Stellungnahmen zum Fetozid


Ich hatte hier bereits kürzlich einen Artikel eingestellt, in dem es um Fetozid bei Kinderwunschbehandlungen ging und die berechtigte Annahme, dass nicht zuletzt auch die Kostenübernahmeregelung dabei eine Rolle spielen könnte.

In der Frankfurter Rundschau äußern sich nun Wissenschaftler und Politiker unter der Überschrift „Früher Tod für´s Geschwisterchen“ zu dieser Frage.

Die Reproduktionsmediziner
Prof. Felberbaum wies bereits darauf hin, dass auch das Embryonenschutzgesetz die Bereitschaft drei Embryonen bei einer künstlichen Befruchtung zu transferieren, deulich erhöht.

„Mit dieser hohen Rate haben wir nicht gerechnet“, sagt Felberbaum. „Der Embryo in der Petrischale genießt absoluten Schutz, nur um – erst mal implantiert – nach Paragraf 218 abgetrieben zu werden. Das ist nicht in Ordnung.“ Felberbaum fordert eine Gesetzesänderung: „Wenn wir wie im Ausland sechs oder acht Embryonen kultivieren dürften, um den mit der größten Implantationswahrscheinlichkeit zu übertragen, gäbe es das Problem nicht.“

Prof. Diedrich aus Lübeck sieht ein Problem darin, dass nach dem Transfer des entwicklungsfähigsten Embryos weitere im Reagenzglas zurückbleiben können. Vorratshaltung sei das aber nicht: „Man kann sie einfrieren oder absterben lassen. Die Mutter sollte das entscheiden.“ Ethisch gebe es „keine gute Lösung, aber meiner Meinung nach ist es besser, man lässt den Embryo im Glas sterben, als ihn im Mutterleib zu töten“.

Er geht neben diesem Hinweis auf das Embryonenschutzgesetz aber auch auf die Kostenregelung ein und verweist auf Belgien, in dem durch eine kostenneutrale Regelung Mehrlinge wesentlich seltener sind (Details sind im ersten Artikel zu finden).

Dr. Bühler, Vorsitzender des IVF-Registers, merkt an, dass den Frauen zugemutet werde, „auf Probe schwanger zu werden“. Die Wertigkeit der Zellen im Glas und in der sich schon entwickelnden gesunden Schwangerschaft sei in Deutschland „verschoben“.

Ethikrat
Kristiane Weber-Hassemer vom Ethikrat sieht es ähnlich: „Diese Belastung für Mutter und Kind muss möglichst verhindert werden. Deshalb bin ich der Meinung, dass die Regel, alle befruchteten Eizellen auch übertragen zu müssen, geändert werden muss. Auch, wenn man sonst an einem sehr starken Embryonenschutz festhält.“ Inwieweit andere Mitglieder des Ethikrats ähnlich denken, geht aus dem Artikel der FR nicht hervor.

Politik
Hubert Hüppe, CDU-Gesundheitspolitiker im Bundestag wendet sich gegen eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes: „Da haben wir dann eine Unmasse überzähliger Embryonen. Das öffnet der verbrauchenden Embryonen-Forschung Tür und Tor.“ Fetozide könnten auch anders vermieden werden: „Ich halte es für nicht vertretbar, mehr als zwei Embryonen zu übertragen. Es sei denn, die Frau ist bereit, Drillinge zu bekommen.“

Soweit die Meinung für den Stammtisch. Dass bereits eine „Unmasse“ eingefrorener Embryonen in deutschen IVF-Zentren lagern, mit denen auch niemand herumexperimentiert, ficht ihn nicht an. Ebensowenig gibt er zu erkennen, dass er Alternativen entwickelt hat, welche den Paaren aus der durch den Kostendruck bedingten Risikobereitschaft heraushilft. Er hatte sich auch bereits früher dadurch hervorgetan, Reproduktionsmediziner, die basierend auf Rechtsgutachten eine größere Zahl von Embryonen bis zum Transfer kultivieren wollten, massiv unter Druck zu setzen, indem er ihnen mit einer Anzeige drohte.

Die Grünen haben sich zu dieser Thematik nicht offiziell geäußert. Die wertkonservative Grundhaltung der Partei lässt aber die Unterstützung einer Gesetzesänderung nicht zu.

