Krebs-Risiko bei IVF-Kindern um 42% erhöht


Über die Nebenwirkungen der künstlichen Befruchtung wird immer wieder spekuliert und vor allem hinsichtlich der Folgen für die Kinder sind viele Paare verunsichert, da speziell für die Laienpresse jede Nebenwirkung ein gefundenes Fressen ist.

Zuletzt war es ein erhöhter Anteil von Totgeburten, über den berichtet wurde. Unter der Überschrift „Ramponiert aus der Retorte“ nahm Frau Lenzen-Schulte von der FAZ eine empirische Studie zum Anlass, mit einer erhöhten Anzahl an totgeborenen Kindern nach IVF und ICSI Panikmache zu betreiben. Dass die Datenbasis für die Schlussfolgerung der Autorin zu dünn war und methodische Probleme der Studie auch deren Autoren zu deutlich zurückhaltenderen Aussagen bewegte, wurde im Artikel der FAZ geflissentlich übergangen.

Systematische Panikmache?

Dies ist nur ein Beispiel für eine Berichterstattung, die bewusst darauf abzielt, Panik unter Betroffenen zu verbreiten und die künstliche Befruchtung zu diskreditieren. Dies ist sicherlich nicht beschränkt auf die künstliche Befruchtung, Wissenschaftsjournalismus zeichnet sich gerne dadurch aus, Studienergebnisse weltanschaulich aufzubereiten.

Das Prinzip dabei ist simpel: Man nehme eine Studie, die methodisch eher angreifbar ist – gerne also eine empirische Studie mit jedoch beeindruckend großen Fallzahlen – löse eine Zahl aus dem Kontext, gleiche sie mit der eigenen Weltanschauung ab, finde Begründungen außerhalb der Studie, weshalb alles so bedrohlich ist, ignoriere selbstkritische oder abschwächende Kommentare der Studienautoren und denke sich abschließend noch eine möglichst knackige Überschrift aus, wie ich es in diesem Artikel auch gemacht habe (liest ja sonst niemand).

Was hat es mit der Überschrift auf sich?

Kulturschale mit Embryonen
IVF die Ursache für Krebs?

42% mehr Krebserkrankungen bei Kindern, die durch die künstliche Befruchtung gezeugt wurden. Dies wurde bei einer Studie herausgefunden, die immerhin 26.000 IVF Kinder bis zum Alter von 19 Jahren untersuchte. Schlimmer noch: Bis zum Alter von 3 war das Risiko um 87% höher. Dies berichtete der Telegraph aus England im letzten Monat.

Im Time Magazine wird in der Überschrift sogar angekündigt, dass in ihrem Artikel erklärt wird, warum das Risiko so stark erhöht ist: „Study: Why IVF Is Linked with Cancer Risk„. Jedoch wird in diesem Artikel die Panikmache in der Art der britischen Kollegen zwar nicht vermieden, jedoch gemildert, in dem darauf hingewiesen wird, dass die absoluten Fallzahlen extrem klein sind.

Außerdem wird darauf hingewiesen, dass es andere Studien gibt, die die diese Ergebnisse in einem anderen Licht erscheinen lassen: Vergleicht man die Krebsrate von Kindern nach künstlicher Befruchtung nicht mit der Allgemeinbevölkerung, sondern mit Kindern, die nach langjähriger Kinderlosigkeit, jedoch ohne medizinische Maßnahmen entstanden sind, dann zeigen sich keine Unterschiede, so dass man nicht die Behandlung für einen Anstieg der Krankheitsfälle verantwortlich machen kann, sondern möglicherweise die genetische Disposition der Eltern, die bei Paaren mit eingeschränkter Fruchtbarkeit eine höhere sein könnte.

Dieser Artikel ist in seiner kritischen Würdigung anderer Studien schon als positive Ausnahme zu nennen, andere englischsprachige Zeitungen überbieten sich im Ausformulieren panikauslösender Überschriften, präsentieren die genannten Prozentzahlen und verstecken weitere Details der Studie am Ende der Seite oder ignorieren sie ganz. Der direkte Zusammenhang zwischen IVF und Krebs wird nirgendwo in Frage gestellt.

