Präimplantationsdiagnostik wird vor BGH verhandelt


Die genetische Untersuchung von Embryonen (PID = Prämplantations- diagnostik) ist in Deutschland verboten. So meinte man zumindest, bis ein Berliner Arzt sie
1. durchführte
2. sich selbst deswegen anzeigte
3. und im anschließenden Prozess freigesprochen wurde.

So wurde es hier auch bereits berichtet. Im „Biopolitik-Blog“ der FAZ fand ich heute den Hinweis, dass über die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik demnächst vor dem Bundesgerichsthof entschieden wird. Und auch noch einige Details zum Verlauf des Berliner Prozesses finden sich dort. Dafür ist Oliver Tolmein zu danken.

Etwas tendenziös wird er jedoch im weiteren Verlauf seines Artikels. Mal abgesehen davon, dass auch hier das Wort Kinderwunsch-Zentrum mal wieder in Gänsefüßchen gesetzt wird.

Richtig nimmt Tolmein an, dass hier ein Präzedenzfall erwirkt werden sollte (inszeniert ist seine Wortwahl). Weiter schreibt er:

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren, kaum dass sie es eröffnet hatte, zuerst selber wieder ein. Nach Auffassung der zuständigen Juristin handelte der Gynäkologe im unvermeidbaren Verbotsirrtum, da er sich nämlich vor seiner Aktion ein Rechtsgutachten hatte erstellen lassen, das die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnose begründete. Wieso der Arzt, wenn er denn von der Erlaubtheit seines Handelns so restlos überzeugt war, Selbstanzeige gestellt hatte, blieb dabei eher ungeklärt.

Das liegt im Wesen eines Präzedenzfalls vor Gericht. Es hilft nicht, wenn jemand persönlich oder aufgrund eines Rechtsgutachtens (und sei dies auch von Frau Prof. Frommel) der Meinung ist, recht zu handeln. Recht handeln in seiner eigentlichen Bedeutung kann man nur, wenn diese Rechtsauffassung auch vor Gericht bestand hat. Letztlich auch nur, wenn dies vor einem höchstinstanzlichen Gericht der Fall ist. Daher ist es nur konsequent, die Klärung in höchster Instanz voranzutreiben. Die Frage, weshalb die Selbstanzeige gestellt wurde, ist in diesem Zusammenhang entweder dumm oder tendenziös.

Er formuliert es vorsichtig, jedoch kommt in einer weiteren Aussage seines Artikels die übliche „Dammbruch-Argumentation“ zum Tragen:

Sollte die Berliner Entscheidung vor dem Bundesgerichtshof Bestand haben wird sie gravierende Folgen nach sich ziehen. Die in der Bundesrepublik mittlerweile verbreiteteten „Kinderwunsch“-Zentren werden dann die Präimplantationsdiagnostik in erheblichem Umfang anbieten.

Wenn wir den Ärzten erst einmal die PID erlauben, werden sie diese auch nutzen. Dies als Gefahr darzustellen vernachlässigt die Tatsache, dass entsprechende gesetzliche Regelungen der PID (z. B. nur zum Ausschluss bereits bekannter Erbkrankheiten bei den Eltern und nicht zum Aneuploidie-Sceening*) möglich und nötig sind, um die Anwendung derselben nicht ausufern zu lassen.

Diese Aussage stellt indirekt die Motivation des Berliner Kollegen in Frage: Hier ging es um den Ausschluss von Erbkrankheiten, die bei den Eltern vorlagen. Es ging also um die optimale Behandlung des Paares und die Ersparung von unnötigem Leid und nicht um eine Erweiterung der Einkunftsquellen. Den Patienten Leid zu ersparen, ist aus Sicht der Staatsanwältin offenbar kein ausreichender Grund, wurde sie doch mit der Aussage „Sie können ja abtreiben oder gleich auf Kinder verzichten“ zitiert.

