Mehr Infos zu den Achtlingen

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ich bin ja heute eher zufällig über die Nachricht gestolpert, dass in den USA Achtlinge zur Welt gekommen sind. Die Informationen dazu waren etwas spärlich und deswegen möchte ich hier noch einige Stellungnahmen präsentieren und Hintergrund-Infos geben.

Die Wahrscheinlichkeit für Mehrlingschwangerschaften

Die Wahrscheinlichkeit, dass Achtlinge zur Welt kommen, ist verschwindend gering. Bis zu Vierlingen gilt die sogenannte Hellinsche Regel:

  • auf 85 Geburten kommt eine Zwillingsgeburt (1,8%)
  • auf 85 hoch 2 (= 7225) Geburten eine Drillingsgeburt (0,014%)
  • auf 85 hoch 3 (= 614125) Geburten eine Vierlingsgeburt. (0,0001%)
  • auf 50 Millionen eine Fünflingsschwangerschaft
  • auf 4,4 Milliarden einmal Sechslinge

Natürlich nur, wenn keine Hormone im Spiel sind. Die Wahrscheinlichkeit für eine Achtlingsschwangerschaft geht also gegen Null, wenn keine Kinderwunschbehandlung erfolgt.

Von 1950 bis 2007 gab es in Deutschland lediglich 33 Fünflingsgeburten, nur fünfmal erblickten gleich sechs Kinder das Licht der Welt. Das Statistische Bundesamt führt für Deutschland nur eine Liste über Zwillinge und Drillinge. Auch hieraus ist aber immerhin ein Trend abzulesen: Mit dem Aufkommen der Reproduktionsmedizin stieg die Rate seit 1984 sprunghaft. Plötzlich brachten statt wie bisher eine zunächst zwei von 10.000 Gebärenden Drillinge zur Welt. Bis Ende der Neunziger stieg diese Zahl auf sechs. Der Trend ist jedoch wieder rückläufig, da von den Reproduktionsmedizinern inzwischen sehr viel größerer Wert auf eine Vermeidung von höhergradigen Mehrlingsschwangerschaften gelegt wird.

Wieviel Leute benötigt man für so eine Entbindung?

Die Zahl der beteiligten Personen lässt sich kaum abzählen. Ein Team von 46 Ärzten bereiteten die Entbindung in 4 Kreißsälen vor. Jedes Kind wurde von einem Team nach der Entbindung in einem gesonderten Raum versorgt.

Wie hoch sind die Überlebenschancen?

  • Erstmals kamen 1967 in Mexiko-Stadt Achtlinge zur Welt, die jedoch alle innerhalb weniger Stunden starben.
  • Bei dem bisher einzigen dokumentierten Fall in Deutschland haben die 1977 in Jena geborenen Achtlinge nicht überlebt.
  • Von den acht Kindern einer Frau in Neapel starben 1979 sechs.
  • Keines der Babys einer Britin überlebte, die 1996 gegen den Rat ihres Arztes ihre Achtlinge austrug.
  • Das erste Mal überlebten im Dezember 1998 in Houston alle Achtlinge ihre Geburt. Die Kinder kamen drei Monate zu früh zur Welt und wogen zwischen 312 und 765 Gramm, also sehr viel weniger als bei der aktuellen Entbindung. Das kleinste der Babys starb jedoch eine Woche später an Herz- und Lungenversagen. Die überlebenden fünf Mädchen und zwei Jungen feierten im Dezember ihren zehnten Geburtstag.
  • In Mailand überlebten im Jahr 2000 nur vier von acht Kindern.

Wie geht es den Kindern jetzt?

Die Geburt erfolgte in der 30. Schwangerschaftswoche und das ist auch der Grund, weshalb sie relativ fit zur Welt kamen. Es ist eine sehr große Leistung der Mutter und ihrer betreuenden Ärzte, dass die Schwangerschaft so lange aufrecht erhalten werden konnte. In der 23. Schwangerschaftswoche wurde die Mutter ins Krankenhaus aufgenommen und erhielt wehenhemmende Medikamente.

Die Entbindung per Kaiserschnitt ging sehr zügig über die Bühne. Alle Kinder kamen innerhalb von fünf Minuten zwischen 10.43 Uhr und 10.48 Uhr zur Welt. Die sechs Jungen und zwei Mädchen sind alle am Leben und offenbar gesund, wiegen aber nur zwischen 680 und 1470 Gramm.

Zwei der Neugeborenen müssen gegenwärtig künstlich beatmet werden. Und trotz des vergleichsweise langen Schwangerschaftsdauer kann man noch nicht absehen, ob die typischen Komplikationen von Frühgeborenen wie Hirnblutungen, Lungenfunktionsprobleme und Störungen des Magen-Darm-Traktes zu einem späteren Zeitpunkt auftreten.

Wie kam es zu dieser Schwangerschaft?

Die Eltern möchten anonym bleiben und daher ist über die Entstehungsgeschichte nichts bekannt. Eine spontan entstandene Schwangerschaft ist auszuschließen. Da in den USA bei einer künstlichen Befruchtung im Prinzip beliebig viele Embryonen eingepflanzt werden dürfen, könnte es sich theoretisch um die Folgen einer solchen Behandlung handeln. Jedoch ist selbst bei verantwortungsloser Haltung des behandelnden Arztes eine solche Mehrlingsschwangerschaft eher sehr unwahrscheinlich.


