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Wie wichtig ist die Morphologie der Spermien bei der Insemination?

Welche Parameter des Spermiogramms sind für den Erfolg der Insmeinationstherapie von Bedeutung?

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Im Rahmen eines Spermiogramms werden im Wesentlichen drei Parameter untersucht: Die Zahl, die Beweglichkeit und das Aussehen – also die Morphologie der Spermien. Es ist bekannt, dass die Beweglichkeit und die Zahl der Samenfäden für den Erfolg einer Inseminationstherapie von großer Bedeutung sind. Wie wichtig ist jedoch die Morphologie?

Zahl beweglicher Spermien nach Aufbereitung am wichtigsten

Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass die Zahl vorwärtsbeweglicher Spermien nach Aufbereitung zur Insemination der wichtigste Parameter ist. In einer sehr umfangreichen Studie1)Tan O, Ha T, Carr BR, Nakonezny P, Doody KM, Doody KJ
Predictive value of postwashed total progressively motile sperm count using CASA estimates in 6871 non-donor intrauterine insemination cycles.
J Assist Reprod Genet. 2014 Sep;31(9):1147-53. doi: 10.1007/s10815-014-0306-0. Epub 2014 Aug 10.
suchte man in über 6000 Zyklen nach den Parametern, die den Ausgang einer Inseminationstherapie wesentlich beeinflussen. Letztlich kann nur die Zahl progressiv beweglicher (vorwärtsbeweglicher) Spermien nach Aufbereitung den Ausgang einer Inseminationstherapie vorhersagen. In der Graphik aus der Studie lässt sich dieser Zusammenhang gut erkennen:

Spermienzahl und Insemination - Morphologie der Spermien

Die Schwangerschaftsraten in dieser Studie sind recht hoch, aber die Grafik zeigt die gleiche Tendenz wie bei anderen Studien mit gleicher Fragestellung: Ab 5 Millionen Spermien tritt eine „Sättigung“ ein und die Erfolgsraten steigen nicht mehr.

Morphologie der Spermien ohne Einfluss auf die Erfolgsrate

Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen der Konzentration der beweglichen Spermien und der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit nach einer Insemination. Das gilt jedoch nicht für die Morphologie der Spermien. Bei den Normwerten eines Spermiogramms gemäß der Richtlinien der WHO reicht es, wenn lediglich 4 Prozent der Samenfäden eine normale Form aufweisen. Anders herum formuliert: 96 Prozent der Spermien dürfen von der Norm abweichen und es spielt keine Rolle. Da stellt sich doch die Frage, ob die Morphologie der Spermien überhaupt eine Bedeutung hat.

Bei der Insemination wohl eher nicht, so das Ergebnis einer aktuellen Übersichtsarbeit2)Kohn TP, Kohn JR, Ramasamy R
Effect of Sperm Morphology on Pregnancy Success via Intrauterine Insemination: A Systematic Review and Meta-Analysis.
J Urol. 2017 Nov 9. pii: S0022-5347(17)77882-2. doi: 10.1016/j.juro.2017.11.045
, in die die Ergebnisse von zwanzig Beobachtungsstudien mit insgesamt 41.000 Behandlungszyklen einflossen. In allen Studien standen nach der Aufbereitung des Ejakulats 10 Millionen Spermien oder mehr zur Verfügung.

Bei Männern, deren Spermien vier oder mehr Prozent normal geformte Spermien aufwiesen, lag in diesen Studien die Schwangerschaftsrate bei 14,2%. Lag die Morphologie der Spermien unter vier Prozent, dann trat in 12,1% der Behandlungen eine Schwangerschaft ein. Erstaunlicherweise war die Erfolgsrate auch bei Befunden unter einem Prozent unverändert, lag sogar etwas höher bei 14%.

Die Morphologie der Spermien hat keinen Einfluss auf den Therapieerfolg bei Inseminationen. Zahl und Beweglichkeit sind hingegen von großer Bedeutung.

 

 


Literatur   [ + ]

1. Tan O, Ha T, Carr BR, Nakonezny P, Doody KM, Doody KJ
Predictive value of postwashed total progressively motile sperm count using CASA estimates in 6871 non-donor intrauterine insemination cycles.
J Assist Reprod Genet. 2014 Sep;31(9):1147-53. doi: 10.1007/s10815-014-0306-0. Epub 2014 Aug 10.
2. Kohn TP, Kohn JR, Ramasamy R
Effect of Sperm Morphology on Pregnancy Success via Intrauterine Insemination: A Systematic Review and Meta-Analysis.
J Urol. 2017 Nov 9. pii: S0022-5347(17)77882-2. doi: 10.1016/j.juro.2017.11.045
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Kommentar

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11 Kommentare
  1. RoteBeete schreibt

