Cyberchondrie: Man kann sich auch krank googeln


„Unsere Studie zeigt, dass Internet-Suchmaschinen das Potenzial haben, medizinische Bedenken in negativer Hinsicht ausufern zu lassen“, fassen die Forscher ihre Resultate zusammen. Das liege einerseits daran, dass viele Webseiten in der Interpretation des tatsächlichen Krankheitsbildes die Nutzer nur das Schlimmste vermuten ließen. Andererseits gingen die meisten Menschen auch zu leichtgläubig mit den im Netz gefundenen Informationen um und würden zu Überinterpretationen neigen

Das ist die Kernaussage eines kürzlich veröffentlichten Berichts der Firma Microsoft, in der Suchanfragen zum Thema Gesundheit von 515 Menschen untersucht wurden. Je mehr diese nach Krankheitsbildern „googelten“, desto wahrscheinlicher war eine übertrieben dramatische Sicht auf ihre Erkrankung. „Das Internet hat das Potenzial, die Ängste der Menschen drastisch zu verstärken“, betonen die Wissenschaftler.

Je geringer das medizinische Basiswissen ist, desto größer ist das Risiko für das Auftreten einer Cyberchondrie. Schlecht vorinformierte Menschen verlieren sich in den vielen Informationen, die sie im Internet erhalten und können diese Wissensstücke nicht mehr zu einem Gesamtbild zusammenlegen. Das Resultat ist eine verwirrende Informationsflut, die erhebliche Ängste hervorruft.

Denn wie relevant bestimmte Informationen im Gesamtkontext und für das einzelne Individuum sind, lässt sich durch Laien oftmals auch dann nicht einschätzen, wenn sie bereits Vorkenntnisse haben. Wer sich dann richtig hineinsteigert, der kann auch psychosomatisch bedingt Symptome verstärken oder neu erleben. Dann macht das Internet nicht nur Angst, sondern auch krank.

Betrachtet man sich Internetforen zum Austausch über bestimmte Gesundheitsthemen, dann erkennt der Fachmann recht schnell, dass sich hier keine repräsentative Gruppe zusammenfindet, sondern vermehrt Patienten, die mit ihren Ärzten unzufrieden sind und einen langen Leidensweg hinter sich gebracht haben. Wenn man das weiß, kann der Austausch mit solchen „Patientenexperten“ sehr hilfreich sein, da sie den Neuankömmlingen auch komplizierte Sachverhalte verständlich schildern können. Andererseits finden sich in solchen Foren oft die „schwereren Fälle“, was dem Suchenden im Internet ein völlig falsches Bild zu bestimmten Krankheiten vermitteln kann.

Für den Mediziner ist die Anzahl der Suchanfragen möglicherweise auch hilfreich und bald ein Signal für den Ausbruch einer Grippewelle. Jedoch ist der Arzt oft Opfer des sogenannten „Internet-Printout-Syndroms“. Er wird in seiner Sprechstunde mit massenhaften Informationen gefüttert und reagiert darauf zunehmend gereizt und abweisend, stellt man damit doch auch seinen eigenen Kenntnisstand infrage.

Ärzte müssen vermutlich mit der Zeit gehen und begreifen, dass ein Teil ihrer Arbeit darin besteht, die Internetinformationen der Patienten zu sortieren und auf die individuelle Relevanz für den einzelnen Patienten zurückzuführen. Was insbesondere bei der Kinderwunschbehandlung manchmal problematisch ist, denn mit Statistiken kann man nicht jeden überzeugen. Gelegentlich auch der Arzt sich selbst nicht.


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Kommentar

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13 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Also ich habe nicht den Eindruck, dass mich das Googeln nach Krankheitsbildern krank macht. Nun, so oft tue ich das auch nicht. Aber ich hatte schon mal Angst davor, eine bestimmte Krankheit zu haben. Da habe ich nach den Symptomen gegoogelt und gemerkt, das kann ja gar nicht sein. Insofern war das beruhigend. Kürzlich sollte der Opa einen Herzschrittmacher bekommen und da fand ich das auch hilfreich, dass die Internetinformationen das Arztgespräch vorbereiten konnten. Da fragt man dann doch ganz anders. Das Internet schafft aufgeklärtere Patienten. Bestimmt auch oft für den Arzt ein Vorteil.

    Dass das die Ärzte nerven kann, wenn andauernd Patienten mit ´nem Stapel Internet-Ausdrucken vorbei kommen, kann ich mir auch vorstellen. Damit müssen sie allerdimngs leben.

  2. Elmar Breitbach
    Stefan schreibt

    Zitat:
    Er wird in seiner Sprechstunde mit massenhaften Informationen gefüttert und reagiert darauf zunehmend gereizt und abweisend, stellt man damit doch auch seinen eigenen Kenntnisstand infrage

    Genauso ging es unserer Kiwu-Ärztin *g*

  3. Elmar Breitbach
    remis schreibt

    Angenehm überrascht war ich da von der Reaktion meines Andrologen. Als ich ihm zu meinem Krankheitsbild einen Stapel medizinischer Fachliteratur mitbrachte reagiert er sehr interessiert – trotzdem fühlte ich mich im falschen Film, als ich ihm erklären musste welche Therapieoptionen es gibt und welche Vor- und Nachteile diese für mich hätten.
    Ja, ich stelle mittlerweile das Fachwissen meines behandelnden Arztes aufgrund mir zugänglicher Fachliteratur (ich meine damit nicht "erfahrene Patienten") infrage! Es nervt mich auch ihm erklären zu müssen, warum eine bestimmte Diagnostik keinerlei Aussagekraft hat – Diagnostiken, die interessanterweise alles teure IGEL-Angebote wären.