* Aneuploidie-Screenin = Durchzählen der Chromosomen in einem Embryo, um zufällige Fehlverteilungen auszuschließen


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Kommentar

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21 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    tintenklecks schreibt

    Die Aussage der Staatsanwältin bestärkt mich in der Auffassung, dass viele der Entscheidungsträger ausgesprochen schlecht informiert sind und nicht einmal über ein Mindestmaß an Mitgefühl verfügen. Anders läßt es sich nicht erklären, dass vielfach davon ausgegangen wird, dass PID inflationär gebraucht würde.

    Wozu die Embryonen durch ein Verfahren gefährden, welches für genetisch gesunde Paare ohnehin kaum einen Erkenntnisgewinn bringt, mal ganz abgesehen davon, dass dazu überhaupt erst eine bestimmte Anzahl an Embryonen zur Verfügung stehen muß?

    Betroffenen Paaren das Verfahren zu verwehren, damit es nicht alle machen (die es nicht machen würden, davon bin ich überzeugt), was letztlich gesetzlich auch zu klären wäre, ist einfach unmenschlich. "Sie können ja abtreiben…" -das rechtfertigt doch eine Dienstaufsichtsbeschwerde!

    Die Wortwahl des Autors erzeugt den Eindruck, dass die "in Deutschland mittlerweile verbreiteten Kinderwunschzentren" eine Plage sind. Leider läßt sich die erforderliche Spezialisierung nun einmal kaum in der hiesigen Arztpraxis realisieren.

    Die bisherige Rechtsprechung zur Kinderwunschbehandlung stimmt nicht sehr optimistisch, aber gespannt bin ich dennoch, auch auf die Berichterstattung.

  2. Elmar Breitbach
    Kathrinchen schreibt

    In Deutschland ist der Wunsch, Kinder zu bekommen, gesellschaftlich nicht sehr hoch bewertet. Wer Kinder bekommen will, ist irgendwie sonderbar. Abtreibung wird akzeptiert, ein "Kinderwunsch"-Zentrum aufzusuchen, ist suspekt. Verkehrte Welt!
    Die Aussage “Sie können ja abtreiben oder gleich auf Kinder verzichten” drückt für mich genau dieses Missverhältnis aus. Wenn ein Mann sich so geäußert hätte, könnte ich noch minimales Verständnis aufbringen, aber von einer "Staatsanwältin" (*ätsch*) erwarte ich mehr Einfühlungsvermögen.

  3. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    Zitat aus dem Artikel von Tomlein:

    "Diese Methode, Präimplantationsdiagnose genannt, erlaubt nämlich unter einer Mehrzahl von im Reagenzglas erzeugten Embryonen eine Auswahl nach beliebigen genetischen Eigenschaften zu treffen. Es ist nicht nur möglich männliche und weiobliche Embryonen zu selektieren, sondern auch z.B. Embryonen, die später als Gewebe- oder Organspender für Geschwisterkinder in Betracht kommen – der Phantasie für Auswahlkriterien sind keine Grenzen gesetzt."

    BUUUHHHAAAA…die bösen Weißkittel in den Zentren für "Kinderwunsch"..oder "Organspende".
    Und die "chauvinistischen Eltern", die das Geschlecht wählen wollen (an das die genetischen Erkrankungen oft gebunden sind).

    Das zitierte Knäblein, das auf mich den zumindest optischen Eindruck eines verkappten Priesteramtskandidaten macht, hat wohl neben den Studien zuviel SiFi oder Thriller gelesen (miese allerdings) – jedenfalls sieht seriöser Journalismus anders aus. Wissenschaftlicher. Wer schon nicht den Zusammenhang sieht zwischen Nichteinnistung (worunter viele Paare heftig, auch finaziell, leiden) und gravierenden Erbkrankheiten (oft Grund für Nichteinnistung wg. mangelnder genetischer Qualität des Embryos), der hat doch den Sinn des Handelns von Reproduktionsmedizinern an sich und als solche nicht verstanden: Schwangerschaften entstehen zu lassen, die nicht mangels genetischen Potentials mit hoher Wahrscheinlichkeit desaströs enden. Platt gesagt: gesunde Babies machen.

    ..wie mir diese Pseudo-Moralisten und universellen Bedenkenträger mittlerweile auf den Keks gehen, kann ich kaum in Worte fassen.

