Kinderwunsch: Aber alle sagen, man müsse sich nur entspannen.

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Psyche und Kinderwunsch: Ein unerfüllter Kinderwunsch belastet die Psyche, das steht außer Zweifel. Wie steht es aber um den Einfluss der Psyche auf den Kinderwunsch? Wie wichtig ist es, sich zu entspannen?

Für unsere Reihe „Verhalten nach Transfer“ habe ich diesen Artikel aus den Tiefen des Archivs geholt und überarbeitet, denn Psyche und Kinderwunsch ist ein Dauerthema mit vielen Mythen und wenigen Fakten.

Die Empfehlung, sich bei Kinderwunsch zu entspannen und „keinen Kopf zu machen“ erscheint auch in unseren Foren immer wieder. Kernaussage ist dann oft, dass man besser schwanger wird, wenn man sich entspannt. Das lässt viele Leserinnen in dem Dilemma zurück, dass sie sich in einer Kinderwunschbehandlung eben nicht entspannen können, da eine solche Therapie zwar auch mit vielen Hoffnungen einhergeht, aber auch mit vielen Ängsten. Bleibt die Schwangerschaft dann aus, ist die Schuldfrage dann auch gleich geklärt: Die unentspannte Frau ist schuld.

Normaler Stress ist kein Problem

Alleine der länger bestehende unerfüllte Kinderwunsch verursacht Stress. Und eine Behandlung vergrößert diese psychische Belastung. Der Einfluss von Stress auf die Fruchtbarkeit wird jedoch grundsätzlich überbewertet. Zumindest, wenn damit der normale Stress am Arbeitsplatz und im Alltag gemeint ist.

Dies ist wissenschaftlich belegbar, wie man in diesem Artikel nachlesen kann:“Welchen Einfluss hat Stress auf die künstliche Befruchtung?“ Die Studie untersucht in einer sogenannten Metaanalyse alle zu diesem Thema veröffentlichte Studien und die Ergebnisse sind daher sehr belastbar.

Bedauerlicherweise wird diese eindeutige wissenschaftliche Aussage immer wieder angezweifelt, da man doch sehr häufig etwas anderes liest.

Aber alle sagen doch….?

Kinderwunsch und Psyche - Entspannung
Entspann‘ dich gefälligst!!! © clipdealer.com

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind jedoch keine demokratische Entscheidung, die nach dem Mehrheitsprinzip gefällt wird. Und die Studienlage ist nun mal eindeutig.

Warum trotzdem so viele Menschen behaupten, dass Stress die Fruchtbarkeit beeinträchtigen würde, liegt an einem Phänomen, was leider häufig auftritt, jedoch bedauerlicherweise völlig unwissenschaftlich ist: Der selektiven Wahrnehmung.

Selektive Wahrnehmung hilft vermeintlich

Biologische Prozesse – und dazu gehört natürlich auch das Schwangerwerden – sind oft nur schlecht kontrollier- und beeinflussbar. Demzufolge treten unerklärliche Resultate (Nicht schwanger werden trotz guter Voraussetzungen, unvorhergesehener Eintritt einer Schwangerschaft) häufiger auf, als man meint, nur durch Zufall erklären zu können.

Der Mensch gibt sich jedoch mit solchen rätselhaften Ereignissen nicht zufrieden, sondern sucht nach Erklärungen und Mustern hinter diesen Geschehnissen. Der Wunsch, eine Erklärung zu finden, resultiert in einer veränderten Wahrnehmung, die dann nur oder hauptsächlich Zusammenhänge wahrnimmt, welche die Theorie – das Erklärungsmuster – bestätigen [Bestätigungsfehler]

Vermeintliche Kontrolle

Natürlich ist der Eintritt und das Ausbleiben einer Schwangerschaft kein völlig zufälliges Ereignis, wie zum Beispiel Lotto oder ein Münzwurf. Aber die Einflussnahme ist nur begrenzt möglich und Vieles unterliegt Zufällen, die sich genauso unserer Kontrolle entziehen.

