Ärztebewertung und Statistiken im Internet


In Deutschland gibt es einige Portale, in denen man „seinem“ Arzt Noten geben kann. Eine kleine Auswahl:

  • www.helpster.de
  • www.imedo.de
  • www.topmedic.de
  • www.jameda.de
  • www.docinsider.de
  • www.arztspiegel.de

Diese sind aus ärztlicher Sicht äußerst problematisch, denn hier dominieren oft subjektive Tatsachen-Behauptungen und Erlebnisberichte die Datenbanken, während systematisierte Bewertungskriterien nicht vorhanden sind und eine fachliche Bewertung für den Laien oft nicht möglich ist sondern von emotionalen Faktoren überlagert wird.

In Großbritannien soll eine solche Plattform daher unter staatlicher Aufsicht geführt werden, um dem Wildwuchs solcher Seiten einzudämmen und zuvorzukommen. Aber auch damit sind die Ärzte nicht glücklich:

“Das ist der falsche Weg. Wenn ich zum Beispiel bei einer viralen Infektion keine Antibiotika verschreibe, weil ich davon überzeugt bin, dass das richtig ist, werden die Leute schreiben, dass ich ein Idiot bin. Ich bin aber nicht dazu da, die Leute glücklich zu machen, sondern gesund”, so der Vorsitzende der Vereinigung der britischen Hausärzte.“

Am besten beides auf einmal.

Spezialfall Reproduktionsmedizin

Die Veröffentlichung von Erfolgsraten in der Reproduktionsmedizin ist ebenfalls nicht unproblematisch, obwohl sie von den Patienten aus nachvollziehbaren Gründen immer wieder gefordert wird. Die Anonymisierung der Daten des Deutschen IVF-Registers geschieht aus gutem Grund. Ohne eine fundierte Beurteilungsmöglichkeit der Basisdaten (Durchschnittsalter der Patienten, wieviele vorhergehende Versuche, wieviele TESE etc.) für jedes einzelne Zentrum ist die Bewertung bestensfalls ungerecht im schlechten Fall irreführend.

Denn der Durchschnittspatient wird lediglich die Schwangerschaftsraten pro Transfer begutachten und daraufhin seine Entscheidung fällen, ungeachtet der Tatsache, dass die Patienten in den Zentren sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein können und die Ergebnisse daher verzerren.

Was ist aber die Alternative?

Die gegenwärtige Praxis ist jedoch ähnlich irreführend. Die Praxen publizieren ihre Ergebnisse entweder gar nicht auf ihren Homepages oder geben die Daten lückenhaft an. Es ist davon auszugehen, dass nichts gefälscht wird, jedoch kann man mit Teildaten seine Performance sehr viel besser darstellen als sie es möglicherweise im Durchschnitt ist. Mittlerweile berühmtes (wenn auch nicht mehr einsehbares) Beispiel eines Kollegen aus dem nordwestlichen Österreich, der Schwangerschaftsraten von bis zu 80% auf seinen Seiten publizierte.

So etwas hilft keinem Patienten weiter und hat mit objektiver Beurteilbarkeit absolut nichts zu tun. Besser wäre es, wenn man eine harte Kennziffer erarbeiten könnte, die einen direkten Vergleich zulässt.

Simple Lösung

Problem: Die Zentren sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Klientel nur schlecht vergleichbar (s. o.)
Lösung: Man finde eine Gruppe von Patienten, die möglichst homogen zusammengestellt ist. Z. B.

  • Alter der Frau: 30-35
  • Alter des Mannes
  • ICSI: Spermiengewinnung aus dem Ejakulat (Keine TESE) und ausreichend bewegliche Spermien mit normaler Morphologie für ICSI
  • IVF: Zahl beweglicher Spermien nach Aufbereitung > 5 Mio.
  • Keine Endometriose, normale Hormone oder gut korrigierte hormonelle Störung bei der Frau (z. Schilddrüse, Prolaktin etc.)
  • keine low responderin (Eizellzahl mind. 5)
  • Keine anatomischen Auffälligkeiten: keine Saktosalpinx, unauffällige Hysteroskopie.
  • Nur erster oder zweiter Behandlungsversuch
  • Transfer von zwei Embryonen

Man muss natürlich darauf achten, dass die Kriterien nicht so eng gefasst werden, dass die Zahl der für diese Statistik pro Zentrum zur Verfügung stehenden Paare zu niedrig ist.