    Noch schlimmer ist allerdings die "Staatsanwältin"..wer schon unbedingt so einen nicht karriereförderlichen Ableger haben will, soll ihn/sie gefälligst doch wieder abtreiben, wenn was nicht stimmt…das impliziert eine Weltsicht und Rechtsauffassung, bei der mir mehr als schlecht wird.

    Ein in der Intention wahrscheinlich gut gemeinter Grundsatz "Embryonenschutz" ist meiner Meinung nach in der gesetzlichen Durchführung und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung in großen Bereichen völlig pervertiert. Ein "Schutzgesetz", das, die Rechtsauffassung besagter Staatsanwältin zu grunde gelegt, den Embryo höher bewertet als den Fötus..vom Leib- oder "Seelen"-Heil der potentiellen Mutter ganz zu schweigen, kann nicht richtig sein.
    Erbärmlich geradezu als Gesetz für ein Land wie das unsere.

  4. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Kathrinchen, von weiblichen Kinderlosen in höherer Position, jenseits des gebärfähigen Alters, kann man oft nicht mehr Einfühlungsvermögen verlangen. Gut, unter denen gibt es auch jene, die gern Kinder gehabt hätten. Aber diese Staatsanwältin gehört offenbar nicht dazu. Vielleicht gehört sie ja zu denen, die die Möglichkeit der Abtreibung für sich persönlich gern in Anspruch genommen hat und meint, dieser Service wäre auch für alle anderen Frauen so super.

  5. Elmar Breitbach
    geschafft schreibt

    Da soll man die Welt noch verstehen?

    Ich gehe davon aus, dass es den meisten Kinderwunsch-Paaren egal ist, was sie gebären, solange dies denn auch mal geschieht. Aussagen wie die, der Frau Staatanwältin finde ich zum Erbrechen.
    Meiner Meinung nach, sollte PID nicht generell verboten werden, aber auch nicht erlaubt. Bei bestimmten Indikationen sollte eine Selektion erlaubt sein.

    Im Übrigen frage ich mich:
    Seit wann schützt Unwissenheit vor Strafe? :S

  6. Elmar Breitbach
    jaquelina schreibt

    Nach 5 Fehlgeburten und einem Abbruch wegen Schwerstbehinderung wäre die PID für uns das Mittel gewesen, um doch noch ein Kind zu bekommen.
    Schade, dass die Gesellschaft ein solch verzerrtes Bild der Realität hat.
    Wie kann man nur erlauben, dass kranke Kinder bis zum 7. Monat abgetrieben werden, aber verbieten, dass genau diese Schwangerschaften verhindert werden? Das ist sowas von zynisch und unlogisch.
    Wer einmal einen Abbruch aus diesem Grund hatte, der weiß, dass man damit vielleicht niemals "ins Reine" kommen kann.
    Die Gesetze in Deutschland dazu sind menschenfeindlich und grausam.

    Es ist doch kein Problem, genau vorher zu bestimmen, was bei der PID untersucht werden darf und was nicht.

    Für uns ist es nun sowieso zu spät.
    Sollte ich noch Karriere machen, gelte ich dann wohl als böse kinderlose Karrierefrau… nachdem wir uns mit unserem Kinderwunsch nahe an die Pleite geschafft haben, sind wir dann gesetzlich als Kinderlose auch noch zur Abzocke freigegeben.
    Sorry wenn ich etwas zynisch rüberkomme…. aber mich haben die letzten Jahre "gezeichnet"

  7. […] vor kurzem hat ein Berliner Frauenarzt sich selbst angezeigt, der im Zuge einer Kinderwunschbehandlung einer Frau den Embryo eingepflanzt hat, der laut der […]

  8. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Der Berliner Frauenarzt hat aber keine PID durchgeführt, um ein passendes Geschwisterkind in die Welt zu setzen, sondern in den betreffenden Fällen ging es um ausgeprägt schwere Erbkrankheiten, die beim Nachwuchs verhindert wurden.

    Ich freue mich jedenfalls, dass dieser Berliner Arzt den Mut dazu hatte und dass es für die betreffenden Paare nun etwas mehr Hoffnung gibt, dass sich mal was bewegt.

