Fehlbildungen nach künstlicher Befruchtung: Stellungnahme von Prof. Ludwig


Kürzlich ist eine Studie erschienen, die ein deutlich erhöhtes Risiko für Fehlbildungen der Kinder nach einer künstlichen Befruchtung erkennen ließ. Prof. Ludwig – der Autor einer der größten prospektiven Studien zu Fehlbildungen nach ICSI – nimmt dazu in einem Artikel der Ärztezeitung Stellung. Diese decken sich insbesondere hinsichtlich der Aussagen zu Studiendesign mit meiner Einschätzung, die ich in einem gesonderten Artikel bereits veröffentlichte.

Einige Punkte davon möchte ich herausgreifen:

  • In der Gruppe von „Kindern“ mit Fehlbildungen wurden neben Lebendgeborenen auch totgeborene Kinder und Schwangerschaftsabbrüche erfasst, in der Kontrollgruppe nur lebendgeborene Kinder.
  • Die Information darüber, ob eine künstliche Befruchtung durchgeführt worden war wurde nachträglich, d. h. zum Zweck dieser Studie, per Telefoninterview erfasst. Für diese Studie bedeutet das, dass damit zu rechnen ist, dass häufiger Eltern mit einem Kind mit einer Fehlbildung über eine durchgeführte ART berichten werden, weil sie dazu beitragen möchten, Ursachen zu finden. Die Folge ist, dass in der Gruppe mit Kindern mit Fehlbildungen eher alle, auf jeden Fall aber mehr Eltern als in der Kontrollgruppe mit gesunden Kindern die Durchführung einer ART erwähnen werden.
  • Seit langer Zeit ist bekannt, dass Registerstudien zwar den großen Vorteil großer Zahlen haben – wie hier – dass aber die o. g. Bericht-Effekte (reporting bias, recall bias) nachteilig sind.
  • prospekive Studien lassen vermuten, dass tatsächlich das Risiko von Fehlbildungen nach IVF und ICSI erhöht ist, in etwa um den Faktor 1,2 – 1,3-fach. Mit anderen Worten: in jeder 12. Schwangerschaft nach IVF oder ICSI, aber nur in jeder 15. Schwangerschaft, die auf normalem Wege entstanden ist, findet sich eine Fehlbildung. Das Risiko, das in dieser Studie beschrieben wird, ist also eher zu hoch geschätzt.
  • Die aktuelle Datenlage spricht momentan eher dafür, dass die geminderte Fruchtbarkeit der Paare das Fehlbildungsrisiko bedingt. Ob IVF und ICSI selbst das Risiko darüber hinausgehend auch beeinflussen ist offen und sollte zukünftig durch entsprechend gut angelegte Studien, die nicht auf solchen Registerdaten beruhen, geklärt werden.

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Kommentar

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7 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    ..gute zusammenfassung der möglichen quellen von ungenauigkeiten oder statistischen verschiebungen.

    im übrigen: definiere "fehlbildung".
    was gilt eigentlich als "fehlbildung"…manifeste organische erscheinungen, die auch der laie erkennt oder zählen dazu auch z.b. metabolische störungen, die lediglich die relative langlebigkeit nachhaltig reduzieren…oder schon eine geringe störung in heterozygoter ausprägung mit nahezu unbekanntem effekt..?
    bei letzterm gäbe es dann nämlich keinen menschen ohne "fehlbildung".

    also im ernst: gibt es eine medizinsche/wissenschaftliche definition für "fehlbildung"?
    oder zäunt man die sache hintenrum auf und definiert es über "frei von behinderung"? nicht jede fehlbildung führt ja auch zwangsläufig zu einer behinderung…

    quergedacht am relativ frühen morgen 😉

  2. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich wundere mich angesichts solcher Behauptungen, dass im Mami-Papi-Forum hier und "drüben" so wenig über Fehlbildungen bei den Kindern geschrieben wird. …

    Um wieviel % erhöht ist denn das Risiko laut Prof. Ludwig?

  3. Elmar Breitbach
    Tavia schreibt

    2002 wurden wir Eltern von unseren Wunschkindern-dank Icsi(übrigens Punktion damals von Dr. Ludwig vorgenommen,derzeit noch Arzt in Lübeck.)
    2003 wurde bei einem Zwilling ein Hodenhochstand festgestellt,ein halbes Jahr wurde V.medikamentös behandelt-ohne Erfolg,dann OP-unter der OP dann die niederschmetternde Diagnose: rechter Hoden verkümmert, der wurde dann sofort entfernt….Klar machte ich mir auch Gedanken..,dass diese Fehlbildung bestimmt mit meiner Behandlung im Zusammenhang steht…Bewiesen ist es nicht,es kann sein,hätte aber auch bei normaler Zeugung so sein können…will sagen: bestimmte Launen der Natur sind sicherlich nicht planbar und vorher bestimmbar ob künstliche Befruchtung oder nicht….
    Tavia

  4. Elmar Breitbach
    raise schreibt

    Ich finde es gemein, dass die Leute solch wissenschaftlich unvollkommene Studien veröffentlichen, denn die bestärken den Gesetzgeber darin, weiterhin keine Vollübernahme der Kosten für Reagenzglasbefruchtungen zu übernehmen und schüren die ohnehin merkwürdige Stimmung zum Thema in der Gesellschaft.

  5. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Tavia, danke für deinen Bericht. Es ist natürlich im Einzelfall nicht herauszufinden, ob das gesundheitliche Problem des Kindes eine Folge der ICSI ist. Wo wir ja insgesamt noch nicht mal sagen können, ob die ICSI selbst überhaupt solche Folgen haben kann. Feststellen können wir nur rein statistisch, ob es bei einer bestimmten Gruppe gehäufte Fälle gibt. Wenn man das jedoch belegen will, muss man mit seiner Studie sehr sorgfältig umgehen. Bei der o.g. Studie ist das zumindest zu bezweifeln.

  6. Elmar Breitbach
    zarahle schreibt

    Naja, wenn ich mir das so durchlese stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt eine Studie geben kann, die wirklich alle Aspekte beider Gruppen mit einbeziehen kann…
    Mir als Laie kommt da beispielsweise in den Sinn, daß gerade schwere Fehlbildungen ja laut vielvertretener ärztlicher Meinung von der Natur von selbst selektiert werden und damit sehr häufig die FGs in den ersten 12 SSW erklärt werden.
    Nun ist es aber in den meisten Kiwu- Praxen üblich, daß die weitere Einnahme diverser unterstützende Medis, wie z.B.Utrogest nach positivem Test angeraten wird, um die SS nicht zugefährden. Was, wenn "Mutter Natur" damit die Möglichkeit genommen wird einzugreifen…? Und weitere Frage:nehmen die Schwangeren in der Kontrollgruppe dann auch diese Medis, nur um "vergleichbar" zu sein? Das wäre sonst doch beispielsweise auch eine Erklärung für die Größe der Fallzahlen bei kB.
    Aber wie gesagt, daß ist nur ein Denkansatz eines med. Laien diesbezüglich!!!!!
    Letztlich wird es darauf hinauslaufen, daß diese Studien nur richtungsweisend sein können, aber nie 100% Sicherheit geben werden, zumindestens nicht zum heutigen Stand der Technik.

  7. […] Bisher wurde die erhöhte Rate an Schwangerschaftskomplikationen vor allem der Tatsache zugeschrieben, dass die verminderte Fruchtbarkeit der Paare häufiger mit möglicherweise unbekannten Fakto… […]