Und nun wird man basierend auf diesen sehr gut vergleichbaren Patienten und ihren Behandlungsergebnissen ein Ranking erstellen können. Es bleibt natürlich jedem Zentrum überlassen, seine Zahlen darüber hinaus noch individuell aufzubereiten, wenn es z. B. besonders gute Ergebnisse bei älteren Patienten oder TESE-Paaren hat und ähnliches. Aber die „DIR-Erfolgsziffer“ sollte dann auf jeder Homepage stehen und auf der Homepage des DIR.

Denn der Druck, seine Qualität unter Beweis zu stellen wächst ohnehin (von seiten des Gesundheitssystems und natürlich auch der Patienten), es wäre also klug, wenn die Reproduktionsmediziner externen (staatlichen) Beurteilungen zuvorkäme. Perfekt wäre dann, wenn man diese Kennziffer dann auch im internationalen Vergleich etablieren könnte.

Mir ist Berufspolitik zu mühsam, aber vielleicht liest dies hier jemand, der diese Idee aufgreifen möchte.

Über Kommentare zu meinem sonntäglichen Brainstorming freue ich mich natürlich wie immer.


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Kommentar

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19 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Maria schreibt

    Ich finde Ihren Ansatz mit einer genau definierten Patientengruppe gut. So was Ähnliches habe ich mir auch schon mal gedacht. Dann gibt es endlich mal richtige Vergleichszahlen. Müßte doch zu machen sein.

  2. Elmar Breitbach
    Donza schreibt

    Gute Idee!
    Aber warum wollen Sie denn nicht berufspolitisch aktiv werden?
    Sind Sie etwa mit Arbeit und Forum ausgelastet? 😉

  3. Elmar Breitbach
    löckchen_1979 schreibt

    Ich habe zwar noch nie viel auf diese Erfolgsstatistiken gegeben, aber so differenziert habe ich mir darüber auch noch keine Gedanken gemacht. Aber es ist wirklich so, es gibt soviele äußere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen, dass man sich schnell von irgendwelchen ausgesuchten Erfolgsstatistiken blenden lässt. Ein Reproduktionsmediziner aus einer Kölner Klinik hat auf einem Vortrag vor ein paar Monaten auch angegeben, dass 80% aller Frauen bei denen schwanger werden. Das fand ich schon sehr seltsam. Aber viele andere Frauen waren total begeistert! Ist ja klar…

  4. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    wobei das die kumulative Schwangerschaftsrate ist. Also die Antwort auf die Frage: "Wieviele Frauen werden innerhalb von 3-4 Behandlungen zu einem beliebigen Zeitpunkt schwanger?"

    Und da ist 80% zwar ein hoher aber nicht unrealistischer Wert.

    Aber das ist es eben genau, was ich meinte: Jeder verwendet (durchaus ohne böse Absicht) die Zahlen, die ihm am wichtigsten sind.

    @ Donza: Yep, das langt 😉

  5. Elmar Breitbach
    löckchen_1979 schreibt

    @ den Doc

    Hm, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt als nicht besonders schlau oute: Wie kann es denn sein, dass die kumulative Schwangerschaftsrate bei 80% liegt, aber generell gesagt wird, dass nur 40% aller Kiwu-Paare eine erfolgreiche Behandlung haben? Das wurde auf dem wunschkinder-Tag in Hannover immer wieder betont (also das mit den 40%). Es kann doch wohl nicht gemeint sein, dass die kumulative SS-Rate bei 80% liegt und von diesen 80% widerum die Hälfte der Frauen eine Fehlgeburt erleidet, so dass man dann auf die 40% kommt?
    Irgendwie steh ich gerade auf dem Schlauch…

    Liebe Grüße

  6. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt
  7. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Klasse Idee! Die ist ja NOCH besser, als mein Vorschlag, die Reproduktionskliniken anhand eines Mindeststandards zu zertifizieren.

