Embryonen vernichtet? Berliner Arzt zeigt sich selbst an

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Ich habe leider als Info nur die Pressemeldung, sollte irgendjemand mehr dazu wissen, würde ich mich über weitere Infos freuen. Hier die DPA-Meldung:

Berlin (dpa/bb) – Ein 46 Jahre alter Arzt, der in seiner Praxis Embryonen mit genetischen Auffälligkeiten vernichtet haben soll, muss sich von heute um 09:30 Uhr an vor dem Berliner Landgericht verantworten. Dem Mediziner wird ein Verstoß gegen das 1990 erlassene Embryonenschutzgesetz vorgeworfen.

In der Zeit von Dezember 2005 bis Mai 2006 soll der Arzt in seiner «Kinderwunschpraxis» vier dieser Embryonen vernichtet haben, nachdem die Patientinnen es abgelehnt hatten, sich die künstlich befruchteten Eizellen einpflanzen zu lassen. Die Untersuchung der Eizellen auf Auffälligkeiten hin sollen mit den Frauen vertraglich festgelegt worden sein.

Wenn ich es also richtig verstehe, dann ist der Arzt verklagt worden, weil er der Patientin die Embryonen nicht gegen ihren Wunsch transferierte? Mal sehen, was sich aus diesem Prozess noch entwickelt…

[Update:] Der Kollege hatte sich selbst angezeigt, wie einem Artikel der Berliner Morgenpost zu entnehmen ist. Die genetische Untersuchung erfolgte im Blastozystenstadium. Eine Biopsie der äußeren Zellschicht ist szreng gesehen keine Embryonen-Biopsie (die ja normalerweise im 8-Zellstadium erfolgt und in Deutschland nicht angewendet wird), sondern eine Entnahme von Zellen, aus denen sich später der Mutterkuchen entwickelt.

Natürlich war dem Kollegen klar, dass er sich damit auf dünnem Eis bewegte und forderte daher ein Rechtsgutachten der Rechtsprofessorin Frommel an, deren Ausführungen zur Embryonenselektion hier und hier bereits erwähnt wurden. Zur rechtlichen Absicherung erfolgte dann auch die Selbstanzeige.

Auch handelte es sich nicht um eine Untersuchung zur schlichten Verbesserung der Schwangerschaftsraten, deren Sinn ja ohnehin umstritten ist. Die Untersuchung wurde bei drei Paaren durchgeführt. Bei einem Paar bestand ein Gendefekt auf Seiten des Mannes, welches die Gefahr für eine Trisomie 21 erhöhte, ein weiteres hatte bereits eine behinderte Tochter wegen einer schweren Translokation (Verschiebung von Genmaterial von einem Chromosom auf ein anderes) und im dritten Fall bestand eine partielle Translokation des Chromosoms 22 bei der Frau.

Es sei keinesfalls so, dass das Gesetz eine Selektion im Hinblick auf erhebliche Schädigungen untersage, betonte der Richter. Die genetische Untersuchung sei lediglich ein Zwischenschritt gewesen, um zu klären, ob befürchtete Krankheiten vorliegen. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft hatte das Handeln des Frauenarztes als strafbar angesehen und eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten verlangt.

Eine interessante Wendung, die zeigt, dass die von mir an anderer Stelle nicht weitergeführte Diskussion um die Interpretation von Gesetzen durchaus sinnvoll ist. Gesetze sind nicht eindeutig, sonst gäbe es keine Gerichte, sondern nur Gefängnisse.

Übrigens sehe ich bei der Welt schon wieder einmal den Begriff „Kinderwunsch-Praxis“ in Tüddelchen (Gänsefüßchen, wie auch immer). Diese Zeichen sind immer auch Zeichen der Abwertung, wie sie seit den Tagen der „DDR“ in der Springerpresse gebräuchlich sind.


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Kommentar

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22 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    "Die Untersuchung der Eizellen auf Auffälligkeiten hin" – das ist eine unqualifizierte Aussage in dem Zusammenhang. Denn die Polkorperdiagnostik an Eizellen ist ja erlaubt. Falls nicht Eizellen, sondern Embryonen gemeint sein sollten, muss es eine PID gewesen sein. Das jedoch bezweifele ich. Ich denke nicht, dass ein Arzt in Deutschland PID machen wird und das dazu noch vertraglich (!) vereinbart.

    Vermutlich handelt es sich hier um die augenscheinliche Auswahl von Embryonen nach Weiterkultivierung von mehr als 3 Embryonen. Das dies in Anlehnung an die Neuauslegung des ESchG praktiziert wurde, ist bekannt. Und dazu gab es auch vertragliche Vereinbarungen. Mit diesen Vereinbarungen konnte/ kann sich der Arzt sicher sein, nicht gegen den Willen der Patienten zu handeln.

