Nach künstlicher Befruchtung: Mehr Risikoschwangerschaften

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Die Risiken einer Schwangerschaft, die durch IVF oder ICSI entstanden, sind gegenüber denen nach einer natürlichen Konzeption deutlich erhöht.

Fleißarbeit

Das ist das Ergebnis einer Übersichtsarbeit, bei der die Autoren 3980 (!) wissenschaftliche Artikel aus den Jahren 1980 bis 2005 analysierten, welche sich mit dem Verlauf von Schwangerschaften nach künstlichen Befruchtungen beschäftigen. Bekannt ist, dass nach Kinderwunsch-Behandlungen häufiger Mehrlingsschwangerschaften entstehen, die zu einem erhöhten Anteil an Risikoschwangerschaften führen.

Daher wurden diese Schwangerschaften bei der Beurteilung der Risiken ausgeschlossen und nur der Verlauf von Einlingsschwangerschaften nach IVF und ICSI analysiert. Zur Motivation für diese Studie bemerken die Autoren: „Die In-vitro-Fertilisation wird seit nahezu dreißig Jahren eingesetzt; in Industrieländern geht inzwischen mindestens ein Prozent der Geburten auf assistierte Reproduktionstechniken zurück. Diese Kinder stellen nun einen wesentlichen Anteil der Bevölkerung, über ihre gesundheitliche Situation ist jedoch zu wenig bekannt.“

Spezifische Risiken nach IVF und ICSI

Im Vordergrund der Risiken stehen nach wie vor die Folgen von Mehrlingsschwangerschaften, aber auch spezifische Risiken nach künstlicher Befruchtung ließen sich bei Durchsicht der fast 4000 Artikel isolieren.

  1. Fehlgeburten: 20-34% höhere Rate. Mögliche Ursachen: generell höheren Alters der Paare, hormonelle Störungen, organische Missbildungen und des Ausmaßes der ovariellen Stimulation.
  2. Präeklampsie (Schwangerschaftsgestose): Um 55 Prozent erhöht.
  3. Totgeburten: 155 Prozent.
  4. geringes Geburtsgewicht: um 70 bis 77 Prozent erhöht.
  5. erheblich verringertes Geburtsgewicht: 170 bis 200 Prozent.
  6. erheblicher Missbildungen: um 30 Prozent erhöht. Dies gilt unabhängig von der angewandten Technik

Außerdem existiert ein zahlenmäßig nicht genau zu bezifferndes gesteigertes Risiko für Zerebralparesen, zum einen auf Grund einer erhöhten Rate an Frühgeburten, zum anderen auf Grund eines intrauterinen Absterbens eines Föten bei Zwillingsschwangerschaften. Zeitgerecht und reif geborene Kinder nach künstlicher Befruchtung haben jedoch kein erhöhtes neurologisches Risiko. Auffälligkeiten hinsichtlich familiärer Beziehungen und psychologischer Fragestellungen ergaben sich nicht.

Ursache sind vor allem die Patienten und nicht die Behandlung

Die zusammengetragenen Risiken stünden allerdings nicht ausschließlich in direktem Zusammenhang mit der Technik, so die Forscher: Das generell höhere Alter der Paare spiele eine Rolle sowie der biologische Hintergrund. „Noch existieren viele unbekannte Parameter bezüglich der Gesundheit von nach einer künstlichen Befruchtung empfangener Kinder, die umfassend angesprochen werden müssen. Nach einer künstlichen Befruchtung geborene Kinder sollten über einen langen Zeitraum nachuntersucht werden, bis zu ihrer Geschlechtsreife und darüber hinaus.“

Zur Beurteilung der Zahlen noch folgender Hinweis: Wenn hier steht, dass ein Risiko 30% erhöht sei, dann bedeutet dies nicht, dass das Risiko statt 10% nun 40% beträgt. Es ist eine relative Angabe, die sich nicht auf die Gesamtheit der Fälle bezieht, sondern nur auf das jeweilige Risiko. Bei einem 10%igen Basisrisiko resultiert also eine Steigerung um 30% in einem 13%igen Risiko.