  9. […] hatte. Der Arzt hat sich dann selbst angezeigt, weil er rein rechtlich gesehen gegen das Verbot der Präimplantationsdiagnostik verstoßen […]

  10. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich weiß nicht recht, wie ich diesen Artikel "Mehr Erfolg durch Screening" verstehen soll. Hat hier jemand was verwechselt?

    Dass die PID nicht zu höheren Erfolgschancen beiträgt, haben wissenschaftliche Studien hinreichend gezeigt. Der Nutzen der PID liegt darin, Menschen mit schweren Erbkrankheiten zu einem Kind zu verhelfen, das nicht Träger dieser Erbkrankheit ist. Der Berliner Arzt hat auch nicht aufgrund höherer Erfolgschancen gehandelt, sondern aufgrund einer schweren Erbkrankheit.

    Hingegen gibt es aber ein Screening von befruchteten Eizellen, bei dem nicht die genetische Erbinformation ausgewertet wird, sondern das optische Aussehen. Hier schaut man am Tag 3 nach der Befruchtung, wie gleichmäßig sich die Zellen geteilt haben und ob es starke Fragmentierungen gibt. Damit kann man schon relativ gute Aussagen über die Weiterentwicklung treffen. In Deutschland ist dieses Verfahren noch nicht so zweckmäßig anzuwenden, da nach offizieller Interpretation des Embryonenschutzgesetzes (ESchG) nur maximal 3 Embryonen weiter kultiviert werden dürfen. In den meisten Ländern dürfen jedoch alle Embryonen (im Schnitt sind das 6 – 10) weiter kultiviert werden. Wenn man aus einer größeren Menge den Embryo mit den besten Erfolgsaussichten nach einem Screening auswählen darf, sind die Erfoilgsaussichten naturgemäß höher. Ein weiterer Vorteil ist, dass man dann zu einer angemessenen Schwangerschaftswahrscheinlichkeit nur einen Embryo übertragen muss und damit Mehrlingsschwangerschaften vermeidet.

    Schade, dass solche Artikel wie in Babys.de zur Desinformation der Bevölkerung beitragen. …

  11. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Der Termin vor dem BGH rückt näher. Am 6.7.10 werden wir hoffentlich eine positive Entscheidung bekommen.

    Was bisher noch nicht so öffentlich zur Sprache gekommen war, ist, dass der Berliner Arzt die so genannte Throphoblastbiopsie angewandt hat. Eine sehr späte Form der PID, bei der die zu untersuchenden Zellen erst in einem Stadium entnommen werden, wo sie nicht mehr totipotent sind. Das heißt, die entnommenen Zellen könnten sich nicht mehr jede für sich zu einem Menschen entwickeln. Das ist ein entscheidender Unterschied, da die verbrauchende Untersuchung totipotenter Zellen für sich allein betrachtet von Extremkonservativen als "Töten eines Menschen" bezeichnet werden konnte. Auch kann die Entnahme einer totipotenten Zelle streng betrachtet als Klonen ausgelegt werden.

    Dies jedoch ist inzwischen generell nicht mehr nötig, da die Untersuchung zu so einem späten Zeitpunkt wohl Erfolg versprechender ist als die zu einem früheren Zeitpunkt.

  12. […] Anlass für dieses Urteil war der Fall eines Berliner Gynäkologen, der bei drei Paaren mit bekannten Erbkrankheiten eine genetische Untersuchung der Embryonen im Rahmen einer künstlichen Befruchtung durchführte, um dann schließlich auf Wunsch der Patienten nur nicht davon betroffene Zellen in die Gebärmutter zu transferieren. In dem Bestreben, eine Rechtssicherheit für dieses Verfahren zu erlangen, zeigte er sich selbst an und wurde vor dem Landgericht Berlin freigesprochen. Ausführlicher hatte ich diesen Sachverhalt bereits damals geschildert. […]

