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„Freeze all“ bei IVF: Bessere Ergebnisse bei PCO-Syndrom?

Alle Eizellen einfrieren und keinen frischen Zyklus durchführen: Verbessert das die Schwangerschaftsrate?

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Mit der Verbesserung der Techniken bei der Kryokonservierung von Eizellen und Embryonen wurde in manchen Kinderwunschkliniken im Rahmen der künstlichen Befruchtung auf einen „frischen Transfer“ verzichtet und alle Eizellen eingefroren, um später in einem Kryozyklus transferiert zu werden. Ist dieses Freeze all dem frischen Transfer überlegen?

Eine generelle Überlegenheit besteht nicht

Die Idee hinter dem „Freeze all“ Verfahren ist die Abkopplung des Embryotransfers vom Stimulationszyklus mit seinen hohem Östrogenspiegeln. Man vermutet einen negativen Effekt unphysiologisch hoher Östrogene auf die Qualität der Gebärmutterschleimhaut und ihre Fähigkeit, die Einnistung eines Embryos zuzulassen. Den Transfer dann im natürlichen Zyklus oder mit niedrig dosierten Östrogenen durchzuführen soll diesen Überlegungen zufolge die Erfolgsraten verbessern.

Schaut man sich die Ergebnisse einer aktuellen Übersichtsarbeit in der Cochrane Database an, dann kann diese These zumindest nicht ohne Einschränkungen bestätigt werden1)Wong KM, van Wely M, Mol F, Repping S, Mastenbroek S
Fresh versus frozen embryo transfers in assisted reproduction.
Cochrane Database Syst Rev. 2017 Mar 28;3:CD011184. doi: 10.1002/14651858.CD011184.pub2
. Es ergab sich für die Strategie, alle Eizellen erst einmal einzufrieren, keine höhere Lebendgeburtenrate gegenüber dem konventionellen Vorgehen, also des Transfers im Punktionszyklus. Fehlgeburten waren zwar etwas seltener, aber ein wesentlicher Unterschied bei den geborenen Kindern fand sich nicht. Naturgemäß traten weniger Überstimulationssyndrome auf, denn diese werden durch eine Schwangerschaft, die im Punktionszyklus eintritt, begünstigt.

Zusammenfassend findet sich also kein Vorteil des „Freeze all“, wenn man es pauschal bei allen Patienten anwendet.
Gibt es Untergruppen, bei denen es mehr bringt?

Vorteile des Freeze all beim PCO

Geht man weiterhin davon aus, dass sehr hohe Östrogenwerte einen negativen Einfluss auf die Gebärmutterschleimhaut haben, dann scheint das zumindest nicht pauschal zu gelten. Wie ist es jedoch bei Frauen mit einem PCO-Syndrom, die unter Hormongaben oft sehr viele Eizellen bilden mit entsprechend hochen Östrogenwerten? Bei diesen Patientinnen sind Überstimulationssyndrome relativ häufig, weshalb die Neigung, alle Eizellen einzufrieren, hier größer ist.

Eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler hat nun die Ergebnisse von „Freeze all“ und dem konventionellen Vorgehen bei PCO-Patientinnen verglichen2)Chen ZJ, Shi Y, Sun Y, Zhang B, Liang X, Cao Y, Yang J, Liu J, Wei D, Weng N, Tian L, Hao C, Yang D, Zhou F, Shi J, Xu Y, Li J, Yan J, Qin Y, Zhao H, Zhang H, Legro RS
Fresh versus Frozen Embryos for Infertility in the Polycystic Ovary Syndrome.
N Engl J Med. 2016 Aug 11;375(6):523-33
. Mehr als 1.500 Frauen mit einem PCOS wurden in die Studie aufgenommen. In ihrem jeweils ersten IVF-Zyklus erhielten sie entweder direkt einen Transfer oder nach Einfrieren aller befruchteter Eizellen erst in einem Folgezyklus. 

  • Die Rate an Überstimulationssyndromen sank durch das Einfrieren von 7,1 auf 1,3 Prozent.
  • Fehlgeburten traten ebenfalls seltener auf: 22 Prozent gegenüber 32,7 Prozent.
  • Die Zahl lebend geborener Kinder war nach dem Einfrieren aller Eizellen um 17% höher (49,3 % bzw. 42,0%)
  • Die Komplikationsrate (Totgeburten und Präeklampsie) in der Schwangerschaft war nach dem Einfrieren höher
Bei Frauen mit einem PCO-Syndrom ist die Freeze all Prozedur erfolgreicher, wobei die Rate der Schwangerschaftskomplikationen in weiteren Studien untersucht werden muss.

 


Literatur   [ + ]

1. Wong KM, van Wely M, Mol F, Repping S, Mastenbroek S
Fresh versus frozen embryo transfers in assisted reproduction.
Cochrane Database Syst Rev. 2017 Mar 28;3:CD011184. doi: 10.1002/14651858.CD011184.pub2
2. Chen ZJ, Shi Y, Sun Y, Zhang B, Liang X, Cao Y, Yang J, Liu J, Wei D, Weng N, Tian L, Hao C, Yang D, Zhou F, Shi J, Xu Y, Li J, Yan J, Qin Y, Zhao H, Zhang H, Legro RS
Fresh versus Frozen Embryos for Infertility in the Polycystic Ovary Syndrome.
N Engl J Med. 2016 Aug 11;375(6):523-33
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Kommentar

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5 Kommentare
  1. Sonya schreibt

    Zitat: „Die Zahl lebend geborener Kinder war nach dem Einfrieren aller Eizellen um 17% höher (49,3 % bzw. 42,0%)“.
    Es sind 7%, nicht 17% 😉

  2. Elmar Breitbach schreibt

    @ Sonya. Absolut stimmt das. Es ist aber relativ gemeint. 42% + (17% von 42) = 49,3
    Also eine Steigerung der Schwangerschaftsrate um 17%.
    Ich hoffe, ich konnte mich verständlich machen 😉

  3. Gwirksi schreibt

    Lieber Doc Elmar.
    Ab welchem E2 Wert in der 2. Zyklushälfte sinkt denn die SS Chance? Also was ist der cut-off Wert wo der Einbruch erfolgt?
    Hintergrund der Frage ist der…wir machen im Dez einen Vorzyklus mit Östro und Prog in der 2. Zyklushälfte (nächste Icsi im Jan. geplant) Da wir idiopathisch steril sind wollen wir den Vorzyklus für natürliches Üben verwenden. Habe nun etwas Angst, daß durch 1-0-1 Estrofem (und 3-0-3 Utro) der E2 Spiegel zu hoch sein wird! Danke im voraus für Ihre Rückmeldung!
    LG gwirksi

  4. Gwirksi schreibt

    PS: vergessen zu schreiben 1-0-1 Estrofem à 2mg…somit 4mg insgesamt.

  5. Elmar Breitbach schreibt

    @ Gwirksi: Die Studien beziehen sich auf stimulierte Zyklen und nicht auf substituierte. Daher lässt sich keine Aussag zu substituierten Zyklen machen und schon gar nicht zu Grenzwerten.