Nobelpreis für Medizin geht an den Erfinder der IVF


Zu der Zeit, als die IVF erstmals angewendet wurde, also Ende der Siebziger, war der Aufschrei groß, dass so ein widernatürliches Verfahren erlaubt sein sollte. „Retortenbabys“ und „Homunculi“ waren die Bezeichnungen, mit denen die so gezeugten Kinder belegt wurden.

Auch wenn sich die Sichtweise auf die Methoden der Kinderwunschbehandlung in den letzten Jahrzehnten geändert hat und auch in der Laienpresse öfters (gelegentlich sogar weitestgehend vorurteilsfrei) darüber berichtet wird, so scheinen sich Paare, die sich dieser Behandlung unterziehen, immer noch in einer Tabuzone der Gesellschaft zu bewegen.

Aber zumindest die wissenschaftliche Sichtweise auf die Reagenzglasbefruchtung hat sich grundlegend geändert. Sie ist eine etablierte Methode, mit der sich zehntausende von Biologen und Ärzten beschäftigen. In diesem Bereich wird in einer zunehmenden Zahl von spezialisierten wissenschaftlichen Zeitschriften eine unübersehbare Flut von Studien publiziert. Fast täglich wird das Rad neu erfunden. Jedoch ohne die 1978 erstmals erfolgreiche Methode von Robert Edwards und Patrick Steptoe wesentlich zu verändern.

Robert EdwardsDer lange Weg zur Geburt des ersten durch IVF gezeugten Kindes wird in einem Artikel der Ärztezeitung ausführlich beschrieben. Sehr hartnäckig verfolgte er sein Ziel, menschliche Eizellen im Reagenzglas zu befruchten und zu Embryonen heranreifen zu lassen, was ihm schließlich zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe gelang. 1976 konnte die erste Schwangerschaft erzielt werden (Leider eine Eileiterschwangerschaft) zwei Jahre später gefolgt von der Geburt Luise Browns.

Für diese bahnbrechende wissenschaftliche Leistung erhält der Physiologe Edwards nun in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin.

Das Nobelkomitee begründet die Vergabe mit dem Paradigmenwechsel, den die In-vitro-Fertilisation (IVF) in der Behandlung verschiedener Formen der Infertilität ausgelöst habe, die heute für weltweit mehr als 10 Prozent aller Paare ein Problem sind. Edwards habe das Potenzial der IVF bereits in den 50er Jahren erkannt, als er die hormonelle Kontrolle der Ovarialfunktion einschließlich der Oozytenreifung und der Ovulation an Mäusen erforschte.

Wäre sein 1988 verstorbener Partner, der Gynäkologe Patrick Steptoe, noch am Leben, wäre es nach langen Jahren das erste Mal, dass ein Arzt den Nobelpreis für Medizin erhielte.

Natürlich sind die Erfolgsraten seit der Zeit von Edwards und Steptoe deutlich gestiegen. Jedoch sind viele Neuerungen seit damals eher Details, die zwar ihren Anteil daran haben, dass die Behandlungen heutzutage besser verträglich und erfolgreicher sind, aber die Anzahl bahnbrechender Ereignisse ist gering:

  • Hormonelle Stimulation und Ovulationsauslösung. Durch entsprechende Hormongaben kann gewährleistet werden, dass die entnommenen Eizellen reif und befruchtungsfähig sind.
  • Entnahme der Eizellen transvaginal unter Ultraschallkontrolle. Damit kann den Patientinnen die früher zur Entnahme notwendige Bauchspiegelung erspart werden.
  • Downregulation: Durch das Unterdrücken des vorzeitigen Eisprungs werden negative hormonelle Einflüsse auf die heranreifende Eizelle vermieden und die Sicherheit der Prozedur (vorzeitige Ovulation = Abbruch der Therapie) deutlich erhöht.
  • ICSI: Mit Hilfe dieser Methode können nun auch Eizellen befruchtet werden, wenn der Mann nur sehr wenige Spermien im Ejakulat hat oder die Samen gar operativ direkt aus dem Hoden gewonnen wurden. Die bahnbrechendste Verbesserung der Reagenzglasbefruchtung, da es vielen Paaren überhaupt erst Zugang zu dieser Methode erlaubte
  • Krokonservierung: Durch das Einfrieren überschüssiger Eizellen lässt sich Schwangerschaftsrate pro Punktion erhöhen, da mehrere Transfers einer Eizelleentnahme folgen können. Die Kryokonservierung von Hodengewebe und Spermien ermöglicht ebenfalls die ICSI bei einer Vielzahl von Erkrankungen
  • Präimplantationsdiagnostik: Zum Ausschluss bestimmter genetischer Erkrankungungen ermöglicht sie auch Eltern mit Erbkrankheiten, gesunde Kinder zu bekommen

Darüber hinaus gibt es tausende kleinerer Verbesserungen, deren Anteil an der verbesserten Schwangerschaftsrate bestenfalls marginal ist (in der Summe jedoch durchaus bedeutend) schlechtestenfalls jedoch unbewiesen.