Das ist aus Sicht Betroffener wenig zufriedenstellend und führt zu dem Versuch, die unkontrollierbaren Faktoren gezielt zu beeinflussen. Was per definitionem nicht möglich ist. Hat man aber durch selektive Wahrnehmung ein vermeintliches Muster erkennen können, dann dient diese „Beobachtung“ als Basis für gezieltes Handeln. Der Glaube daran, dass man zufällige Ereignisse beeinflussen kann, nennt sich Kontrollillusion. Und so kommen wir nun zurück zum Thema Stress, Psyche und Unfruchtbarkeit.

Entspannen macht schwanger

Warum also werden so viele Frauen nach langjährigem erfolglosen Bemühen im Urlaub schwanger? Oder noch offensichtlicher: Warum werden so viele Frauen schwanger, wenn sie mit dem Kinderwunsch abgeschlossen haben oder einen Adoptionsantrag stellen?

Die Erklärung kann nur sein, dass diese Frauen mit dem Thema Schwangerwerden abgeschlossen haben und dadurch einen Zustand der Entspannung erreichten, der endlich eine Schwangerschaft zuließ. So die gängige Meinung.

Entspannung ist hilfreich, aber macht nicht schwanger

Auch nach jahrelanger Kinderlosgkeit treten immer noch Schwangerschaften ein. Nach Ausschöpfung aller medizinischer Möglichkeiten liegt die Quote bei 3-5% (Nein, leider nicht pro Zyklus, sondern insgesamt). Wenn also 100 Paare mit einer solchen Vorgeschichte eine Adoptionsantrag stellen, dann werden 5 davon noch Eltern eines eigenen Kindes. Wichtige Zusatzaussage: bei 95 tritt eine Schwangerschaft NICHT ein.

Das außergewöhnliche Ereignis einer späten und unerwarteten Schwangerschaft wird aus nachvollziehbaren Gründen als erfreulich und berichtenswert wahrgenommen und demzufolge auch gerne weiter erzählt. Und der Psyche zugeschrieben. Ein Umstand, den der Spezialist und Psychologe Dr. Tewes Wischmann in einem Interview wie folgt kommentiert:

Es sind immer die gleichen Fälle, von denen da erzählt wird. Von den Frauen, bei denen so etwas nicht passiert – und das ist Mehrzahl -, spricht niemand. Wir erfinden gern Kausalitäten, weil wir uns wohler fühlen, wenn wir denken, wir wissen, warum etwas passiert. Diese Geschichten sind ein Versuch, etwas Unkontrollierbares in den Griff zu bekommen. Sie setzen die betroffenen Paare aber nur mehr unter Druck.

Aus solchen Ereignissen den Schluss zu ziehen, im Vorfeld sei eine Schwangerschaft nicht eingetreten, weil die Frau zu „verkrampft“ gewesen sei, hält er aufgrund der darin enthaltenen Schuldzuweisung sogar für gefährlich. Und auch Prof. Krüssel aus Düsseldorf erklärte dies in einem Interview ähnlich:

Tipps von Freunden und Verwandten zum Thema Kinderkriegen sind oft magische Ideen. Sie sollen eine unkontrollierbare Situation scheinbar erträglicher machen. So erklärt sich die Psychologie die Ammenmärchen rund um den unerfüllten Kinderwunsch.

Das Internet als Mythenmultiplikator

Während früher solche Mythen nur langsam Verbreitung fanden, bietet das Internet die Möglichkeit (oder das Risiko, je nach Sichtweise) der schnellen Verbreitung von Informationen. Bedauerlicherweise führt dies oft zu schnellem und schludrigem Arbeiten. Die Recherche zu vielen Themen beschränkt sich ganz offenbar darauf, aus den ersten 10 Fundstellen bei Google einen eigenen Text zu basteln. Gerade, wenn der Redakteur nicht im Thema „drin ist“, was bei medizinischen Themen ja oft genug der Fall ist, wird oft einfach nur abgeschrieben und umformuliert.

Wenn aber „Ammenmärchen“ fleißig abgeschrieben und weiter verbreitet werden, dann werden sie dadurch nicht richtiger. Das war bei den vier Evangelisten und der jungfräulichen Empfängnis schon so und hat sich seitdem nicht geändert. Nur dass es jetzt tausende dieser „bleibt mal locker“-Evangelisten gibt.

