Häufiger Fehlbildungen und Erkrankungen bei IVF-Kindern?

Hinweise für erhöhtes Risiko für Bluthochdruck bei durch künstliche Befruchtung gezeugten Kindern.

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Welche Auswirkung hat die künstliche Befruchtung auf die Gesundheit der mit dieser Methode gezeugten Kinder? Es gibt Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Blutdruckerkrankungen.

Welche Auswirkungen eine IVF oder ICSI auf den so gezeugten Nachwuchs hat, ist immer wieder untersucht worden. Und immer wieder wurden Teilaspekte der Behandlung für ein gehäuftes Vorkommen von Erkrankungen bei den Kindern verantwortlich gemacht. Unlängst wurden der Einfluss der Kulturmedien, in denen die Embryonen kultiviert werden, für Frühgeburten und niedriges Geburtsgewicht von Neugeborenen verantwortlich gemacht. Fehlbildungen an den kindlichen Organen scheint einigen empirischen Studien zufolge auch häufiger zu sein, wie hier exemplarisch – auch gleich mit der Erklärung, was empirische Studien sind – dargelegt wird.

Epigenetik und Imprinting als Ursache für Fehlbildungen?

Als mögliche Ursache wurden immer wieder sogenannte epigenetische Faktoren erwähnt. Was hat es damit auf sich? Alle Gene werden ja doppelt vererbt, aber nur das väterliche oder mütterliche wird benötigt, das andere wird “abgeschaltet”. Das “imprinting” legt also fest, ob das von der Mutter oder das vom Vater geerbte Gen aktiviert wird.

Begünstigt durch die Reagenzglasbefruchtung soll es zu Defekten kommen, bei dem in Einzelfällen beide elterlichen Gene aktiviert werden. In diesen Studien werden als Beispiele für diese Art von Erkrankung das Beckwith-Wiedemann Syndrom und das Angelman Syndrom genannt, so zum Beispiel auch in einem aktuellen Artikel der ZEIT. Wenn dort die negativen Auswirkungen des Imprinting jedoch als Tatsache dargestellt werden („Das heißt: Während normalerweise nur eines von ungefähr 14.000 Kindern das [Beckwith-Wiedemann-]Syndrom hat, betrifft es nach künstlicher Befruchtung wohl eines von 3.000.„), kommen die Autoren der Studie, auf den sich der ZEIT-Autor bezieht, zu einem völlig anderen Schluss: „It is highly improbable that assisted reproduction technologies cause imprinted diseases in humans.1)Vermeiden JP1, Bernardus RE
Are imprinting disorders more prevalent after human in vitro fertilization or intracytoplasmic sperm injection?
Fertil Steril. 2013 Mar 1;99(3):642-51
. Es sei in diesem Rahmen auch noch auf einen älteren Artikel zu diesem Thema verwiesen, der hier bereits erschien. Man sieht, ich habe hier schon länger nichts mehr zum Thema Imprinting, wissenschaftlich gesehen war es auch nicht nötig, da es nichts Neues zu diesem Thema zu berichten gab. Neues ergibt sich nur, wenn man (wie der Autor der ZEIT) Studien falsch interpretiert (Anders als die Autoren der Studie), aber das soll an dieser Stelle nicht unwidersprochen bleiben.

Da in dem Artikel auch ein erhöhtes Risiko für Krebs bei den nach IVF geborenen Kindern erwähnt wird, auch dazu noch ein Link zu einem Artikel, der hier erschien.

Sollte es hier nicht um Bluthochdruck gehen?

Ja, einen Augenblick noch, kommt weiter unten. Aber da die Presse die Blutdruckstudie nun zum Anlass nimmt, zum Teil uralte Hypothesen und Vorbehalte gegenüber die künstlichen Befruchtung wieder auszugraben, dachte ich auch dazu etwas schreiben zu müssen. Weiter geht’s.

Mehr Erkrankungen und Fehlbildungen nach IVF?

Haben Kinder nach künstlicher Befruchtung denn wirklich häufiger Erkrankungen und Fehlbildungen im Vergleich zu auf normalem Wege gezeugtem Nachwuchs? Die Antwort ist ein klares „JA“. Eine Vielzahl von Erkrankungen tritt nach künstlicher Befruchtung häufiger auf. prospektive Studien lassen vermuten, dass tatsächlich das Risiko von Fehlbildungen nach IVF und ICSI erhöht ist, in etwa um den Faktor 1,2 – 1,3-fach. Mit anderen Worten: in jeder 12. Schwangerschaft nach IVF oder ICSI, aber nur in jeder 15. Schwangerschaft, die auf normalem Wege entstanden ist, findet sich eine Fehlbildung. Die wichtige Zusatzfrage ist jedoch: „Woran liegt es?“ 

Im Wesentlichen an den Eltern. Denn die Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, sind im Schnitt deutlich älter als Paare, die ihre Kinder auf normalem Weg zeugen können. Aber auch die Faktoren, die die Fruchtbarkeit vermindern, können ein Risiko für die Gesundheit der Kinder darstellen. So kommt es bei Frauen mit einem PCO-Syndrom häufiger zu Schwangerschaftszucker, erhöhtem Blutdruck und Frühgeburtlichkeit. Männer mit sehr schlechten Spermien haben vergleichsweise häufiger genetische Auffälligkeiten in ihrem Erbgut als uneingeschränkt fruchtbare Männer und können auch ihre Unfruchtbarkeit vererben.