Im Wesentlichen führen wir die IVF noch so durch, wie sie vor 30 Jahren von Edwards und Steptoe entwickelt wurde. Das zeigt wie bahnbrechend ihre Arbeit war und wie sehr Edwards aus Sicht der Reproduktionsmediziner den Nobelpreis verdient hat.


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Kommentar

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24 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Lectorix schreibt

    Ich war ordentlich beeindruckt, als ich heute die Nachrichten hörte. Es ist ein derart positives Zeichen für unsere Patientengruppe, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Mir kommt zwar das Würgen, wenn ich teils die Kommentare ungebildeter und voreingenommener Internetuser in den einschlägigen Newsportalen zum Thema lese, aber dennoch glaube ich, dass durch diese sprichwörtliche "Adelung" des Themas sich unsere gesellschaftliche Situation verbessern könnte. Mal sehen, was tatsächlich passiert.

  2. Elmar Breitbach
    atonne schreibt

    Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch an Robert Edwards (und natürlich auch an den verstorbene Patrick Steptoe)!

    Es freut mich zudem sehr, dass das Nobelpreis-Kommittee auch in diesem Jahr seiner Linie treu geblieben und trotz aller Kontroversen wieder einmal ein Thema in die Öffentlichkeit gebracht hat, dass in einigen Kreisen (Vatikan etc) sehr umstritten ist – mutige Entscheidung, die uns aber allen aber aus meiner Sicht helfen wird, unsere Situation zu verbessern.

  3. Elmar Breitbach
    BabyTrail schreibt

    Typisch natürlich, dass der Vatikan diese Ehrung verurteilt: Statt sich über die gezeugten und geborenen Kinder zu freuen, die sonst nie das Licht der Welt erblickt hätten, jammert er (in Person eines Bioethikers) über die vernichteten Embryonen!!!
    Das ko.zt mich so an!

  4. Elmar Breitbach
    miletti schreibt

    Ich bin begeistert von dieser Entscheidung des Vergabekomitee, zumal die große praktische Bedeutung dieser Erfindung gewürdigt wird. Etwas schmunzeln musste ich gestern, als ein Mitglied des Komitees meinte, sie hätten sich bewusst so lange Zeit gelassen um zu schauen, ob die Kinder auch gesund seien und "ja" die Kinder seien gesund. Das fand ich mal die richtige Bemerkung an der richtigen Stelle um auch den Vorurteilen zu begegnen.

    Irgendwie freu ich mich sehr, denn ohne diese beiden Männer hätte ich auf das größte Glück und Abenteuer meines Lebens verzichten müssen.

  5. Elmar Breitbach
    miletti schreibt
  6. Elmar Breitbach
    madita12 schreibt

    Ehre, wem Ehre gebührt!!! Eine ganz hervorragende Entscheidung durch das Nobelkomitee. Vielleicht ein Lichtblick für alle IVF/ICSI-Paare.

    Mal sehen was passieren wird.

  7. Elmar Breitbach
    Lakritzschnecke schreibt

    Tolle Sache und verdiente Ehrung! Auch wenn die Kirche das naturgemäß mal wieder völlig anders sieht.

  8. Elmar Breitbach
    tomorrow schreibt

    Herr Edwards hat den Nobelpreis wohl nicht nur aus Sicht der Reproduktionsmediziner sondern auch aus Sicht der Betroffenen verdient.
    Eine richtige Entscheidung vom Komittee, vor der ich riesengroßen Resprekt und Dank habe, genauso wie vor Herrn Edwards und Herrn Steptoe!!!

  9. Elmar Breitbach
    sks1 schreibt

    Hab Tränen in den Augen!!! Denn ohne diese beiden Männer wär ich nicht schwanger.
    Hm, wenn ich mir jetzt so recht überlege, wieviele Männer an meiner Schwangerschaft beteiligt waren… schon kurios. 😉

  10. Elmar Breitbach
    Thinka906 schreibt

    Auch ich gratuliere dem / den Preisträger/n! Unsere Freude ist riesengroß und auch wir haben ein paar Tränchen vergossen – nur so haben wir das größte Geschenk unseres Lebens erhalten können *verneig*

    LG

    Kristina

  11. Elmar Breitbach
    manulein schreibt

    Hallo

    als ich es im Radio gehört habe, dachte ich erst das ich mich verhört habe, denn normalerweie hört man ehr was negatives höchstes was neutrales in der Presse.
    Ich habe mich sehr sehr gefreut uns er hat den Nobelpreis auch mehr als verdient !
    Das einige dagegen wettern ist völlig normal das erleben wir schliesslich tagtäglich, werde mir gar nicht ihrgentwelche Kommentare antun.
    Ich hoffe das es in den Köpfen von einigen ein Ruck gibt und unsere Situation verbessert wird, man darf ja mal träumen dürfen …

    Ganz liebe Grüße
    Manu

  12. Elmar Breitbach
    luffi schreibt

    Habe das auch heute morgen total ungläubig im Radio erfahren. Aber was für eine tolle und verdiente Entscheidung! Ohne dieses Verfahren wären wir vermulich auch kinderlos geblieben

  13. Elmar Breitbach
    Reaba schreibt

    It’s As Simple As that: ohne die beiden maenner haetten viele von uns entweder keine Kinder oder nicht mal den Hauch einer Chance auf biologischen Nachwuchs. Daher einfach nur: DANKE!