Muss man nun entspannen oder nicht?

Wer auf der Suche nach einer konkreten Antwort ist, wird möglicherweise gleich hierher gesprungen sein. Die Antwort ist: Nein. Zumindest nicht, um schwanger zu werden. Ansonsten ist entspannt zu sein, schon ein guter Gemütszustand, den zu erreichen nie verkehrt ist.

Dieser Artikel darf übrigens gerne weiterverteilt/verlinkt werden 😉


Noch Fragen?

Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über zahlreiche andere Foren von wunschkinder.net.
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Kommentar

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16 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    sbie schreibt

    immer wieder erfrischend Ihre Texte! Und genau wegen diesem Inhalt werden wir sie vermutlich zu 95% bald wieder beehren (müssen) 😉

  2. Elmar Breitbach
    Coralle12 schreibt

    Vielen vielen Dank für diesen Artikel. Ich kann es nicht mehr hören: "Du musst den Kopf frei haben" *ahaahahhhahahahahah* Ich glaube auch, es hat viel mit Glück zu tun, dass man schwanger wird und nicht damit, wie frei der Kopf ist… DANKE EUCH!

  3. Elmar Breitbach
    Greta S schreibt

    wie entspannend so ein postbote sein kann – nach etlichen stressigen jahren mit dem eigenen mann *pfeif*

    und der gatte erzählt dann noch rum, dass sei NUUR entspannen mussten, und dann klappte es 🙂

    und ja, postboten sind heute oft frauen. daher empfehle ich jeder frau den zweiten dummen tip: mal in den urlaub fahren.

    alleine übrigens 🙂

    wirkt auch wahre wunder.

    jedenfalls für die "rumerzähler" 😉

  4. Elmar Breitbach
    grueneGurke schreibt

    Schlimmer sind die ‚Stellungstipps‘ und dann Infos zum ‚Zeugungsschmerz der Maenner’…

    Danke fuer den Bericht 🙂

  5. Elmar Breitbach
    bu schreibt

    wieso soll die die jungfräuliche Empfängnis ein Ammenmärchen sein? Sie ist möglich – und zwar durch künstliche Befruchtung. Von daher ist es mir ein Rätsel, warum die kath. Kirche die künst. Befruchtung ablehnt. Schließlich konnte Jesus nur so gezeugt werden.

  6. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Nicht zu fassen.

    Nun steht da oben eine schöne Pointe und hier unten wird sie zerfasert. Jetzt haben Sie sie auf dem Gewissen. Ich hoffe, Sie können damit leben.

  7. Elmar Breitbach
    Sabine schreibt

    Den besten Kommentar dazu machte eine Freundin, die mittlerweile im Rentenalter ist und früher mehrmals ungewollt schwanger wurde: "Du glaubst gar nicht wie extrem unentspannt man ist, wenn man gerade NICHT schwanger werden will!"

  8. Elmar Breitbach
    Vreni schreibt

    Vielen Dank für diesen Artikel, der meiner Wissenschaftlerseele sehr entgegenkommt. Ich habe oft das Gefühl, gegen Windmühlen mit der Aufschrift "entspann dich mal" zu kämpfen, wenn ich über meinen (zweiten) Kinderwunsch rede. Das erste Kind entstand nach zwei Jahren Wartezeit in der stressigen Situation des Umzugs nach Eigenheimbau…