Offenbar bestehen also erhöhte Risiken für die Kinder von Eltern mit eingeschränkter Fruchtbarkeit. Und das sogar, wenn nach längerer Zeit der Unfruchtbarkeit eine Schwangerschaft noch auf normalem Wege eintritt.

Also keine Risiken durch die Behandlung selbst?

Dass viele Risiken durch die Vorgeschichte der Unfruchtbarkeit der Eltern bedingt sind, bedeutet natürlich nicht, dass die künstliche Befruchtung keine Risiken für die Kinder mit sich bringt. Die Methode der künstlichen Befruchtung birgt zusätzliche Risiken. Der mögliche Einfluss von Kulturmedien wurde bereits eingangs erwähnt. Frühgeburten und ein geringes Geburtsgewicht, sind häufige Folgen von Mehrlingsschwangerschaften und frühkindlichen Erkrankungen. Interessanterweise treten die Probleme auch bei Einlingsschwangerschaften nach IVF und ICSI häufiger auf2)McDonald SD1, Han Z, Mulla S, Murphy KE, Beyene J, Ohlsson A; Knowledge Synthesis Group
Preterm birth and low birth weight among in vitro fertilization singletons: a systematic review and meta-analyses.
Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol. 2009 Oct;146(2):138-48
aber nicht, wenn nur ein Embryo transferiert wird3)Grady R, Alavi N, Vale R, Khandwala M, McDonald SD
Elective single embryo transfer and perinatal outcomes: a systematic review and meta-analysis.
Fertil Steril. 2012 Feb;97(2):324-31.
Ein guter Grund für einen sogenannten Single Embryo Transfer, wenn es denn besser unterstützt würde. Auch die hoch dosierten Hormongaben haben möglicherweise einen Einfluss auf die Entwicklung von Embryonen und Kindern.

Nun aber: Blutdruckrisiko erhöht?

Foto von medisave

Es steht also außer Frage, dass viele Risiken der künstlichen Befruchtung durch die Eltern der Kinder bedingt sind, aber auch die Behandlung diese erhöhen kann. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass man diese Einflüsse nicht sauber voneinander trennen kann. Wie auch in der aktuellen Studien zum kindlichen Hochdruck, welche im Ärzteblatt besprochen wurde. Eine Forschergruppe aus der Schweiz publizierte im Fachblatt «Journal of the American College of Cardiology» eine Vergleichsstudie, welche die Blutgefäße von nach IVF Geborenenen mit einer Kontrollgruppe verglich. Der Blutdruck der IVF-Kinder betrug im Mittel 119/71 mmHg im Vergleich zu 115/69 mmHg bei der Kontrollgruppe normal gezeugter Kinder. Der Unterschied ist gering, nach Aussage der Forscher jedoch ausreichend, um das Risiko für später auftretende Herz- und Gefäßerkrankungen zu erhöhen

Das auffälligste Ergebnis der Studie war aber, dass 8 der 52 IVF/ICSI-Kinder, aber nur 1 der 43 Kinder der Kontrollgruppe die ABPM-Kriterien der arteriellen Hypertonie (Blutdruck über 130/80 mmHg und/oder über der 95. Perzentile) erfüllten. Die Unterschiede im Blutdruck und bei der Zahl der Hypertoniker waren signifikant.“ berichtet das Ärzteblatt. „Die Forscher vermuteten die Ursache in epigenetischen Störungen, ausgelöst durch die Manipulation der Embryonen bei IVF und ICSI oder durch die begleitende Hormonbehandlung (ovarielle Hyperstimulation).