Zeit, sich mal die Originalzahlen anzusehen

Die Daten stammen aus dem schwedischen Geburts- und Krebsregister. 26.692 Kinder wurden mit IVF oder ICSI gezeugt (1982-2005). 53 dieser Kinder erkrankten an Krebs, wobei 6 von der „Langerhans-Zell-Histiozytose“ betroffen waren, bei der man sich darüber streitet, ob es wirklich eine Krebserkrankung ist. Ausgehend von den Daten des Krebsregisters wären statistisch jedoch nur 38 Fälle einer bösartigen Erkrankung zu erwarten gewesen. In der Tat eine Steigerung um 42% oder wenn man die Histiozytose mal weglässt 37%.

Bezieht man die Fallzahl in die Überlegungen ein, dann zeigt sich ein Risiko von 0,002% nach künstlicher Befruchtung und 0,0014% in der Durchschnittsbevölkerung. Eine Steigerung von 0,0006% würde sich in den Überschriften jedoch nicht einmal halb so gut machen.

Nun wird dieser Unterschied als statistisch signifikant bezeichnet. Für Statistiker: das Risiko betrug 1,42 (95% confidence interval: 1,09-1,87). Knappe Sache. Einige Fälle weniger und die Signifikanz wäre ebenfalls flöten gegangen.

Wie auch immer: Die Autoren der Studie formulieren klar, dass nicht die IVF die Ursache ist, sondern andere Faktoren eine Rolle spielen, die vermutlich in der individuellen Disposition der Sterilitätspaare begründet ist.

Sollte demnächst also wieder ein Artikel in der FAZ erscheinen, sind Sie sind nun gewappnet.

Källén B, Finnström O, Lindam A, Nilsson E, Nygren KG, Olausson PO
Cancer risk in children and young adults conceived by in vitro fertilization.
Pediatrics. 2010 Aug;126(2):270-6. Epub 2010 Jul 19


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Kommentar

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19 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    remis schreibt

    Was die diskreditierende Darstellungsweise von KiWu-Themen betrifft, zeigen ja sogar FAZ und taz überraschend viel Einmütigkeit. 🙁

    Übrigens, Danke:
    Cool, ein klein wenig Statistik/Mathematik. 🙂 Aber aufpassen, wenn man dafür zu viel Begeisterung zeigt, könnten Beiträge negativ bewertet werden. – SCNR

  2. Elmar Breitbach
    Andrea schreibt

    Die Überschrift läßt einen schon aufschrecken gerade wenn man ein IVF-Kind hat. Und natürlich liest man erstmal solche Artikel auch wenn man eigentlich weiß, dass es nur Regenbogenpresse sein kann. Solche Artikel sind doch nur für die Verkaufszahlen geschrieben wurden!
    Unser IVF-Kind ist kerngesund und entwickelt sich prächtigt! Darüberhinaus haben wir uns vor der IVF einem humangenetischen Gutachten unterzogen. Demnach sind mein Mann und ich nicht nur völlig gesund, sondern wir haben sogar ein geringeres Risiko als die Durchschnittsbevölkerung, dass unsere Nachkommen an Mukoviszidose erkranken. Das läßt doch sonst kein "normales" Paar mit Kinderwunsch untersuchen. Von daher achtet man als Kiwu-Patient auf viel mehr Dinge insbesondere in der Schwangerschaft. Und das kommt den IVF-Kindern zugute. Ich denke mal, IVF-Kinder kommen kaum mit Alkohol-oder Nikotinentzug auf die Welt wie es sonst leider oft der Fall ist bei bestimmten Bevölkerungsschichten! Das sollte auch einmal jemand beachten.

  3. Elmar Breitbach
    chesire schreibt

    Hmm. Die 42 % stoeren mich nicht so sehr, da sie immerhin ein Fakt sind, auch wenn die Signifikanz nur bedingt gegeben ist. (Ja, wir sind hier nah am Rauschen, aber das ist in der Medizin leider haeufig so:))

    Problematisch ist fuer mich dieser Satz (und der ist noch nicht mal aus dem Artikel):
    "so dass man nicht die Behandlung für einen Anstieg der Krankheitsfälle verantwortlich machen kann, sondern möglicherweise die genetische Disposition der Eltern, die bei Paaren mit eingeschränkter Fruchtbarkeit eine höhere sein könnte."

    – und das nicht wegen seiner Richtigkeit (die ist vermutlich gegeben) sondern wegen seines Interpretationsspielraumes (siehe auch "Systemische Panikmache").

