Leserbrief an den Spiegel


Zum Artikel „die Babygrenze“ (46/2005 S. 108-118)

Lamentieren und auf bessere Zeiten hoffen, reicht das?

Sicherlich schaut so mancher Reproduktionsmediziner zusammen mit seinen Patientinnen sehnsüchtig über die deutschen Grenzen ins benachbarte Ausland. Die Weitergabe von elterlichen Erbkrankheiten an die Kinder zu verhindern und Eizellspenden bei jungen Frauen ohne eine eigene Eizellproduktion durchführen zu können wäre erstrebenswert. Ebenso die Auswahl der Embryonen zum Zeitpunkt der Rückgabe in die Gebärmutter.

Befremdlich ist jedoch, dass bei dem Versuch die problematische deutsche Gesetzeslage dem Laien nahezubringen, eine weinerliche und fast resignative Grundhaltung bei einigen der von Ihnen zitierten deutschen Reproduktionsmedizinern zu beobachten ist. Wenn in Ihrem Artikel die durchschnittliche Schwangerschaftsrate deutscher Zentren (27%) denen von Spitzenkliniken des Auslands gegenübergestellt werden (mehr als 50%), dann ist dies eine bewusst verzerrte Darstellung, denn sehr gute deutsche Praxen erreichen auch mehr als 40% und dies ohne die Eizellspende. Eine Anfang des Jahres im renommierten Fachblatt „Human Reproduction“ veröffentlichte Untersuchung zur IVF und ICSI in 23 europäischen Ländern im Jahre 2001 ergab eine durchschnittliche Erfolgsrate von 29% bzw. 28,3%. Die deutschen Zahlen für diesen Zeitraum betrugen 28,4% bzw. 27,93%. Auch österreichische Zentren haben keine besseren Schwangerschaftsraten. Die deutschen Ärzte werden daher im Ausland keinesfalls belächelt und es besteht auch ganz offensichtlich kein Anlass dazu.

Belächelt werden die deutschen Gesetze und die Neigung der hiesigen Ärzteschaft, zur Erreichung politischer Ziele ihre eigene Tätigkeit zu diskreditieren.

Natürlich wünschen sich auch die deutschen Ärzte mit guten Erfolgsraten Gesetzesänderungen, welche die Behandlung bestimmter Patientinnen erleichtern würde und begrüßen die Bemühungen, diese herbeizuführen. Aber diese Ärzte sehen die Auswahl der richtigen Embryonen keinesfalls als ein Roulettespiel an, wie in Ihrem Artikel zitiert wurde, sondern bemühen sich nach Kräften, den Paaren mit Kinderwunsch unter den gegebenen Voraussetzungen eine optimale Therapie zu bieten. Denn dies ist durchaus möglich. Sich zurückzulehnen, zu lamentieren und auf bessere Zeiten und Gesetze zu hoffen ist den Patienten keine Hilfe.


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10 Kommentare
  1. Reaba
    Reaba schreibt

    Hallo Doc,

    sehr zutreffend formuliert…der Artikel hatte gerade bezüglich der Erfolgsquoten (D/Ausland) eine leichte Schieflage….aber man freut sich ja schon, wenn der Spiegel überhaupt etwas fundiert Positives zu dem Thema sagt.

    Auch wenn ich sie jetzt vielleicht zu verschärfter Nabelschau auffordern sollte…aber was für einen politischen Grund hätten denn dt. Reproduktionsmediziner zwar zu lamentieren über das EschG, sich dann aber mit der gegebenen Situation abzufinden? Kann doch nur auf die (immer noch) relativ komfortable Situation der Kostenvergütung bezogen sein, oder?

