Assisted Hatching. Wem hilft die Schlüpfhilfe?

Was bringt die "Schlüpfhilfe" bei der künstlichen Befruchtung?

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„Assisted Hatching“ bedeutet, dass die Hülle des Embryos eingeritzt wird, um das Schlüpfen des Embryos zu erleichtern. Dadurch soll die Einnistung bei der künstlichen Befruchtung erleichtert werden. Mehr zur Methode des Assisted Hatching finden Sie entsprechenden Theorie-Kapitel dieser Seite. Unklar ist, ob diese Methode wirklich hilft und wenn ja, bei wem die Schlüpfhilfe die Chancen verbessert.

Hier noch mal eine ausführliche Zusammenfassung der Studien, die in der Zwischenzeit hier vorgestellt wurden. Als erstes die Übersicht in der Cochrane Database, da sie nur Studien berücksichtigt werden, deren Aussagekraft gut belegt sind.

Cochrane Database

Sicherlich am wichtigsten, weil wissenschaftlich die strengsten Maßstäbe angelegt wurden ist die Studie in der Cochrane Database[1]. Eine zuletzt im Jahre 2012 aktualisierte Analyse von mehreren Studien zum Assisted Hatching, ergab keinen wesentlichen Vorteil für die Methode. Die Schwangerschaftsraten scheinen zwar höher zu sein als ohne Hatching, jedoch gibt es keinen Nachweis dafür, dass auch die Anzahl der Lebendgeburten höher ist. Mehrlingsschwangerschaften waren nach Assisted Hatching deutlich häufiger.

Einnistungen finden nach Assisted Hatching häufiger statt und es gibt möglicherweise mehr Mehrlinge. Die Zahl an Lebendgeburten lässt sich durch die Schlüpfhilfe jedoch nicht erhöhen.

Aber es gibt natürlich nicht nur die Studien, die den strengen Kriterien der Cochrane Database genügen, sondern auch andere, die im Hinblick auf bestimmte Details und Patientengruppen von Interesse sein können. Welche Untergruppen von Patientinnen könnten doch vom Hatching profitieren?

Alter

Eine Studie aus Frankreich[2] versuchte, den Effekt des Hatching bei Embryonen von Frauen ab 37 Jahren festzustellen. Auch in dieser gut definierten Untergruppe konnte eine Verbesserung der Schwangerschaftsraten durch Hatching nicht festgestellt werden. Die Rate an lebend geborenen Kindern betrug nach Hatching 22,4% und ohne Hatching 29,6%. Der Unterschied fiel also eher zugunsten der Kontrollgruppe aus, jedoch ist dieses Ergebnis nicht statistisch signifikant.

Eine weitere Studie aus Kanada[3] untersuchte den Einfluss der Schlüpfhilfe auf die Erfolgsrate bei Frauen, die älter als 40 waren und sich ihrem ersten IVF-Zyklus unterzogen. Hier fand sich kein Unterschied, wenn das assisted Hatching eingesetzt wurde und die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die routinemäßige Anwendung der Methode nur aufgrund des Alters der Frau nicht zu rechtfertigen ist.

Auch bei älteren Frauen eher keine Vorteile zu erwarten

Eine Übersichtsarbeit, die aktuelle Studien zusammenfasste[4], die sich mit der altersabhängigen Wirkung des Hatching auf die IVF-Erfolgsraten beschäftigten, fand zu einen zu wenig valide Daten in den gefundenen Studien. Zusammenfassend ergab sich keinen Hinweis auf eine Verbesserung der Lebendgeburtenrate bei älteren Frauen. Und möglicherweise sind die Chancen bei jüngeren Frauen nach Assisted Hatching sogar vermindert[6].

Ein höheres Alter der Frau ist kein Grund, ein Hatching durchzuführen. Die Erfolgsraten werden in dieser Patientengruppe nicht verbessert

Mehrlinge, erhöhte „Implantationsraten“

Neben der eingangs erwähnten Studie (Cochrane Database)[1] wurde auch in anderen Studien häufiger berichtet, dass Mehrlinbgssschwangerschaften nach Assisted Hatching häufiger auftreten. Man hier von einem relativ konstant berichteten Phänomen ausgehen kann, welches auch bei zuvor eingefrorenen Embryonen beobachtet wurde[9]. Als Einzelbeobachtungen und Studien mit kleinen Fallzahlen wurde auch über ein erhöhtes Auftreten von eineiigen Mehrlingsschwangerschaften berichtet.

Das Risiko für Mehrlingsschwangerschaften ist nach Hatching möglicherweise höher als ohne.