  13. Elmar Breitbach
    Uwe-Jürgen Ness schreibt

    Lifestyle-Eugenik

    Ende der 90er Jahre gab es hierzulande erste Debatten darüber, daß Embryonen bei der künstlichen Befruchtung in Großbritannien auf Genmutationen untersucht wurden. Vor der Implantation in die Gebärmutter wurden sie u.a. auf FAP gescreent, eine Darmkrebsart, an der die Träger erst im Erwachsenenalter erkranken und für die es vermittels Früherkennung und Operation gute Heilungschancen gibt. In Deutschland wurde diese Präimplantationsdiagnostik (PID) damals fast unisono abgelehnt. Aber es gab bereits Frauen und Reproduktionsmediziner wie Klaus Diedrich, die klar die Absicht äußerten, die Methode anwenden zu wollen. Sie sei durch das 1990 verabschiedete Embryonenschutzgesetz (ESchG) verboten, beschwichtigte die rot-grüne Regierung. Das Gesundheitsministerium plane zudem ein Fortpflanzungsmedizingesetz, welches die PID ausschließen werde. Irgendwie war die Koalition sieben lange Jahre offenbar zu sehr mit Kriegführen und Sozialabbau beschäftigt. Es kam jedenfalls nicht zu einem Fortpflanzungsmedizingesetz, sondern nur zu einer Novelle des EschG, das allerdings die PID bis heute nicht ausdrücklich verbietet, was die Rechtslage eindeutig klären würde.

    Bei den Grünen ließ damals ein sich feministisch gerierendes Lager um die Bundestagsabgeordneten Biggi Bender und Rita Grießhaber verlauten, die neuen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin seien – inklusive der Entscheidung zur selektiven Abtreibung bei »negativem Befund« – selbstverständlicher Teil der weiblichen Selbstbestimmung. Deren Nutzung dürfe man niemandem verbieten. Als absurd tat dieses Lager den Einwand ab, es handle sich dabei um eine neue Form von Eugenik – grüne Frauenpolitik 2.0. Man spielte auf Zeit, ließ selbst die besonders heikle und umstrittene PID ungeregelt und die Macht des Faktischen ans Werk. Daß irgendwann jemand auf die Idee kommen würde, die PID anzuwenden – selbstredend mit Verweis auf einen als dramatisch dargestellten Einzelfall – wurde billigend in Kauf genommen.

    Es war dann ein Berliner Reproduktionsmediziner, der eine Klärung der Rechtslage herbeiführen wollte, indem er sich nach dreimaliger Anwendung der PID selbst anzeigte. Anfang Juli urteilte der Bundesgerichtshof (BGH) in dieser Sache. Bislang galt vor allem der Paragraph 2.1 des ESchG als Begründung für das Verbot der PID: »Wer einen extrakorporal erzeugten (…) Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck (…) verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.« Wenn dem Embryo eine Zelle entnommen und diese auf Genmutationen untersucht wird, geschieht das zu einem »anderen Zweck« als dem der Erhaltung des Embryos. Das EschG macht allerdings im Falle von y-chromosomal vererbten Genmutationen eine Ausnahme. Samenzellen – nicht ex-vivo befruchtete Embryonen, um die es bei der PID eigentlich geht – dürfen vor der Befruchtung selektiert werden, um »das Kind vor (…) Muskeldystrophie (…) oder einer ähnlich schwerwiegenden geschlechtsgebundenen Erbkrankheit zu bewahren«. Der BGH führte diese Ausnahme mit Verweis auf den zu »würdigenden Willen des historischen Gesetzgebers« nun zur Begründung der Zulässigkeit der PID ins Feld. Beim ESchG handelt es sich nicht um ein Embryonenselektions- oder »Erbgesundheitsgesetz«, sondern um ein Gesetz zum Schutz von Embryonen. Der BGH begab sich mit seiner Interpretation also auf dünnes Eis, weil diese Einzelbestimmung die Verwendung von Samenzellen regelt, und es im vorliegenden Fall eben nicht um vererbbaren Muskelschwund ging, sondern um andere Erbkrankheiten. Welche darunter fallen, hätte der BGH – wenn er die Embryonenselektion für legitim hält– grundsätzlich regeln müssen, anstatt sich hinter einem nebulösen Begriff zu verschanzen.