    Eine kleine mail an ihre Kollegen beim D.I.R. und bei den Reproduktionsmediziner-Verbänden ist vielleicht noch drin?

    Diese Arzt-Bewertungen auf Internetseiten halte ich für nicht sooo gut, weil da ja nur immer wenige Patienten ihre Stimme abgeben. Und das ergibt dann kein repräsentatives Bild. Wahrscheinlich werden auch eher solche Leute dorthin finden, die unzufrieden sind. …

  8. Elmar Breitbach
    Ich schreibt

    Die Idee mit Ärztebewertungen finde ich gut und es muß nicht (nur) unbedingt um Zahlen und Art von Therapien gehen, sondern auch wie ein Arzt ein Patient behandelt, was er (und seine Praxis anbietet), länge der Termine, Personal usw.
    Bei Kiwuärzte macht es aber nur wenig Sinn weil es nur sehr wenige davon gibt, also 1-2 in eine Stadt, oder sogar in eine Region und KB- Tourismus gibt es schon.
    Ich würde die zweite Variante des Vergleichs wählen, mit gruppierte Kriterien (intern und international), für verschiedene Gruppen von Patienten und Behandlungen. So kann sich jeder Patient eine Idee machen was er in seine Lage bekommen würde und was für Chancen.

    Was für andere Ideen bräuchten Sie noch Doc? Ich habe nicht richtig den Zweck von dem vorgeschlagenen Brainstorming verstanden.

  9. Elmar Breitbach
    raise schreibt

    Ich finde die Arzt-Bewertungen der Laien in Foren gut. Wenn wir auch nicht alles medizinische verstehen, jeder von uns wird merken, ob der Arzt hilft oder nicht – und das zählt doch unterm Strich. Wir brauchen nur deutlich mehr Bewertende, damit nicht Einzelfälle mit negativem Ausgang die Bewertung dominieren.

    In Zukunft müssen sich die Ärzte schon warm anziehen, denn es wird immer einfacher für uns Laien, uns vorab zu erkundigen und unsere freie Arztwahl wirklich sinnvoll zu nutzen. Abspeisung nach 0815, wie in manchen Praxen üblich, wird dann nicht mehr funktionieren.

  10. Elmar Breitbach
    tintenklecks schreibt

    Nach meiner Erfahrung machen sich Menschen eher die Mühe, ihren Ärger als ihr Lob zu äußern, gerade wenn es um Ärzte geht. Insofern bin ich absolut für eine standardisierte Erfassung. Ich bin selbst mal auf ein Patientenforum gestoßen, in denen von mehreren Seiten von der Behandlung bei einem Therapeuten dringend gewarnt wurde, der auf bestimmte Behandlungsmethoden setzte. Diese waren für den Patienten sehr aufwändig, aber lege artis die einzig richtigen für die Erkrankung. Die Gefahr bei Bewertungen im Netz ist halt immer, dass jemand abgestraft wird, nur weil er etwas gesagt hat, was ein Patient nicht hören wollte. Dabei macht ihn vielleicht gerade das zu einem guten Arzt.

  11. Elmar Breitbach
    atonne schreibt

    Paaren, die nicht in dieses Raster fallen, hilft diese Art der Bewertung leider wenig. Mir ist schon klar, dass es eine irgendwie geartete Vergleichbarkeit geben sollte, aber sind nicht die wirklich erfolgreichen Kliniken solche, die auch die schwierigen Fälle erfolgreich behandeln?

    Wir haben unsere aktuelle Praxisauswahl danach gefällt, welche Praxis besonders viel Erfahrung und auch gute Erfolgsraten für unsere spezielle Konstellation aufweisen könnte.