Die Zahl der untersuchten Kinder ist sicherlich nicht groß genug, um eine Gefahr für die Kinder wirklich belegen zu können, weitere Untersuchungen mit größeren Fallzahlen werden notwendig sein, um den Sachverhalt eindeutig klären zu können, zumal größere Datenanalysen positivere Ergebnisse zeigen4)Guo XY, Liu XM, Jin L, Wang TT, Ullah K, Sheng JZ3 Huang HF
Cardiovascular and metabolic profiles of offspring conceived by assisted reproductive technologies: a systematic review and meta-analysis.
Fertil Steril. 2017 Mar;107(3):622-631.e5.
. Weitere Untersuchungen sind unbedingt anzustreben. Denn es wurden bereits sehr viele Kinder, die durch IVF und ICSI gezeugt wurden, auf ihre Gesundheit und Entwicklung hin untersucht, aber der älteste durch diese Methode gezeugte Mensch – Louise Brown – ist kürzlich erst 40 Jahre alt geworden. Das ist ein sehr langer Zeitraum, in dem wir Vieles – auch Beruhigendes – über den Einfluss der Reproduktionsmedizin auf die Gesundheit der damit gezeugten Kinder gelernt haben. Aber wir wissen immer noch nichts über das Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko in höherem Lebensalter.

Das macht das Ergebnis dieser Studie – und sei die Zahl der untersuchten Kinder auch noch so klein – zunächst einmal beachtenswert.


Literatur   [ + ]

1. Vermeiden JP1, Bernardus RE
Are imprinting disorders more prevalent after human in vitro fertilization or intracytoplasmic sperm injection?
Fertil Steril. 2013 Mar 1;99(3):642-51
2. McDonald SD1, Han Z, Mulla S, Murphy KE, Beyene J, Ohlsson A; Knowledge Synthesis Group
Preterm birth and low birth weight among in vitro fertilization singletons: a systematic review and meta-analyses.
Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol. 2009 Oct;146(2):138-48
3. Grady R, Alavi N, Vale R, Khandwala M, McDonald SD
Elective single embryo transfer and perinatal outcomes: a systematic review and meta-analysis.
Fertil Steril. 2012 Feb;97(2):324-31.
4. Guo XY, Liu XM, Jin L, Wang TT, Ullah K, Sheng JZ3 Huang HF
Cardiovascular and metabolic profiles of offspring conceived by assisted reproductive technologies: a systematic review and meta-analysis.
Fertil Steril. 2017 Mar;107(3):622-631.e5.
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Kommentar

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5 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Der Zeit-Autor ist mit seinen Formulierungen auch nicht zimperlich. z.B. „So haben Jugendliche, die nach einer IVF-Behandlung zur Welt gekommen sind, schon früh Gefäßprobleme.“ – Da denkt doch der Leser, alle Jugendlichen mit dieser Geschichte hätten Gefäßprobleme. …

    Danke, lieber Dr. Breitbach, dass Sie hier zu diesem unsäglichen Artikel Ihren Kommentar abgegeben haben. Das rückt doch wieder einiges gerade.

  2. Elmar Breitbach
    Charlotte B. schreibt

    Interessant finde ich die Ergebnisse dieser Metastudie in der die Funde von Blutdruckvergleichen zusammenfasst dargestellt sind. Spannend ist, dass die Werte für IVF/ICSI Kinder aus dem letzten Jahrhundert tatsächlich signifikant höher sind als die Vergleichsgruppe. Für Kinder, die ab 2000 geboren wurden, ist das aber nicht mehr zu beobachten.

    Hier ist der Link: https://www.fertstert.org/article/S0015-0282(16)63075-3/fulltext

  3. Elmar Breitbach
    Claru schreibt

    Heute steht zu dem Thema ein sehr reisserischer und nicht besonders gut geschriebener Artikel drin. Mir hat es weh getan, so etwas zu lesen. Denn nicht nur, dass man sich mit den, besorniserregenden, ersten Untersuchungen und Studien, beschäftigen muss. Schon kommt wieder ein unbeteiligter Journalist und tausende Kommentatoren und sprechen den IVF-Kindern das Recht auf Leben ab, und den Eltern, das recht auf IVF-Kinder.
    Erinnert ein bisschen an den Fall mit der Lewitscharoff

  4. Elmar Breitbach
    Lanu schreibt

    „Interessant finde ich die Ergebnisse dieser Metastudie in der die Funde von Blutdruckvergleichen zusammenfasst dargestellt sind. Spannend ist, dass die Werte für IVF/ICSI Kinder aus dem letzten Jahrhundert tatsächlich signifikant höher sind als die Vergleichsgruppe. Für Kinder, die ab 2000 geboren wurden, ist das aber nicht mehr zu beobachten.“

    Wobei sich die erhöhten Blutdruckwerte nach der neuesten Studie ja erst im Teenager-Alter oder noch später manifestieren und da dürfte die Datenlage für die Geburten 2000-2009 noch recht dünn sein.

  5. Elmar Breitbach
    Nauka schreibt

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich bin zuerst über den in der Zeit gestolpert und habe dann sofort hier geguckt, in der Hoffnung einen Kommentar dazu zu finden.
    Ich bin ehemalige Kinderwunschpatientin und Mutter eines Kindes und habe hier auf der Seite und im Forum viel Hilfe gefunden. So auch heute. Danke für das Erklären und relativieren. Nauka