    Die PID ist mehr als ein Nischenproblem. Gut 1,5 Millionen unfruchtbarer Paare gehören zur potentiellen Klientel dieser speziellen Sparte der Reproduktionsmedizin. Was als krank bzw. gesund gilt, ist bekanntlich kulturell und historisch überaus variabel. Dürfen Embryonen künftig wegen Cystischer Fibrose (»Mukoviszidose«), FAP oder »Spinnfingrigkeit« verworfen werden? Ein Mensch etwa mit einer von über 200 Genmutationen, die für Cystische Fibrose verantwortlich sein können, muß nicht zwangsläufig erkranken. Was ist mit seinem Recht auf Leben? Nach welchen Kriterien wird darüber entschieden? Von wem? Von der Bundesärztekammer vermittels eigenen Standesrechts oder den Gerichten? Darf der Gesetzgeber das regeln? Wäre nicht jede Einzelfall­entscheidung der Einzug einer individualisierten Form von Eugenik?

    Daß grüne Politikerinnen von diesem Urteil überrollt wurden und nun in einer »schwierigen ethischen Debatte« (Priska Hinz, MdB) stecken, ist kaum zu glauben. Die Fakten sind dafür zu lange bekannt. Es sei »zu prüfen«, teilte die Bundestagsfraktion mit, ob die PID »klar verboten werden soll«. Sie steckt in einem Dilemma. Gerade auch grüne Karrierefrauen über 35 nehmen die pränatale Diagnostik in Anspruch. Wenn es in die Lebensplanung paßt, organisiert man sich Nachwuchs. Künstliche Befruchtung und erbgutgecheckte Schwangerschaft entsprechen inzwischen dem hippen, grünen Lifestyle viel eher als komplizierte Diskussionen über den männlich-normativen Zugriff auf die Fortpflanzung.

    Das Bewußtsein, daß ein Mensch mit Behinderungen oder einer potentiell genetisch verursachten Krankheit besser gar nicht geboren wird, ist das einer inhumanen Gesellschaft. Krankheitsursachen sind komplexer als Humangenetiker behaupten. Ob eine genetische Veranlagung zur Krankheit führt, ist nicht mit Gewißheit zu prognostizieren, und hängt in erheblichem Maße von zivilisatorischen Zwängen, ungesunder Lebensweise, krankmachenden Arbeitsplätzen und einer vergifteten Umwelt ab. Hier muß eine linke Politik ansetzen, die nicht auf Eugenik abzielt, sondern auf Pluralität, Solidarität und Ursachenbekämpfung.

  14. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Da stimmt doch was nicht. Die Einstellung der Grünen und auch Biggi Benders, auch schon vor Jahren, haben wir im Nachbarforum festgehalten: http://www.klein-putz.net/forum/viewtopic.php?p=1262507#1262507

    So schrieb man z.B. 2005:

    "Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen lehnt die Einführung der PID ab. So zeigen z.B. die Erfahrungen in anderen Ländern, dass auch eine beschränkte Anwendung meist sehr schnell ausgeweitet wird und diese Methode faktisch zu einer Selektion von Embryonen führt. Ein Vergleich mit der PND erscheint uns nicht zielführend, da hier eine andere Entscheidung – die konkrete Abwägung zwischen Mutter- und Kindeswohl – zu treffen ist."

    Von den Linken würde ich mir entgegen mehr Unterstützung erhoffen.

    aktuelle Positionen: http://www.gruene-bundestag.de/cms/presse/dok/346/346685.urteil_zu_praeimplantationsdiagnostik_se.html

    http://www.linksfraktion.de/themen/embryonenschutz/

  15. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Und diese Aussage hier von Ihnen halte ich für reichlich dreist, Herr Ness:
    "Die PID ist mehr als ein Nischenproblem. Gut 1,5 Millionen unfruchtbarer Paare gehören zur potentiellen Klientel dieser speziellen Sparte der Reproduktionsmedizin."

