Bochumer Wissenschaftler stellt die falschen Fragen


Familienpolitik ist weiterhin ein wichtiges politisches Thema. Die aktuelle Geburtenrate steigt zwar langsam an, ist aber noch weit davon entfernt, die Bevölkerungspyramide von der Spitze auf die Basis zu stellen.

Reproduktionsmedizin kann die Geburtenrate nachhaltig verbessern

Bereits vor einem knappen Jahr wies das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner Studie „Ungewollt kinderlos” darauf hin, dass eine Förderung und Nutzung der künstlichen Befruchtung einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Geburtenrate leisten könne. Es wurde damals bereits hier darüber berichtet.

Neue Studie zu Regelungen in der Reproduktionsmedizin

Das Bochumer Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin hat nun eine weitere Studie zu diesem Thema auf den Weg gebracht. Dort geht es um „Gerechtigkeit der Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen”. Die Studie wird auf einem Fragebogen mit 70 Fragen basieren, der an Gesundheitspolitiker, Mediziner, Sozialrechtler, betroffene Paare verschickt wurde sowie an eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung.

Projektleiter Oliver Rauprich erklärt: „Wir wollen wissen: Wie wichtig sind Kinder unserer Gesellschaft? Ist der Kinderwunsch ein grundlegendes menschliches Bedürfnis oder eine Art privater Selbstverwirklichung?” Aber um die richtigen Antworten zu bekommen, muss man auch die richtigen Fragen stellen. Meinen zumindest einige Politiker:

Erster Ärger vor den ersten Ergebnissen

Vor dem Hintergrund, dass die Studie von der Bundesforschungsministerin Annette Schavan mitfinanziert wird, gab es bereits die ersten Proteste.

Die Kritik bezieht sich vor allem auf zwei Fragen:

  • Sollen Paare, die bei einer künstlichen Befruchtung überzählige Eiszellen einem anderen Paar oder der Forschung spenden, einen Preisnachlass erhalten? Soll es also eine Art Spendenrabatt geben?
  • Soll es erlaubt sein, nach einer künstlichen Befruchtung den besten Embryo auszuwählen und die anderen zu verwerfen? Dies könnte die Erfolgsquote steigern und damit die Geburtenrate erhöhen.

Die zweite Frage wird ja bereits seit Jahren diskutiert und kürzlich wurde auch darauf hingewiesen, dass die Mehrlingsraten durch die gesetzliche Regelung in Deutschland höher ist als notwendig.

Fragen nach gesetzlich verbotenen Maßnahmen sind ein Aufreger

Nur zur Erinnerung: Wir reden hier von den Inhalten einer wissenschaftlichen Studie. Die Politiker zeigen jedoch eine Empörung, als ob diese Fragen den Status einer Gesetzesvorlage hätten.

Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) ist deshalb empört. Die Fragen der Studie seien teilweise tendenziös in Richtung Reproduktionsmedizin und gingen über die bestehende Rechtslage weit hinaus, sagte sie. Sie sei besorgt und verärgert, da mit der Umfrage offensichtlich eine weitere Öffnung des Embryonenschutzgesetzes vorbereitet werden soll. Ministerin Schavan solle klar sagen, was sie mit der Umfrage bezwecke. Ähnlich äußerte sich die Unions-Initiative „Christdemokraten für das Leben” (CDL): Die Studie belege, „dass Ministerin Schavan auf Drängen der Forschungslobby und der Reproduktionsmediziner die weitere Öffnung des Embryonenschutzes klar im Visier hat”.

Der Wissenschaftler kann sich nur wundern

Projektleiter Oliver Rauprich wundert sich über die Aufregung. „Uns ist klar, dass diese Fragen für Deutschland hypothetisch sind, denn die Eizellspende ist verboten.” Seine Studie solle keinesfalls im Auftrag der Bundesregierung die Stimmungslage im Lande für eine mögliche Gesetzesänderung ausloten.

Ministerin Schawan rudert zurück

Wobei: Von zurückrudern kann eigentlich keine Rede sein. Sie lässt sich mit dem Meinungsstrom treiben. Dahin, wo er schon immer floss. Und greift rechtlichen Folgen bereits vor, bevor auch nur eine Zeile des Studienergebnisses niedergelegt werden konnte: „So etwas ist verboten und bleibt verboten”, sagte Schavan. Eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes werde es nicht geben, versicherte ihr Ministerium. Man habe keinen Einfluss auf die Studieninhalte ausgeübt, das falle unter das Prinzip der Forschungsfreiheit. Im Herbst werden die Ergebnisse der Bochumer Umfrage vorliegen.

Was dabei aber herauskommt, scheint schon jetzt völlig egal zu sein, politische Konsequenzen sind nicht zu erwarten. Sagt zumindest eine ehemalige Justizministerin und eine ebenfalls dafür nicht zuständige Forschungsministerin.


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Kommentar

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3 Kommentare
  1. reaba
    reaba schreibt

    ..erfreulich, wenn darüber postfertile menschen entscheiden, deren persönliche und berufliche prosperität vom mainstream abhängig ist 🙂
    ..politiker sagen aber viel, wenn der tag lang ist.."keine mehrheit/zusammenarbeit mit der linken"…nur so als beispiel 😉

  2. atonne
    atonne schreibt

    Jaja, so sind sie, die Herren und Damen Politker/innen, wenn man etwas totschweigt, gibt es das auch nicht…
    Glücklicherweise ist in D die Forschung unabhängig und ja, natürlich darf man Fragen stellen, seien sie noch so hypothetisch. Schließlich werden die angefragten Verfahren in Europa bereits praktiziert.
    Manchmal kommt mir D vor wie ein kleines gallisches Dorf, mit dem Unterschied, dass man verzweifelt versucht, den Fortschritt aufzuhalten und einem doch die Einwohner ins Ausland abhauen, um dort ihren Kinderwunsch zu erfüllen, was zum Glück möglich ist.

  3. remis
    remis schreibt

    Schön wär’s wenn die Forschung wirklich unabhängig wäre. Dann wäre auch mein Arbeitgeber, eine deutsche Großforschungseinrichtung, nicht auf Drittmittel angewiesen. Je nachdem wer gerade meint Politik machen zu wollen werden bestimmte Projekte gefördert oder es ist eben einfach kein Geld dafür da. Die Unabhängigkeit der Forschung existiert leider nur auf dem Papier.
    Mich würde es nicht sonderlich wundern, wenn nun das Bochumer Institut für Medizinethik weniger öffentliche Aufträge bekommt. Tja, auch inder Forschung gilt leider der Satz: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. – Wer das Lied nicht singt kriegt eben künftig weniger oder schlechteres Brot…