Helfen Antioxidantien bei Kinderwunsch?

Fördern Vitamine und andere Nahrungsergänzungsmittel die Fruchtbarkeit?


Vitamine stehen zu Recht in dem Ruf „gesund“ zu sein. Auch andere Nahrungsergänzungen sind wichtig für viele Stoffwechselprozesse. Vor allem den sogenannten Antioxidantien werden wichtige Funktionen zugeschrieben. Helfen Antioxidantien auch bei der weiblichen Fruchtbarkeit?

Was sind eigentlich Antioxidantien?

Vitamine sind gesund. Manche sogar noch gesünder. Den Vitaminen E , C  und dem Betacarotin kommt eine zusätzliche Bedeutung zu, da sie „antioxidativ“ wirken. Dies bedeutet, dass sie sogenannte „freie Radikale“ abfangen. Das sind aggressive Sauerstoffverbindungen, die im Körper im Rahmen ganz normaler Stoffwechselprozesse entstehen. In geringem Umfang sind sie wichtig für den Körper, bei größeren Mengen entsteht jedoch sogenannter oxidativer Stress, der in der Folge Zellen schädigen kann und – so sagt man – die Fruchtbarkeit beeinträchtigt.

Die genannten Vitamine sowie Selen und Zink sind die am häufigsten genannten Vertreter der Antioxidativa.

Schreibweise: Das wäre dann übrigens der korrekte Begriff für die Mehrzahl von Antioxidans. Trotz der Rechtschreibreform hat sich „Antioxidanzien“ gegenüber „Antioxidantien“ nicht durchsetzen können. Bleiben wir also bei der häufigsten Schreibweise.

Sollte man Antioxidantien zusätzlich einnehmen?

Die Bedeutung der Vitamine C und E sowie Betacarotin für den Stoffwechsel des Menschen ist hinreichend belegt. Und eine ihrer Hauptfunktionen liegt darin, die freien Radikale abzufangen und den „oxidativen Stress“ zu mindern. Das gilt ebenso für Selen oder Zink.

Basierend auf diesen Erkenntnissen hat sich eine Nahrungsergänzungsmittelindustrie etabliert, die Schutz vor Krebs und ein längeres Leben verspricht.  Auch Frauen mit einem unerfüllten Kinderwunsch werden mit Rundum-Sorglos-Paketen bedacht. Darin ist dann alles enthalten, was irgendwie der Fruchtbarkeit dienen könnte. Gemäß dem Motto: Wenn’s nicht hilft, schadet es wenigstens nicht.

Die genannten Substanzen sind in der täglichen Nahrung üblicherweise ausreichend vorhanden. Eine zusätzliche Gabe von Antioxidantien ist daher nicht notwendig. Nun kann man durchaus trotzdem darüber spekulieren, ob man nicht „zur Sicherheit“ zu diesen Vitaminpräparaten greifen sollte.

Gibt es Nebenwirkungen?

Wie steht es denn um die Sicherheit? Bei den üblichen Kombipräparaten sind die Dosierungen so gewählt, dass Nebenwirkungen nicht zu erwarten sind. Da stellt sich dann nur die Frage, ob die Antioxidantien zumindest wirken. Dazu mehr weiter unten. Allerdings nehmen viele Frauen nicht nur ein Kombipräparat, sondern auch zwei und ergänzen sie dann durch Einzelsubstanzen, um die Antioxidantien hochdosiert zuzuführen.

Dadurch kann es selbst beim simplen Vitamin C zu Nebenwirkungen kommen. In großen Studien fand man bei hochdosierter Gabe von Vitamin A, E und Betacarotin sogar eine Tendenz zur Verkürzung der Lebenszeit, das Gegenteil von dem, was man eigentlich erwartet hatte.

Und helfen Antoxidantien bei Kinderwunsch?

Wie sichtig sind Vitamine? Foto: Elke Barbara Bachler / pixelio.de
Wie sichtig sind Vitamine?
Foto: Elke Barbara Bachler / pixelio.de

Zu einer sinnigen Dosierung sollte man also unbedingt raten. Man kann es nun einfach kaufen und einnehmen und gut ist’s. Besser ist es jedoch immer, mal nachzuschauen, was in Studien so herausgekommen ist.

