Islam, künstliche Befruchung und Stammzellen


Hält man sich vor Augen, wie schwer sich die christlichen Reiligionen mit der künstlichen Befruchtung oder gar der Stammzellenforschung tun, dann fragt man sich, was andere Reliopnen davon halten. Aus Sicht des Westens ist der Islam rückwärtsgewandt und konservativ und daher würde man vermuten, dass diese Religion diesen neuen Techniken eher noch skeptischer gegenübersteht.

Der Islam erlaubt die künstliche Befruchtung

Tatsächlich ist es jedoch anders. Die islamische Sicht auf Stammzellforschung und In vitro Fertilisation ist offener und vor allem pragmatischer. Interessant ist eine weitgehende Übereinstimmung mit der deutschen Gesetzgebung:

Bedingung ist […], dass das […] befruchtete Ei in die Gebärmutter der Ehefrau eingepflanzt wird, aus der es entnommen wurde (eine „Leihmutter“ als Spenderin ist nicht erlaubt). Die Befruchtung ist nur mit dem Sperma des Ehemannes zulässig und zwar während der Dauer der Ehe und nicht etwa nach einer Scheidung oder gar nach dem Tod des Ehemannes. Dieses ist die allgemeine Schlussfolgerung islamischer Rechtsgelehrter auf mehreren Treffen, auf denen man sich mit diesem Thema befasst hat.

Wann beginnt das Leben?

Wann die Eizelle zum Menschen wird, dessen Leben gesetzlich zu schützen ist, steht am Anfang einer jeden Diskussion zum Thema Reagenzglasbefruchtung und auch aktuell der Stammzellenforschung. Zur Erinnerung: In Deutschland sind Embryonen ab dem Zeitpunkt geschützt, an dem das männliche und weibliche Erbgut miteinander verschmilzt, was einen Tag nach dem Zusammentreffen von Spermien und Eizellen eintritt (Vorkernstadium).

Die Scharia unterscheidet zwischen potentiellem und tatsächlichem Leben und wendet sichexplizit gegen den Standpunkt der katholischen Kirche zu diesem Thema:

In der Tat ist ein Embryo wertvoll, trägt es doch das Potenzial in sich, zu einem menschlichen Wesen heranzuwachsen, jedoch ist es (noch) kein Mensch. […] Würden diese Embryonen als Menschen definiert werden, dann wäre es bereits verboten, sie in größerer Menge als tatsächlich erforderlich herzustellen und sie hinterher zu vernichten. Tatsächlich behandelt sie niemand als menschliche Wesen. Die Vernichtung solcher Embryonen ist keine Abtreibung und kann auch nicht als solche bezeichnet werden. Die Muslime sind daher nicht mit der katholischen Position einverstanden, die dieses bereits als Kindestötung bezeichnet.

Positive Haltung zur Stammzellenforschung

Auch hier besteht eine klare Haltung: Stammzellen sollten nicht aus Embryonen gewonnen werden, lediglich für diesen Zweck produziert werden, die Verwendung überzähliger Embryonen aus der Reagenzglasbefruchtung wird jedoch erlaubt:

Jedes Jahr werden Tausende von überzähligen Embryonen in Fruchtbarkeitskliniken auf der ganzen Welt vergeudet. Solche Embryonen sollten für die Forschung genutzt werden.

Ich bin ganz ehrlich gesagt überrascht. Vor allem ist die Klarheit der Überlegungen erstaunlich, wenn man sie mit der deutschen Gesetzgebung vergleicht, die keine wirklich logische Basis haben und ganz augenscheinlich der lahme Kompromiss von Lobbyisten ist.

Keine „Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass“-Stichtagregelung, die bei Bedarf weiter aufgeschoben wird und damit sich selbst ad absurdum führt. Kein „Vorkernstadien-sind-keine-Embryonen-aber-vier-Stunden-später-dann-doch -irgendwie“-Rumgeeiere. Würden der Islam sich nun noch mit Eizell- und Samenspende anfreunden können (wird er vermutlich nicht), dann könnte man nur hoffen, dass unsere Leitkultur zumindest an diesem Punkt im wahrsten Sinne des Wortes eine Befruchtung erfährt.

