Die Einnistungsspritze bei künstlicher Befruchtung: Was bringt sie?

Hält die Einnistungsspritze, was ihr Name verspricht?

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Vieles wird unternommen, um die Einnistung eines Embryos im Rahmen einer IVF oder ICSI-Behandlung zu verbessern. Meist verabreicht man dazu Gelbkörperhormon oder hCG-Spritzen. In den letzten Jahren wird jedoch auch häufig die Gabe von GnRH-Analoga ausprobiert. Welche Vorteile haben Decapeptyl oder Triptofem zur Unterstützung der Einnistung?

Wieso wirkt Decapeptyl als Einnistungsspritze?

Decapeptyl ist ein Medikament zum Unterdrücken des Eisprungs, auch als Downregulation bezeichnet. Das ist die das übliche Einsatzgebiet für diese Medikamente.

Allerdings kann man mit Decapeptyl auch den Eisprung auslösen. Dies wird vor allem bei Frauen mit einem hohen Risiko für eine Überstimulation genutzt. Bevor diese Medikamente die Funktion der Hirnanhangsdrüse unterdrücken werden die Hormone der Hypophyse noch einmal ausgeschüttet („Flare up“). Mit dem Triptorelin (2 Ampullen Decaptyl 0,1 oder 2 Amp. Triptofem) regt man also die Ausschüttung des körpereigenen LH an, welches dann den Eisprung auslöst. Aufgrund der kürzeren Halbwertszeit ist das Risiko für ein Überstimulationssyndrom dann geringer.

Gibt man diese Medikamente in der zweiten Zyklushälfte, dann passiert zunächst das Gleiche: Die Hypophyse schüttet LH aus. LH in der zweiten Zyklushälfte löst jedoch nicht mehr den Eisprung aus, sondern stimuliert den Gelbkörper. Dieser schüttet dann mehr Progesteron aus und unterstützt die Einnistung.

Die Fragen zur Einnistungsspritze

Seitdem gibt es im Kinderwunschforum immer wieder Diskussionen darüber,

1. ob die Einnistungsspritze wirkt
2. wann sie zu geben ist und welches Präparat
3. Ob sie auch im langen Protokoll wirksam ist.

Das Prinzip

In der zweiten Zyklushälfte wird der Patientin ca. eine Woche nach der Entnahme der Eizelle im Rahmen der IVF ein GnRH-Analogon (Decapeptyl 0,1) verabreicht. Diese Wirkstoffe unterdrücken bei langfristiger Wirkung die Funktion der Hirnanhangsdrüse (Downregulation), jedoch bei einmaliger und kurz wirksamer Gabe kommt es zum gegenteiligen Effekt. Zunächst werden LH und FSH noch einmal ausgeschüttet („Flare up“) und fördern die Progesteronproduktion.

Diese Unterstützung setzt jedoch voraus, dass die Hirnanhangsdrüse ihre Hormone noch ausschütten kann, also nicht runterreguliert ist. So sollte man zumindest meinen, denn das Ziel des GnRH ist ganz spezifisch die Hirnanhangsdrüse. Daher kann diese „Einnistungsspritze“ im langen Protokoll eigentlich nicht wirken.

Die Wirkung im langen Protokoll

Die grundlegende Idee einer älteren Studie1)Jan Tesarik, André Hazout, Raquel Mendoza-Tesarik, Nicolas Mendoza, Carmen Mendoza Beneficial effect of luteal-phase GnRH agonist administration on embryo implantation after ICSI in both GnRH agonist- and antagonist-treated ovarian stimulation cycles
Human Reproduction 2006 21(10):2572-2579
war nun, dass das GnRH nicht nur an der Hypophyse wirkt, sondern auch an der Gebärmutterschleimhaut und womöglich auch direkt am Embryo und daher auch im langen Protokoll wirksam sein könnte.

In die Studie wurde 600 Frauen aufgenommen, wovon 300 mit einem langen Protokoll und weitere 300 mit einem Antagonisten-Protokoll auf eine ICSI-Behandlung vorbereitet wurden. Jeweils 150 der Frauen in jeder Gruppe erhielten 6 Tage nach der Eizellentnahme eine Spritze mit Decapeptyl 0,1 oder ein Placebo.

