Geschlechtswahl durch Kulturmedien bei IVF


„Hauptsache gesund“ sagen alle werdenden Eltern. Aber nicht wenige meinen es nicht so und wünschen sich ein bestimmtes Geschlecht. Entweder, weil sie schon mehrere eines Geschlechts haben und nun auch einmal ein Kind eines anderen wünschen, oder weil sie bereits ein bestimmtes Familienbild vor Augen haben. „Familybalancing“ nennt sich das eine, Geschlechtswahl das andere.

Aber wenn das Kind bereits unterwegs ist, ist es zu spät. Allein vor der Empfängnis (präkonzeptionell) das Geschlecht zu bestimmen, ermöglicht eine Auswahl. Über die möglichen Methoden der Geschlechtswahl vor der Schwangerschaft gibt es hier bereits eine ausführliche Auflistung, wobei zu sagen ist, dass die meisten Methoden lediglich leere Versprechungen sind.

Dieser Frage möchten manche Paare bereits vor der Empfängnis klären. Foto von kristin_a (Meringue Bake Shop)
Dieser Frage möchten manche Paare bereits vor der Empfängnis klären.

In vielen Ländern ist die Geschlechtswahl explizit verboten, so auch in China. Zumindest mit der einzigen sicheren Methode ist es nicht erlaubt: Lediglich die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt die zuverlässige Geschlechtsbestimmung vor der Schwangerschaft. Aber niemand macht den Kinderwunschkliniken Vorschriften, in welchen Medien sie die Embryonen kultivieren. Dies machte sich eine chinesische Forschergruppe zunutze. Sie untersuchte den Einfluss verschiedener Kulturmedien auf die spätere Geschlechtsverteilung der geborenen Kinder nach IVF. Über 4000 Einlingsschwangerschaften nach IVF und ICSI wurden untersucht und man fand, dass nach ICSI der Anteil männlicher Kinder signifikant höher war (56,1%), wenn man G5™ Medium verwendete, eine Variante eines Produkts der Firma Vitrolife, deren Kulturmedien in vielen Labors in der Routine verwendet werden.

Nun ist ein Medium ja nicht in der Lage, etwas am Geschlecht eines Embryos zu ändern. Bei der IVF könnte man ja vielleicht noch vermuten, dass Spermien mit einem Y-Chromosom durch ein Kulturmedium einen Vorteil haben könnten, um besser in die Eizelle einzudringen. Der Anteil männlicher Feten war jedoch nur nach einer ICSI signifikant erhöht.

Die Autoren folgern daraus, es könne möglich sein, spezielle Spezialmedien herzustellen, die diesen Effekt noch stärker unterstützen könnten, die also das Wachstum männlicher Embryonen begünstigen und daher eine Selektion des Geschlechts in der Kultur ermöglichten.

Mal abgesehen davon, dass es sich hier um eine retrospektive Studie handelt, deren Aussagekraft trotz der hohen Fallzahl eingeschränkt ist, stellt sich natürlich auch die Frage, wie harmlos das Verfahren sein würde. Wenn ein Medium bestimmte gewünschte genetische Eigenschaften beim Embryo bevorzugt, könnte auch andere Eigenschaften mit negativen Folgen verstärkt werden. Dass diese Befürchtung durchaus berechtigt sein kann, lassen niederländische Studien vermuten, die einen Einfluss der verwendeten Kulturmedien auf das Geburtsgewicht der Kinder feststellen konnten. Ob man sich solchen Unwägbarkeiten aussetzen sollte, nur um eine bestimmte Sorte Kind zu bekommen, muss man daher ernsthaft in Frage stellen.


Zhu J, Zhuang X, Chen L, Liu P, Qiao J
Effect of embryo culture media on percentage of males at birth.
Hum Reprod. 2015 Mar 6. pii: dev049. [Epub ahead of print]

Foto von kristin_a (Meringue Bake Shop)


Noch Fragen?

Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über zahlreiche andere Foren von wunschkinder.net.
Die am häufigsten gestellten Fragen haben wir nach Themen geordnet in unseren FAQ gesammelt.
Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.