Giordano-Bruno-Stiftung zur PID


Das Ärzteblatt berichtet über die Empfehlungen der Ethikkommission der „Giordano-Bruno-Stiftung“ zur PID, die sie heute den Mitgliedern des Deutschen Ethikrats.

Das ist nun grundsätzlich nicht wirklich erwähnenswert, denn aktuell bezieht jeder Stellung zu dieser Thematik in Anbetracht der in diesem Jahr anstehenden Abstimmung des Bundestages zur PID. Bemerkenswert ist jedoch, dass sich die Ethikkommission für Erlaubnis der PID in erweiterten Grenzen ausspricht. Bereits die einleitende Zusammenfassung des Dokuments bringt vieles (aus meiner persönlichen Sicht richtig) auf den Punkt:

Im Gegensatz zur vorherrschenden Diskussion, in der gefragt wird: „Darf PID gesetzlich erlaubt werden?“, sollte die strittige Frage lauten: „Darf PID überhaupt gesetzlich verboten werden?“ Schließlich sollten mündige, aufgeklärte Bürger in einem liberalen Gemeinwesen tun und lassen dürfen, was sie wollen, solange es ihnen nicht mit guten Gründen verboten werden kann. Diese guten, verallgemeinerungsfähigen Gründe für ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik gibt es nicht. Es gibt nicht einmal gute Gründe für die von einigen Politikern vorgeschlagene Beschränkung der PID, etwa auf Paare, deren erbliche Vorbelastung erwiesen ist. Deshalb plädieren wir für eine Gesetzgebung, die den Grundsätzen eines modernen, liberalen Staates angemessen ist: für die Zulassung der PID in erweiterten Grenzen. Grundsätzlich sollten alle Menschen, die den beschwerlichen Weg der künstlichen Befruchtung wählen, die Möglichkeit zur PID haben.

Ich will hier noch einige weitere gute Argumente zitieren, nicht zuletzt auch weil sie aufgrund eines feinen ironischen Untertons einen bei dieser Thematik einen nicht zu erwartenden Unterhaltungswert besitzen:

Wer für PND ist, sollte daher konsequenterweise auch für PID sein.

Angesichts der Möglichkeit, die PID in unseren Nachbarländern durchführen zu lassen (was wohlhabende Paare seit geraumer Zeit tun), bedeutet dies in der Praxis, dass die geplanten Restriktionen nur jene Bürgerinnen und Bürger betreffen werden, die sich eine PID im Ausland nicht leisten können. Eine solche Regelung ist nicht nur sozial ungerecht, sondern auch rechtspolitisch bedenklich.

In einem liberalen Gemeinwesen sollten mündige Bürgerinnen und Bürger tun und lassen dürfen, was sie wollen, solange es ihnen nicht mit guten Gründen verboten werden kann.

Dass Embryonen „heilig“ und somit für medizinische Zwecke unantastbar seien, beruht auf metaphysischen (meist religiösen) Überzeugungen, die keine Allgemeingültigkeit beanspruchen können.

Ein „aktuales Lebensinteresse“ setzt ein empfindungsfähiges Lebewesen voraus, das verwundet, misshandelt oder gedemütigt werden kann. Diese Bedingungen sind jedoch bei Embryonen, die überhaupt nichts spüren und bei –196 Grad kryokonserviert werden können, nicht erfüllt.

Zur „Dammbruchargumentation“: Allerdings sollte man Paare, die heute im Rahmen einer künstlichen Befruchtung PID ins Auge fassen, weil sie keinen kranken Embryo eingepflanzt bekommen wollen, mit solchen Zukunftsszenarien verschonen.

Die Annahme, dass die Vernichtung befruchteter Eizellen mit genetischen Defekten zur Diskriminierung von Behinderten führt, ist ähnlich absurd wie die Forderung nach Abschaffung der Impfung gegen Kinderlähmung, weil diese eine Diskriminierung von Menschen mit Kinderlähmung zur Folge haben könnte.

