PID verbessert die Schwangerschaftsraten nicht


Die Präimplantationsdiagnostik hat offenbar nicht nur keinen positiven, sondern vermutlich sogar einen negativen Einfluss auf den Ausgang einer IVF-Behandlung hat, wie die Ergebnisse einer niederländischen Arbeitgruppe zeigen.

PID als vermeintlicher Schlüssel zum Erfolg

Vor allem die relativ schlechten Schwangerschaftsraten bei älteren Frauen sind darauf zurückzuführen, dass deren Eizellen genetisch nicht intakt sind und sich daraus dann ebenfalls genetisch auffällige Embryonen entwickeln. Meist handelt es sich dabei um eine veränderte Chromosomenzahl. Daher liegt es nahe, dass man die Chromosomen der Embryonen untersucht, bevor man sie in die Gebärmutter einpflanzt.

Dazu werden den Embryonen eine oder zwei Zellen im 8-Zell-Stadium entnommen und deren Chromosomen untersucht. Wenn man dann nur die genetisch intakte Embryonen transferiert, sollten die Schwangerschaftsraten vor allem der älteren Patientinnen daher deutlich verbessert werden können. So die Idee. Nur hat den Erfolg dieser Idee bisher niemand beweisen können.

PID verschlechtert die Schwangerschaftsraten

Niederländische Wissenschaftler konnten jedoch nun eindeutig belegen, dass diese plausible Idee in der Praxis so nicht zutrifft. Sie präsentierten ihre Ergebnisse im New England Journal of Medicine.

Es handelte sich dabei um eine von mehreren Zentren (multicenter) durchgeführte Studie, bei der insgesamt 408 Frauen behandelt wurden. Die Studie war kontrolliert, das bedeutet, die Embryonen von 202 Frauen wurden nicht genetisch untersucht und bei 206 Patientinnen wurde eine PID durchgeführt. Insgesamt wurden 836 IVF-Zyklen in die Untersuchung aufgenommen (PID: 434 Zyklen, ohne PID: 402 Zyklen). Außerdem wussten weder die Behandler noch die Patientinnen, ob nun eine PID durchgeführt wurde (doppelblind) und die Paare wurden per Zufall den Behandlungsgruppen zugeteilt (randomisiert). Es handelte sich also um eine Zahl von Patienten, die statistisch signifikante Ergebnisse erwarten lassen und das Studiendesign entspricht den strengen Richtlinien der evidence based medicine oder wie es auf schrecklichem Neudeutsch heißt: „Der evidenzbasierten Medizin“.

Die Frauen, welche in die Studie aufgenommen wurden waren zwischen 35 und 41 Jahren alt, also in der Altersgruppe, in der eine abnehmende Schwangerschaftsrate festgestellt werden kann und dies auf die Erbschäden im Embryo zurückgeführt wird.

In der Studie konnte bei 52 der 206 Frauen in der PID-Gruppe eine fortbestehende Schwangerschaft erzielt werden (25%) während diese Zahl für die Kontrollgruppe bei 37% lag. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant und die Autoren schließen daraus, dass die Präimplantationsdiagnostik die Erfolgsraten bei einer IVF-Behandlung Frauen höheren Alters nicht nur nicht verbessert, sondern sogar signifikant verschlechtert.

Einer der Autoren im Interview

In einem Interview im Deutschlandfunk äußerte sich einer der teilnehmenden Wissenschaftler zu der Studie: Sjoerd Repping:

Das Ergebnis war eindeutig. Anstatt einer verbesserten Schwangerschaftsquote und einer erhöhten Zahl gesund geborener Kinder, sank die Zahl der Schwangerschaften durch das Screening. Wir haben jetzt keinen Zweifel mehr: Durch den PGS-Test sinkt die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft um 30 Prozent.

Woran dies liegt, lässt sich gegenwärtig noch nicht abschließend klären:

Der Test untersucht nicht alle 23 Chromosomen, sondern aus technischen Gründen nur acht. Das ist eine mögliche Ursache für sein Versagen. Eine andere ist das Entnahmeverfahren. Bei der Entnahme einer Zelle könnte der Embryo geschädigt werden. Und es gibt noch einen plausiblen Grund: Es wird nur eine Zelle des Embryos untersucht. Er besteht aber aus mehreren Zellen. So könnte eine Zelle des Embryos normal sein, die anderen aber nicht, oder umgekehrt.

