Kinderwunsch: Sex wird überbewertet


In 10 Jahren wird zumindest bei den über Dreißigjährigen Sex zum Zwecke der Fortpflanzung möglicherweise zunehmend von der Reagenzglasbefruchtung abgelöst werden. So zumindest die Zukunftsvision australischer Wissenschaftler.

Geht es nach einer aktuellen Veröffentlichung in der Zeitschrift Reproductive BioMedicine Online, werden die Fortschritte in der Reproduktionsmedizin uns in die Lage versetzen, Erfolgsraten von nahezu 100% zu erreichen. Vor allem Verbesserungen in den Kulturbedingungen und der Präimplanationsdiagnostik prognostizieren die Wissenschaftler als voraussichtliche Instrumente, um diese Ziele zu erreichen.

Kulturschale mit Embryonen
Kulturschale mit Embryonen
Es wird immer mehr Paare geben, die erst ab Mitte dreißig ihre Familienplanung angehen und diese werden sich dazu den australischen Kollegen zufolge immer öfter direkt für eine IVF entscheiden, anstatt den natürlichen Weg zu probieren. Pro Eisprung beträgt die Chance dieser Paare auf eine Schwangerschaft nur etwas mehr als 10%, während gegenwärtig unter guten Voraussetzungen mit der künstlichen Befruchtung bereits eine 50:50 Chance bestehe, was jedoch erst der Anfang sei, so die Autoren des Artikels.

Sie weisen darauf hin, dass in der Landwirtschaft z. B. bei Rindern die Erfolgsraten fast 100% betragen und die dort verwendeten Methoden sehr leicht auf den Menschen übertragbar sind. „Wir sind noch nicht ganz an diesem Punkt angelangt, aber auf dem Weg dorthin“, sagt John Yovich, einer der Autoren des Berichts. Die natürliche Reproduktion des Menschen ist freundlich formuliert ein höchst ineffektiver Prozess. Daher werden in den nächsten 5-10 Jahren Paare Ende dreißig direkt ein Kinderwunschzentrum aufsuchen, wenn sie ein Kind wünschen.“

Der Hauptautor der Studie – Gabor Vajta – muss es wissen, denn er ist Veterinärmediziner und weist darauf hin, dass bei Rindern die Erfolgsraten mit Hilfe der künstlichen Befruchtung 100x besser sind als auf dem normalen Wege. Er sieht keinen Grund, warum eine solche Steigerung nicht auch beim Menschen erreichbar sein könnte. Großes Potenzial sieht er hier vor allem in der Verbesserung der Kulturmedien, in denen die Embryonen im Brutschrank aufbewahrt werden. Auch die Verbesserung dieser Inkubatoren ist notwendig und birgt wesentliche Reserven zur Steigerung der Schwangerschaftsraten.

Mich persönlich würde es freuen, wenn man dieses möglicherweise wirklich vorhandene Potenzial nutzen könnte, zumal Kulturbedingungen nicht mit dem Embryonenschutzgesetz kollidieren würden. Allerdings habe ich so meine Zweifel. In fast 20 Jahren, die ich die Szene nun beobachte, gab es immer mal wieder grandiose Optimisten, die ebenso grandios danebenlagen. Auch wenn konkrete Verbesserungen die Reproszene in Verzückung versetzten und man daraufhin sprunghafte Anstiege der Erfolgraten erwartete, so zeigte sich über die Jahre zwar ein kontinuierlicher Anstieg, jedoch nie ein echter Sprung aufgrund einer bestimmten Methode (mit einer Ausnahme, siehe unten).

Es waren immer kleine Details (standardisierte Kulturmedien statt aus Nabelschnurblut zusammengepanschte, Hatching, verbesserte Kryotechniken, Blastozysten etc.), die einige wenige Prozente brachten, nie gelang der große Wurf.

Wesentliche Neuerungen führten nur zur Behandelbarkeit vorher untherapierbarer Paare (ICSI) oder zu Risikominderung (transvaginale Eizellentnahme, hochgereinigte oder gentechnisch hergestellte Medikamente) jedoch nicht zu mehr Schwangerschaften. Man mag mich gerne korrigieren, aber einzig die Einführung der Downregulation zur Unterdrückung vorzeitiger Eisprünge hatte einen signifikanten Einfluss auf die Schwangerschaftsraten und das ist wirklich schon ein ganzes Weilchen her. Ich würde mich in diesem Falle jedoch gerne irren.