  12. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @atonne: Grundsätzlich richtig. Die 80% einfachen Patienten behandeln die meisten Zentren relativ erfolgreich und es geht um die schwierigen 20%, die den Unterschied ausmachen. Nur wenn man überhaupt keinen Vergleich hat, weil jeder mit Recht behaupten kann, seine Patienten seien sehr speziell, dann hilft das noch weniger. Die Grundüberlegung ist die, dass Zentren, die die "Durchschnittspatientin" besonders erfolgreich behandeln auch die "spezielle Patientin" besser therapieren können.

  13. […] Thema Reproduktionsmedizin hatte ich ja vor einiger Zeit bereits einmal einen Vorschlag gemacht, wie man die Erfolgsraten für Patienten verständlich und nachvollziehbar aufbereiten […]

  14. […] Nachtrag: Über den Hinweis auf veröffentlichte Statistiken einzelner Zentren hatte ich mir bereits hier ausführlich Gedanken gemacht. […]

  15. Elmar Breitbach
    Blah schreibt

    Ich habe ein Ranking schon vermisst, kann das Vorgehen der DIR aber auch verstehen, da ich als 33 jährige Low Responderin mit TESE Partner in vielen Zentren aus den USA schon als nicht mehr behandelbar gelte, weil sich keiner die Statistik kapputt machen will.

    Deswegen finde ich Ihren Ansatz absolut fantastisch, weil er praktisch alle glücklich macht (außer vielleicht einige Kiwuzentren). Ich würde es auch praktisch finden, wenn man Rankings auch nach "Spezialisierung" ordnet, z.B. größte Erfolge bei Low Repsondern, bei TESE, bei Frauen über 40, bei PCOS usw.

    Bitte behalten Sie dieses Lösungsmodell nicht für sich! Schön weitergeben, vielelicht mag jemand beim DIR den Vorschlag.

  16. Elmar Breitbach
    cruzeiro schreibt

    Ah, da ist ja ein sehr gelungener Ansatz. Wobei ich ihn noch verfeinern würde: Patient (männlich) mit schwerer Teratozoospermie und mit oder ohne IMSI.

    Dann müsste man nur noch bei den Registern sich einig sein, dass auch die deutschen Selbstzahler-Patienten in Österreich dort mit erfasst werden. Das ist nämlich auch noch ein Problem, man weiss nämlich nicht, wieviele Patienten gleich ins Ausland zur Behandlung gehen und wieviele erst in Deutschland waren und dann nach Österreich oder Tschechien.

  17. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @ Cruzeiro: Mit oder oder IMSI macht keinen Unterschied. Zumindest gibt es keine Studie, welche Vorteile bei Anwendung der IMSI belegen würde. Aber dennoch: Grenzwerte des Spermiogramms könnte man hinzunehmen, um Extremfälle herauszurechnen. Zumindest kryokonservierten Proben oder TESE-Proben könnte man weglassen.

  18. Elmar Breitbach
    cruzeiro schreibt

    doch, es gibt eine Studie:

    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18983745

    Sie zeigt, dass bei Anwesenheit großer Vakuolen die Blastozysten-Entwicklung weniger gut verläuft.

    Wenn man unterstellt, dass man mit dem hochauflösenden Mikroskop (mit bildgebenden Verfahren) diese besser erkennen kann, so wäre damit an sich gezeigt, dass IMSI etwas bringt.

    Ist halt eine Mini-Studie. Und eben ein gutes Erklärmodell.

  19. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @ cruzeiro: Wir sind uns aber schon einig darüber, dass der Endpunkt einer jeden wissenschaftlichen Studie zur Reproduktionsmedizin die Schwangerschaftsrate sein muss? Und in dieser Studie nicht ist.

    Da interessiert mich der Anteil optimaler Embryonen oder der DNA-Fragmentierungen und was noch alles bei der IMSI untersucht wurde, herzlich wenig, wenn der Nachweis zur Verbesserung der "Baby-Take-Home-Rate" fehlt.

    Und Studien, die mit geringen Fallzahlen etwas gut erklären, aber statistisch nichts beweisen helfen dem Glauben, nicht dem Wissen.