Die FDP steht „einer Diskussion über eine Nivellierung des Gesetzes, auch beim Thema PID und Stammzellen offen gegenüber“, betont FDP-Gesundheitspolitiker Detlef Parr. „Es ist nicht zu vermitteln, dass ein Embryo vor dem Transfer in den Mutterleib besser geschützt ist, als danach“, betont Parr. „Aber für einen solchen Gruppenantrag eine Mehrheit zu finden – das ist eine große Aufgabe.“

Seien wir realistisch: Eine zu große Aufgabe.


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Kommentar

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6 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    fassi schreibt

    Ach ja.. unser Herr Hüppe will mal wieder anzeigen ..
    so wie im Fall des Wachkompatienten Peter K. dessen Patientenverfügung ( die dessen Vater u.Anwalt durchsetzten wollten )einfach nicht gelten sollte..
    Der BGH entschied aber, dass die (Zwangs)Behandlung (Bauchdecken-Magensonde) rechtswidrig war.

    Was soll der Quatsch mit der "Unmasse von Embryonen" was ist denn mit der verschwiegenen "Unmasse" von PN-Stadien in Kryobehältern hier bei uns in der BRD..?
    Diese gravierende (straf)rechtliche Unterscheidung ist doch nur ein Feigenblatt für SOLCHE
    Polit-Ethiker.. aber für Biologen u. für die meisten Kiwu- Paare sicher nicht.

    Eine begonnene Befruchtung medizinsch-technisch zu unterbrechen, mit Verwerfen oder mit Kryo – das ist einfach die Unterbrechung eines Prozesses.
    Diese Unterbrechung als ethische Zäsur zu definieren ist doch völlig absurd.
    Bin mir sicher, dass die meisten Leute, wenn man es denen erklären würde diese Auffassung teilen, die jetzige Unterscheidung ist doch nur herbeikonstruiert, um die KB erlauben und zugleich in der Praxis stark beschränken zu können – es ist eben nur diese Polit-Ethik, bei der Macht und Symbolmoral mehr gelten als das echte Leben, bei dem die Betroffenen für hehre Gemeinschaftsinteressen "geopfert" werden dürfen..funktionieren sollen.
    Forpflanzung einzelner ..als totaler Spielplatz für Rentenpolitiker, KLimaretter, Genderschwestern,..sich als ethisch-moralisch besonders überlegen Fühlende..

  2. Elmar Breitbach
    E. Breitbach schreibt

    Die Dammbruchdiskussion

    Oft wird in diesem Zusammenhang das Wort "Dammbruch" verwendet. Wenn man also dem Forscher den kleinen Finger reicht bricht gleich der Damm und es werden Embryonen gezüchtet zu welch gruseligen Zwecken auch immer.

    Dieses Bild des Dammes impliziert zweierlei:
    1. Hüppe und seine Freunde sind der Damm, der Schutzwall, der die allgemein gültige Ethik von den Frankensteinen trennt.
    2. Die Reproduktionsmediziner und Stammzellenforscher sind ehrlose und vom Ehrgeiz zerfressene Gesellen, eine amorphe Masse, die ständig und mit Macht diesen Damm attackiert. Weicht man nur einen Schritt zurück, bohrt man auch nur das winzigste Löchlein in diesen Damm, dann wird unweigerlich das ganze Land überschwemmt von der Saat des Bösen.

    erinnert mich an den dritten Teil vom "Herrn der Ringe"

  3. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    @doc

    guter vergleich! frodo und seine freunde haben gewonnen, wenn ich mich richtig erinnere ;-)…

    das problem ist die hüppes dieser diskussion in das wirklich zutreffende öffentliche licht zu rücken…letztlich schwieriger als deren fadenscheinige argumente zu entkräften (s. fassis beitrag)…aber nicht unmöglich allemal…

  4. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Zu den Dammbruchargmenten:

    Wir heute lebenden Menschen haben sowieso nicht in dem Sinne die Macht, über die Wünsche und Entscheidungen unserer Nachfahren zu bestimmen. Zwar widerspiegelt das Denken und Handeln der Menschen einer Epoche auch immer das der vorangegangenen Epochen. Aber es gibt zudem so viele neue Einflussfaktoren wie neue Erkenntnisse und Erfahrungen, andere Erziehungsmethoden und Veränderungen in der Kultur, so dass einst getroffene Entscheidungen mit fortschreitender Zeit für die Entwicklungsgeschichte immer unbedeutender werden. Wer kümmert sich heute noch um einen kaiserlichen Erlass von anno achtzehnhundertund …? Wer mag danach leben? Ist es nicht vielfach so, dass wir einen großen Teil damaliger Anweisungen heute belächeln? Die Menschen jeder Zeit müssen mit ihrer jeweils aktuellen Situation vernünftig umgehen, Entscheidungen mit Bedacht treffen. Wir können zu einer akzeptablen Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder beitragen, indem wir unsere Natur nicht weiter zerstören und ihnen einen großen Wissensfundus mit auf den Weg geben. Wir können ihnen jedoch nicht auf Dauer unsere Moral aufdrücken.

  5. Elmar Breitbach
    fassi schreibt

    Entsprechend wird typischerweise das Bild der schiefen Ebene ( slippery slope)angeführt, auf der wir sicher demnächst allesamt unmerklich abdriften, abrutschen ins unmoralisch-unethische Tun.

    Diese Bild ist noch etwas praktischer, denn es steht für: Ihr da unten wisst ja gar nicht was ihr da eigentlich tut, wir passen dann schon für euch auf 😉
    Im politischen Beschützer-Fürsorger-Wettbewerb gilt es als erster das möglichst beeindruckenste Drohszenario zu skandalisieren ( jüngste Geschichte oder Science-fiction funktioniert immer noch bestens)
    Der Gewinner darf sich eine schöne Bevormundung zum Schutz der Bürger vor sich selbst ausdenken..
    rein vorbeugend " moralisch präventiv" ..natürlich nur..natürlich ohne seinen Bürgern irgendewas unterstellen zu wollen..

    Diese Haltung selbst – neigt doch selbst zum Abdriften, denn diese Methode dient dazu, politische Bevormundung moralisch zu legitimieren.
    Dies Methode soll das Fehlen stichhaltiger Argumente überdecken und übergeht die immer auch nötigen Abwägungen der berechtigten Interessen u. Absichten aller Beteiligten und Betroffenen. Oft steht das Dammbruchargumet nur für populistische Schwarz-Weißmalerei und ist doch fast immer nur ein Fürchtemache-Appell auf Gefühlsebene.

    @ Rebella,
    das Bewusstsein die Natur zu bewahren ist doch schon längst Allgemeingut, jedoch gibt es dabei reale Probleme die zwar sicher auch viel aber nicht nur mit Geld und Machtvereteilung auf unsrem Planeten zu tun haben.

    Die drohende Naturzerstörung ist im Grund DAS Dammbruchargument für diverse Politagiteure/Ideologen schlechthin, die dies Thema immerzu schön passend für sich instrumentalisieren.
    Auch wenn ich Gefahren für unsere Natur keinefalls in Abrede stelle, so sehe ich dennoch gute bemerkenswerte Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten FÜR unsere Natur.
    Vor allem MIT und auch FÜR den Menschen.

    Dieser Trend uns Menschen im Grunde als "Ökoparasiten" zu definieren, halte ich für höchst unmoralisch ( Reaba nannte das entsprechend misanthrop)
    Die apokalyptischen (Kassandra)Drohszenarien dazu die das belgen sollen sind nicht selten unwissenschaftlich unbelegt und daher unverantwortlich, vor allem unredlich.

    eine vernünftige Kritische Prüfung ( bitte konkret und real, am besten anhand schlüssiger Fakten,Belege – sicher nicht nur naturwissenschaftlich gemeint..) kann durch solche Dammbruchargumentation NIE ersetzt werden.

  6. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    @ rebella

    diese einschätzung teile ich. aber erzähl das mal einem, der meint qua bekenntnis zu xy den einzig richtigen weg gefunden zu haben. wenn er/sie das stringent zu ende denkt, dann sind toleranz und liberalismus nur camouflage. bedauerlicherweise machen ganz akut menschen mit dieser "überzeugung" gerade mehrheitlich gesetzte für uns alle.
    ich finde es pervers, wenn gut gemeinte aber schlecht gemachte regelungen leid schaffen und eigentlich leben verhindern. passiert wenn man dogmen gehorcht und nicht verstand mit etwas herz dabei.
    ich wünsche meinem kind die kaft nicht auf diese dinge hereinzufallen.