Ach ja: Und auf Sex braucht man natürlich nicht zu verzichten, es gibt ja auch noch andere Gründe, die dafür sprechen.

Vajta G, Rienzi L, Cobo A, Yovich J
Embryo culture: can we perform better than nature?
Reprod Biomed Online. 2010 Apr;20(4):453-469


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Kommentar

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13 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Der Vergleich mit Rindern hinkt schon deshalb, weil Rindern mit schlechten Fortpflanzungsmöglichkeiten nicht mit IVF und ICSI zum Nachwuchs verholfen wird, sondern weil sie ganz einfach geschlachtet werden. Gezüchtet werden nur Rinder, die sich ausgezeichnet fortpflanzen. …

    Ich glaube auch nicht, dass wir in 10 Jahren 100% Erfolgsraten haben werden. Vielmehr werden die Raten auch weiterhin nur ganz langsam und in kleinen Schritten gesteigert werden können. Bis wir bei signifikant besseren Ergebnissen angekommen sind, werden mehr als 10 Jahre vergehen.

  2. Elmar Breitbach
    Eine Leserin schreibt

    Muh?

    Einen kleinen aber nicht ganz unwichtigen Aspekt hat der Menschen- – äh – Rinder-Züchter aber vergessen: werden die Behandlungen dann auch deutlich billiger? Kann ich mir nicht vorstellen! Warum also sollten Paare mit Kinderwunsch, bei denen keine Probleme vorliegen, gleich den Weg der Reproduktionsmedizin gehen, wenn der so ineffektive aber kostenlose natürliche Weg doch viel mehr Spaß macht?

    Ich vermute, der gute Mann (Veterinär!) weiß nicht so genau Bescheid, was eine reproduktionsmedizinische Behandlung für die Frau alles beinhaltet, wer das vermeiden kann, macht das nicht!

    Kühe werden nun mal nicht gefragt…

  3. Elmar Breitbach
    Storch75 schreibt

    Das wäre ja schön, dann hätte ich ja noch realistische Chancen zu 100% schwanger zu werden!
    Aber bleiben wir mal auf dem Boden, die Einschätzung vom doc finde ich da doch ganz richtig.

  4. Elmar Breitbach
    Joelle schreibt

    Mir haben die armen Kühe immer schon leid getan.. Seit ich in Kiwu-Behandlung bin, weiß ich nun einmal mehr warum.

  5. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Nur Vaijta ist Veterinär, die anderen Autoren des Berichts sind Humanmediziner.

  6. Elmar Breitbach
    sonya schreibt

    Wird bei Kühen nicht meistens nur ne IUI gemacht? Und sind die Spermien von den Rindern nicht die Super-Spermien überhaupt?

    Irgendwie finde ich, der Vergleich hinkt? oder ist die Fortpflanzung bei australischen Kühen anders als in D?

    Freiwillig hätte ich nie eine ICSI gemacht… dann doch lieber GV 😉

  7. Elmar Breitbach
    Sarah schreibt

    Vielleicht wird in Zukunft auch nur noch mit den Menschen gezüchtet , die sich toll vermehren *hust* Dann haben wir in ein paar Jahren keine Probleme mehr nicht wahr ? Defekte werden einfach ausgemerzt wie bei einer Kuh. *applaus* Ich bin doch Froh das man uns nich auch einfach weg schlachtet wenn da etwas nicht stimmt O.o

  8. Elmar Breitbach
    Tonihase schreibt

    @sarah: genau, dann kann man gleich die mitt PCO und Insulinresistenz oder was auch immer auch gleich heraus"züchten" – und Spermien gibt es dann nur noch von ein paar wenigen Super-Spendern – wenn der eigene Mann nix taugt – tolles Szenario – wie dann wohl die Kinder aussehen – 30 Klone auf dem Spielplatz *hust*
    Ich geh mit dem Doc – aber ich würde mir manchmal mehr Forschung in die Richtung wünschen, was Ursachen für FG angeht. Da kann uns nämlich keiner so wirklich helfen, wir dachten nach einem Kind ja auch nicht, dass es jetzt plötzlich solche Probleme gibt und ich 3 FG erleiden muss und eigentlich immer noch nicht wirklich schlauer bin, woran es liegt. Bitte auch mal dahingehend forschen aber das bringt ja leider nicht so viel Geld ein.

