Erhöhtes Krebsrisiko nach Kryotransfer?

Besteht ein höheres Risiko für Kinder nach Kryotransfer an Krebs zu erkranken?


Die gute Nachricht: Das Risiko für Kinder, die durch eine künstliche Befruchtung gezeugt wurden, haben kein erhöhtes Risiko für eine Krebserkrankung. Möglicherweise aber, wenn sie nach einem Kryotransfer entstanden.

Geht es um die Familienplanung, dann steht die Aussage „Hauptsache gesund“ im Vordergrund. Jedes Elternpaar hat den Wunsch, ein gesundes Kind zu bekommen. Das gilt natürlich auch für jene Paare, die dieses Ziel nur mit einer künstlichen Befruchtung erreichen können. Bedauerlicherweise wird es immer Kinder geben, die bereits bei der Geburt erkrankt sind oder es in der frühen Kindheit sein werden. Und das gilt unabhängig von der Art, auf welche Art die Schwangerschaft eintrat.

Statistische Belege notwendig

Es stellt sich aber die Frage, ob kindliche und frühkindliche Erkrankungen häufiger auftreten, wenn ihnen eine IVF oder ICSI vorausging. Um also zu klären, ob diese Erkrankungen zufällig auftreten oder ob es im Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung häufiger (=kausaler Zusammenhang), bedarf es großer Fallzahlen. Denn nur dann kann man eine statistisch signifikanten Zusammenhang herstellen. Gerade, wenn es um das erhöhte Krebsrisiko geht, ist dies ein Problem, auch wenn sehr viele Kinder in den Studien untersucht werden. Wobei dieses Problem eher erfreulich ist, denn Krebserkrankungen bei Kindern sind sehr selten. Diesen Zusammenhang hatte ich vor einigen Jahren hier schon mal sehr ausführlich erläutert.

Dänische Studie mit Daten aus Geburts- und Krebsregister

So ist es auch diesmal. Eine weitere empirische Untersuchung wurde in Dänemark durchgeführt. Die Fragestellung: Gibt es bei den Kindern, die durch Hormonbehandlungen, IVF, ICSI oder Kryozyklen (mit vormals eingefrorenen Embryonen) entstanden, ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken? Diese Art empirischer Studien, bei denen bestimmte Zusammenhänge hergestellt werden zwischen Erkrankungen und Geburten sind in Skandinavien aufgrund von Geburts- und Erkrankungsregistern besser durchführbar. Die meisten dieser Studien kommen daher aus Dänemark. So auch diese1)Hargreave, M., Jensen, A., Hansen, M. K., Dehlendorff, C., Winther, J. F., Schmiegelow, K., & Kjær, S. K. (2019). Association Between Fertility Treatment and Cancer Risk in Children. Jama322(22), 2203-2210..

Wissenschaftler des Forschungszentrums der Dänischen Krebsgesellschaft in Kopenhagen untersuchten die Daten von 1. 085.172 Kindern, die in den Jahren 1996 bis inklusive 2012 in Dänemark geboren wurden. Davon erkrankten 2.217 Kinder an einer bösartigen Erkrankung in der durchschnittlichen Zeit der Nachuntersuchung von mehr als elf Jahren.

Zuerst die gute Nachricht

Die Wissenschaftler untersuchten nun, ob die Häufigkeit der Krebserkrankungen davon abhängt, wie die Schwangerschaft entstand. Verglichen wurden die Daten mit den Kindern (910. 291), die ohne medizinische Unterstützung gezeugt wurden. Es handelt sich also um die Daten von 174.881 Kindern, die mit Hilfe von Hormonbehandlungen, IVF, ICSI oder Kryozyklen entstanden und nun mit dieser Kontrollgruppe verglichen wurden.

Nach Hormonbehandlungen (Clomifen oder auch Spritzen mit oder ohne Auslösen des Eisprungs) war das Krebsrisiko ebensowenig erhöht wie wie nach der künstlichen Befruchtung.

Die schlechte Nachricht betrifft die Kryokonservierung

Insgesamt ergab sich durch die durchschnittliche Nachverfolgung der Daten über mehr als 11 Jahre pro Kind ein Beobachtungszeitraum von 12,2 Millionen Jahren. Bei den Kindern der Frauen, die ohne Unterstützung schwanger wurden, traten in 100.000 Beobachtungsjahren 17,5 Krebserkrankungen auf. Deutlich weniger als bei den Kindern nach Kryotransfer, wo es 44,4 Fälle pro 100.000 Lebensjahre waren.