Das Thema Fehlbildungen wird von den Paaren, die sich einer solchen Behandlung unterziehen müssen, mit besonders großer Sorge gesehen. Eine Steigerung um 30% bedeutet hier bei einem Basisrisiko von 2% für schwere Fehlbildungen eine Erhöhung auf 2,6%. Das absolute Risiko bleibt also weiterhin sehr klein, so auchdie Autoren des Artikels.

Dr Alastair G Sutcliffe & Prof Michael Ludwig
Outcome of assisted reproduction
Lancet 2007; 370: 351


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Kommentar

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11 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    akkopatz schreibt

    Hi,hi, wenn ich das gewusst hätte: höheres Schwangerschaftsrisiko nach künstlicher Befruchtung….

    Muss mir gleich nochmal überlegen ob ich meine Eisbären abhole 😉

    Natürlich ist hier Risikoschwangerschaft gemeint… Oder wie? Die Überschrift finde ich nicht so gelungen

    akkopatz

  2. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    Stimmt

  3. Elmar Breitbach
    Donza schreibt

    155% höheres Risiko für Totgeburten?
    🙁

  4. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    @ Donza: Das Basisrisiko in Deutschland liegt hier bei 4%. Hauptursache sind hier extreme Frühgeburten, ebenso wie bei IVF und ICSI. Hier besteht ein nicht unerhebliche Korrelation zum Alter der Frau. Das ist also vermutlich weniger der Behandlung zuzuschreiben

  5. Elmar Breitbach
    cuba schreibt

    Lieber Doc,

    ich weiß ihre Arbeit hier wirklich sehr zu schätzen auch die vielen interresanten Beiträge…..aber wollen wir hier echt solche Beiträge lesen ???? Mich verunsichert dass immer total…und ich glaube den anderen Frauen geht es genauso.
    Sorry, ist halt meine Meinung . Gruß Cuba

  6. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    1. Dieser Artikel wird vermutlich Einzug in die Laienpresse halten. Das ist absehbar. Er wurde in "Lancet" publiziert, eine der renommiertesten medizinischen Publikationen weltweit

    2. Wird in der Laienpresse dann vermutlich stehen "200% Totgeburten nach IVF". Ok nicht direkt, aber ich kenne das zur Genüge.

    3. Ist also die Intention dieses Artikels, den Inhalt vorab darzustellen und den Hintergrund, auch die Zahlen.

    4. Sind diese Ergebnisse so beunruhigend gar nicht, denn die Kernaussage ist, dass die Risiken nur zu geringem Teil durch die Behandlung entstehen und zum größten Teil durch die behandelten paare eingebracht werden. Disse hätten diese Risiken also auch, wenn sie ihr Kind auf normalem Wege bekommen hätten.

  7. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    @cuba

    ich kann dich verstehen. hab auch erstmal geschluckt…aber: zum einen gebe ich dem doc recht – lieber hier die fakten zur kenntnis nehmen als in irgendeines halbinformierten 3 min darstellung in den medien. zum anderen: viele von uns werden/wurden nicht schwanger, weil es irgendwo im ablauf der einnistung gehakt hat…angefangen bei SD bis hin zu gerinnung oder immunologie. diese risiken treffen JEDE schwangerschaft einer frau die mit den problemen "gesegnet" ist…und je älter man ist, desto mackenhafter macht sich das bemerkbar. und das betrifft jetzt nur den weiblichen part.