Hier zum gesamten Artikel auf Islam.de


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Kommentar

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9 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    fortschrittliche haltung vom islam, keine frage.

    die haben allerdings auch nicht das problem, die "göttlichkeit" der religionsstifters in form einer unbefleckten empfängnis am bein zu haben 😉 … leistet man sich als glaubensgemeinschaft so ein dogma, dann wirds eben kompliziert.
    auch die katholische kirche hat nicht immer gleich die haltung vertreten: embryo=mensch
    bevor opus dei das ruder im vatikan übernommen hat, war die einstellung da auch etwas liberaler.
    man kann nur mit erschrecken feststellen, dass eben nicht nur (was noch nachvollziehbar wäre) kleriker die theorie der frühbeseelung zum dogma erklären, nein, die meisten dt. politiker, die auf dieser religiösen spur unter wegs sind, gleich mit…DAS finde ich persönlich viel heftiger.

    auf den letzten absatz der "leitkultur" mit religiösem kontext bezogen…also am liebsten wäre mir eine, die religionsfrei der vernunft folgt. mohamed und jesus sind privatsache 😉 , aber forschung an embryonalen stammzellen ist vernünftig!

  2. Elmar Breitbach
    sitara schreibt

    Ja, der Islam vertritt hier wirklich eine, gegenüber dem Christentum, sehr fortschrittliche Auffassung. Die entsteht aber durch die Uneinheitlichkeit des Islam, der ja nicht so wohlgeordnet wie das Christentum ist. Zum Beispiel besagen verschiedene Rechtsschulen, daß das Leben erst zu bestimmten Zeiten beginnt, also es gibt da keine einheitliche Meinung. Zitat: "Es gibt ja verschiedene Rechtsschulen, zum Beispiel die hanafitische Rechtsschule, die besagt, dass erst drei Monate nach der Befruchtung das Leben beginnt. Dann gibt es die schafiitische Rechtsschule, die sagt, vierzig Tage nach der Befruchtung, und dann die hanbalitische, die besagt, das Leben beginnt schon bei der Befruchtung."
    LG
    sitara

  3. Elmar Breitbach
    Ich schreibt

    Ich möchte wieder auf ein wichtiges Punkt kommen.
    Ich habe gemerkt dass man hier (und in viele Orten) manche Sachen durcheinander bringt: die Religion an sich (welche auch immer) und die Vertreter/Menschen.
    Die Religionen waren am Anfang einheitlich, aber mit der Zeit haben sie eben die Menschen geändert, sie interpretieren und beeinflußen sie sehr.
    Ich möchte nicht in schwierige Phylosophische Details hier gehen.
    Jesus, Allah und wie sie alle noch heißen sind etwas, die Heiligen Schriften für jede Religion sind auch etwas (gute Lektionen fürs Leben), sie sind Grundtheorien.
    Die Menschen sind aber etwas anders, sie ändern sich mit der Zeit, sie lernen dazu, oder auch nicht usw., sie passen sich der Zeiten oder auch nicht.
    So ist es z.B auch mit den Wissenschaften, dazwischen auch Medizin. Sie beziehen sich auf ein Basis von Theorien, kenntnissen usw. Die Ärzte, Wissenschaftler usw. haben aber immer auch eigene Meinungen, Seelen, Köpfe usw.
    Christentum ist leider auch nicht einheitlich und es sind genug Unterschieden.
    Es gibt Priester (in alle christliche Konfessionen) die Kb verstehen und akzeptieren, die die Embryos auf eine Weise betrachten und andere die sind konservativer.
    So passiert es alle Bereiche, von der Zeugung, bis zum Taufe, Trauung und Tod.
    Also bitte, wenn ihr eine Kritik habt, dann ist nicht die Religion schuld, sondern der/die jeweilige Vertreter.
    Ja, es gibt auch Grundtheorien die für manche nicht richtig sind, aber auch dafür sind Menschen verantwortlich die es so verstanden und interpretiert haben.