Es ist bekannt, dass viele Embryonen sogenannte chromosomale Mosaike aufweisen, sich also nicht in jeder Zelle der gleiche Chromosomensatz befindet, was eine bekannte Fehlerquelle der PID ist. Abschließend gibt Repping den Anbietern, die damit auch geschäftliche Interessen verfolgen, einen guten Rat:

Da unsere Ergebnisse so eindeutig sind, empfehle ich den Anbietern, die an diesem Verfahren festhalten wollen, eigene kontrollierte, randomisierte Studien durchzuführen. Vielleicht macht es ja in einigen speziellen Fällen Sinn? Solange das nicht gezeigt wurde, sollte PGS nicht routinemäßig angeboten werden.

Abschließende Erklärung: Warum wird das jetzt PGS und nicht PID genannt? PGS heißt Preimplantation-Genetic-Screening. Wie der Name schon sagt, wird der Embryo hier nur auf seinen Chromosomensatz hin gescreent. Nicht zu verwechseln mit der Prä-Implantations-Diagnostik. Sie untersucht bei einem konkreten genetischen Risiko den Embryo auf einzelne genetische Defekte. Das habe ich jetzt auch erst dazulernen müssen. Wobei ich PID eher als Oberbegriff nennen würde…

Update: Das Deutsche Ärzteblatt hat auch über diese bemerkenswerten Ergebnisse berichtet und sei hier kurz zitiert:

Was immer die Ursache sein mag, für viele Reproduktionsmediziner bedeuten die Ergebnisse, so sie denn beachtet werden, einen gewissen Verlust auf der Einnahmenseite. Nach Zahlen eines Konsortiums der ESHRE zum Präimplantationsscreening wurden im europäischen IVG-Register im Jahr 2003 mehr als 1.700 IVF-Zyklen nach Präimplantationsscreening durchgeführt. Die wirkliche Zahl könnte höher sein, da nur 50 Zentren ihre Zahlen meldeten. Nach einer jüngsten Umfrage in den USA, an der sich aber nur 45 Prozent der Zentren beteiligten, soll das Präimplantationsscreening dort im Jahr 2005 insgesamt 2.197 Mal durchgeführt worden sein.

Die Indikation dürfte nicht in allen Fällen das Alter der Frau gewesen sein. Das Präimplantationsscreening wird auch jüngeren Frauen nach mehrmaligen Fehlgeburten oder anderen Misserfolgen der IVF (oder ICSI) angeboten. Doch auch hier ist der Sinn der Diagnose durch die jetzigen Ergebnisse infrage gestellt, zumal – einmal mehr – eine Technik eingeführt wurde, ohne sie vorher in Studien ausreichend zu testen.

Wem dieser Artikel bekannt vorkommt: Dieser Artikel wurde bereits in unseren alten News veröffentlicht (8/07). Ich fand ihn aber wichtig genug, ihn in die aktuelle ausgabe de News zu übernehmen.

S. Mastenbroek, M. Twisk, J. van Echten-Arends, B. Sikkema-Raddatz, J. C. Korevaar, H. R. Verhoeve, N. E.A. Vogel, E. G.J.M. Arts, J. W.A. de Vries, P. M. Bossuyt, C. H.C.M. Buys, M. Jan Heineman, S. Repping, F. van der Veen
In Vitro Fertilization with Preimplantation Genetic Screening
New England Journal of Medicine. Volume 357:9-17


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Kommentar

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12 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Kira4711 schreibt

    Danke Dr. Breibach, ich hatte den Artikel damals nicht gelesen!

  2. Elmar Breitbach
    Ute schreibt

    Bis jetzt dachte ich, PID sei dazu da, Kinder mit Erbschäden zu vermeiden. Daß die Verbesserung der Schwangerschaftsrate ebenfalls ein primäres Ziel des Verfahrens war, wußte ich bisher gar nicht.