  4. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    ok..ein neues syndrömchen (schönes wort: cyberchondrie 😉 )…gegen geschätzte 2 millionen medizinisch unbekannte, aber krankhafte zusammenhänge…………so what?!?
    und am ende stirbt immer der patient, seltener der arzt… 🙁

    jetzt mal ketzerisch gesagt: die docs sind ja nicht docs geworden, weil das so ein systematisch-logischer beruf ist wie bilanzbuchhalter ;-)…da erwartet man als patient (zumal mit gesichertem medizinischen halbwissen 😉 ) schon etwas mehr…engagement für die sache des wissenschaftlichen zusammenhangs, den fachübergreifenden überblick, manchmal einfach nur die fähigkeit zur auseinandersetzung mit den logisch-laienhaften gedankengängen des gegenübers (nicht jeder patient wird so egobezogen somatisch auch wenn eine krankhafte störung im eigenen körper naheliegt).

    tja..das böse internet 😉
    ich würde sagen: patient:arzt = 1:1 … und wirklich gute ärzte arbeiten schon lange damit (und dem wissen ihrer patienten)…ohne neue syndrömchen zu generieren 😀

  5. Elmar Breitbach
    Donza schreibt

    Bitte 1000 mal um Entschuldigung, dass ich schon wieder vom Thema abweiche:
    Stefan, ich liebe Deinen Avatar!:-)

  6. Elmar Breitbach
    Stefan schreibt

    Danke Donza 😉

  7. Elmar Breitbach
    remis schreibt

    @reaba: und gaanz am Ende stirbt auch der Arzt! Wetten?

  8. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    @remis…logischerweise an cyberchondrie 😉

  9. Elmar Breitbach
    greta schreibt

    Tja, ohne die Internetdienste des Doc B. aus B. M. wäre ich nie so weit gekommen… wie ich jetzt bin. Auch hätte ohne selbigen Doc – als imaginärer Kollege und Mitarbeiter – unsere versierte Praxis nie diese Erfolge gehabt. Gute Zusammenarbeit also 😉

    Auch sind einige Dinge erst durch die Internet-Recherchen geneigter Forums-Patientinnen (Reaba 🙂 ) ins Rollen geraten und Dank WEITER Verbreitung zum Standard avanciert. Ich denke mal an die Gerinnungsstörungen… Wie auch Fr. Dr. R-F. ohne Internet nie diese Bekanntheit erlangt hätte, und CytoCh. aus Leinfelden müsste eigentlich Provision an uns zahlen für das bis zum Stop abgesetzte Leuko…

    Ok, es gab Zeiten, da wußten wir mal mehr als der eine oder andere Kiwudoc 😉 in Sachen Antikörper, Blutgerinnung, FG 🙂 aber wir hatten auch mehr Zeit zum Lesen 🙂

    Ich finde die Bilanz positiv, im wörtlichsten Sinne bei vielen 😉

    Internet-Suchmaschinen sind also für den ABWÄGENDEN Nutzer durchaus nützlich 😉

    Danke Doc – für die guten Infos von Ihrer (Web-)Seite!
    Greta

  10. Elmar Breitbach
    Kira4711 schreibt

    Ich kann das voll und ganz bestätigen. Ich suche nach beruhigenden Infos in Internet, und das was ich finde, macht mich als in medizinischer Hinsicht ungebildete Person oft wirklich richtig krank.

    LG

    Sonja

  11. Elmar Breitbach
    asile schreibt

    Wie überall gibt auch hier zwei Seiten.
    Einerseits können Ängste geschürt werden. Ich erinnere mich noch nur zu gut an meine eigene Panik, als ich nach einem Zeckenbiss in einem Borreliose-Forum gelandet bin.
    Andererseits bietet das Internet mir als Patient die Möglichkeit teilweise recht umfassende Informationen über verschiedene Krankheitsbilder zu bekommen. Gerade in der Kinderwunschbehandlung empfand ich es als beruhigend zu wissen, welches Hormon ich mir da grade spritze und welche Wirkung es haben soll. Hätte ich da allein auf die Infos meiner Ärztin zurückgreifen müssen, hätte ich blöd dagestanden, die hat mir so gut wie nichts erklärt.

    Es gibt eben ganz viele unterschiedliche Patienten-Typen, die einen haben kein Problem damit alle Verantwortung an den Arzt abzugeben und wollen vielleicht gar nicht so genau wissen, was mit ihnen geschieht. Die anderen brauchen zumindest die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben.

    Nach meiner Erfahrung reagieren viele Ärzte gereizt, wenn man sie "mit Informationen füttert", egal ob man die aus dem Internet oder sonst wo herhat. Also bei dem ein oder anderen Arzt versuche ich mich mittlerweile schon ein bisschen blöd zu stellen, um ihn bei Laune zu halten.

    So sind aber selbstverständlich nicht alle Ärzte 😉

  12. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Vielleicht trägt das ja auch ein bisschen zur Steigerung der Behandlungsqualität in manchen Praxen bei. Man kann es sich nicht mehr so wie früher leisten, Fehler zu mache. Weil, die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, dass der Patient das merkt.

  13. Elmar Breitbach
    greta schreibt

    mein schönstes erlebnis dazu war, dass mein internist google aufrief, um MTHFR zu erforschen, als ich bei ihm saß. er wollte mir folsäure verordnen.

    Es erscheint die übliche antwortliste von google.

    an erster stelle: Uni Ulm, blutgerinnungsstörungen.

    an zweiter stelle: MEIN eigener beitrag hier im WIKI *lach*

    er konnte es kaum fassen, ich aber auch nicht.

    jedenfalls hat MEIN doc einen internetanschluss direkt am schreibtisch, neben dem patienten.

    und – nein, er liest hier nicht mit – oder doch? als drillingsvater???

    🙂