    Schauen Sie sich mal hier um. Da werden Sie ausgesprochen wenige potentielle Nutzer der PID finden. Solche Sätze wie oben sind allerdings sehr geeignet, um gegen die PID mobil zu machen, Herr Ness, stimmt´s? Da werden gern mal alle unfruchtbaren Paare dafür mißbraucht. …

    Tatsächlich nehmen pro Jahr nur wenige 100 deutsche Paare die PID im Ausland in Anspruch. Informationen über die PID in unseren Nachbarländern findet man z.B. hier: http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/04250.pdf

  16. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Sehr verallgemeinernd auch dies:
    "Ob eine genetische Veranlagung zur Krankheit führt, ist nicht mit Gewißheit zu prognostizieren, und hängt in erheblichem Maße von zivilisatorischen Zwängen, ungesunder Lebensweise, krankmachenden Arbeitsplätzen und einer vergifteten Umwelt ab."
    – Ach so, ob ein Kind eine genetische Krankheit hat, hängt nicht von den Genen ab, sondern von der Lebensweise?

    Was verstehen Sie denn unter Solidarität im Zusammenhang mit PID? Solidarität mit einer befruchteten Eizelle, aber Nichtachtung der Selbstbestimmungsrechte der Mutter?

    Und wie kann man die Ursache einer genetisch bedingten Krankheit vermeiden? Die befruchtete Eizelle trägt dich bereits die Ursache in sich. Wollen Sie in das Erbgut der Eizelle eingreifen?

    und Ursachenbekämpfung

  17. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Rebella hat ja bereits ausführlich beantwortet und ich sehe den Beitrag von Herrn Ness auch nicht als Diskussionsbeitrag, sondern als Statementabsonderung, die nicht auf eine Diskussion abzielt. Erkennbar schon daran, dass über praktisch alle Fakten, die er hier nennt, in anderen Artikeln dieser News bereits ausführlich berichtet wurde, was ihm jedoch offenbar entgangen ist. Der Rest sind Meinungen eines Politikers (Herr Ness war Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Gen- und Reproduktionstechnologien bei BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN und ist dort offenbar von den grünen Frauen nicht gut behandelt worden, wie auch aus Kommentaren in anderen Blogs ablesbar) und wie so oft ist diesen Populistik wichtiger als Fakten. 1,5 Mio. ungewollt Kinderlose sind ein NISCHENPROBLEM? Und natürlich wollen alle die PID. Du lieber Himmel…

  18. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Übrigens wirklich schade, dass man hier in seinem Blog nicht kommentieren kann.

  19. Elmar Breitbach
    Wollschaf schreibt

    Und auch klar, dass es mal wieder die "Karrierefrauen" und "Feministinnen" sind, die an allem schuld sind. Die machen ja auch lieber künstliche Befruchtung, als mit einem Mann ins Bett zu gehen. Natürlich erst, wenn sie über 35 sind. Ist ja so hipp.
    Dem Herrn Ness müssen die grünen Frauen wirklich ganz übel mitgespielt haben, dass er so gegen sie polemisieren muss.

  20. Elmar Breitbach
    Uwe-Jürgen Ness schreibt

    @Elmar Breitbach: Es muss schon kognitiver Dissonanzen (oder aber einer gewissen Böswilligkeit) geschuldet sein, wenn Sie aus den Texten, zu welchen Ihr o.g. Link führt, ablesen wollen, ich sei "von den grünen Frauen nicht gut behandelt" worden.
    Ansonsten äussere ich mich gerne zu fachlichen, ethischen und politischen Erwägungen, mitnichten jedoch zu persönlichen Anwürfen.

  21. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    Persönliche Anwürfe gibt es nicht in meinem Kommentar, nur Vermutungen basierend auf Ihren Kommentaren. Das steht dort ziemlich deutlich zwischen den Zeilen.

    Und die "Erwägungen" gibt es in meinem Kommentar, für jene, die ihn lesen und verstehen. Aber gerne nochmal: 1,5 Mio. ungewollt Kinderlose = Nischenproblem?
    1,5 Mio. potentielle PID-Nutzer? Wie hoch nehmen Sie den Anteil derer an, die diese Methode nutzen möchten? Doch nicht etwa wie in Ihrem Kommentar impliziert alle 1,5 Millionen?