Durch die „Einnistungsspritze“ kam es zu einer signifikanten Steigerung der Progesteron- und Östradiol-Konzentrationen im Serum, auch bei den Patientinnen, die mit einem langen Protokoll vorbehandelt wurden. Offenbar ist die Hirnanhangsdrüse bei einem normalen zeitlichen Ablauf eines langen Protokolls eine Woche nach der Punktion bereits wieder in der Lage, auf zusätzliche GnRH-Stimuli zu reagieren.

Insgesamt kam es zu einer signifikanten Verbesserung der Einnistung und der Zahl an Lebendgeburten nach Gabe der „Einnistungsspritze“. Nach Vorbehandlung mit einem langen Protokoll kam es darüber hinaus zu einer signifikanten Verbesserung der Rate an fortlaufenden Schwangerschaften. Die Schwangerschaftsraten als solche verbesserten sich jedoch nicht signifikant im Vergleich zu den mit Placebo behandelten Frauen.

Einnistungsspritze vorzugsweise im Antagonistenprotokoll

Auch wenn diese Studie zeigte, dass die Erfolgsraten auch im sogenannten „langen Protokoll“ erhöht werden können, hat sich dies nie durchgesetzt. In den Folgejahren wurde die Einnistungsspritze ausschließlich im Antagonistenprotokoll verabreicht. 2010 erschien die erste Übersichtsstudie2)Oliveira JB, Baruffi R, Petersen CG, Mauri AL, Cavagna M, Franco JG Jr
Administration of single-dose GnRH agonist in the luteal phase in ICSI cycles: a meta-analysis.
Reprod Biol Endocrinol. 2010 Sep 8;8:107.
, in welcher die Ergebnisse zahlreicher kleiner Untersuchungen zusammengefasst wurden. Hier zeigte sich im langen Protokoll kein wesentlicher Vorteil, jedoch ein durchaus vielversprechender im Antagonisten-Protokoll.

Die Autoren stellten damals fest, das es Hinweise auf einen positiven Effekt gibt, dieser jedoch nicht ausreichend belegbar ist, um die Einnistungsspritze als Routine-Medikation anzubieten. Weitere Studien wurden damals gefordert.

Einnistungsspritze ohne Nachteil für die Gesundheit der Kinder

Und weitere Studien wurden durchgeführt. 2016 publizierte eine brasilianische Gruppe von Wissenschaftlern eine zusammenfassende Bewertung3)Martins WP, Ferriani RA, Navarro PA, Nastri CO
GnRH agonist during luteal phase in women undergoing assisted reproductive techniques: systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials.
Ultrasound Obstet Gynecol. 2016 Feb;47(2):144-51.
der bislang erschienenen Studien zu dem Thema Einnistungsspritze. Eine wichtige Aussage dieser Untersuchung war, dass die Medikamente keine negativen Auswirkungen auf die Kinder hatten.

Auch hier fand sich ein Hinweis auf eine bessere Einnistung der Embryonen. Allerdings wurde dieser Unterschied als statistisch schwaches Ergebnis beschrieben. Die Autoren der Studien rieten weiterhin nicht dazu, die Einnistungsspritze generell und außerhalb von Studien zu verabreichen.

Zusammenfassung

Die große Hype ist nun vorüber, als man noch dachte, die Einnistungsspritze würde alles verbessern. Sie ist recht nebenwirkungsarm und wird daher von manchen Kliniken als Routinebehandlung angewendet. Ratsam ist es  aufgrund der nun mäßig belegten Wirksamkeit noch nicht.

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Literatur   [ + ]

1. Jan Tesarik, André Hazout, Raquel Mendoza-Tesarik, Nicolas Mendoza, Carmen Mendoza Beneficial effect of luteal-phase GnRH agonist administration on embryo implantation after ICSI in both GnRH agonist- and antagonist-treated ovarian stimulation cycles
Human Reproduction 2006 21(10):2572-2579
2. Oliveira JB, Baruffi R, Petersen CG, Mauri AL, Cavagna M, Franco JG Jr
Administration of single-dose GnRH agonist in the luteal phase in ICSI cycles: a meta-analysis.
Reprod Biol Endocrinol. 2010 Sep 8;8:107.
3. Martins WP, Ferriani RA, Navarro PA, Nastri CO
GnRH agonist during luteal phase in women undergoing assisted reproductive techniques: systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials.
Ultrasound Obstet Gynecol. 2016 Feb;47(2):144-51.
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