  14. Elmar Breitbach
    mjuka schreibt

    Bin heute schon den ganzen Tag dankbar und froh. So eine wunderbare Entscheidung, dieser Nobelpreis ist mehr als verdient vergeben worden 🙂

  15. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich freue mich mit Robert Edwards und sehe den Nobelpreis auch als ein positives Zeichen. Den ersten positiven Artikel gibt es auch schon. Hier: http://www.zeit.de/meinung/2010-10/kommentar-nobelpreis-leben-lassen?page=2

    Zusammen mit mindestens 3 Richtung weisenden positiven Urteilen zum Thema assistierte Befruchtung in diesem Jahr könnte dieser Nobelpreis auch ein Hinweis auf eine Trendwende sein. [ Träum ].

    Und: Ich bin glücklich, dass ich diesem Mann schon mal die Hand schütteln und Fotos von unseren Kindern zeigen durfte.

  16. Elmar Breitbach
    lena77 schreibt

    Auch von mir und meinem mann ein dank an die beiden herren und an die frauen, die so mutig waren, sich als erste auf so eine behandlung einzulassen! An mich und meinen Mann eine herzliche gratulation, dass wir schon vor zwei jahren aus der katholischen kirche ausgetreten sind.

  17. Elmar Breitbach
    Woelfchen007 schreibt

    … wir sind unendlich dankbar.

    Ohne die Medizin und deren ständigen Fortschritt wäre mein Mann einfach gestorben, an einer Krankheit die heute im frühen Stadium durchaus heilbar ist.

    Ohne die Medizin und ohne Mr Edwards hätten wir nicht einmal eine Chance auf ein gemeinsames Kind.

    Danke für diese Engel, die ihr Leben der Wissenschaft, der Medizin und dem Fortschritt widmen, damit wir eine Zukunft haben – mit dem bereits bestehenden Leben, das nach der Heilung fortgeführt werden darf und mit vielleicht neuem Leben, das egal wie es entstanden sein wird, gewollt ist und somit auch ein Kind Gottes
    – möge der Papst dazu sagen was er will…

  18. Elmar Breitbach
    Kauriga schreibt

    Bravo, ich habe mich wirklich gefreut über diese Entscheidung! Die Zahlen von 10 % unglücklicher Paare mit Kinderwunsch in den Medien darzustellen, rückt bestimmt vereinzelt nochmal ins Bewusstsein, dass Kindersegen nicht selbstverständlich ist, sondern für viele – dank des/r Geehrten – ein großes Glück.

  19. Elmar Breitbach
    easabelle schreibt

    Zur vielstimmigen und oft unqualifizierten Kritik an der Entscheidung des Nobelpreiskomitees kann ich nur sagen, dass ich die Vergabe des Friedensnobelpreises an Politiker wie Henry Kissinger, Yassir Arafat oder Barack Obama um einiges fragwürdiger finde als die Ehrung eines Wissenschaftlers, der mit seiner Leistung aus unzähligen unglücklichen Paaren glückliche Eltern mit von ganzem Herzen gewollten und geliebten Kindern gemacht hat. Das war ein langer Satz 😉 – nun noch ein kurzer: Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank!

  20. Elmar Breitbach
    leocat78 schreibt

    Ich hab mich auch sehr gefreut. Herzlichen Glückwunsch und nochmals DANKESCHÖN!

    Nebenbei: Wer hat dann eigentlich – nachdem es dank dieser beiden großartigen Wissenschaftler die IVF gab – dann die erste ICSI durchgeführt? Das ging ja noch einen entscheidenden Schritt weiter. Hab mich in den tausenden Google-Ergebnissen verzettelt und nichts rausgefunden…

  21. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Dr. Andre Van Steirteghem and Dr. Paul Devroey aus Brüssel

  22. Elmar Breitbach
    Hannah74 schreibt

    Ich war sehr überrascht darüber, wie sehr mich die Vergabe dieses Nobelpreises berührt hat. Man kann es gar nicht anders sagen – ich war sehr ergriffen. Ohne diese Pioniere gäbe es unseren Sohn nicht.
    Herzlichen Glückwunsch an die beiden Wissenschaftler und vor allem DANKE!!! für das größte Glück in unserem Leben.
    Hannah

  23. Elmar Breitbach
    Lucy schreibt

    Auch von mir herzlichen Glückwunsch, es ist sicherlich eine große Leistung, die das Leben vieler Menschen verändert hat. Ein bisschen frage ich mich allerdings, ob es global gesehen nicht wesentlichere Fortschritte in der Medizin gab. IVF ist ja im wesentlichen eine Sache der westlichen Industriestaaten…

  24. […] Führt man sich diese Auswirkungen seiner Forschung vor Augen, wundert es nicht, dass Edwards im Jahre 2010 für diese bahnbrechende Entwicklung den Nobelpreis für Medizin erhielt. […]