Marihuana und Kinderwunsch: Eine Übersicht

Wie wirkt sich Cannabis auf die männliche Fruchtbarkeit aus?


Es betrifft nur eine geringe Zahl von Paaren, aber Cannabiskonsum und ihr Einfluss auf die Spermienqualität ist immer mal wieder Gegenstand von Studien. Die Ergebnisse sind leider nicht einheitlich. Was soll man bei Kinderwunsch also machen: Weiterkiffen oder es lieber sein lassen?

Schwierigkeiten bei Studien zu Cannabis

Erwarten Sie hier bitte keine abschließende Antwort auf diese offenbar sehr komplizierte Fragestellung. Das geht schon mal damit los, dass man den Faktor Cannabiskonsum nicht einfach mit der Spermienqualität korrelieren kann. Denn die Konsumenten leichter Drogen neigen auch häufiger dazu, Nikotin zu sich zu nehmen. Und sei es nur als Transportvehikel für den Konsum des Cannabis.

Auch die Antwort auf Frage, wie man die Menge des Konsums bewertet, ist nicht zu beantworten. Meist beruhen diese Mengenangaben auf den Angaben der Probanden auf Fragebögen. Das sogenannte „self reporting“ gilt als notorisch unzuverlässig und fehleranfällig. Und die Angabe, ob man wöchentlich, täglich oder wie auch immer konsumiert, sagt wenig über den THC-Spiegel (Tetrahydrocannabinol ist der Wirkstoff im Marihuana) im Blut aus.

Solche und andere Fragen lassen sich nicht abschließend klären. Aber es gibt einige Versuche von Wissenschaftlern, diese Zusammenhänge zu klären. Und damit eben auch die Frage, ob Cannabis schädlich für die männliche Fruchtbarkeit ist.

Männliche Fruchtbarkeit, was ist das eigentlich?

Wenn man sich also die Frage stellt, ob die Fruchtbarkeit des Mannes durch – welche Substanz auch immer – beeinträchtigt oder gefördert wird, dann muss man für eine Studie definieren, was das überhaupt sein soll, die Fruchtbarkeit.

Im Prinzip geht es darum, ob die Partnerin schwanger wird und ein Kind bekommt. Nimmt man also dieses „Ereignis“ der Lebendgeburt als Endpunkt einer Studie, dann hat man das Problem, dass die Fruchtbarkeit der Frau auch eine Rolle spielt. Das erhöht die Zahl der maßgeblichen Parameter deutlich und senkt die Aussagekraft der Studien.

Daher orientieren sich die meisten Wissenschaftler lieber am Spermiogramm. Was ja auch sinnvoll ist, denn die Fruchtbarkeit des Mannes hängt natürlich von seiner Spermienqualität ab, aber eben nicht nur. Und inwieweit geringere Verbesserungen oder Verschlechterungen der Befunde wirklich für die Zeugungsfähigkeit relevant sind, lässt sich nur unzureichend einschätzen.

Die guten Nachrichten zu Cannabis und Fruchtbarkeit

In einer sehr große angelegten Studie1)Wise LA, Wesselink AK, Hatch EE, Rothman KJ, Mikkelsen EM, Sørensen HT, Mahalingaiah S
Marijuana use and fecundability in a North American preconception cohort study.
J Epidemiol Community Health. 2017 Dec 22. pii: jech-2017-209755.
wurden 4.000 Frauen, die nicht verhüteten und in einer festen Partnerschaft lebten (also „normale“ Paare ohne aktuelle Kinderwunschbehandlung) zu ihrem Drogenkonsum befragt. Außerdem wurde in 1.125 Fällen der Fragebogen auch von den jeweiligen Partnern beantwortet. 12 % der Teilnehmerinnen und 14 % der Teilnehmer konsumierten in den zwei Monaten vor dem Ausfüllen des Fragebogens nach eigenen Angaben Marihuana. Die Wissenschaftler stellten bei ihnen eine ähnliche Empfängniswahrscheinlichkeit fest wie bei Paaren, die das Rauschmittel nicht konsumierten. Auch die Häufigkeit des Cannabiskonsums (<1x oder > 1x wöchentlich) hatte keinen Einfluss auf die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit. Mehr dazu hier. Prima, wo ist also das Problem?

