Fehlgeburt: Was man glaubt und was man weiß…


…ist offenbar zweierlei, wie eine Umfrage in den USA ergab, deren Ergebnisse letzten Donnerstag bei einem internationalen Meeting von Reproduktionsmedizinern (ASRM) vorgetragen wurden. Die meisten Befragten waren der Auffassung, Fehlgeburten seien selten, Folge von persönlichem Fehlverhalten und körperlichen oder seelischem Stress. Was nicht der Fall ist.

Diese Fehlinformationen führen oft zu Schuldgefühlen oder – noch schlimmer – Beschuldigungen der betroffenen Frauen und Paare. „Fehlgeburten sind in den meisten Gesellschaften ein Tabuthema und werden daher nur selten öffentlich diskutiert, obwohl fast eine Million jährlich alleine in den Vereinigten Staaten auftreten“ sagt der für die Umfrage verantwortliche Gynäkologe Dr. S. Zev Williams vom Albert Einstein College of Medicine in New York.

Fehlgeburt
Foto: berwis / pixelio.de

William und seine Kollegen befragten 1.083 Männer und Frauen in den USA über ihre persönlichen Erfahrungen und die ihnen bekannten Fakten zum Thema Fehlgeburt.

Was man glaubt

  • 65% der Befragten nahmen an, Fehlgeburten träten nur selten auf
  • 76% glauben, dass ein besonders ausgeprägter kurzfristiger Stress Fehlgeburten verursache
  • 74% sind der Auffassung, langanhaltender „Dauerstress“ löse Fehlgeburten aus
  • 64% sagen, schweres Heben wäre verantwortlich für das vorzeitige Ende einer Schwangerschaft
  • 41% sehen sexuell übertragbare Infektionen als Ursache an
  • 31% halten Abtreibungen in der Vorgeschichte für ursächlich
  • 25% suchen die Schuld bei der betroffenen Frau, da diese das Kind nicht ausreichend genug „wolle“.

…und was man weiß

  • Je nach Studie wird der Anteil an Fehlgeburten mit bis zu 25% beziffert. Es ist also keineswegs selten.
  • Bei den frühen Fehlgeburten macht man in 60-80% der Fälle genetische Ursachen für den Eintritt verantwortlich
  • Und natürlich gibt es auch andere Gründe (Gerinnungsstörungen, immunologische Erkrankungen, Fehlbildungen der Gebärmutter, um nur die wichtigsten zu nennen).

Es sind also mitnichten so banale Gründe, wie Schweres Heben oder gar Stress, die eine Fehlgeburt hervorrufen. In den meisten Fällen ist es die schicksalhafte Fehlverteilung der Chromosomen im Embryo.

Warum gibt es diese Fehlinformationen?

Es geht um Schuld und Schuldzuweisung. Schuldzuweisungen von Außenstehenden, die es halt nicht besser wissen, mehrfach problemlos schwanger waren und dieses Glück nicht als solches erkennen, sondern als Folge richtigen Verhaltens sehen möchten. Und Schuld, weil man als Betroffene hofft, eine weitere Fehlgeburt durch ein besser angepasstes Verhalten in Zukunft vermeiden zu können.

Wir möchten änderbare Ursachen erkennen können, um in Zukunft entsprechend zu handeln. Die Verteilung von Chromosomen im Embryo ist jedoch nicht beeinflussbar, sondern schicksalhaft.

Es ist schwer zu akzeptieren, was den Verlauf einer Schwangerschaft am meisten beeinflusst. Die Wahrheit ist jedoch: Es ist Pech und Glück.


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Kommentar

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13 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Greta S schreibt

    die hälfte der bevölkerung sind frauen. also 50 von 100 menschen.

    von diesen 50 bekommen ca. 70-80% ein kind. nehmen wir mal so 75% an. das sind dann 37,5 personen, der einfachheit halber 38.

    also 38 von 100 personen beiderlei geschlechts sind mutter, im schnitt.

    davon ca. 25 % haben schon eine FG erleben müssen.

    das sind also 9,5 menschen von 100 menschen. also aufgerundet 10 %.