    Nur mal zur Erinnerung: im Ausland gelten wesentlich andere Finanzierungsstrukturen für KB (in den USA gibt es keine KostenÜ der Versicherungen, dafür aber individuelle Deals, die man mit den Zentren abschließen kann; z.B. zahlt man die Summe x und hat 6 Versuche – je eher der Reproduktionsmediziner dann sein Ziel erreicht, desto höher ist der verbleibende Profit. Die finanzielle Belastung der Patienten ist immer gleich, aber es ist doch schön, wenn sich der Erfolg nicht erst im 6. Versuch einstellt :-)). Ähnliche Strukturfreiheit bei der Leistungsvergütung UND bessere Gesetze….das wäre wohl aus Patientensicht der Bringer, ganz abgesehen von der sich aufdrängenden Vermutung, daß dann doch vielleicht mehr Diagnostik zu Beginn der Behandlung betrieben würde und man nicht frustriert (als Patient und vielleicht auch Arzt) dem Einnistungsversagen und eventuell sogar Fehlgeburtsursachen hinterherrätseln müßte.

    Ach ja – ideal world….i.d.R. unvereinbar mit politischen Interessen ;-).

    LG Reaba

  2. tily
    tily schreibt

    Hallo Doktor – zunächst mal generell ein Dankeschön für Ihr Engagement auf dieser Site – das gibt es nicht häufig! Zum Leserbrief: Sicherlich malen die Autoren -bishin zu den im Ausland eintretenden Schnell-Erfolgen-hier schwarz weiß, ein Stück weit sicher dem Stil des Hauses geschuldet, schließlich handelt es sich um den Spiegel. Dennoch bleibt der Tenor, dass es im benachbarten Ausland bessere therapeutische Möglichkeiten gibt, als in Deutschland, doch absolut berechtigt. Bedenkt man die guten Erfolgsraten der deutschen Spitzenkliniken, die Sie zitieren, so kann ein – medizinisch nicht nachvollziehbares und ethisch nicht konsequent begründetes – Delta von 10% aus meiner Sicht garnicht deutlich genug dargestellt und kritisiert werden. Gegen die Lebensgeschichten, die hinter diesen deutschen 10%, die verbleiben, nachdem deutsche Reproduktionsmediziner "unter den gegebenen Voraussetzungen" das Beste geleistet haben, erscheint mir die Schieflage in der Darstellung allemal verzeihbar. Mir wäre an mehr Kritik an den "gegebenen Voraussetzungen" gelegen, deren Änderung den Patienten sehr wohl eine Hilfe wäre – wie auch die von Reaba geschilderte Vergütungspraxis. LG tily

  3. E. Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    Mir geht es weniger um die Autoren des Artikels, die können auch nur das schreiben,was ihnen die Befragten erzählen und da sehe ich die Schieflage.

    Niemand stellt in Abrede, dass Eizellspende, PID und späte Selektion nicht von Vorteil sein könnten und wünschenswert sind. Ich am allerwenigsten, das lässt sich in diesem Blog auch vielfach wiederfinden.

    Und natürlich gibt es auch eine spezielle Gruppe von Paaren, die einen erheblichen Vorteil von geänderten Regelungen hätten. Ich behaupte jedoch, dass der überwiegenden Zahl der Patienten in Deutschland genauso gut geholfen werden kann wie im europäischen Ausland.

    Im Spiegel werden jedoch doppelt so hohe Schwangerschaftsraten für das Ausland genannt und ausländische Äpfel mit deutschen Birnen verglichen.

    Über die Vergütungspraxis brauchen wir uns nicht zu unterhalten, die ist abstrus und nicht begründbar. Steht aber jetzt nicht im Zentrum des Artikels und auch nicht meiner Kritik, das ist eine völlig andere Baustelle.

  4. tily
    tily schreibt

    Guten Abend Doktor Breitbach – wollte keinesfalls ausdrücken, dass Sie die Vorteile der genannten Therapien in Abrede stellen, das ist ja klar, gleichfalls die Obstverwechselung. Leider ist es bei der schreibenden Zunft oft so, dass Grundtendenzen in Extremen dargestellt werden. Bin nicht vom Fach und habe insofern die Publikation einer sonst sehr stiefmütterlich behandelten Problematik als grundsätzlich positiv gesehen. Bei Fachartikeln zu meinem Metier geht es mir bei solchen Verzerrungen aber genauso. Beste Grüße, tily

  5. Reaba
    Reaba schreibt

    "Belächelt werden die deutschen Gesetze und die Neigung der hiesigen Ärzteschaft, zur Erreichung politischer Ziele ihre eigene Tätigkeit zu diskreditieren."