    Schade, zu der Gerichtsverhandlung wäre ich gern hingegangen, um diesem Arzt beizustehen. Warum wird sowas immer erst so spät bekannt?

  2. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Schön, dass Sie auf die abwertenden "…" hingewiesen haben. Das empfinde ich auch so, Doc.

  3. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    ich verstehe sowohl den arzt, wie auch die patientin, die den transfer verweigert hat.
    was ich nachhaltig nicht verstehe sind unsere gesetze dazu.
    bin mal gespannt, wie das ausgeht.
    falls die schuld am arzt festgemacht werden sollte: was hätte er denn tun sollen..? frau von der leyen oder frau merkel um leihmutterschaft bitten..?*sarkasmus-off*

    frage an den reproduktionsmediziner: gibt es denn vorkerne, die nach PKD so offensichtlich nicht lebensfähig sind, dass ein transfer wirklich gegen null tendierende chancen hat..?

  4. Elmar Breitbach
    Greta schreibt

    Ich wundere mich gerade…. MUSS man "Knickeier" als Frau übernehmen? Wofür gibts dan PKD? Wenn ich sie dann doch nehmen muss?

    Und… wo landen die nicht übernommenen Embryos denn, wenn die Patientin sich gegen Kryos entscheidet? Die müssen ja auch irgendwo hin? Man befruchtet 5 EZ, sie will nicht drei, sondern nur eine zurück, wohin dann? Soll dem Doc die Petrischale runterfallen?

    WER klagt überhaupt gegen sowas? Die Patientin wird ja wohl nicht klagen, dass er sie vernichtet hat, weil sie sie nicht wollte….

    Da stimmt doch was nicht, oder?
    Greta

  5. Elmar Breitbach
    Kira4711 schreibt

    was hätte er arzt denn machen sollen? die embryonen auf immer und ewig einfrieren? und was hat der arzt eigentkich untersucht, eizellen oder embryonen? ich dachte, pid wäre in deutschland verboten. das ist wieder mal ein äußerst unzureichender artikel!

  6. Elmar Breitbach
    Lectorix schreibt

    Das finde ich die entscheidende Frage, Greta: WER klagt gegen sowas??? Ich bin gespannt…

  7. Elmar Breitbach
    Maria schreibt

    Lese gerade in fr-online:
    Der Arzt ist freigesprochen worden!
    Der Kläger war eine Frau, die zitiert wird mit: "die Frau könne ja abtreiben oder auf Kinder verzichten"
    na,toll!

  8. Elmar Breitbach
    Greta schreibt

    Der Kläger war eine Frau, die zitiert wird mit: “die Frau könne ja auf Kinder verzichten

    Ömmmm – sie verzichtet ja auf die Kinder, wenn sie den Transfer ablehnt!!!!

    Sorry, da werden von Idioten Steuergelder verschwendet!

    *grmml*

  9. Elmar Breitbach
    Greta schreibt

    Aber wenigstens scheint diese Person bei uns allen mit "Daumen runter" zu voten *rofl*

  10. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    He, Greta, das habe ich auch schon bemerkt. 🙂 Die Feinde des Rechtes auf Selbstbestimmung lauern überall.

  11. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich kann den Artikel auf fr-online.de nicht finden. …

  12. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    http://newsticker.welt.de/index.php?channel=ver&module=dpa&id=21229650

    "Freispruch im Prozess um Vernichtung von Embryos
    Berlin (dpa/bb) – Ein Frauenarzt, der in seiner Praxis Embryonen mit genetischen Auffälligkeiten vernichtet hatte, ist vom Berliner Landgericht freigesprochen worden. Nach Überzeugung der Strafkammer wollte der Arzt den Paaren zu einem gesunden Kind verhelfen. Der 46-jährige Mediziner hatte bei Untersuchungen genetische Defekte an Embryonen entdeckt und die befruchteten Eier auf Wunsch von drei Frauen nicht eingepflanzt. Bei allen Paaren bestand ein hohes Risiko für genetische Schäden bei den Kindern. Erstmals hat sich ein Gericht mit einem Verstoß gegen das 1990 erlassene Embryonenschutzgesetz beschäftigt."

    Ich hoffe, der Text der Klage und die Urteilsbegründung werden uns bald zugänglich!

  13. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    ähm, das war ja der Artikel auf den ich heute morgen bereits hinwies.

    Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob da nicht Eizellen mit Embryonen verwechselt wurden. Aus dieser Meldung geht nicht hervor, warauf sich der Straftatbestand gründet:

    In einem bundesweit einmaligen Prozess wegen Vernichtung von genetisch defekten Embryonen hat das Landgericht Berlin am Donnerstag einen 46-jährigen Arzt vom Vorwurf des Verstoßes gegen das Embryonenschutzgesetz freigesprochen. Das Gericht war überzeugt, dass der Angeklagte befruchtete Eizellen nicht zu Forschungszwecken untersucht hatte, sondern mit dem Ziel, Paaren zu einem gesunden Kind zu verhelfen.

