Follikel spülen bei IVF: bekommt man dadurch mehr Eizellen?

Gründliches Durchspülen kann manchmal helfen. Auch bei Follikeln?


Die Follikel zu spülen (Flushing) soll zu einer besseren Ausbeute an Eizellen führen. Bei der Entnahme von Eizellen für eine künstliche Befruchtung saugt man die Flüssigkeit unter Ultraschallkontrolle aus den Follikeln ab. Ist tatsächlich hilfreich, die Eibläschen dann mehrfach mit Flüssigkeit durchzuspülen, um die Eizellen zu finden?

In unserem Kinderwunsch-Forum hatten wir kürzlich eine Frage, wo es unter anderem auch darum ging, ob Follikel spülen hilfreich ist, zum Beispiel wenn nur wenige Eibläschen vorhanden sind und man sicher sein möchte, die Eizellen auch wirklich herauszubekommen bei der Punktion.

Wie werden die Eizellen  aus den Eibläschen eigentlich entnommen?

Ausführlich wird dies in unseren Theorie-Seiten zur IVF gezeigt. Die Eizellentnahme (Punktion) wird durch die Scheide durchgeführt. Unter Ultraschallkontrolle sticht man dann in die Eibläschen und saugt die darin enthaltene Flüssigkeit ab. Üblicherweise kommt dabei dann auch meist die Eizelle gleich mit. In seltenen Fällen löst sich die Eizelle nicht aus dem Eibläschen und geht dadurch verloren.

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Die Entnahme der Eizellen erfolgt durch die Scheide © Ferring

Die Idee hinter dem Follikel spülen ist, dass man nicht nur einmal in die Eibläschen hineinsticht und die Flüssigkeit absaugt, sondern den Follikel danach noch mehrfach mit Flüssigkeit spült, um die Eizelle sicher gewinnen zu können. Man hofft, dadurch keine Eizellen zu verlieren.

Studien: Mehr Eizellen durch Follikel spülen?

Wie es oft so ist mit den guten Ideen: Sie müssen sich auch in der Praxis beweisen. Meine persönliche Erfahrung kann ich dazu vielleicht auch kurz schildern. In der Uniklinik haben wir damals bei jeder Punktion die Follikel so lange gespült, bis die Eizelle unter dem Mikroskop gefunden wurde. Als ich dann in der Praxis sah, dass die Punktion hier ohne Follikel spülen durchgeführt wurde, machte mich das regelrecht nervös. Ich fürchtete um die Eizellausbeute. Inzwischen ist meine Erfahrung die: Reife, also brauchbare Eizellen bekommt man in den meisten Fällen problemlos ohne Spülung. Und offenbar hat man durch die Spülerei noch ein paar unreife Eizellen zusätzlich. Nun ja, das ist eine persönliche Einschätzung und ich verstehe, wen man lieber konkretere Fakten dazu hätte. Hier sind sie:

Die Antwort gleich vorweg: Die Erwartungen werden nicht erfüllt. In einer Cochrane Analyse wurden die Ergebnisse von Studien zusammengetragen, die sich mit dem Thema beschäftigten1)Wongtra‐ngan, S., Vutyavanich, T., & Brown, J. (2010). Follicular flushing during oocyte retrieval in assisted reproductive techniques. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9).. Den strengen Kriterien der Cochrane Datenbank genügten nur 10 Studien mit insgesamt 928 Frauen. Es handelte sich also durchgehend um Studien, in denen der Ausgang der Behandlung mit und ohne Follikel spülen verglichen wurde (kontrollierte Studien.

  • Die Zahl lebend geborener Kinder wurde durch das Spülen der Follikel nicht erhöht.
  • Klinischer Schwangerschaften waren mit oder ohne Follikelspülung gleich häufig.
  • Mehr Eizellen wurden durch eine Spülung nicht gewonnen.
  • Die Zahl der Embryonen war mit und ohne Spülung gleich.
  • Die Punktion dauerte durch Follikel spülen länger.
  • Risiken und Nebenwirkungen unterschieden sich nicht in den beiden Gruppen.

Die Autoren bedauern, dass zu wenige Studien über die Zahl lebend geborener Kinder berichtet, da dies ja das Ziel einer jeden künstlichen Befruchtung ist.

Aktuell gibt es keinen Beleg dafür, dass das Spülen der Follikel einen Vorteil gegenüber der einmaligen Punktion des Follikels hat.

Und wie ist es mit dem Flushing bei wenigen Follikeln?