Assisted Hatching bei Einnistungsstörungen

Die Hoffnung, dass sich durch das erleichterte „Schlüpfen“ des Embryos die Fähigkeit zur Einnistung verbessert, führt vor allem bei Paaren mit Einnistungsstörungen zu einer häufigen Anwendung der Therapie. Eine brasilianische Arbeitsgruppe[5] untersuchte dies unter randomisiertem und kontrolliertem Studiendesign mit Paaren nach einem oder mehreren vergeblich durchgeführten Fehlversuchen bei IVF. Nur bei den Patienten, die zuvor wiederholt erfolglos behandelt worden waren zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe ohne IVF.

Bei wiederholt ausgebliebener Einnistung möglicherweise hilfreich

Wissenschaftler aus Israel[6] fanden bei dieser Indikation (mind. 3 Fehlversuche in der Vorgeschichte) überhaupt keinen Unterschied in einer ebenfalls kontrollierten Studie, wenn sie die gesamten untersuchten Patienten erfasste. Nach einer Unterteilung in Altersgruppen fand sich, dass jüngere Frauen (<34 Jahre) sogar schlechtere Schwangerschaftsraten aufwiesen und demzufolge die Älteren eine Verbesserung der Erfolgsraten zeigten, ohne, dass man jedoch einen Grenzwert festlegen konnte.

Ob das Hatching nach wiederholt erfolgloser künstlicher Befruchtung von Vorteil sein kann, ist umstritten. Statistisch signifikante Belege dafür existieren jedenfalls nicht.

Kryotransfer

Man nimmt an, dass die Zellhülle von eingefrorenen und wieder aufgetauten Embryonen rigider ist als die von „frischen“ und deswegen das Assisted Hatching in diesen Fällen zu besseren Schwangerschaftsraten führt. Dies konnte jedoch in einigen Studien[7,9,10] nicht bestätigt werden, auch nicht, wenn die Hülle der Embryonen eine überdurchschnittlich Dicke (≥ 16 mm) aufwies[7]. Eine weitere Studie zeigte eine recht deutlich Verbesserung der Schwangerschaftsraten, wenn der Hatching-Vorgang unmittelbar vor dem Transfer an geteilten Embryonen erfolgte[8], während andere wie auch schon bei anderen Indikationen lediglich eine erhöhte Mehrlingsrate erkennen ließ[9].

Neben diesen etwas älteren Studien existiert auch eine aktuelle Übersichtsarbeit aus diesem Jahr[12], die zusammenfassend für Kryotransfers eine höhere Einnistungsrate und Mehrlinge aber keine höhere Lebengeburtenrate nach Assisted Hatching aufzeigen konnte.

Zusammenfassung

Interessant ist, dass bereits 1999, also zu einem Zeitpunkt, als noch eine ziemliche „Hype“ um das Assisted Hatching bestand, eine Studie erschien, die den ernüchternden Titel „A study failing to determine significant benefits from assisted hatching“ trug und für alle die oben genannten Indikationen keine Verbesserung der Schwangerschaftsraten durch das Assisted Hatching nachweisen konnte[11].

Jeder mag aus dieser Datenlage seine eigenen Schlüsse ziehen, denn für eine griffige Gesamtaussage sind die Ergebnisse zu heterogen. Recht sicher scheint das erhöhte Mehrlingsrisiko zu sein. Die früher berichteten Hinweise auf Vorteile bei älteren Patienten lassen sich nicht mehr bestätigen. Beim Kryotransfer wird der Nachweis der positiven Auswirkungen schwierig – ebenso wie bei den Einnistungsstörungen. Für die letzten beiden Indikationen gab es jedoch in einer Übersichtsarbeit aus 2011 (28 Studien und mehr als 5.500 Fälle) Hinweise auf einen positiven Effekt.

Etwas überspitzt kann man zusammenfassen: Wer ohnehin leichter schwanger wird, wird es mit Assisted Hatching noch mehr (=Mehrlinge). Wer es vorher nicht wurde, wird es mit Hilfe des Assisted Hatching auch nicht leichter. Im Einzelfall kann es hilfreich sein, eine routinemäßige Anwendung nach dem Gießkannenprinzip ist nicht anzuraten.
Mögliche – aber nicht abschließend belegbare – Vorteile bestehen beim Kryotransfer und nach mehreren erfolglosen Versuchen trotz bester Voraussetzungen.

[1] Carney SK, Das S, Blake D, Farquhar C, Seif MM, Nelson L
Assisted hatching on assisted conception (in vitro fertilisation (IVF) and intracytoplasmic sperm injection (ICSI).
Cochrane Database Syst Rev. 2012 Dec 12;12:CD001894. doi: 10.1002/14651858.CD001894.pub5.

