Die Angst vorm Dammbruch wichtiger als Empathie?


In der Zeitung „Neues Deutschland“ erschien vor kurzem ein Artikel, der sich mit der Wertschätzung reproduktionsmedizinischer Maßnahmen in der Gesellschaft beschäftigte. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer betreut auch Kinderwunschpaare und stellt in seinem Artikel fest, dass in der Presse, großen Teilen der Politik und von Seiten der Kirche die Kinderwunschbehandlung und die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) im Speziellen sehr kritisch gesehen werden.

Speziell die seit kurzem in Deutschland erlaubte PID wird mit dem Argument, das die dauerhafte Zulassung dieser Methode zu einem „Dammbruch“ führen würde, von vielen abgelehnt. Selbst auf die Gefahr hin, dass später bei einer Fruchtwasseruntersuchung (zu spät) eine genetisch bedingte Erkrankung des Kindes die Eltern vor die Entscheidung stellt, die Schwangerschaft abzubrechen.

Schmidbauer berichtet von seinen Erfahrungen mit Kinderwunsch-Patientinnen und stellt die Frage, ob starres Festhalten an Prinzipien wichtiger sein sollte, als das Mitgefühl mit den Kinderwunschpaaren:

In der Süddeutschen Zeitung (20.7.2010) ein verächtlicher Titel: Die Ersetzung der Zeugung durch das Zusammenrühren von Hand. So spricht der Dünkel jener, die auf solche Hilfsmittel nicht angewiesen sind und nun nicht nur ihre biologische, sondern auch ihre moralische Überlegenheit auskosten. In dem Text war viel von Selektion, Gattungssolidarität, gar Menschheitsethik die Rede. Warum es besser sein soll, befruchtungsfähige Eizellen in den Ausguss zu spülen, statt sie zu verwenden, um möglichst sicher zu gehen, dass ein gesundes Kind geboren wird, leuchtet mir dennoch nicht ein.

Der Grundsatz wehret den Anfängen wird von Anhängern eines autoritären Menschenbildes mit Vorliebe zitiert. Nicht Empathie und Differenzierung bestimmen das ethische Handeln, sondern Prinzipien, die strikt durchgesetzt werden müssen, um zu verhindern, dass Dämme brechen – gibst du dem Teufel den kleinen Finger, nimmt er die ganze Hand! Eltern, die Eizellen untersuchen lassen, ob diese einen genetischen Defekt aufweisen, betreiben keine menschenwürdewidrige Selektion, sondern suchen, sich Belastungen zu ersparen, welche Sittenwächter zugunsten ihrer Prinzipien ignorieren.

Es ist schwierig, den Argumenten der selbsternannten Ethikwächter zu folgen, wenn der eigene Maßstab der gesunden Menschenverstand ist und daher ist es aus meiner Sicht ein Leichtes, den Ausführungen Schmidbauers zu folgen.


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Kommentar

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8 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    greta schreibt

    danke!!! danke danke danke!

    danke herr schmidbauer.

    wobei der eigene "gesunde menschenverstand" bitte nicht mit dem (un)gesunden Volksempfinden (!) zur PID und KB zu verwechsel/misszudeuten ist.

    die breite masse, sich ihres normalreproduzierens so sicher wie das amen in der kirche (!), wird weiter vög.eln und kinder in familien setzen, wo sie oft gar nicht hingehören. und dabei mächtig dumm quatschen, dass frauen mit verschlossenen eileitern oder cf in der familie designerbabys oder zombies gebären….

  2. Elmar Breitbach
    greta schreibt

    korrektur: DEM statt das amen… rettet dem dativ?

  3. Elmar Breitbach
    Vanillepudding schreibt

    Vielen lieben Dank lieber (im Artikel beschriebener) Moralapostel,

    dass sie für mich und für all die anderen Kinderwunschpaare entscheiden, wie viel Hilfe wir annehmen dürfen! Auch für diejenigen Paare, die durch eine PID z.B überhaupt eine Chance auf ein Kind haben, weil sie balancierte Translokationen aufweisen, die eine Lebendgeburt verhindern können.

    Danke, denn ohne sie, lieber Moralapostel wären wir ja total unwissend, außerdem natürlich vermessen, dass wir uns zutrauen eine eigene Meinung zu bilden und eine Entscheidung zu treffen, die entgegen ihrer steht. Verzeihen sie bitte! Natürlich wussten wir nicht, dass wir sie durch die PID hätten übervorteilen können und sicher entstand ihre Voreingenommenheit auch nicht durch einen kleinen hässlichen Neidanfall, dass sie und ihre Nachkommen vollkommen schutzlos einfach natürlich schwanger werden könnten und dabei Behinderungen entstehen würden. Nein, denn bei so viel Moral, sind sie sicher vor solchen Neidanfällen geschützt. Auch im Falle der Wahl ohne Familie zu leben, können sie mit sicherer Hand garantiert entscheiden, wie es für andere besser ist. Sie haben Recht, sie sollten verhindern, dass Dämme brechen, wo kämen wir denn da hin, wenn wesentlich weniger Frauen FG hätten, Paare einfach ein gesundes Kind wollten, oder gar weniger Abtreibungen aufgrund von Chromosomenanomalien stattfinden würden.

    MfG
    Vanillepudding

  4. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Ich habe im Urlaub gerade u.a. ein schönes Buch zum Argumentieren gelesen: "Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren."

    Darin ist vom slippery-slope-Prinzip die Rede, das angebliche Dammbruchargument, mit deren Hilfe man z.B. gegen den Schwangerschaftsabbruch – oder aber PID – "argumentiert", indem man sagt: "Warum nicht auch Alte und Kranke töten?" Etwas kürzer als in diesem Buch wird das slippery-slope-Prinzip z.B. auch hier erklärt: http://www.coachacademy.de/de;magazin;soft-skills;d:1112.htm

  5. Elmar Breitbach
    greta schreibt

    Rebella – never argue with an idiot, they drag you down to their level and beat you with expierience… 😉

    wobei ich bei dieser debatte noch besser finde:

    n.a.w.a.i. – the people watching might not know the difference 🙂

    wobei die schon den unterschied zwischen KB, PID und PKD nicht kennen, denn die ganze zeit, die sie zum lesen und lernen benutzen könnten, geht bei normalproduzierern ja mit "üben" drauf.

    KB spart also zeit und eröffnet neue wissensspektren 😉

  6. Elmar Breitbach
    Tastentiger schreibt

    "Dünkel" ist ein schönes Wort, wie ich finde. Ich hab den Beitrag zum Anlass genommen, meine Gedanken zu dem BGH-Urteil wieder online zu stellen: http://www.baby-alarm.info

  7. Elmar Breitbach
    007 Wichtel schreibt

    Tastentiger: Danke.

    Rebella: Habe das Buch auf meinen Wunschzettel gesetzt, auch wenn ich eigentlich Greta zustimme, dass es eh verschwendete Energie ist, mit Fundis zu diskutieren.

  8. Elmar Breitbach
    Rebella schreibt

    Wichtel: Das wird dort übrigens auch gesagt. Allerdings werden andere Wege aufgezeigt, wie man mit denen umgehen sollte.