    Ich frage mich einfach nur: warum tun sie es denn dann, die Ärzte? In einem Metier, daß von relativer "Mundpropagenda"/ persönlicher oder institutioneller Reputation lebt, weil Werbungsverbot gilt…ist doch irgendwie nicht logisch sich selbst oder seine Erfolge zu diskreditieren, oder?

    Ihre Einschätzung der Erfolgschancen unter geltenden Bedigungen für die Mehrzahl der Paare teile ich durchaus – im Sinne von Offenheit für wissenschaftlichen Fortschritt in der Behandlung ist die derzeitige Gesetzeslage jedoch eine Bleikugel um den Hals – man kann sich noch bewegen, aber viel beschwerlicher als unter normalen Unständen. Fielen diese künstlichen Denk-/Forschungs-/Behandlungsschranken, würden wohl die ohnehin bestehenden deutlichen Qualitätsunterschiede der behandelnden Zentren und Ärzte nur noch deutlicher zu Tage treten – da kann ich nachvollziehen, das das "Mittelmaß und drunter" nicht gut gefallen kann.

    LG Reaba

  6. Rebella
    Rebella schreibt

    Ich habe den Artikel erst heute gelesen und möchte dazu sagen, dass ich erstaunt bin über die Sachlichkeit und darüber, dass wirklich die wichtigsten veränderungsbedürftigen Punkte aufgezählt wurden. Einen solchen Stil war ich vom Spiegel bisher nicht gewohnt.
    Ich verstehe es natürlich, wenn Sie, Doc Breitbach, als Arzt sich darüber ärgern, wenn es immer so dargestellt wird, als lohne sich eine Behandlung in Deutschland in keinem Fall. Das ist aber von 2 Seiten zu sehen. Wir wollen doch die Änderung des ESchG. Wenn wir denn so tun, als wäre hier alles bestens, ändert sich erst recht nichts. Am besten wäre es natürlich, wenn sich recht bald was tun würde, dann wären die deutschen Ärzte und Kinderwunschpaare nicht länger die Gelackmeierten.

  7. E. Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    Ich tue ja auch nicht so, als wäre alles bestens und ich kann Ihrer Einschätzung gegenüber der journalistischen Leistung des Spiegel nur beipflichten.

    Aber die Neigung deutscher Ärzte, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, um bessere Argumente zu haben in der Diskussion um eine Revision des ESchG, kann ich nicht nachvollziehen und es ärgert mich maßlos.

  8. […] nicht zuletzt durch die berufspolitische Lobby der deutschen Ärzte bestärkt, wie ich ein einem Leserbrief bereits monierte, denn die in dem Artikel gemachten Aussagen waren übertrieben und z. T. schlicht […]

  9. C. Wilke
    C. Wilke schreibt

    Guten Tag,
    auch ich möchte mich noch kurz zu dem Thema äussern.
    Ich denke das wir in Deutschland best ausgebildete Mediziener und technisch einwandfrie Möglichkeiten haben, diese aber durch die Gesetzeslage nicht erfolgsorientiert genug einsetzen können. Wir haben viel mehr Möglichkeiten als wir nutzen dürfen, dass finde ich persönlich sehr Schade, denn mein Vertrauen in die deutschen Ärzte ist sehr gross, wesentlich grösser als zu den ausländischen Ärzten. Deshalb ziehe ich eine Behandlung in Deutschlang natürlich vor. Aber wenn die zur Verfügung gestellten Mittel in Deutschland nun einmal nicht ausreichend sind, muss auch ich mich über Behandlungsmöglichkeiten und Gesetzeslagen in den einzelnen Ländern informieren, denn der Erfolg gibt Ihnen recht.
    Herzliche Grüsse, C. Wilke…

  10. […] Laienpresse, die bei genauerer Betrachtung jedoch oft fehlerhaft sind, wie ich in einem Leserbrief an den Spiegel auch damals […]