    es gibt darüber leider nicht viel studien, aber die meisten aborte gehen auf das konto von gesundheitlichen störungen der mutter – häufiger zumindest als späte aborte aufgrund gesundheitlicher schäden schon in der genetischen anlage des kindes. leider ist das für die feld-,wald- und wiesengyns eigentlich kein großes thema…da hören frauen, die normal empfangen können nämlich nur: pech gehabt – weiterversuchen. ursachenforschung geht normalerweise erst ab abort nummer 3 los 🙁

    wenn man gründlich vor der IVF/ICIS darauf untersucht wird, dann ist das aber alles als risiko minimierbar bis vermeidbar wenn die schwangerschaft eingetreten ist.

    das einzige was mich wirklich etwas entsetzt hat ist die geforderte langzeitbeobachtung von kindern die durch assistierte reproduktion entstanden sind. wissenschaftlich mag das alles sinn machen…und wenn es auch nur dazu dient keinen unterschied festzustellen zu "normal" gezeugten kindern ;-).
    mich würde wirklich interessieren was an hypothese hinter dieser forderung steckt…
    ich vermute folgendes: findet sich da auch nur ein promill abweichung zur entwicklung des "normalgezeugten" wird daraus gleich wieder ein wertvoller und informativer 3 minuten-beitrag… 🙂

  8. Elmar Breitbach
    Matthias schreibt

    Meistens sind doch Menschen die ihr Kind durch künstliche Befruchtung zeugen wollen nicht in der Lag auf natürlichem Wege eines zu bekommen. Somit werden wohl schon hier beachtliche Risiken entstehen, es wird noch eine Zeit ungklar bleiben wie die Statistik bei "gesunden" Paaren aussehen würde.

  9. Elmar Breitbach
    Emily schreibt

    @Matthias: Geht das jetzt in die Richtung "Die Natur wird schon wissen, warum es bei euch nicht klappt…!"?
    Sorry, diesen Satz hab ich bis zum Erbrechen hören müssen, vor allem nach den beiden Fehlgeburten. Dabei hatten wir da schon ein "normal" gezeugtes Kind… Nach dessen Geburt waren halt irgendwann meine Eileiter verklebt, bedingt durch Endometriose. Eine Kleinigkeit, ein rein "technisches" Problem, aber für eine natürliche Zeugung ein unüberwindliches Hindernis. Pech gehabt… ein Kind reicht doch – oder was?!
    Ich hab immer versucht, es Laien so zu erklären: Der Abfahrts- und Zielbahnhof sind in hervorragendem Zustand, die Züge hochmodern, die Gleise gut gepflegt… Und irgendwo auf der Strecke zwischen Hamburg und München ist z. B. durch Hochwasser eine Eisenbahnbrücke eingestürzt. Eine Kleinigkeit… aber du hast keine Chance, auf normalem Weg (in dem Fall mit dem Zug) dein Ziel zu erreichen. Bleibst du deshalb dein Leben lang in München (oder Hamburg, je nachdem)? Nö – du nimmst dir einen Mietwagen oder kaufst dir ein Flugticket.

    Wo ist das Problem? Jede Krankheit darf behandelt werden, nur Unfruchtbarkeit nicht weil "von der Natur so gewollt" :-(?! Erklär mir das genauer, bitte!

  10. Elmar Breitbach
    Conny schreibt

    Hi Emily, ich habe das gleiche Problem: 1 Kind "normal" gezeugt, beim 2. klappt´s nicht mehr aufgrund Eileiterverklebung bzw.-veränderung. Ich quäle mich nun seit kurzem mit dem IVF-Problem herum. Ja – Nein ???? Und die "gutgemeinten" Aussagen: "aber ihr habt doch ein gesundes Kind, seid zufrieden damit" oder "ihr habt halt einfach zu spät angefangen (ich bin jetzt 41)" nerven mich fürchterlich!!
    Waren deine Fehlgeburten nach der IVF-Behandlung (tut mir echt leid für dich!) oder vorher?

  11. […] Alter der Frau und andere Faktoren. Vor fast 10 Jahren erschien in der renommierten Zeitschrift „Lancet“ eine Studie dazu, die einen sehr umfassenden Überblick über die möglichen Schwangerschaftsrisiken […]