Milde Stimulation im Trend


Und mittlerweile auch in der Laienpresse angekommen, wie man an einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ entnehmen kann.

Direkt zu Beginn des Artikels wird aus einem Internet-Forum zitiert:

«Die milde Hormonbehandlung hat mich auf Anhieb angesprochen», schreibt Jessy in einem Internet-Forum über das Angebot einer privaten Fruchtbarkeitsklinik. Aber sie sorgt sich, dass dabei nicht genügend Follikel, also Eibläschen, für eine erfolgreiche Reagenzglas-Befruchtung heranreifen könnten. Marii, eine andere Frau mit Kinderwunsch, beruhigt: «Was hast du von vielen Follis, wenn sie schlecht oder leer sind?»

Eine Diskussion, die ich mal in unserem Forum verorten würde. Der Trend für sanftere Stimulationen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung wird zum einen von den betroffenen Frauen ausgelöst, die weniger Nebenwirkungen wünschen. Darüber hinaus häufen sich in den letzten Jahren die Hinweise darauf, dass eine milde Stimulation der Eierstöcke sogar zu einer Verbesserung der Erfolgsraten führen könnte.

Im Artikel der NZZ wird das Antagonisten-Protokoll als milde Behandlung dem langen Protokoll gegenüber gestellt. Das ist so natürlich nicht ganz richtig, da man auch beim langen Protokoll niedrig und beim Antagonisten-Protokoll hoch dosiert stimulieren kann. Jedoch führt das lange Protokoll durch die Downregulation zu einer längeren Stimulationsdauer und zu einer größeren Belastung der Patientin. Die Neigung zur Überreaktion der Eierstöcke ist bei diesem Protokoll in der Tat aber auch erhöht. Die Belastungen führen dazu, dass in 25% der Fälle nach einem erfolglosen Versuch weitere Behandlungen nicht mehr durchgeführt werden.

Die von der NZZ interviewten Reproduktionsmediziner wiesen darauf hin, dass wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge hohe Dosierung zu mehr genetische Auffälligkeiten bei den Eizellen führen [siehe auch hier] und die Aufnahmefähigkeit der Gebärmutterschleimhaut vermindern könne [siehe auch hier].

Jedoch sei die milde Stimulation nicht auf jede Frau übertragbar. Gerade ältere Frauen reagieren auf Hormongaben nicht mehr ausreichend. Deswegen könnten hier höhere Dosierungen von Vorteil sein.

Geeta Nargund von der International Society for Mild Approaches in Assisted Reproduction, die sich für eine physiologische und sanften Reproduktionsmedizin engagiert, sieht in der Gabe von hohen Hormondosen bei älteren Frauen jedoch einen völlig falschen Ansatz: „Wir glauben, dass gerade diese Frauen so natürlich wie möglich stimuliert werden sollten.“ Hinweise darauf ergeben sich durch Studien, die zwar eine höhere Abbruchrate wegen einer ausbleibenden Reaktion der Eierstöcke bei einer milden Stimulation nachwiesen, jedoch zeigen konnten, dass trotz der höheren Zahl von nicht beendeten Zyklen ohne Transfer die Gesamterfolgsrate sogar besser ist, wie bereits in einem Artikel zu Beginn des letzten Jahres auch hier zu lesen war.

Sich gegen eine milde Stimulation zu entscheiden, kann auch finanzielle Gründe haben. Ein Behandlungszyklus in der Schweiz kostet im Durchschnitt 7000 bis 9000 Franken. «Der Erfolg ist in einer solchen Situation für die Paare das erste Kriterium», sagt Michael Häberle. «98 Prozent der Paare, die zu uns kommen, entscheiden sich gegen die milde Stimulation.» In Deutschland dürfte die Situation diesbezüglich ähnlich sein.


