Stress und künstliche Befruchtung: Die Sache mit dem Entspannen…

Wie entspannt muss man sein, um schwanger zu werden?

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Wer schwanger werden möchte MUSS sich entspannen! Passen Stress und künstliche Befruchtung wirklich nicht zusammen? Doch, besser als befürchtet.

Der Tipp, man möge sich doch mal entspannen (gefälligst!!!) ist schnell zu Hand, wenn es um den Umgang mit unerfülltem Kinderwunsch geht. Es mag ja sein, dass ein gewisses Maß an Entspanntheit durchaus hilfreich ist, wenn man auf normalem Wege eine Schwangerschaft anstrebt. Nicht, weil es dann schneller klappt, aber weil es mehr Spaß macht.

Alle sagen einem, man müsse sich entspannen

Aber nicht nur auf zahlreichen Internetseiten findet sich der Ratschlag zum Entspannen, Loslassen und inneren Gleichgewicht, sondern auch zahlreiche Ärztinnen und Ärzte empfehlen es. Nicht zu vergessen, die vielen Berater/innen, die ihre Dienstleistungen anbieten. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Sicher ist es hilfreich – für sich und den Partner – während einer Kinderwunschbehandlung entspannt zu sein. Aber hängt der Erfolg der Therapie davon ab, wie so oft behauptet wird? Sind Stress und künstliche Befruchtung wirklich nicht vereinbar?

Wenn es alle sagen, dann muss es ja auch stimmen. Nun, man sagte irgendwann auch, dass sich die Sonne um die Erde dreht, was also sagt die Wissenschaft dazu?

Stress und künstliche Befruchtung: Was sagt die Wissenschaft?

Zunächst einmal die schlechte Nachricht: IVF ist Stress. Der Versuch, Stress bei einer IVF zu mindern, kann gelingen, aber die Vermeidung ist spätestens in der Wartezeit auf den Schwangerschaftstest nicht mehr möglich. Zu welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist man bei diesem Thema gekommen? Welchen Einfluss hat Stress auf den Ausgang einer IVF?

Eine sehr ausführliche Antwort dazu gab es ja bereits vor einigen Jahren1)Boivin J ,Griffiths E, Venetis CA
Emotional distress in infertile women and failure of assisted reproductive technologies: meta-analysis of prospective psychosocial studies.
BMJ 2011; 342:d223 doi: 10.1136/bmj.d223
, die hier bereits ausführlich erläutert wurden.

Dieses Jahr wurde erneut eine Übersicht zu Studien (Metaanalyse) veröffentlicht, die den Einfluss von Stress auf die Ergebnisse einer künstlichen Befruchtung untersuchten. Schön auch der Titel der Arbeit:“Just relax and you’ll get pregnant?2)Nicoloro-SantaBarbara J, Busso C, Moyer A, Lobel M
Just relax and you’ll get pregnant? Meta-analysis examining women’s emotional distress and the outcome of assisted reproductive technology.
Soc Sci Med. 2018 Sep;213:54-62.
, der zeigt, dass Entspannung auch im englischsprachigen Raum ein häufiges Thema ist.

Stresslevel vor und während der IVF

Die Wissenschaftler fanden insgesamt 20 prospektive Studien, in denen die Stressbelastung vor und während der Therapie erfasst wurde sowie der Einfluss dieser Parameter auf den Ausgang der Kinderwunschbehandlung. 20 Studien fanden Eingang in die Untersuchung mit den Daten von mehr als 4.300 Frauen. Ängste, depressive Verstimmungen und Stress vor und während der künstlichen Befruchtung hatte keinen wesentlichen Einfluss auf den Verlauf der Behandlung der das Ergebnis.

Kein Einfluss von Stress auf die Erfolgsraten

Die Autoren kommen nach Auswertung der vorliegenden Studien zum Schluss, dass Zweifel an dem Glauben berechtigt sind, Entspannung sei notwendig, um schwanger zu werden. Die Ergebnisse sind den Wissenschaftlern zufolge wichtig für die behandelten Frauen, nehmen sie ihnen doch die Befürchtung, durch mangelnde Entspannung selbst an einem negativen Ausgang einer Behandlung schuld zu sein.

Marci Lobel, leitende Autorin der Studie, weist darauf hin, dass die Unfähigkeit, einfach so schwanger zu werden, zu dem Gefühl führen kann, anders zu sein, defekt und nicht im Gleichklang mit ihrem sozialen Umfeld. Das wiederum führt oft zu Einsamkeit, Depression oder Ängstlichkeit. „Das Gefühl zu haben, dass dieser emotionale Stress Misserfolgen bei der Behandlung führt, verstärkt die Belastung zusätzlich„.

Und das ganz offenbar zu unrecht.


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Literatur   [ + ]

1. Boivin J ,Griffiths E, Venetis CA
Emotional distress in infertile women and failure of assisted reproductive technologies: meta-analysis of prospective psychosocial studies.
BMJ 2011; 342:d223 doi: 10.1136/bmj.d223
2. Nicoloro-SantaBarbara J, Busso C, Moyer A, Lobel M
Just relax and you’ll get pregnant? Meta-analysis examining women’s emotional distress and the outcome of assisted reproductive technology.
Soc Sci Med. 2018 Sep;213:54-62.
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Kommentar

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4 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Sarah schreibt

    Frauen werden in den schlimmsten Stresssituationen schwanger, im Krieg, auf der Flucht, in Flüchtlingslagern, durch Vergewaltigung, auf dem Strich, auf Heroin, in Ländern, in denen schlimmster Hunger herrscht.
    Und auch Frauen mit bereits zwei, drei Kindern – also ebenfalls einem erhöhten Stresslevel – werden schwanger. Dass man also entspannt sein muss, um schwanger zu werden ist Quatsch. Dafür braucht man keine wissenschaftliche Studie.

  2. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @ Sarah:
    Doch. Weil sonst Ihre ganzen – durchaus plausiblen – Beispiele nur Glauben wären und nicht Wissen. Und dann einfach jemand, der das genaue Gegenteil glaubt, genauso viel recht hätte. Zumindest aus seiner/ihrer Sicht. Und nun können Sie darauf verweisen, dass es Studien gibt.

    Das ist doch eigentlich sehr erfreulich. Wenngleich ich den Eindruck gewinnen muss, dass Sie hier nur diesen etwas genervten Kommentar loswerden wollten und dann nie wieder kommen, da Ihnen an einer Diskussion nicht gelegen ist. Was schade wäre.

  3. Elmar Breitbach
    Lilly schreibt

    Gut, dass es diese Studien gibt.
    Wie wurde denn aber in den Studien der Stress gemessen? Stress wird ja durchaus individuell unterschiedlich wahrgenommen.
    Wurden die Frauen retroperspektiv befragt?

  4. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Ja, mit standardisierten Fragebögen. Oft auch vor und während der Therapie