Die vollständige Lektüre des 6-seitigen PDF-Dokuments lohnt sich und es ist zu hoffen, dass es von vielen Bundestagsabgeordneten vor der Abstimmung gelesen und verstanden wird.

Nachklapp: Die EKD hat auch eine Stellungnahme zur PID herausgegeben, überschrieben mit Psalm 139, 16: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet
war…“


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Kommentar

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8 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Ruth75 schreibt

    Lieben Dank für den Hinweis auf diese Empfehlungen – es ist erwähnenswert! Und vielen Dank für diese tolle Seite!!!
    Die Empfehlungen der Ethikkommission treffen genau ins Schwarze! Sehr gute Argumente für die (beschränkte) Freigabe der PID.
    Ich hoffe, dass möglichst viele der Abgeordneten sich dies zu Gemüte führen – denn vielleicht wird so etwas Verständnis bei den "unverständigen Gegnern" geweckt. Da besteht ja vielleicht doch noch Hoffnung auf eine Entscheidung des Bundestages für die PID! Ich drück die Daumen (wir sind selbst betroffen, und es macht schon wütend, wenn man sich die Argumente der Gegner durchliest, anhört, usw.).

  2. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich war heute auch außerordentlich erfreut, als ich diese Pressemeldung gerade heute, wo ich zufällig etwas auf der Seite der Giordano Bruno Stiftung suchte, fand.

    Ich wusste bisher gar nicht, dass es dort eine so hochkarätig besetzte Ethikkommission gibt, mit Philosophen wie Dieter Birnbacher, Norbert Hoerster und Michael Schmidt-Salomon.

    Auffallend ist, dass die Verfasser eines so brillianten Textes alles Philosophen sind. Hätten ein paar Theologen dazwischen gesessen, hätte die Sache anders ausgesehen.

  3. Elmar Breitbach
    grueneGurke schreibt

    Wer viel durchmacht, um ein Kind zu bekommen, welches dem Staat spaeter Steuern zahlt, sollte meines Erachtens unterstuetzt werden gesunde Kinder zu bekommen!

    🙁

  4. Elmar Breitbach
    tellima schreibt

    @ rebella: ich hatte das glück, bei prof. birnbacher ethik zu studieren – großartig!

    (http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/personal/ptphil/birnbacher/)

    philosophen sind – meiner erfahrung nach – einfach die schlaueren denker in vielerlei hinsicht. vielleicht, weil es der klarheit manchmal zuträglich ist, wenn der liebe gott außen vor bleiben muß. 😉

  5. Elmar Breitbach
    Floydine schreibt

    Vielen Dank! Wow, es tut richtig gut, das zu lesen…

  6. Elmar Breitbach
    Julisonne schreibt

    das ist doch mal wohltuend zu lesen, daß es noch klar denken Menschen in Deutschland gibt…leider ist vermutlich die Lobby der anderen Stellung nehmenden größer…

  7. Elmar Breitbach
    kekskeks schreibt

    Das ist wirklich mal lesenswert… und ich stelle mir mittlerweile ernsthaft die Frage, ob Dt. ein "moderner, liberaler Staat" ist. Nach meiner Ansicht: vermutlich nicht… damit wäre dann auch die ganze mitunter scheinheilige Diskussion hierzulande erklärt…

    mal abgesehen davon, wie viel Einfluss die Kirche auf politische und gesellschaftliche Themen hat: wo sind denn die liberalen Parteien in Dt.? Mir fällt keine ein…

  8. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    @tellima: Ich beneide dich. So ein Studium hätte ich auch gern gemacht. Damals war ich nur leider noch nicht reif für das Thema Ethik / Philosophie.

    Ich habe einige von Birnbachers Schriften gelesen und hatte auch schon mal die Ehre, ihn auf einem Kongress zu erleben.