  9. Elmar Breitbach
    siesn schreibt

    Ja solche Sprüche kenne ich auch- habe anfangs nur mit den Augen gerollt, mittlerweile nervt es mich und ich sage etwas ("wenn dem so wäre wäre die Menschheit ja schon längst ausgestorben, da es auch im Krieg Gebruten gab" o.ä).
    Denke die Definition von Stress ist auch eine sehr subjektive..
    Ja sowohl meine eine Freundin wurde nach 3 erfolglosen Kiwu-Versuchen sponatan schwanger – nachdem sie den Job/Arbeitsstelle wechselte und schon ins Ausland gehen wollte. Meine Meinung dazu: das Sg vom Mann war einfach wegen Antibiotikumtherapie wesentl. besser, sie hatten mehr/öfters Sex.
    Und ich selbst bin 2Monate nach einem Jobwechsel spontan schwanger geworden, nachdem wir es über 4Jahre per NFP und Kiwu probiert hatten. Ich bin aber eher wissenschaftl interessiert und schiebe es auf andere Umstände (Antibiotikumeinnahme wegen Blasenentzündung 1Monat vorher, etc). Klar mag das stressige pendeln (1-1,5St einfach über eine vielbefahrene Autobahn), angespanntes Arbeitsklima und Job vorher auch (geringfügig) seinen Anteil gehabt haben, aber nicht in dem Ausmaß.
    Ich habe mich z.B. gefragt ab welchem Grad Stress (auf Arbeit) ist der Stress wirklich eher negativ als der normale Stress? Wo fängt da die Unterscheidung an? Bei "leichtem Mobbing ab und zu"? Aber das wird man nicht glasklar rausfinden können, da jeder Körper ein wenig anders tickt, usw. nehme ich an.

  10. Elmar Breitbach
    KiWu schreibt

    Ein guter Hinweis, Stress zur Empfängnisverhütung funktioniert ja auch nicht.
    Oberflächlich und uninformiert ist jedoch der Kommentar zu den Evangelisten und der jungfräulichen Empfängnis. Dass die Bibel nicht wörtlich zu nehmen ist, sondern vielfach zu ihrer Entstehungszeit gebräuchliche Metaphern verwendet wurden, sollte mittlerweile auch Kirchenfremden bekannt sein. Das Bild der "jungfräulichen Empfängnis" ist bspw. ein Bild, das man auch in der griechischen Mythologie findet, wenn deutlich gemacht werden soll, dass jemand nicht-menschlicher (sondern göttlicher) Herkunft ist.

  11. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @ Kiwu: Sie hätten auch darauf hinweisen können, dass nur zwei der vier kanonischen Evangelien die jungfräuliche Empfängnis beschreiben und sie daher ja keinesfalls voneinander abgeschrieben haben können. Oder Maria selbst bereits unbefleckt empfangen wurde. Aber was soll ich sagen: Das wäre im Kontext mit obigem Artikel genauso ohne Bedeutung wie Ihre freundliche Anmerkung. Nehmen Sie es einfach so, wie es gemeint ist: Als Metapher. Ich bin sicher, dass Sie auch zu dieser Transferleistung in der Lage sind 😉

  12. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Die meisten Studien arbeiten bei der Stressbewertung mit standardisierten Fragebögen. Und die fragen das subjektive Stressempfinden ab. Es wird – im zivilisierten Alltag – also keine Situationen geben, die objektiv besonders oder weniger besonders stressig sind.

  13. Elmar Breitbach
    KiWu schreibt

    @ Elmar Breitbach: Vielleicht habe ich Ihre Metapher tatsächlich nicht richtig verstanden. Für mich klang es so, als wollten Sie die "unbefleckte Empfängnis" mit einem Ammenmärchen und die Evangelisten mit Erzählern von solchen vergleichen. Das hätte ich unpassend gefunden, da Ammenmärchen eindeutig als falsch widerlegte Meinungen sind, während es beim Bild der Jungfrauengeburt von vornherein nicht um "wahr" oder "falsch" geht.

  14. Elmar Breitbach
    Libby1234 schreibt

    Manche sagen auch noch viel schlimmere Sachen als dass man sich doch nur entspannen solle… Zum Beispiel dass die Beziehung dann wohl auch auf anderer Ebene unfruchtbar sei oder dass eben gerade kein Kind zu einem wolle. Echt gruselig.

  15. Elmar Breitbach
    Karin schreibt

    Danke für diesen Artikel!

  16. Elmar Breitbach
    Otter schreibt

    Ich finde die "Entspannungstheorie" auch wirklich frauenfeindlich und sie hat, glaube ich, auch viel mit dem Mythos vom Muttersein zu tun. Entspannen sollen sich immer diese hysterischen, kinderlosen Frauen. Ich warte nämlich immer noch darauf, einmal zu hören, dass sich die Männer doch mal entspannen sollen und die Spermien dann schon schwimmen…