Und hier die schlechten Nachrichten

Ende des letzten Jahres wurde eine Studie publiziert2)Murphy SK et al.
Cannabinoid exposure and altered DNA methylation in rat and human sperm.
Epigenetics. 2018 Dec 6. doi: 10.1080/15592294.2018.1554521
, die im Tierversuch und mit 24 Probanden den Einfluss des Cannabis auf das Erbgut der Spermien untersuchte. Auch hier zunächst eine gute Nachricht: Cannabis verändert das Erbgut der Spermien nicht. Aber – und hier sind die unangenehmen Infos – Es verändert die Art, wie die Erbinformation ausgelesen wird.

Nur die wenigsten Gene auf einem Strang Erbgut wird wirklich benötigt. Auf der DNA einer jeden Zelle befinden sich viele Gene, die nicht aktiv sind. Die Aktivierung oder Nichtaktivierung verursacht ein Mechanismus, der sich „Methylierung“ nennt. Durch diese Methylgruppen werden Gene ausgeschaltet. Gene steuern meist die Herstellung von Eiweißen, die dann wiederum als Enzyme bestimmte Stoffwechselprozesse im Körper steuern. Es handelt sich also um hochkomplexe Produktionsketten, die dann gestört werden können, wenn zu viele Gene aktiv sind oder die falschen Gene ausgeschaltet wurden. Weil es sich hier nicht um eine Veränderung der Gene selbst, sondern deren Arbeitsweise handelt, nennt man diese Abläufe auch Epigenetik.

Und diese epigenetischen Veränderungen treten in Abhängigkeit von der Menge des konsumierten Cannabis (THC im Urin gemessen) häufiger auf. Marihuana ändert also nicht das Erbgut, aber den Gebrauch der Gene. Niemand kann genau sagen, ob das Folgen hat und welche es gegebenenfalls sein könnten.

Zum Schluss die beste Nachricht

Cannabis verbessert die Spermienqualität. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Studie3)Nassan FL, Arvizu M, Mínguez-Alarcón L, Williams PL, Attaman J, Petrozza J, Hauser R, Chavarro J; EARTH Study Team.
Marijuana smoking and markers of testicular function among men from a fertility centre.
Hum Reprod. 2019 Feb 6. doi: 10.1093/humrep/dez002. [Epub ahead of print]
, die kürzlich in „Human Reproduction“ publiziert wurde. Hier wurden 662 Männer untersucht, die sich in einer Kinderwunschsprechstunde vorstellten. Und hier zeigte sich ein signifikanter Unterschied in der Konzentration der Spermien zugunsten der Männer, die Cannabis konsumierten oder in ihrer Vorgeschichte konsumiert hatten. Mit anderen Worten: Marihuana zu rauchen oder geraucht zu haben, macht die Spermien besser.

Besser aber nur im Sinne von zahlreicher. Über die Zahl hinaus zeigten sich andere Parameter des Ejakulats unabhängig von Cannabis-Konsum. Das Aussehen (Morphologie) und die Beweglichkeit (Motilität) wurde durch den Drogengenuss weder positiv noch negativ verändert.

Auch hier ist das „self-reporting“ eine Fehlerquelle und es handelte sich nicht um eine Durchschnittsbevölkerung, sondern um Männer mit einer eingeschränkten Fruchtbarkeit. Ob also diese Ergebnisse auf alle Männer übertragen werden können, ist nach Aussage der Wissenschaftler fraglich.

Wir bleiben also unentschlossen anhand diese Datenlage. Aber wo es zuvor nur Studien gab, die sich gegen den Konsum aussprachen, gibt es nun auch zunehmend mehr wissenschaftliche Publikationen, die einen negativen Einfluss von Cannabis auf die männliche Fruchtbarkeit nicht bestätigen konnten.

 


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Literatur   [ + ]

1. Wise LA, Wesselink AK, Hatch EE, Rothman KJ, Mikkelsen EM, Sørensen HT, Mahalingaiah S
Marijuana use and fecundability in a North American preconception cohort study.
J Epidemiol Community Health. 2017 Dec 22. pii: jech-2017-209755.
2. Murphy SK et al.
Cannabinoid exposure and altered DNA methylation in rat and human sperm.
Epigenetics. 2018 Dec 6. doi: 10.1080/15592294.2018.1554521
3. Nassan FL, Arvizu M, Mínguez-Alarcón L, Williams PL, Attaman J, Petrozza J, Hauser R, Chavarro J; EARTH Study Team.
Marijuana smoking and markers of testicular function among men from a fertility centre.
Hum Reprod. 2019 Feb 6. doi: 10.1093/humrep/dez002. [Epub ahead of print]
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