    10% der bevölkerung.

    nun fragt frau sich, warum frau im ernstfalle (wenn sie eine FG hat…) immer an so nulpen gerät.

    nie an die 10 %, die dann sagen: ja, hatte ich auch schon ein- oder mehrmals.

    sondern immer die, die sagen – soooowas ist aber ungewöhnlich/selten, so ein pech!

    und wenn 10 % der bevölkerung sich damit "auskennen", warum schweigt es sich nicht rum, dass eine FG durchaus häufig ist, ursachen hat und man gegen einen teil der ursachen sogar was unternehmen kann?

    UND ZU GUTER LETZT, WARUM SIND NICHT MAL DIE NORMALEN FRAUENÄRZTE INFORMIERT GENUG IN DIESEN THEMEN??????????

  2. Elmar Breitbach
    Mirabelle schreibt

    Vielen Dank für diese klaren Worte!
    Bei diesem Thema gibt es einfach zu viele Experten auf diesem Gebiet. Mit Experten meine ich die von Ihnen sehr trefflich als Glückliche bezeichneten, bei denen es reibungslos klappte- oder vielleicht auch mit "nur" einer Fehlgeburt, die dann einfach mal verschwiegen wird, weil es das anschließende kluge Argumentieren und Ratschläge-Geben einfacher macht.
    Denn es ist bei den meisten ja immer noch so, dass keiner je etwas von Fehlgeburt oder Missed Abortion gehört haben will. – Ich??? Nö. Und ich kenn auch keinen…
    Ich selbst hatte übrigens mittlerweile vier.
    Wenn wir wüssten, wer im Kreis unserer Bekannten und Verwandten schon von dieser Plage heimgesucht wurde, wäre vieles erträglicher. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
    Aber solange diejenigen, die auf professionelle Hilfe angewiesen sind und sich deshalb übermäßig viel mit der Thematik auseinandersetzen, ALSO WIR in der klaren Minderheit sind und noch dazu umgeben von ignoranten Ärzten (danke, Greta!), wird sich auch in naher Zukunft nicht viel ändern. Leider.

  3. Elmar Breitbach
    Greta S schreibt

    ich verweise gerne auch auf unser WIKI , da haben wir viel zu habituellen aborten zusammengetragen!

  4. Elmar Breitbach
    Schokopudding schreibt

    Die Fakten der Umsprache sprechen für sich. Mir wird hier in den Kommentaren nur ein wenig schwarz weiß gemalt.

    Bei unserem Früh-Abort waren wir geschockt. Im Kinderwunsch-Zentrum wussten sie wahrscheinlich schon in der 6. Woche, dass das nichts werden kann. Und ich bekam direkt die Einweisung zur Ausschabung mit. Für mich völlig unvorbereitet nach dem positiven SST. Wir waren entsetzt und warteten noch etwas ab. Plötzlich war da irgendwann ein Mini-Herzschlag, aber eigentlich nie mehr.

    Ein richtiges Glück war da mein Hausgynäkologe. Er strahlte Ruhe aus. Tröstete ohne viele Worte. Machte immer mal wieder US, aber drängte zu nichts. Als ich dann in der 10. SSW mit dem Verstand so weit war, dass ich mir selbst das nicht Funktionieren eingestand, endete die Schwangerschaft von selbst endgültig, gefolgt von einer zusätzlichen Ausschabung.

    Aber was war ich froh, dass ich diesen Arzt hatte, der mich das alles in meinem Tempo erleben ließ. Und der Gedanke, dass ich selbst Schuld sei, war damals natürlich auch immer mal da. Gefolgt von der Frage, ob es jemals klappen könnte. Inzwischen hat es das mehrmals- für mich damals so fraglich.

