Buyout: Finanzinvestoren übernehmen IVF-Kliniken


In Australien sind die Zeiten schon lange vorbei, in denen der Arzt in der Einzelkämpfer-Praxis künstliche Befruchtungen durchführte. Wie auch in Deutschland entstanden größere Kliniken mit mehreren Ärzten, welche diese Behandlungen schwerpunktmäßig und im größeren Stil durchführten.

Vom Umsatz her handelt es sich bei den größten dieser Zentren um große mittelständische Unternehmen, die auch betriebswirtschaftlich ähnlichen Anforderungen gerecht werden müssen wie andere Industriezweige auch. Und nachdem die Kliniken in den letzten Jahren weiter stark gewachsen sind und die ärztlichen Eigner langsam in das Alter kommen, wo man den Betrieb der Praxen an Nachfolger übergeben möchte, stellt sich vielfach die Frage nach dem besten Weg dafür.

Da einzelne Ärzte die Millionenbeträge kaum mehr schultern können, um sich in die Praxen einzukaufen, liegt es nahe, dass Finanzinvestoren die Kliniken aufkaufen. So vermeldete Melbourne IVF gestern den Verkauf an IVF Australia, einer Investitionsgesellschaft mit Sitz in Sydney. Auch Monash IVF, ein australischer Praxenverband hat bereits ein 200 Millionen schweres Stück seines IVF-Kuchens an Investment-Gesellschaften verkauft. Natürlich erwarten auch Ärzte Rendite für ihre Investitionen in die Praxen, jedoch sind Finanzgesellschaften diesbezüglich anders gestrickt als ärztlich geführte Partnerschaften und die Rendite steht dort deutlich stärker im Vordergrund

Die Auswirkungen dieser Entwicklung hat die Herald Sun für Australien zusammengefasst:

  • Innerhalb eines Jahrzehnts stiegen die Umsätze der IVF-Kliniken im District Victoria von 10 Millionen auf 50 Millionen australische Dollar
  • Die Kliniken helfen den Paaren bei der Finanzierung der Behandlung mit eigenen Kredit- und Ratenzahlungsplänen
  • Es werden „Satelliten-Praxen“ eröffnet um neue Märkte zu erschließen. Zum Teil im Inland, aber auch in Sri Lanka, Indien, Neuseeland, Thailand und China.

Für die Patienten hat diese Entwicklung Vor- und Nachteile. IVF ist dadurch nicht mehr nur eine ärztliche Dienstleistung, sondern ein Geschäft, welches die Betroffenen von Patienten zum Kunden werden lässt. Kürzere Wege, mehr Service und eine bessere Einrichtung der Kliniken werden die absehbare Folge sein.

Angesichts des aktuellen Zusammenbruchs der Finanzmärkte stellt sich andererseits jedoch auch die Frage, wie stabil diese Konstruktionen für die Zukunft aufgestellt sein werden. Was wäre passiert, wenn Lehman Brothers sich schwerpunktmäßig finanziell in IVF-Gesellschaften engagiert hätten?

Die Folgen wären nur schwer absehbar und ob die medizinische Qualität in solchen Fällen der Rendite geopfert würde, ist nicht auszuschließen.

In Deutschland ist diese Entwicklung bereits bei den Krankenhäusern seit Jahren erkennbar und die Kliniken werden zunehmend privatwirtschaftlich mit Gewinnerzielungsabsicht betrieben. Die Folge ist ein Krankenhaussterben, welches schon seit längerer Zeit besteht und die Versorgung außerhalb von Ballungsgebieten ausdünnt.


Aber auch bei den IVF-Praxen entwickelt sich ein Trend in diese Richtung. Die Gründergeneration der ersten IVF-Praxen nähert sich dem Rentenalter und findet keine Nachfolger, die solvent genug für eine Übernahme wären. Daher wird auch in Deutschland nach Lösungen gesucht, dieses Kapital zu locken, welches nur in großen Gesundheitsunternehmen oder eben fachfremden Finanzinvestorengruppen zu finden ist.

Solche Lösungen leiden sicherlich unter der aktuellen Finanzkrise und nicht zuletzt natürlich auch an den speziellen Vorgaben des deutschen Gesundheitssystems, welches dem freien Markt nur wenig Raum lässt. Auf die Folgen kann man mit Spannung blicken. Und mit Sorge. Jedoch wird es auf diesem investitionsträchtigen und personalintensiven Gesundheitssektor auf lange Sicht auch in Deutschland nur diesen Weg geben. Die Tage der 1-2-Mann IVF-Kleinzentren sind gezählt, was immer man davon halten mag.


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