Diese Frage ist bislang noch nicht geklärt worden. Hilft es die Follikel zu spülen, wenn nur wenige Follikel vorhanden und wenige Eizelle erwartet werden? Hier ist die Datenlage weniger klar, wenngleich die Tendenz auch eher gegen das Flushing spricht. in einer kleinen kontrollieren Studie (100 Patienten)2)Levens, E. D., Whitcomb, B. W., Payson, M. D., & Larsen, F. W. (2009). Ovarian follicular flushing among low-responding patients undergoing assisted reproductive technology. Fertility and sterility91(4), 1381-1384. war das Spülen sogar nachteilig. Andere Studien fanden zumindest keinen Vorteil3)Levens, E. D., Whitcomb, B. W., Payson, M. D., & Larsen, F. W. (2009). Ovarian follicular flushing among low-responding patients undergoing assisted reproductive technology. Fertility and sterility91(4), 1381-1384..

Bei Frauen mit einem schlechten Ansprechen auf eine hormonelle Stimulation (low responder) bringt das Flushing also eher nichts. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass bei Punktionen mit minimaler Stimulation4)Lozano, D. H., Fanchin, R., Chevalier, N., Feyereisen, E., Hesters, L., Frydman, N., & Frydman, R. (2006). Optimising the semi natural cycle IVF: the importance of follicular flushing. Journal of the Indian Medical Association104(8), 423-427. oder im natürlichen Zyklus5)Lozano, D. H. M., Scheffer, J. B., Frydman, N., Fay, S., Fanchin, R., & Frydman, R. (2008). Optimal reproductive competence of oocytes retrieved through follicular flushing in minimal stimulation IVF. Reproductive biomedicine online16(1), 119-123. die Schwangerschaftsraten sogar besser sein könnten.

Dennoch wird man zusammenfassend zu dem Schluss kommen müssen, dass das Flushing, also Follikel spülen die Chancen auf eine Schwangerschaft nicht (generell) erhöht, auch wenn nur wenige Follikel vorhanden sind.

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Literatur   [ + ]

1. Wongtra‐ngan, S., Vutyavanich, T., & Brown, J. (2010). Follicular flushing during oocyte retrieval in assisted reproductive techniques. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9).
2, 3. Levens, E. D., Whitcomb, B. W., Payson, M. D., & Larsen, F. W. (2009). Ovarian follicular flushing among low-responding patients undergoing assisted reproductive technology. Fertility and sterility91(4), 1381-1384.
4. Lozano, D. H., Fanchin, R., Chevalier, N., Feyereisen, E., Hesters, L., Frydman, N., & Frydman, R. (2006). Optimising the semi natural cycle IVF: the importance of follicular flushing. Journal of the Indian Medical Association104(8), 423-427.
5. Lozano, D. H. M., Scheffer, J. B., Frydman, N., Fay, S., Fanchin, R., & Frydman, R. (2008). Optimal reproductive competence of oocytes retrieved through follicular flushing in minimal stimulation IVF. Reproductive biomedicine online16(1), 119-123.
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Kommentar

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1 Kommentar
  1. Elmar Breitbach
    Capsella schreibt

    Interessanter Artikel. Tatsächlich hatte ich nach mehreren erfolglosen IUIs eine ICSI, bei der rund die Hälfte der Follikel nachgespült wurde, weil nach einmaligem Absaugen keine Eizelle unter dem Mikroskop sichtbar war. Hinzu kam eine schlechte Spermaprobe und man riet uns eindringlich zur ICSI.

    Aus Kostengründen entschieden wir, von den 11 Eizellen 5 mit IVF und 6 mit ICSI befruchten zu lassen. Von den 5 IVF-Eizellen ließen sich 0 befruchten, von den 6 ICSI-Eizellen hingegen 5, wovon eine Eizelle degradierte und 4 Vierzeller in B-Qualität verwendet werden konnten.

    Vorausgesetzt meine Eizellen wurden zufällig auf IVF und ICSI aufgeteilt ist meine Schlussfolgerung daher ähnlich: Durch das Spülen werden nicht vollständig ausgereifte Eizellen gewonnen, die sich jedoch mit ICSI noch sehr gut "retten" lassen. Ein Arzt, der die Eizellen durch mehrmaliges Spülen gewinnen musste sollte daher zu einer ICSI raten.

    Ein mehrmaliges Spülen per se befürworte ich jedoch nicht, es ist zum Einen nicht notwendig, da es ja die Möglichkeit der Sichtkontrolle gibt und zum Anderen für die Patientin nicht gerade angenehm, wenn der Eingriff ohne Narkose erfolgt.