  9. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    ..völlig neue form von "rinderwahnsinn" 😉

    aber scherz beiseite: ich fände es a) erfreulich, wenn sich die quoten verbessern würden und b) finde ich nichts verwerfliches daran, wenn genetisch bedingte bugs (die hintenrum sogar die einnistung verschlechtern) korrigiert werden könnten.
    hat nichts mit einem anstrebenswerten (oder ablehnungswerten) "perfekten menschen" zu tun, sondern in meinen augen damit, dass es vernünftiger ist frei von "leid" zu sein als damit (genetisch) behaftet.
    es wäre erfreulich, wenn es sich in 10 jahren quotenmäßig realisieren ließe … sehe ich aber (hier) nicht.

  10. Elmar Breitbach
    Jey schreibt

    *lach* tja, man darf natürlich nicht vergessen, dass Rinder nur selten in Plastik verpackte Leckereien zu sich nehmen, und wohl auch nicht so viele Lack- und Farbausdunstungen von Möbeln, Wänden etc. einatmen und damit nicht so viele Phthalate zu sich nehmen (Angeblich Schuld an männl. Unfruchtbarkeit) Ich glaube auch ihr Stress hälts sich in Grenzen, zumindest der, den nächsten Termin noch zu schaffen o.ä.
    Aber gut, ich habe auch nicht herausgelesen, ob man bei der zukünftigen 100%-ICSI auch Menschensamen benutzt *Ironie- Entschuldigung* =)

  11. Elmar Breitbach
    Schokomaus13 schreibt

    Schöne neue Welt? Was für ein Alptraum!
    Also ich hätte unseren Sohn lieber auf natürliche Weise gezeugt. Macht nämlich viel mehr Spaß als diese dämliche Spritzerei.
    Nee nee, man macht es ja, wenn es sein muss, aber wer tut sich sowas freiwillig an?
    Allerdings gegen eine Verbesserung der Erfolgschancen hätte ich natürlich auch nichts einzuwenden.

  12. Elmar Breitbach
    MichaW schreibt

    Die 100% Erfolgsquoten kommen von
    a) Super-Zucht-Bullen-Sperma (also nix für all jene unter uns, die womöglich wegen männlicher Sub-fertilität in Behandlung stehen) und
    b) erster Trächtigkeit (= Schwangerschaft) kurz nach Eintritt der Geschlechtsreife (also wieder ein Problem für diejenigen unter uns, die beim ersten Kind ihre 16.Geburtstag schon hinter sich hatten)

    Kulturmedien hin oder her, aber ich wage zu behaupten, dass eine KB bei einer gesunden 16-jährigen mit dem auch noch ideal aufbereiteten Sperma eines gesunden Maximum-Spermien-Abgebers (vermutlich ähnlichen Alters) auch fast 100% Erfolgschancen hätte. Also was wollen wir mehr – oder sitzt hier etwa jemand, auf den diese Voraussetzungen nicht zutreffen???

  13. Elmar Breitbach
    atonne schreibt

    Ich glaube nicht, dass ein normal fruchtbares Paar sich freiwillig in die Repro-Mühle begeben will, die Belastungen sind einfach zu hoch, finanziell, psychisch, physisch. Selbst bei einer Chance von 100% ist das in meinen Augen unrealistisch. Die verbesserten Chancen würden aber natürlich den Paaren zu Gute kommen, die auf Repro-Medizin angewiesen sind – auch wenn ich Ihre Auffassund, Doc, in der Hinsicht teile, dass es sicher nur sehr schleppende Fortschritte geben wird.
    Ich würde auch lieber auf die ganze Medizin verzichten, wenn es irgendeine andere Chance gäbe, von meinem Mann ein leibliches Kind zu bekommen, was leider nicht der Fall ist.