[2] Frydman N, Madoux S, Hesters L, Duvernoy C, Feyereisen E, Le Du A, Tachdjian G, Frydman R, Fanchin R.
A randomized double-blind controlled study on the efficacy of laser zona pellucida thinning on live birth rates in cases of advanced female age.
Hum Reprod. 2006 Apr 27;

[3] Tannus S, Cohen Y, Henderson S, Son WY, Tulandi T
The Effect of Assisted Hatching on Live Birth Rate Following Fresh Embryo Transfer in Advanced Maternal Age.
Reprod Sci. 2018 Sep 13:1933719118799192. doi: 10.1177/1933719118799192.

[4] He F, Zhang CY, Wang LS, Li SL, Hu LN
Assisted Hatching in Couples with Advanced Maternal Age: A Systematic Review and Meta-analysis.
Curr Med Sci. 2018 Jun;38(3):552-557

[5] Petersen CG, Mauri AL, Baruffi RL, Oliveira JB, Massaro FC, Elder K, Franco JG Jr
Implantation failures: success of assisted hatching with quarter-laser zona thinning.
Reprod Biomed Online. 2005 Feb;10(2):224-9

[6] Rufas-Sapir O, Stein A, Orvieto R, Avrech OM, Kotler N, Pinkas H, Bar J, Fisch B
Is assisted hatching beneficial in patients with recurrent implantation failures?
Clin Exp Obstet Gynecol. 2004;31(2):110-2

[7] Ng EH, Naveed F, Lau EY, Yeung WS, Chan CC, Tang OS, Ho PC
A randomized double-blind controlled study of the efficacy of laser-assisted hatching on implantation and pregnancy rates of frozen-thawed embryo transfer at the cleavage stage.
Hum Reprod. 2005 Apr;20(4):979-85

[8] Balaban B, Urman B, Yakin K, Isiklar A
Laser-assisted hatching increases pregnancy and implantation rates in cryopreserved embryos that were allowed to cleave in vitro after thawing: a prospective randomized study.
Hum Reprod. 2006 Aug;21(8):2136-40

[9] Gabrielsen A, Agerholm I, Toft B, Hald F, Petersen K, Aagaard J, Feldinger B, Lindenberg S, Fedder J.
Assisted hatching improves implantation rates on cryopreserved-thawed embryos. A randomized prospective study
Hum Reprod. 2004 Oct;19(10):2258-62

[10] Oehninger S, Mayer J, Muasher S
Impact of different clinical variables on pregnancy outcome following embryo cryopreservation.
Mol Cell Endocrinol. 2000 Nov 27;169(1-2):73-7

[11] J Edirisinghe WR, Ahnonkitpanit V, Promviengchai S, Suwajanakorn S, Pruksananonda K, Chinpilas V, Virutamasen P
A study failing to determine significant benefits from assisted hatching: patients selected for advanced age, zonal thickness of embryos, and previous failed attempts
Assist Reprod Genet. 1999 Jul;16(6):294-301

[12]Zeng M, Su S, Li L
The effect of laser-assisted hatching on pregnancy outcomes of cryopreserved-thawed embryo transfer: a meta-analysis of randomized controlled trials.
Lasers Med Sci. 2018 Apr;33(3):655-666.
[13] Martins WP, Rocha IA, Ferriani RA, Nastri CO.
Assisted hatching of human embryos: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials.
Hum Reprod Update. 2011


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4 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Claru schreibt

    Hallo, eine Frage dazu: Wenn Sie in diesem Artikel immer Embryo schreiben, dann sind damit Blastozysten gemeint, oder? Kann man Assisted Hatching auch an 2-4-oder 6-8-Zellern anwenden? Oder macht das keinen Sinn, bzw. stört das die Zellteilung`?

  2. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Umgekehrt. Bei der Blastozyste ist das Hatching riskanter, da sich die Zellen dann näher an der dann auch bereits ausgedünnten Eizellhülle befinden, während man das bei einem 8-Zeller an Tag 3 nach Punktion problemlos an einer Stelle durchführen kann, wo die Zellen weiter von der Wand entfernt sind.

  3. Elmar Breitbach
    Claru schreibt

    Ah! Ok, danke. D.h. „Cleavage Stage“ ist in der englischsprachigen Literatur dann Pronuclei- oder Embryonen bevor sie zu Blastozysten werden?
    Nun ist alles besser verständlich.

  4. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    „Teilungsstadium“ wäre Cleavage stage. Was natürlich Blödsinn ist, denn letztlich befindet sich jeder Mensch Zeit seines Lebens im steten Prozess der Zellteilung 😉 So dann auch die Blastozyste. Gemeint ist aber der Zeitraum Tag 2-3, wo man die Zellteilung auch noch genau beobachten kann.