    Im Prozess ging es um drei Fälle, in denen Paare in den Jahren 2005 und 2006 mit einem Kinderwunsch in die Praxis des 46-jährigen Experten gekommen waren. In einem Behandlungsvertrag hatten sie jeweils einer genetischen Untersuchung ihrer künstlich befruchteten Eizellen zugestimmt und vereinbart, dass genetisch krankes Material nicht in die Gebärmutter der Frau eingesetzt wird. Die geschädigten Embryonen hatte der Arzt absterben lassen und später entsorgt.

    Die Staatsanwaltschaft war der Überzeugung, dass sich der Arzt mit seinem Handeln strafbar machte und hatte eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten gefordert. Die Untersuchung der Embryonen auf genetische Defekte sei eine «Selektionsmöglichkeit», die dem im Gesetz festgeschriebenen «Schutz des Embryos» widerstrebe, hieß es. Vor Gericht hatte der Arzt den Vorwurf bestritten, er habe Eizellen zu einem anderen Zweck als für eine Schwangerschaft bei der betreffenden Frau befruchtet.

    Mich würde daher nicht unbedingt die Urteilsbegründung interessieren, sondern eher die Klageschrift. Ich finde das irgendwie alles nicht nachvollziehbar, was dort steht

  14. Elmar Breitbach
    Greta schreibt

    Doc, da gebe ich ihnen Recht. Totaler Quatsch oder nicht nachvollziehbar.

  15. Elmar Breitbach
    atonne schreibt

    Für mich klingt das wie ein typischer Fall von Verwechselung von befruchtete Eizellen im Vorkernstadium (an denen man ja die Polköper untersuchen kann) und Embryonen nach dem Vorkernstadium (die man nicht untersuchen darf). Das Gesetz ist aber auch verwirrend und sollte dringend mal reformiert werden (aber wem sage ich das…).

  16. Elmar Breitbach
    snowqueen schreibt

    Hier in diesem Artikel steht noch ein bisschen mehr. Der Arzt hat sich wohl selbst angezeigt, um sicher zu stellen, dass das, was er tut, legal ist. Oder so.

    http://www.morgenpost.de/berlin/article1093032/Berliner_Arzt_liess_Embryonen_absterben.html

  17. Elmar Breitbach
    ally schreibt

    @snowqueen: danke, dass du licht ins dunkel gebracht hast. bei näherer überlegung ist das ja auch die einzig plausible erklärung. fragt sich jetzt allerdings, wer da so fleißig den roten daumen bemüht? eigenartig…

  18. Elmar Breitbach
    MichaW schreibt

    Nochmal zur Frage wer klagt gegen sowas:
    Der Arzt hat sich selbst angezeigt – so stands in der Zeitung – also keine der Frauen. Selbstanzeige macht man bei der Staatsanwaltsachaft und die hat dann die Anklage geschrieben, nachdem sie offensichtlich der Ansicht war, das sei strafbar nach ESchG.
    Bitte jetzt aber nicht die Staatsanwälte verteufeln: es ist im Sinne der Rechtssicherheit deutlich besser, einen Freispruch zu haben, das ist ein (hoffentlich) rechtskräftiges und für weitere Fälle zitierfähiges Urteil. Eine Einstellung ohne Klageerhebung wäre im Nirvana verschwunden und außer dem betroffenen Arzt hätte wohl kaum jemand davon erfahren. Auch solche Überlegungen können einen Staatsanwalt dazu bewegen, in zweifelhaften Fällen Anklage zu erheben, um die Entscheidung eines Richters herbeizuführen.
    Ich finde das Urteil gut!

    Micha

  19. Elmar Breitbach
    Greta schreibt

    Na, dann hat das einen praktischen Nutzen: ER hat jetzt was in der Hand, um solchen Paaren STRAFFREI helfen zu können!

    Das ist ein guter Schritt.

    Alles andere hätte ich auch – sorry – wirklich nicht verstanden.

    Wenn unsere Gesetze und deren Auslegung so sind, dass man DAS braucht, was er tat, dann ist es zwar relativ dusselig 😉 aber von der Vorgehensweise durchaus logisch.

    Danke!

  20. Elmar Breitbach
    Greta schreibt

    Der Negativ-Voter war übrigens noch nicht da – das KANN ihm ja auch nicht gefallen 😉

  21. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @MichaW: so habe ich es im Artikel oben ja auch bereits geändert (auch in der Überschrift).

  22. […] hatte ich hier ja bereits über den Prozess gegen einen Berliner Reproduktionsmediziner berichtet, der wegen der Vernichtung von Embryonen vor Gericht stand. Bei drei Paaren mit genetischer […]