Kein erhöhtes Krebsrisiko für Kinder nach IVF

6

Diese klare und sehr eindeutige Aussage ist das Ergebnis einer Studie, die gerade im äußerst renommierten New England Journal of Medicine erschienen ist und sich auf eine sehr große Fallzahl von durch IVF gezeugten Kindern stützt. Untersucht wurden Kinder, die in Großbritannien in den Jahren 1992 bis 2008 in Folge einer künstlichen Befruchtung geboren wurden. Verglichen wurden diese Ergebnisse mit den im Krebsregister erfassten Erkrankungshäufigkeit für Kinder aus dem gleichen Zeitraum. Insgesamt ließ sich eine Erhöhung der Krebsraten nach IVF nicht feststellen.

Die Datenbasis ist überzeugend

Schon alleine hinsichtlich der Fallzahl: Die Studie stützt sich auf die Ergebnisse von 106.013 Kindern, die im Unterswuchungszeitraum geboren wurden und im Durchschnitt sechseinhalb Jahre nachbeobachtet wurden. Wir reden hier also mehr als 700.000 „Personenjahren“ in dieser Beobachtung.

Zieht man die allgemeine Bevölkerungsstatistik (National Registry of Childhood Tumors) als Grundlage heran, dann wären für diese Zahl an Personen über einen solchen Beobachtungszeitraum 109,7 Krebsfälle zu erwarten gewesen. In der Studiengruppe der nachbeobachteten „IVF-Kinder“ waren es exakt 108 Fälle [Für Statistikkenner: 95% Konvidenzintervall 0,81 bis 1,19; P=0.87]. Es ist also geradezu frappierend, wie sehr sich die Ergebnisse für „konventionell“ und durch IVF gezeugte gezeugte Kinder ähneln. Oder um es noch einmal sehr deutlich zu formulieren: Wie offensichtlich kein Unterschied hinsichtlich des Krebsrisikos besteht.

Auch wenn man genauer hinschaut: Kein erhöhtes Krebsrisiko.
Auch wenn man genauer hinschaut: Kein erhöhtes Krebsrisiko.

War da nicht diese schwedische Studie?

Ja, da war eine schwedische Studie, die eine Erhöhung des Krebsrisikos um 42% angab. Diese Studie basiert auf einer deutlich kleineren Fallzahl (26.000 IVF-Kinder), weshalb die Ergebnisse auch nur gerade so statistische Signifikanz erreichten. Ich hatte mir damals bereits die Mühe gemacht, die Zahlen sehr genau auseinanderzudröseln und mit der Presse zu schimpfen, die sich im Wesentlichen darauf beschränkte. die 42% in ihre Überschriften zu packen, auf weitere Erklärungen jedoch verzichtete. Zu diesem Artikel geht es hier. Ich bilde mir ein, er sei trotz des Themas auch ein wenig unterhaltsam.

Ich war natürlich nicht der Einzige, der die Grenzen der schwedischen Studie aufzeigte. Nicht zuletzt deren Autoren selbst verwiesen auf Limitierungen der Ergebnisse durch Fallzahl und Studiendesign.

Statistisches Rauschen

Diese Studie ist die größte bevölkerungsbasierte ihrer Art und hinsichtlich der o. g. Gesamtaussage ist die Datenlage eindeutig. In der Studie fiel lediglich auf, dass das Gesamtrisiko für eine Krebserkrankung zwar nicht erhöht war. Aber eher seltene Erkrankungen wie das Hepatoblastom (6 Fälle) und das Rhabdomysosarkom (10 Fälle) waren überdurchschnittlich häufig, wenngleich dies nicht signifikant war und natürlich auch zu einem verminderten Auftreten anderer Krebsarten führte.

Carrie L. Williams, M.B., B.Ch., Kathryn J. Bunch, M.A., Charles A. Stiller, M.A., M.Sc., Michael F.G. Murphy, M.B., B.Chir., Beverley J. Botting, Ph.D., W. Hamish Wallace, M.D., Melanie Davies, M.B., B.S., and Alastair G. Sutcliffe, M.D., Ph.D.
Cancer Risk among Children Born after Assisted Conception
N Engl J Med 2013; 369:1819-1827


Noch Fragen?

Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über zahlreiche andere Foren von wunschkinder.net.
Die am häufigsten gestellten Fragen haben wir nach Themen geordnet in unseren FAQ gesammelt.
Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

6 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Katrin schreibt

    Vielen Dank für diese kurze Zusammenfassung und Einschätzung der veröffentlichten Studie!
    Irgendwie hatte es sich im Hinterkopf ja doch ein wenig festgesetzt, dass das eigene Kind aufgrund seiner "Entstehungsgschichte" möglicherweise stärker gefährdet ist, Krebs zu bekommen.
    Nun also "Entwarnung". Danke!!
    Viele Grüße,
    Katrin

  2. Elmar Breitbach
    Nozilla schreibt

    Das ist ja eine schöne Nachricht und könnte meine Ängste reduzieren vor einem erneutem krebskranken Kind nach ICSI. Immerhin hatten bei 106 000 Probanden dann nicht mehr als die üblichen 10 Säuglinge ein Neuroblastom Stadium 4s (Risiko 1:10000). Dieses Risiko wurde bei kleineren Studien ja meist gar nicht erfasst.
    Aber: Hat diese Studie auch methodische Mängel oder kann man das Ergebnis wirklich Ernst nehmen?
    LG Nozilla

  3. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Die methodischen Mängel einer retrospektiven Betrachtung haben solche empirischen Studien immer. Aber 100.000 Kinder und wirklich exakt gleiche Fallzahl an Erkrankungen, das ist vom Ergebnis her schon überzeugend. Die Zuverlässigkeit einer Aussage steigt mit der Größe der Stichprobe.

  4. Elmar Breitbach
    snowqueen schreibt

    Gilt denn das Ergebnis auch für ICSI Kinder, oder wirklich nur IVF? Denn da gibt es ja schon einen Unterschied in der Manipulation der Eizelle.

  5. Elmar Breitbach
    Ana Luisa schreibt

    Mich interessiert auch ob diese Ergebnisse auch für Kinder gelten,die mit der Icsi Methode gezeugt worden sind.
    Freundliche Grüsse

  6. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Meines Wissens sind in die Daten auch Kinder nach ICSI aufgenommen worden.