  4. Elmar Breitbach
    Doppelpack schreibt

    Die Frage ist, ob solche Überschriften, wie Sie sie hier gewählt haben, nicht dazu beitragen Panikmache zu betreiben.

    Hier lesen und schreiben genug User, die keine Kinderwunschbehandlung hinter sich haben und lesen allein die Überschrift, weil sie am Artikel selbst kein Interesse haben.

    Als Anregung: Man könnte die Überschrift auch so wählen, dass man merkt, in welche Richtung der nachfolgende erklärende Artikel gehen soll…

    Ich als IVF Mutter habe nämlich bis jetzt noch Herzrasen, auch wenn ich Ihre Worte nun zu Ende gelesen habe.

  5. Elmar Breitbach
    pamela33 schreibt

    …auch ich denke, dass die gewählte überschrift nur in die gleiche kerbe zielt….

    vielleicht kann das ja noch abgeändert werden, denn sie bietet unnötigen zündstoff und verursacht wohl nicht nur bei mir mit icsi kind beim alleinigen lesen übelkeit.

  6. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Nun, wer nur die Überschrift liest, der hat dann sicherlich ein Problem, das stimmt. Und ist dann Verlaub gesagt, selbst schuld. Im Gegensatz zu der von mir monierten Vorgehensweise der Presse geht es im Artikel jedoch ausschließlich darum, diese Aussage sehr umfangreich ins rechte Licht zu rücken.

  7. Elmar Breitbach
    kruemel schreibt

    Hallo Herr Breitbach,
    da die Überschrift in der Tat provokant ist und zu Mißverständnissen führt, könnte man doch hinter der Überschrift ein Fragezeichen einführen.
    Die Überschrift alleine wirkt wie eine unwiderrufliche Tatsache.
    Wenn`s interessiert, der liest den Artikel so oder so. Aber alle die IVF-Kinder haben, fühlen sich m.E. durch die Überschrift verletzt und vielleicht sogar angegriffen. Ich glaube nicht, dass diese Seite hier solche Überschriften "braucht". Anders wäre das bestimmt bei der "Bild"-Homepage 😉
    Ein Fragezeichen würde den Klang der Überschrift durchaus freundlicher erscheinen lassen.

  8. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Also wer sich durch die Überschrift verletzt fühlt, der hat den Text nicht gelesen und dann kann ich es auch nicht ändern. Mit BILD hat das nun wirklich nichts zu tun, da ich ab der ersten Zeile des Artikels die Überschrift konterkariere.

  9. Elmar Breitbach
    Potilla schreibt

    Da schlug mir kurz das Herz bis zum Hals. Wie gut, dass ich den Artikel zu Ende gelesen habe und danke für die Aufklärung.

  10. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Es geht mir auch darum: wenn irgendwann die Bildzeitung titelt, dass es 42% sind, dann werden Sie sich erinnern, dass Sie das hier schon mal gelesen haben und dem eben nicht so ist.

    Aber selbst der schnelle oder eher schlampige Leser wird bei Begutachtung der Zwischenüberschriften erkennen können, dass der weitere Inhalt nicht die Überschrift widerspiegelt.

    Würde ich "Risiko 0,0006% erhöht" titeln, dann würde sich das keiner durchlesen und dann bei der Bildzeitung verzweifeln, weil es dort nicht erklärt ist und dnn panische Fragen im Forum stellen.

  11. Elmar Breitbach
    Tobias schreibt

    Der Titel ist so super, der Text auch.

    Überschriften sind nicht unerheblich für Google, und mit dieser Überschrift finden den Artikel mit Sicherheit mehr Leser. Wenn der Artikel in der Print-Ausgabe einer Zeitung stünde wäre sicher auch der Titel anders.

  12. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Danke, Tobias. Google spielte bei der Titelwahl eine weitere Rolle, das stimmt.

  13. Elmar Breitbach
    LianeM schreibt

    Zunächst war ich angesichts des Titels auch schockiert.
    Aber da ich mir nicht vorstellen konnte, dass auf dieser site derart Panikmache betrieben wird, dachte ich mir schon, in welche Richtung der Artikel zielen wird.

    Schon öfter ging es ja um die angeblich erhöhten Krankheitszahlen bei IVF-Kindern….