Dieser Unterschied ist statistisch signifikant. Man würde aufgrund der Millionen, die zu Beginn in die Berechnungen einflossen, annehmen, dass es sich hier auch um hochbedeutsame Zusammenhänge handelt. Nicht ganz. Es wurden 14 Krebserkrankungen bei 3.356 Kindern gefunden. Das sind deutlich kleinere Zahlen. Das soll nicht bedeuten, dass dies nun keine Bedeutung hat. Aber bei dieser Zahl können bereits 2-3 Erkrankungen mehr oder weniger ein ganz anderes Bild ergeben.

Empirische Studien geben Hinweise, keine Beweise

Diese Studie regt – einmal wieder – dazu an, sich Gedanken über die Aussagekraft statistischer Untersuchungen zu machen, wenn man bedenkt, dass es hier letztlich um 14 Krebsfälle bei Millionen von beobachteten Kindern geht. Und nur eine sehr geringe Anzahl möglicher Ursachen berücksichtigt wurde.

Das sehen auch die Autoren so. Die Erstautorin Marie Hargreave erklärt, dass wenn die  Ergebnisse zutreffen sollten, das erhöhte Risiko immer noch sehr gering ist. Dazu kommt, dass die niedrige Zahl an Krebserkrankungen die Belastbarkeit der Daten deutlich einschränkt.

Es ist sicherlich ein wichtiger Hinweis für weitere Studien. Aber diese benötigt es auch, um die Ergebnisse zu bestätigen. Vor allem benötigt man für aussagekräftige Ergebnisse noch größere Populationen als die von Dänemark mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern. Und mehr Kinder nach Kryotransfer als die hier nachbeobachteten 3.356. Aktuell läuft eine Studie in Australien, Skandinavien und Großbritannien auf der Basis von annähernd 100 Millionen Einwohnern in diesen Ländern.

Neuere Einfriertechniken nicht ausreichend berücksichtigt

Ein weiteres Manko dieser Studie ist auch, dass sich in den letzten Jahren die Einfriertechniken deutlich verändert haben. Früher wurden die Embryonen langsam eingefroren („slow freezing“). Inzwischen wird insbesondere bei Embryonen am 5. Tag ihrer Entwicklung („Blastozysten„) die Technik des schnellen Einfrierens bevorzugt („Vitrizierung„). Dies führte in den letzten Jahren zu einer erheblichen Steigerung der Überlebensraten der Embryonen nach dem Auftauen. Aber auch viele Details der Kryokonservierung haben sich inzwischen geändert, nicht zuletzt auch die Flüssigkeiten, mit denen die Embryonen vor den Einflüssen der Kälte geschützt wird („Kryoprotektiva“).

Alls dies hat nicht zwingend auch eine Verminderung der durch die Studie dargelegten Risiken zur Folge. Aber es ändert wichtige Aspekte der hier untersuchten möglichen Risikofaktoren. Niemand kann daher sagen, ob diese Ergebnisse vor dem Hintergrund neuer Einfriertechniken aktuell überhaupt noch etwas wert sind.

Zusammenfassung

  • Es ist schwierig, aus einer großen Zahl möglicher Ursachen für die Entstehung von Krebserkrankungen, den Einfluss einzelner Parameter herauszuarbeiten.
  • Das generelle Risiko für Krebserkrankungen bei Kindern ist erfreulicherweise sehr niedrig (weniger als ein Fall pro 10.000 Geburten).
  • Daher ist auch die in dieser Studie beobachtete Zahl solcher Erkrankungen nach Kryotransfer sehr niedrig.
  • Die Techniken des Einfrierens haben sich seit dem Beobachtungszeitraum dieser Studie deutlich geändert.

Die Aussagekraft dieser Studie ist aufgrund der niedrigen Fallzahl und der geringen Zahl an berücksichtigen Faktoren eingeschränkt. Die Technik der Kryokonservierung hat sich deutlich geändert. Die Hinweise auf einen möglichen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder muss weiter untersucht werden. Gegenwärtig überwiegen die Vorteile jedoch. So gibt es zahlreiche Hinweis darauf, dass das Geburtsgewicht nach Kryotransfer höher (= normaler) ist als nach frischen Transfers. Auch verbessert das Einfrieren die Chancen bei dem Transfer von nur einem Embryo und damit eine Verminderung der Mehrlingsrisiken. Vor diesem Hintergrund wäre es bedauerlich, wenn die Ergebnisse dieser Studie dazu führten, dass in Zukunft weniger Kryotransfer durchgeführt werden.


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Literatur   [ + ]

1. Hargreave, M., Jensen, A., Hansen, M. K., Dehlendorff, C., Winther, J. F., Schmiegelow, K., & Kjær, S. K. (2019). Association Between Fertility Treatment and Cancer Risk in Children. Jama322(22), 2203-2210.
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