Vermutlich handelt es sich daher um die Folge einer Behandlung mit Hormonen. Z. B. könnte es sich bei der Mutter um eine Frau mit einem PCO-Syndrom handeln, bei der eine Neigung zu einer überschießenden Reaktion der Eierstöcke mit der Ausbildung vieler Eibläschen auf solche Hormongaben bekannt ist. Ich teile den Verdacht, den der Bonner Reproduktionsmediziner Benjamin Rösing gegenüber der FAZ äußerte:

„Im kalifornischen Fall halte ich es für wahrscheinlich, dass die Frau Tabletten mit dem Wirkstoff Clomifen eingenommen hat“, mutmaßt Rösing. „Die Frau nimmt die Tabletten selbständig ein. Was dann passiert, wird nicht so engmaschig kontrolliert wie nach einer Befruchtung im Reagenzglas, wenn die Embryonen bewusst übertragen werden.“

Es jedoch bedauerlicherweise auch in Deutschland nicht selten so, dass selbst Frauenärzte das Clomifen an Patientinnen mit Kinderwunsch gelegentlich verteilen wie Bonbons, ohne dass eine Kontrolle der Behandlung mit Hilfe des Ultraschalls erfolgt, denn diese Untersuchung wird von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Diese Schwangerschaft sollte daher Anlass sein, diese Vorgehensweise zu überdenken.

Insofern hängt sich der Präsident des Bundesverbandes der Frauenärzte, Christian Albring, recht weit aus dem Fenster, wenn er im Gespräch mit der Presseagentur AP behauptet:“«Die Möglichkeit, Achtlinge zu gebären, ist in Deutschland nicht gegeben». Seine Begründung dafür ist, dass die Zahl der Embryonen, die bei einer künstlichen Befruchtung in Deutschland transferiert werden darf auf drei begrenzt ist. Vermutlich ist es schon ein Weilchen her, dass er das letzte Mal Clomifen verschrieben hat [Womit ich seine frühere fachliche Qualifikation nicht infrage stellen möchte, er hat die erste Schwangerschaft meiner Frau betreut und das zu unserer Zufriedenheit 😉 Aber das ist schon ein Weilchen her]


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Kommentar

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11 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Donza schreibt

    Wieso wollen die Eltern anonym bleiben? Kann sich doch nur um Apu Nahasapeemapetilon handeln! 😀

  2. Elmar Breitbach
    hasenohr schreibt

    Das mit der Anonymität ist wohl auch eher ein frommer Wunsch! Die Achtlinge werden noch reichlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen…

  3. Elmar Breitbach
    atonne schreibt

    Selbst bei ausreichender Überwachung per Ultraschall kann der Arzt im Prinzip doch nicht verhindern, dass das Paar GV hat, wenn sich zuviele Follis bilden, eventuell ohne auf den Rat des Arztes zu hören. Insofern wäre ich vorsichtig, den Ärzten Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen, denn man weiss eben nicht, ob nicht kontrolliert oder von seiten des Paars trotz des bekannten Risikos gehandelt wurde.

    Es wäre dem Paar und den Kindern auf jeden Fall zu wünschen, dass alle überleben.

  4. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @atonne: Grundsätzlich richtig, jedoch kann man bei einer behutsamen Stimulation durch engmaschige Kontrollen (zumindest im ersten Zyklus sinnvoll) den Stimulationsvorgang oft rechzeitig abbrechen, wenn absehbar ist, dass es zuviele Eizellen werden.

  5. Elmar Breitbach
    Mori schreibt

    Hoffentlich gelangen bei der Gelegenheit Fachartikel – gerade über Clomifen! – an ALLE Fachärzte.
    Meine Gyn war auch so nett, mir das gewünschte Clomifen (PCO) zu geben – meinte aber, nehmen sie am besten gleich ZWEI tgl. … OHNE Kontrolle. Ich habs dann abgebrochen, bin mächtig mit ihr aneinander geraten – sie warf mir vor, nicht genügend Vertrauen zu haben … aber ich war schon länger Leserin im Forum *verneig*
    Dann muß sie wohl nachgelesen haben, und wir haben gemütlich mit einer HALBEN angefangen – MIT Kontrolle VOR dem GV….

  6. […] Geschichte lässt mich nicht los: Die Achtlingsmutter hat sich zu ihrer Geschichte in den NBC-News […]

  7. […] scheint ein echter Harsadeur zu sein, der Kollege Michael Kamrava. Erst hat er die Achtlinge in Kalifornien zu verantworten und sieht sich den Ermittlungen der kalifornischen Gesundheitsbehörde […]

  8. […] der ganzen Diskussion um den Arzt, der die Achtlinge “fabrizierte” und den pathologischen Kinderwunsch der “Octo-Mum&… sollte man nicht vergessen, dass da noch acht Kinder im Brutkasten um ein gesundes Leben […]

  9. […] Das ist einer mehr als bei der berühmten Achtlingsmutter. […]

  10. […] der westlichen Welt gibt es häufiger Mehrlinge nach Kinderwunschbehandlungen als in den USA. Die Octomum stellt da nur die Spitze des Eisbergs. Auch sonst kann man den Eindruck bekommen, dass in den USA […]

  11. […] öfters über höhergradige Mehrlinge berichtet werden. Bis hin zu Achtlingen mit Leihmüttern und ohne fremde Hilfe gingen die Berichte. Aber immer war es die Folge von Kinderwunsch-Behandlungen und demzufolge […]