Und genau das wurde nun (erneut) gemacht und in der Cochrane Database veröffentlicht1)Showell, M. G., Mackenzie-Proctor, R., Jordan, V., & Hart, R. J. (2020). Antioxidants for female subfertility. Cochrane Database of Systematic Reviews, (8).. Dazu wurden die Ergebnisse aller Studien analysiert, in welchen die Wirkung von Antioxidativa mit Kontrollgruppen (Plazebo oder keine zusätzliche Gabe) verglichen wurden, also sogenannte kontrollierte Studien.

Insgesamt konnten 63 Studien gefunden werden, welche den strengen Kriterien der Cochrane Database genügten. Diese Studien enthalten Ergebnisse zu insgesamt 7760 Frauen.

Die dabei untersuchten Substanzen deckten so ziemlich alles ab, was in den üblichen Kinderwunschpräpraten auch enthalten ist. Also auch deutlich mehr als nur die oben genannten Antioxidantien: Acetylcysteine, Melatonin, L‐Arginin, myo‐inositol, Carnitin, Selen, Vitamin E, Vitamin B Komplex, Vitamin C, vitamin D, CoenzymQ10, and omega‐3‐Fettsäuren.

Lebendgeburtenrate

Wie viele Kinder nach den Behandlungen jeweils zur Welt kamen, wurde nicht in allen Studien berichtet. Hierzu liegen Daten von 1227 Frauen vor. Eine leichte Erhöhung ließ sich unter der Therapie mit Antioxidantien feststellen, jedoch waren die Ergebnisse sehr heterogen (1.81, 95% Konfidenzintervall (CI) 1.36 to 2.43). Der Unterschied ist durchaus signifikant, jedoch wird die Beweiskraft von den Autoren als sehr gering bezeichnet („very low quality evidence“).

Klinische Schwangerschaften

Bei 5.165 Frauen wurde über die Schwangerschaften, die mit Ultraschall nachweisbar waren (klinische Schwangerschaft) berichtet. Hier fand man durch die Gabe von Antioxidantien eine Verbesserung der Erfolgsrate. Auch war das Ergebnis statistisch signifikant, wenngleich auch hier die Beweiskraft niedrig beurteilt wurde („low quality evidence“).

Zusammenfassung

Ein Hauptproblem der Analyse war sicherlich die große Bandbreite verwendeter Substanzen, die einen Vergleich nur bedingt zuließ. Es zeigte sich ein positiver Effekt auf die Lebendgeburtenrate und die Schwangerschaftsraten. Die Autoren und Autorinnen schätzten die Beweiskraft jedoch aufgrund der Qualität der Studien nur als gering bis weiterhin unzureichend ein.

Im Gegensatz zur ersten Veröffentlichung 2013 gibt es also Hinweise auf eine positive Wirkung der Antioxidantien. Diese Hinweise sind jedoch aktuell noch nicht ausreichend, um die Gabe von Antioxidantien uneingeschränkt zu empfehlen, so die Schlussfolgerung.

Auf Basis dieser Ergebnisse möchte ich diese Schlussfolgerungen vorschlagen:

  • Möglicherweise verbessern Antioxidantien die Fruchtbarkeit von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch.
  • Die positiven Wirkungen sind jedoch gering und statistisch nur unzureichend belegbar.
  • Da der positive Einfluss der Antioxidantien überschaubar ist, kann man sie nicht uneingeschränkt empfehlen.
  • Und man sollte daher die Risiken niedrig halten. Von hochdosierten Dauertherapien ist abzuraten.

Was ist eigentlich mit der männlichen Fruchtbarkeit?

Sehr gute Frage. Auch hier gibt es einen tendenziell positiven Effekt. Mehr dazu hier. Die Verbesserung der Chancen gelten jedoch nur im Zusammenhang mit IVF und ICSI, der Beweis für die Verbesserung der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit auf normalem Wege steht hingegen noch aus.


Noch Fragen?

Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über zahlreiche andere Foren von wunschkinder.net.
Die am häufigsten gestellten Fragen haben wir nach Themen geordnet in unseren FAQ gesammelt.

Literatur

1 Showell, M. G., Mackenzie-Proctor, R., Jordan, V., & Hart, R. J. (2020). Antioxidants for female subfertility. Cochrane Database of Systematic Reviews, (8).
Das könnte Sie auch interessieren

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.