    Wegen Spendenzellen: das ist nicht nur ein Problem der Religionen, die fremde Personen in eine Ehe nicht akzeptieren( so wird es gesehen), sondern auch viele Menschen haben dieselbe Gefühle. Viele sagen: es ist als ob ich mit jemand anders schlafen würde. Es ist das Gefühl etwas fremdes in sich zu bekommen/tragen.
    Gut, manche haben damit kein Problem und sind eher liberaler auch wenn sie Partner/in wechseln.
    Vielleicht (hoffe ich) wird die Wissenschaft in der Zukunft Lösungen finden damit das nicht mehr nötig sein wird (Spendeze-Samen oder Eizellen).

  4. Elmar Breitbach
    Ich schreibt

    Noch etwas: wir alle müßen lernen, verstehen und tolerieren, nicht nur die Religionvertreter.
    Es ist nicht einfach.
    Hebe die Hand wer alles weiß und versteht!
    Und wir müßen auch einander helfen zu lernen und verstehen. Immer nur beschimpfen und böse Worter bringt nichts.
    Wie oft fragen die Menschen hier und in Praxen und erfahren keine Antwort? Werte von Untersuchungen sind geheim und wir dürfen sie nie mitnehmen usw.

  5. Elmar Breitbach
    Thinka906 schreibt

    Hm, wird wohl Zeit, über’s Konvetieren nachzudenken. 😉 Nein, im Ernst, ich bin auch überrascht. Das ist wirklich ein interessanter Beitrag.
    Was mich bei beiden Beiträgen (kath.Kirche und Islam) etwas stört, ist, dass irgendwie immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass ein großer Teil der Embryonen wieder verworfen wird. Ich kenne eigentlich keine Betroffenen (uns eingeschlossen), die so locker und leicht beschließen, ihre mühsam errungenen Embryonen / befruchteten EZ zu verwerfen. Im Prinzip möchte man allen eine Chance geben, die nur im entferntesten so aussehen, als hätten sie eine. Hätten wir jetzt noch die Möglichkeit, alle ein paar Tage länger zu beobachten, könnte man ja oft noch "schonender" entscheiden. Aber wem sag ich das??

    LG

    Kristina

  6. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Im Islam glaubt man, die Seele durchläuft verschiedene Entwicklungsstufen. Sie gilt als ausgebildet, sobald die Organanlagen beim Embryo vorhanden sind. Auch glaubt man an eine vorgeburtliche Existenz der Seele, sowie an eine Existenz der Seele nach dem Tod. Erst durch die Entwicklung der Seele im Menschen aber entsteht das „Mensch-Sein“ und damit die Menschenwürde. Der Anspruch auf Menschenwürde erhebt sich im Islam daraus, dass der Mensch für seine Taten verantwortlich ist. Deshalb ist der frühe Embryo nicht in dem Maße schützenswert, dass man nicht ein Verwerfen, eine Diagnostik mit dem Ziel der Selektion oder Forschung am frühen Embryo akzeptieren könnte. Außerdem ist man im Islam dazu verpflichtet, nach den Ursachen einer Krankheit zu forschen und eine Therapie zu finden. Unter der Voraussetzung, dass die Stammzellforschung der Förderung des Gesundheitszustandes von Menschen und der Heilung anderweitig nicht therapierbarer Krankheiten dient, ist sie sogar förderungswürdig. Zwar respektiert man auch eine Würde überzähliger Embryonen. Da diese aber ansonsten zerstört werden, ist ihre Verwendung für die Forschung zulässig.

    [ Bilgin, Yasar (2005): Menschwerdung im Islam. In: Fuat S. Oduncu/ Katrin Platzer/ Wolfram Henn (Hg.), Der Zugriff auf den Embryo. Ethische, rechtliche und kulturvergleichende Aspekte der Reproduktionsmedizin, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, S: 77]

  7. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Auch im Judentum ist übrigens die Forschung an Embryonen zulässig, da es darum geht, dass Krankheiten möglicherweise therapiert werden. Im Judentum beginnt das Leben des Embryos mit der Nidation. Auch die PID ist zugelassen, da sie unter bestimmten Voraussetzungen Frauen vor wiederholten Hormonbehandlungen, vor den Risiken von Fehlgeburten und vor der Gefahr, ein Kind mit schweren Missbildungen zur Welt zu bringen, schützen kann.

  8. Elmar Breitbach
    Ute schreibt

    @Doc: Soll ich? Oder lieber nicht? *g*

  9. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    @Ute: 😉
    Noch geht´s