  14. Elmar Breitbach
    kruemel schreibt

    Ich denke, was die Wahl der Überschrift angeht, sind die Meinungen zweigeteilt. Natürlich bin ich sehr froh und mir auch sicher hier eine seriöse Seite gefunden zu haben. Lobenswert finde ich vor allem die stets benannten Quellenangaben zum weiterschmökern! Es ging mir ja auch nicht darum die Überschrift völlig neu umzubenennen in "Risko ist um 0,0006% erhöht"! Die Überschrift könnte durchaus so bleiben, aber ein Fragezeichen an deren Ende ließe sie nicht als unwiderrufliche Tatsache sondern viel mehr als Hypothese dastehen. Gerade dann fühlt man sich als interessierter Leser doch angesprochen! Schließlich möchte man wissen, ob die Hypothese be- oder widerlegt wird und wird bis zum Ende lesen!
    Sicherlich würde google die Überschrift dann ebendso schnell finden und uns IVF`lern würde beim Lesen der Überschrift nicht jedesmal erneut schlecht werden, obwohl wir den weiteren Text genausten kennen.
    Aber für manche ist das vielleicht auch haarspalterei….ob nun mit oder ohne Fragezeichen!
    Ich hoffe, jeder hat den Text wirklich gelesen und verstanden! Denn ich habe ein IVF-Kind und möchte nicht, dass meine Umwelt denkt "ach die Arme, ich hab da neulich mal so eine Überschrift gelesen" (aber leider nicht weiter gelesen)

  15. Elmar Breitbach
    Benjamin schreibt

    Was Andrea geschrieben hat, finde ich beachtenswert und gut. Nicht "nur" eine IVF durchzuführen, sondern gleichzeitig eine Untersuchung des eigenen Erbgutes durchzuführen zeugt meiner Meinung nach für Verantwortungsbewusstsein für das Kind.
    Denn ich meine, dass es neben Stress, Drogen oder anderen Dingen vor allem auch gesundheitliche und hier vor allem genetische Gründe haben kann wenn ein Kind nicht auf natürlichem Wege gezeugt wird.
    Weder möchte ich für den Übermensch plädieren, noch andere Ideologien propagieren.
    Genauso wenig wie m.E. nach eine 60 Jahre alte Frau Kinder bekommen sollte, muss kein Kind durch IVF gezeugt werden wenn es ein sehr hohes Risiko auf eine Erbkrankheit besitzt und deshalb auf natürlichem Wege nicht entstanden wäre.

  16. Elmar Breitbach
    Lucille schreibt

    Also ich (Biologin) muss leider sagen, das diese kleie veränderte Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken, nicht umbedingt an den Eltern liegt, sondern doch eher am IVF verfahren liegt.
    Dazu muss man sagen, dass ein Mensch nicht nur seine Gene hat, in denen, Krebsfördernde und Krebsunterdrückende Gene vorhanden sind, sondern auch Mechanismen welche diese Gene ein oder aus schalten und genau da liegt das Problem.
    Bei der normalen Befruchtung werden viele dieser ein und aus Schalter entfernt, wenn die Befruchtung allerdings ausserhalb dess Mutterleibes stadtfindet, scheint es hier allerdings kleine Probleme zu geben.

    Aber wie gesagt, diese Probleme scheinen wirklich nur einen sehr kleinen Teil zu betreffen.
    Ausserdem ist der Einfluss auf diese Schalter durch gute Ernährung, Sport und allgemein Gesundem Leben (ohne Alkohol und Rauchen) um einiges Größer, im positiven Sinn, als der Einfluss von IVF, im negativen.

  17. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @ Lucille: Über das Imprinting finden Sie Infos im Theorie-Teil dieser Seite. Auch die Studien, die dazu aufgeführt werden sind retrospektive empirische Studien zu sehr seltenen Erkrankungen, womit wir wieder beim statistischen Rauschen sind.

  18. […] die 42% in ihre Überschriften zu packen, auf weitere Erklärungen jedoch verzichtete. Zu diesem Artikel geht es hier. Ich bilde mir ein, er sei trotz des Themas auch ein wenig […]

  19. […] Da in dem Artikel auch ein erhöhtes Risiko für Krebs bei den nach IVF geborenen Kindern erwähnt wird, auch dazu noch ein Link zu einem Artikel, der hier erschien. […]