Längere Stimulationsdauer ist nicht von Nachteil


Eigentlich sind es die Studien, in welchen die simplen Fragen gestellt werden (und im Idealfall beantwortet), diejenigen, die mich am meisten interessieren. Vielleicht liegt es daran, dass ich die schwierigen Fragen kaum verstehe und die Antworten darauf meine Horizont ohnehin übersteigen. Nein, das ist nicht „fishing for compliments“, es ist die bittere Wahrheit. Die Fachzeitschriften zur Reproduktionsmedizin sind leider mit ihrem Schwerpunkt in Bereiche vorgerückt, deren molekularbiologische Themen sich mir nicht mehr erschließen.

Um so mehr freut es dann, wenn man etwas Praxisrelevantes zu lesen bekommt. Und das über ein Thema, zu dem man sich auch schon den einen oder anderen Gedanken gemacht hat. Die Frage: Ist es eigentlich von Bedeutung, wenn eine hormonelle Stimulation wesentlich länger dauert als üblich? Es ist bekannt, dass in einem unstimulierten Zykus die Eizellqualität leiden kann, wenn die Eizellreifung länger als 20 Tage dauert. Die Frage ist also, ob dies bei einer Hormonbehandlung für eine *ivf* auch Gültigkeit hat.

Dieser Frage widmete sich dankenswerter Weise eine Gruppe isrealischer Wissenschaftler. Sie untersuchten, ob die häufig geübte Praxis, einen Behandlungszyklus abzubrechen, wenn die Reifung der Eizellen zu lange dauert, berechtigt ist. Dazu wurden die von der Arbeitsgruppe in den Jahren 1999-2001 behandelten Patientinnen untersucht, die mit einem klassischen langen Protokoll im Rahmen einer *ivf* oder *icsi* behandelt wurden. Dabei wurde eine verlängerte Stimulationsdauer als ein Zeitraum definiert, der mehr als 2 Standardabweichungen vom Mittelwert abwich.

Bei 1015 durchgeführten Behandlungen erfüllten 34 Zyklen dieses Kriterium. Ein Unterschied in der Schwangerschaftsrate fand sich im Vergleich zu den Frauen mit einer normalen Stimulationsdauer nicht (9/34=26,5% bzw. 291/981=29,7%). [Ganz nebenbei: Interessante Ergebnisse, wenn man bedenkt, dass die israelischen Gesetze zu Reproduktionsmedizin längst nicht so streng sind wie die in Deutschland. Es bestätigt meine Bemerkungen aus dem kürzlich geschriebenen Leserbrief an den Spiegel, welcher zu meinem großen Bedauern nicht veröffentlicht wurde.] Die Schwangerschaftsrate war identisch, obwohl bei den Frauen die eine längere Stimulationsdauer benötigten, weniger Eizellen gewonnen werden konnten (7,1 bzw. 11,6). Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass ein Abbruch der Behandlung wegen einer längeren Stimulationsdauer nicht gerechtfertigt ist.

Bar-Hava I, Yoeli R, Yulzari-Roll V, Ashkenazi J, Shalev J, Orvieto R.
Controlled ovarian hyperstimulation: Does prolonged stimulation justify cancellation of in vitro fertilization cycles?
Gynecol Endocrinol. 2005 Oct;21(4):232-4


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