Letztlich ist es aber auch eine Frage der Aufklärung der Paare und der Bereitschaft des Arztes, sich auf die schonenderen Therapien einzulassen und Erfahrungen mit dieser Art der Behandlung zu sammeln. Ärzte, die diesen Weg schon länger beschreiten, können nämlich durchaus über positive Erfahrungen berichten, wie man z. B. dem Interview meiner Kollegen aus Bad Münder zu diesem Thema entnehmen kann, welches sie mit der „Ärztliche Praxis Gynäkologie“ vor fast zwei Jahren führten. Ihr Fazit: „Die guten Erfolgsraten wiegen…

…den Nachteil, dass aufgrund des kürzeren Protokolls weniger überzählige befruchtete Eizellen für die Kryokonservierung zur Verfügung stehen, auf. Die milde ovarielle Stimulation mit GnRH-Antagonisten gewinnt in der Kinderwunschbehandlung immer mehr an Relevanz.“

Dem ist noch hinzuzufügen, was ich bereits eingangs erwähnte: Sicherlich sind die Erfolgsraten nicht ausschließlich abhängig von der Verwendung bestimmter Stimulationsregimes, denn auch mit dem in vielen Fällen sinnvollen (Z. B. bei ausgeprägter Endometriose) langen Protokoll ist es möglich, die Zahl der Eizellen zu begrenzen und schonend zu behandeln. Individuell angepasste Therapien sind letztlich immer der beste Weg.


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Kommentar

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5 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    stina schreibt

    mir fällt auf dass die diskussion um minimalstimulation in erster linie bei low respondern geführt wird. wenn – so wie bei mir – wegen des spermiogramms eine icsi nötig ist, aber von seiten der frau kein (hormonelles ) problem, bietet sich das ganze meiner ansicht nach noch viel mehr an. ich hatte jedenfalls gestern transfer von zwei blastozysten – und die kamen aus einer stimulation nur mit clomifen (+pregnyl zum auslösen). ohne überstimulation und scheussliche nebenwirkungen.

  2. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Hallo stina, in den meisten Fällen wird das wohl nicht zu 2 Blastozysten führen. Daher ist das auch immer eine Frage der Kalkulation. Mir scheint die Mini-IVF von Koste-Nutzen Verhältnis im Durchschnitt etwas teurer. Daher ist sie außerhalb von Low Respondern eher etwas für Frauen, die bewusst nicht so viele Hormone nehmen wollen und dafür auch ein paar Versuche mehr in Kauf nehmen.

  3. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Nein, das stimmt so nicht. Es gilt auch für die normal reagierenden Frauen, wie es hier zum Beispiel erläutert wird. Ob man dann nur mit Clomifen stimuliert und das der Weisheit letzter Schluß ist, dass möchte ich mal dahingestellt sein lassen, aber eine Überstimulation lässt sich auch so vermeiden.

  4. Elmar Breitbach
    Kerstin schreibt

    Guten Tag Herr Breitbach,

    jetzt sind wieder 3 Jahre vergangen, seit Sie den Artikel geschrieben haben und ich würde gerne wissen, ob sich neue Erkenntnisse ergeben haben.
    Wir versuchen seit Februar mit IUI teils mit Chlomifen, teils mit Puregon schwanger zu werden. Bisher haben sich nur 2 chemische Schwangerschaften nachweisen lassen. Ich bin 42 Jahre alt und wir würden den Schritt zu IVF mit ICSI wagen. Da wir die gesamten Kosten selbst tragen müssen, bin ich über die Mini Stimulation gestolpert.
    Die Frage ist nun, ob wir gemäß dem Motto "viel hilft viel" arbeiten sollen oder lieber Qualität anstatt Quantität.
    Mein AMH Wert liegt bei 9,5, alle anderen Werte sind für mein Alter hervorragend (laut Arzt die besten, die er je für 42 Jährige gesehen hat)

  5. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @ Kerstin: Wenn Ihre AMH-Werte so gut sind, dann sollte man diese Voraussetzungen auch nutzen. Dennoch sollte das Ziel immer sein, mit der Eizellzahl im einstelligen Bereich zu bleiben (wenn es möglich ist)