  5. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @Schokopudding: danke für den Hinweis, dass es auch Menschen gibt, die sensibel mit dieser Situation umgehen. Sogar Ärzte 😉

    Der Artikel ist vor allem jenen gewidmet, deren Erfahrungen weniger gut waren. Und diese sind zahlreich. Leider

  6. Elmar Breitbach
    Schokopudding schreibt

    Gerne, Doc! Ich bin übrigens sehr offen mit dem drohenden Abgang umgegangen. Und ich bin sehr vielen Frauen aus allen Altersgruppen begegnet, die ähnliches erlebt hatten. Ich halte nicht viel davon erst nach 12 SSW darüber zu reden. Das mag bei einer funktionierenden SSW egal sein. Aber gerade damals tat es so gut mit anderen drüber zu sprechen, obwohl es erst am Anfang war. Und es machte mir im Nachhinei Mut von ihnen zu hören, dass sie ja offensichtlich nachher noch ihre Kinder bekommen hatten. Ansonsten hätte ich über diese nicht erfolgreiche SS ja nie sprechen können.

  7. Elmar Breitbach
    Greta S schreibt

    leider gibt es auch frauen, wo es nicht bei einer einzigen FG bleibt. habituelle aborte heißt das dann.

    wenn ein gyn beim ersten mal noch unsensibel und dumm schwätzen kann – oder die mitmenschen – was passiert dann bei der 2. oder 3. FG?

    jedes (!) blöde wort ist da potentiell tötlich.

    vernichtend.

    beim 2. mal schon denkt frau, dass es NIE was wird. zumal eine abort-diagnostik erst nach der DRITTEN FG in D gemacht wird!

    was genau mutet man den frauen da eigentlich zu????

    wieviel kostet eine blutuntersuchung, verglichen mit jahrelangen therapien der frauen wegen seelischer zerstörung???

    in D ist so einiges beim kinder-HABEN in schieflage. da muss man sich nicht wirklich wundern, dass wir weniger werden. immer weniger….

  8. Elmar Breitbach
    Mirabelle schreibt

    Die Zahl derer, mit denen ich über meine vier Fehlgeburten rede, ist im Laufe der Jahre auf Atomgröße zusammengeschrumpft. Ursächlich hierfür sind all die Dinge, die in obigem Artikel so treffend zusammengefasst sind sowie ein gesunder Selbsterhaltungstrieb. Die hilfreichsten Gespräche ergaben sich erfahrungsgemäß in meiner Kinderwunschpraxis, sei dies im Wartezimmer mit Gleichgesinnten oder im Behandlungsraum mit meinem Kinderwunsch-Arzt, nicht jedoch an Tante Käthes Kaffeetisch.

  9. Elmar Breitbach
    raise schreibt

    Trotzdem nicht vergessen, dass es auch vermeidbare Fehlgeburten gibt, gerade die durch aufsteigende Scheideninfektionen. Unsere Selbstvorsorge ist da gefragt, Waschen nur mit PH-Wert 3,5 Lotions und Selbsttestung des PH-Wertes der Scheide:
    http://www.saling-institut.de/german/03infomo/02selbstv.html

  10. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Grundsätzlich richtig. Aber die Infektion ist eher ein Problem der späteren Schwangerschaftswochen. Dort hat man dann mehr Einflussmöglichkeiten als in den ersten Wochen, die dann leider doch häufiger schicksalhaften Einflüssen unterliegen

  11. Elmar Breitbach
    Nadie schreibt

    Was auch häufig von Außenstehenden behauptet wird: Nach einer Fehlgeburt sei man fruchtbar wie nie zuvor. Das ist wohl zunächst als Trost gedacht, für die Betroffene jedoch nicht wirklich tröstlich – vorallem, wenn die Monate und die Transfers vergehen und eben keine Schwangerschaft mehr eintritt…

  12. Elmar Breitbach
    Sandra schreibt

    Hallo!
    9 positive Tests seit ca 1 Woche. Da ich begleitend auch fast 1Woche jedoch bräunlichen Ausfluss habe, gehe ich von einem Abgang aus. Ich bin etwas verwirrt! Wie lange hält sich der HCG Spiegel bei einem Abgang?

  13. […] nach Ursachen suchen und hier neigen viele Frauen leider dazu, sich selbst die Schuld zu geben. Meist völlig zu unrecht, denn eine Fehlgeburt ist in den allermeisten Fällen ein schicksalhaftes Ereignis, das unabhängig […]