IVF, Kinderkrippen und Erziehungsgeld. Neue Studie.


Neben den aktuell angestossenen Maßnahmen zur Verbesserung der Geburtenrate in Deutschland sollte auch die Reproduktionsmedizin stärker in den Vordergrund gerückt und politisch unterstützt werden, erklärte Reiner Klingholz vom Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung anlässlich der Vorstellung einer Studie die zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach erstellt wurde und den Zusammenhang zwischen Reproduktionsmedizin und Kindermangel untersucht hat.

Die Reproduktionsmedizin kann dem Rückgang der Geburtenrate zwar abhelfen, an der demographischen Lage sei dadurch unter den aktuellen Voraussetzungen aber nur wenig zu ändern.

Im Rahmen der Studie wurden 3.496 Personen nach ihren Kinderwünschen befragt. 70 Prozent der 25- bis 59-Jährigen in Deutschland haben Kinder, 30 Prozent sind jedoch ohne Nachwuchs.

Der Wunsch ist da, Reproduktionsmedizin wird jedoch abgelehnt

Die repräsentativen Ergebnisse zeigen, dass 1,4 Millionen Menschen gerne Zuwachs bekommen möchten, sich aber auch nach einem Jahr keine natürliche Schwangerschaft ergeben hatte. Allgemein wünschen sich 12,8 Millionen Menschen zwischen 25 und 59 Jahren Kinder oder haben sich in der Vergangenheit welche gewünscht.

Doch nur acht Prozent der Kinderlosen wollen oder wollten bewusst kein Kind. Der Rest, immerhin 22 Prozent, wünscht sich nach der Umfrage sehnlichst Nachwuchs – oder hat diesen Traum nur aus Altersgründen aufgegeben. Interessant ist dabei jedoch, dass 77 Prozent der befragten ungewollt Kinderlosen eine Kinderwunschbehandlung ablehnen, weil sie hofften, noch auf natürlichem Wege zum Ziel zu kommen.

Dänemark als Vorbild

Um eine signifikante Veränderung der Geburtenrate bewirken zu können, müsste die künstliche Befruchtung viel häufiger wahrgenommen werden als bisher, so ein Ergebnis der Studie. Im europäischen Vergleich stehen die Dänen der In-vitro-Fertilisation (IVF) am aufgeschlossensten gegenüber. Zwischen 2000 und 2005 lag die Gesamtzahl der IVF-Neugeborenen mit 3,96 Prozent fast zweieinhalb Mal höher als in Deutschland. Die Quote der deutschen „Retortenbabys“ sank der Studie zufolge von 2,6 Prozent im Jahr 2003 auf ein Prozent im Jahr 2005.

Hier kommt die Veränderung der Kostensituation zum Tragen, die seit dem 1. 1. 2004 einen erheblichen Eigenanteil für die Paare erforderlich macht, möglicherweise aber auch eine insgesamt geringere Akzeptanz der Reproduktionsmedizin und derer, die sie in Anspruch nehmen, als in unserem Nachbarland.

Auch die Kenntnisse über die altersabhängige Fruchtbarkeit ist gering: Fälschlicherweise glauben 54 Prozent der Befragten, dass erst ab einem Alter von 40 bis 45 Jahren sei die Fruchtbarkeit bei Frauen eingeschränkt sei.

Demoskopisch relevant

Bei entsprechender Förderung der Reproduktionsmedizin in Deutschland würden bis 2050 1,6 Millionen Kinder zur Welt kommen, die direkt oder indirekt auf eine Befruchtung außerhalb des Körpers zurückgingen.

Studienleiter Klingholz folgert, dass Familienpolitik mit Aufklärungs- und Präventionsarbeit zum Thema Unfruchtbarkeit kombiniert werden muss. Jedoch braucht Deutschland vor allem auch ein kinderfreundlicheres Klima, fordert Klingholz. Erst wenn diese Punkte abgehakt seien, könne die Reproduktionsmedizin einsetzen. Kinderkrippen, Erziehungsgeld und künstliche Befruchtung müssen nach Meinung der Berliner Wissenschaftler in einem Atemzug genannt werden.

Fazit

Die Auswirkungen der Kostensituation in Deutschland ist bekannt und wird hier noch einmal bestätigt.

Reproduktionsmedizin hat, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert und politisch unterstützt wird, einen nennenswerten Einfluss auf die Geburtenrate.

Die Kenntnisse über die Fortpflanzung in der Bevölkerung ist detailliert, wenn es um die Verhütung geht. Deutlicher Nachholbedarf besteht jedoch, wenn es um die Familienplanung geht. Der Zusammenhang zwischen Alter und Fruchtbarkeit wird unterschätzt. Das gilt ebenso für die Auswirkungen von Nikotin, Übergewicht und Alkohol.

Info:

Die Studie wurde von der Firma Serono mit 80.000 Euro komplett finanziert. Serono habe die Ergebnisse jedoch nicht beeinflusst, sagt der ehemalige „Zeit“-Wissenschaftsredakteur Klingholz. Das ist ihm sogar zu glauben. Ein „Geschmäckle“ bleibt leider und macht die interessanten Ergebnisse angreifbar.


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