    Das habe ich im Netz gefunden, ich denke es handelt sich um die Ergebnisse der selben Studie:

    „In patients with varicocele, morphology did matter. Those with low morphology had about one-fourth the odds of becoming pregnant as a couple with varicocele and normal morphology. When morphology is normal, those without varicocele had about four times the odds of becoming pregnant compared with couples with varicocele. They had no explanation for this interesting finding.“ ( http://www.inviafertility.com/blog/blog/ivf/drvkarande/sperm-morphology-and-iui-pregnancy-rates/)

  2. Elmar Breitbach schreibt

    Eher nicht. Denn der von Ihnen verlinkte Artikel ist aus dem April, die Studie (also die Metaanalyse) gerade erst veröffentlicht worden.

  3. Libby1234 schreibt

    Aus meiner laienhaften Sicht heraus würde ich jetzt vermuten, dass die Ergebnisse sich auf spontane Schwangerschaften übertragen lassen – das heißt, dass schon bei etwa vier Prozent Normalformen die Chancen auf eine spontane Schwangerschaft nicht schlechter stehen, als wenn der Mann deutlich mehr Normalformen hat. Vorausgesetzt natürlich, dass die anderen Parameter des Spermiogramms in Ordnung sind.

    Kann man das so sehen, oder gibt es da noch etwas zu bedenken?

  4. RoteBeete schreibt

    Was mich auch noch interessiert: ich dachte, dass sobald der Anteil der normal geformten Spermien unter 4% sinkt, die befruchtungsrate bei IVF deutlich schlechter ausfällt und deshalb ICSI gemacht wird.
    Wenn aufgrund der Metaanalyse bei der IUI die Morphologie keinen Unterschied macht und aus ihrer Sicht die Normalformen demnach auch unter 4% womöglich keine Rolle spielen, dann widerspricht das aber – ich dachte gesicherten – Erkenntnisse das bei Morphologie unter 4% die ICSI der IVF vorzuziehen ist.
    Oder verstehe ich da was falsch?

  5. Elmar Breitbach schreibt

    Nein, in der Tat ist es so, dass die Entscheidung zur ICSI im Wesentlichen von Zahl und Beweglichkeit abhängig zu machen ist. Die Morphologie kann als einzelner Parameter keine Grundlage zur Entscheidung für eine ICSI sein.

  6. RoteBeete schreibt

    Danke!
    Das wurde uns in zwei Kliniken leider anders erklärt..

  7. Libby1234 schreibt

    Sorry für den „Doppel-Post“… Aber ich möchte noch mal auf meine Frage zurückkommen: Lassen sich die Erkenntnisse aus der Studie wohl auf spontane Schwangerschaften übertragen?

    Ich würde das aus dem Bauch heraus bejahen, aber im medizinischen Bereich gibt es ja so manche Überraschungen…

  8. Elmar Breitbach schreibt

    Die Frage, ob es sich auf Spontanschwangerschaften bezieht, stellt sich nicht, da die WHO-Richtlinien sich auf die normale Fruchtbarkeit des Mannes beziehen und da 4% die untere Norm sind. Demzufolge sollten 8% Normalformen nicht zu signifikant mehr Schwangerschaften führen als 4%, richtig

  9. Libby1234 schreibt

    Die Spannbreite des „Normalen“ fällt ja manchmal schon recht groß aus. Insofern verstehe ich ehrlich gesagt das Argument mit den WHO-Richtlinien nicht ganz, bzw. ich verstehe nicht, warum sich dann die entsprechende Frage bei der IUI überhaupt stellt…?

  10. Elmar Breitbach schreibt

    Die aktuellen WHO-Richtlinien sind erstmals (vorher war das nicht so) evidenzbasiert. Man hat also Spermiogramme nachweislich fruchtbarer Männer genommen und von denen Mittelwerte und Standardabweichungen erstellt, um die Referenzwerte herauszuarbeiten. Das gilt jedoch ausschließlich für die normale Befruchtung.
    Um nun sagen zu können, ob es bei Inseminationen auch so ist, dass die Morphologie zumindest von untergeordneter Bedeutung ist, muss man es auch bei Inseminationen untersuchen. Die Rückschluss von der WHO (GV) auf Insemination ist naheliegend, aber kein Beweis. Den kann man erst erstellen, wenn man die Wirkung der Morphologie auf die Insemination selbst untersucht und nicht aus der WHO „hochrechnet“ oder überträgt.

  11. Libby1234 schreibt

    Ah, verstehe. Man hat also sozusagen genug nachweislich fruchtbare Männer auch mit Morphologie im Bereich von etwa fünf Prozent registriert, um davon auszugehen, dass schon ein so geringer Anteil an normal geformten Spermien ausreicht. Danke, das hilft mir bei der Einschätzung unserer Lage.