  3. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    @Ute: Wenn man diesem Artikel Glauben schenken kann (und nichts spricht gegenwärtig dagegen), dann wird sich das vermutlich auch als Hauptindikation herauskristallisieren. Und nicht die Verbesserung der Schwangerschaftsraten

  4. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    also ich würde es so sehen wollen:

    wenn man träger/in einer erbkrankheit ist, die zeitnah fatale folgen für das eigene kind haben wird, dann verkneift man sich wohl überwiegend die vermehrung.
    PID eröffnet für dieserart betroffene menschen die einzige chance auf genetisch eigenen nachwuchs ohne die anlage zu tödlichen erbkrankheit.
    wäre es also in deutschland nutzbar, dann könnte man schon von einer steigerung der schwangerschaftschance reden. denn die alternative ist ja wie gesagt für die meisten betroffenen mit dem wissen um die von ihnen vererbte krankheit, die zeugungsabstinenz.

  5. Elmar Breitbach
    Ute schreibt

    @Reaba: So gesehen stimmt das sicher, aber wissenschaftlich hieb- und stichfeste Vergleiche kann man ja nicht zwischen verschiedenen Motivationen der Patientinnen, sondern nur zwischen Behandlungsmethoden ziehen. Daher glaube ich eher nicht, daß die von Dir vorgeschlagene Sichtweise sich durchsetzen wird. 😉

  6. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    @ute, ich rechne auch nicht damit, denn das wäre ja…vernünftig 🙂

    unter dem aspekt der schaden/nutzen-analyse würde ich persönlich (gerade 39) kein PID machen lassen…mit unerfülltem kiwu UND gravierender, letaler erbkrankheit aber auf jeden fall.
    es ist absurd, dass leute, die ohnehin schon genug an solchen situationen zu knabbern haben, dann für das moralische wohlbefinden des politischen "gutmenschen" im parlament ins ausland gescheucht werden.
    PID ohne handfeste med. indikation (also naheliegender verdacht einer letalen erberkrankung) finde ich zwar aus sicht der kiwu-frau mit 37+ nachvollziehbar, aber wohl wissenschaftlich jetzt erwiesen, eher kontraproduktiv.
    eigentlich ein weiterer grund diese untersuchungsmethode wirklich bedürftigen menschen auch hier zugänglich zu machen.
    aber wie gesagt… 🙂 es wäre zu vernünftig…

  7. Elmar Breitbach
    Ich schreibt

    Thema: PID verbessert die SS-Rate nicht

    Ich finde Reaba hat Recht.
    Ich hatte auch immer verstanden dass PID auch chromosomiale Störungen untersucht (es gab Docus im TV aus dem Ausland die zeigten was sie dort untersuchen).
    So viel ich verstanden habe, gibt es aber auch Erbkrankheiten die SS behindern (entweder die Befruchtung, oder die Einistung).
    Bei Frauen mit mehrere FG müßte das auch untersucht werden.
    Und leider ist es auch so, viele wissen nicht was für Erbkrankheiten sie tragen, weil sie selber gesund erscheinen.

    Und das habe ich nicht verstanden:
    "Dieser Unterschied ist statistisch signifikant und die Autoren schließen daraus, dass die Präimplantationsdiagnostik die Erfolgsraten bei einer IVF-Behandlung Frauen höheren Alters nicht nur nicht verbessert, sondern sogar signifikant verschlechtert."

    Warum verschlechtert?

  8. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    Warum verschlechtert?

    Die Überlegungen der Autoren dazu stehen doch im Artikel.

  9. […] ab. Nicht zuletzt aufgrund einer niederländischen Studie, die bei Anwendung der PID sogar eine Verschlechterung der Schwangerschaftsraten feststellte. Diese Studie schlug ein wie eine Bombe, auch wenn sie von den Befürwortern der PID wegen […]

  10. […] handelte es sich nicht um eine Untersuchung zur schlichten Verbesserung der Schwangerschaftsraten, deren Sinn ja ohnehin umstritten ist. Die Untersuchung wurde bei drei Paaren durchgeführt. Bei einem Paar bestand ein Gendefekt auf […]

  11. […] Ganz offensichtlich ist diese PID (Präimplantationsdiagnostik) als Screeningmethode eingesetzt nicht dazu in der Lage, die Schwangerschaftsraten bei der künstlichen Befruchtung zu verbessern. Auch kann man mit den aktuell gebräuchlichen Untersuchungsmethoden nur wenige Chromosomen auf […]

  12. […] Ergebisse dieser Pilotstudie werden unabhängig von Sjoerd Repping ausgewertet, der 2007 eine vielbeachtete Studie zur genetischen Embryonendiagnostik (PID) […]