessant!
    Hatten diesen Sommer unseren ersten ICSI-Versuch (schweres OAT bei meinem Mann-Ausgang leider negativ). Bei mir war laut (minimalster!!) Untersuchungen alles OK außer, dass der Arzt in der KIWU-Klinik meinte, meine Schilddrüsenwerte wären zwar ok, könnten aber für einen Kinderwunsch gerne etwas höher liegen. Sie waren bei 3,16 und er verschrieb mir Euthyrox 50.
    Bin jetzt sehr verunsichert, noch dazu war auch mein Gynäkologe über diese Weisung etwas verwirrt, er wollte sich aber nicht einmischen…

    was soll ich jetzt tun??

  9. Andrea schreibt

    Danke für den informativen Artikel. Leider gibt es trotzdem viel zu viel Halbwissen. Dank falschen Informationen im Internet meinen manche Patienten, sie könnten ihren Ärzten nicht vertrauen, wobei sich die allermeisten wirklich große Mühe geben. Also bitte mehr allgemeinverständliche und qualitativ hochwertige Informationen 🙂 Danke dafür!

  10. Seute Deern schreibt

    Gibt es zu der Aussage „Und genau deswegen ist es notwendig, bei einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (und nur dann), den TSH-Wert streng einzustellen, also möglichst < 1,0 mU/l. In diesen Fällen sollte man auch (unabhängig vom TSH-Wert) anstreben, das fT3 und fT4 in das obere Drittel der entsprechenden Normwerte zu erhöhen" eine klinische Studie, die ich meinem neuen Hausarzt auf den Tisch werfen könnte?

    13 Jahre Hashimoto Thyreoiditis, 2 Jahre Kinderwunsch ohne auch nur den Deut einer Schwangerschaft (Oligomenorrhoe/Amenorrhoe – regelmäßige 93-Tage Zyklen)… mein aktueller TSH liegt bei 1.63 und er findet ihn super, fT3/fT4 hat er nicht gemacht… er war jedoch äußerst willig, als ich sagte "Aber ich fühl mich nicht, ich hab gelesen TSH unter 1 bei Hashi wär gut und ich bin müde, abgeschlagen, nehm zu". Mit einer vernünftigen Quelle könnten er und ich sicherlich gemeinsam auf einen grünen Zweig kommen – was mein persönliches Wohlbefinden, meinen Kinderwunsch und seine vermutlich etwa vierzigjährige Erfahrung mit Patienten angeht.

  11. Elmar Breitbach schreibt

    Ja, aber griffbereit habe ich eine solche Studie nicht. Aber nicht übersehen: Wenn fT3 und fT4 bei IHrem TSH im oberen Drittel wären, dann würde mich das nicht stören.

  12. Seute Deern schreibt

    Leider diskutieren wir noch, ob fT3/4 sinnvoll sind. Er nimmt sie nicht automatisch mit und mit dem TSH bin ich doch gut eingestellt, daher sieht er keinen Grund.

  13. gruenegurke schreibt

    „Sind die Antikörper nicht vorhanden (= keine “Hashimoto”) und der TSH < 2,5 mU/l, dann sind weitere Untersuchungen nicht notwendig."

    < Bitte auch hier dennoch mal am Anfang ein Ultraschall machen lassen, denn es gibt Hashis, die grad nicht akut sind und keien Aks zeigen.

    @Doc: Wie ist nun ihre Erkenntnis betreffs NNRS und Vit D 😉

  14. Curliii schreibt

    Hallo,
    Habe auch wieder Kinderwunsch und bei mir wurde Hashimoto diagnostiziert.
    Jetzt hab ich einen Wert von 0,13. Kann man damit schwanger werden oder ist der zu niedrig? Weil es wird immer nur von einer Obergrenze geredet.
    Und danke für die weiteren tollen Infos 🙂

  15. […] Hashimoto-Thyreoiditis, einer Immunerkrankung der Schilddrüse, weshalb dieses Thema bereits vor der Schwangerschaft von Bedeutung ist. Während der Schwangerschaft entwickle sich daraus eine Schilddrüsenunterfunktion, so […]

  16. […] Den Einfluss der Schilddrüsenfunktion auf die Fruchtbarkeit ist bekannt und nicht zu unterschätzen. Eizellreifung, Embryonenqualität und Einnistung sind von ihr abhängig und wir hatten vor nicht allzu langer Zeit einen Artikel eingestellt, in dem ausführlich die Notwendigkeit der Schilddrüsendiagnostik und ggf. auch -therapie dargelegt wurde. […]

  17. […] TSH (Thyreoidea stimulating hormone) reguliert die Tätigkeit der Schilddrüse. Die Schilddrüsenfunktion ist bei Kinderwunsch von großer Bedeutung. Was sagt der TSH-Wert aus und wie hoch sollte der TSH bei Kinderwunsch […]