Vierlinge und die Inflation der Mehrlinge


Google hat es vielleicht verstanden. Bei dem Artikel zu den Sechslingen, die im letzten Jahr zur Welt kamen erscheint in der Werbung ein Hinweis auf türkische IVF-Kliniken.

Denn auch die Mutter, die vor einigen Tagen von Vierlingen entbunden wurde, hatte ihre Kinderwunschbehandlung in der Türkei durchführen lassen. Das mag ein dummer Zufall sein, denn höhergradige Mehrlinge kommen natürlich auch immer mal wieder nach Kinderwunsch-Therapien in Deutschland vor. Jedoch kommen die Mehrlingsschwangerschaften, die in den letzten Monaten die Presse beherrschten sämtlich aus dem nahen Osten. Bei den beiden genannten Fällen waren es Schwangerschaften, die in der Türkei entstanden und in Deutschland ausgetragen wurden. Zwei Fälle aus dem letzten Jahr wurden aus dem Irak und Ägypten berichtet.

Ich hatte mich ja schon bei dem letztgenannten Artikel in die Nesseln gesetzt und von der immer kritischen Mariella folgendes zu hören bekommen:

Andere Länder, andere Sitten. Daß dort mit den in der westlichen Welt erworbenen “medizinischen” Methoden in unseren Augen Schindluder betrieben wird, das mag wohl sein. Aber das sollte man sich als verantwortlicher Arzt vorher überlegen. Wollen wir uns allen Ernstes vor die Inder oder Muslime hinstellen und sagen: “Ihr Lieben, drei ist ok, aber bei sieben hört der Spaß auf?”

Sich anfangs über ethische Bedenken hinwegsetzen, wie es die westliche Welt mit Blick auf den zu erwartenden Profit (und ja – ein wenig menschliche Zufriedenheit soll ja auch entstehen) unternimmt, dann aber mit gespitztem Bleistift anderen die Vorgaben machen wollen – naja, das erscheint mir fast als ein persistierendes koloniales Syndrom.

Nun sind – so auch meine damalige Antwort – Mehrlinge immer vor allem ein medizinisches Problem und keines der individuellen Weltanschauung oder Religion. Aber man kann den Eindruck gewinnen, dass die Risikobereitschaft in manchen Ländern höher ist. Nicht zu erklären ist es zumindest für die Türkei durch mangelnde Fachkenntnisse. Einige der großen IVF-Zentren dort publizieren in internationalen Fachzeitschriften und man gewinnt den Eindruck, dass ihr medizinischer Standard ein gutes Niveau hat.

Persönliche Erfahrungen bestätigen diesen Verdacht der höheren Risikobereitschaft. So habe ich selbst einige jüngere Frauen (

  • Finanzielle Gründe: Die Patienten können sich nur einen Behandlungsversuch leisten und gehen daher auch das Risiko für höhergradige Mehrlinge ein. Der Druck auf die Patienten und Ärzte ist unter solchen Umständen nicht zu unterschätzen, in Deutschland hat man dies anlässlich der Gesundheitsreform 2004 auch bemerken können.
  • Mangelnde Aufklärung: Auch der Ärzte. Ein zentrales IVF-Register ist für jedes Land aus meiner Sicht unabdingbar, um in der Lage zu sein, anhand von großen Fallzahlen zu hilfreichen statistischen Ergebnissen zu kommen. So z. B. diese Graphik aus dem aktuellen Jahresbericht des deutschen IVF-Registers, die eindeutig belegt, dass selbst drei Embryonen nur in wenigen Fällen eine geringen zusätzliche Erfolgschance bieten:
    Deutsches IVF-Register: Zahl der Embryonen. Der Sinn des Transfers von mehr als 2 Embryonen ist daher nicht nur bei jüngeren Frauen mehr als fraglich.
  • Monitoring: Häufiger als bei der IVF entstehen Mehrlinge bei einer hormonellen Stimulation der Eierstöcke. Z. B. bei einem PCO-Syndrom werden Hormone gegeben, um die Eizellreifung zu unterstützen. Jedoch ist insbesondere bei diesen Patientinnen die Gefahr von Überstimulationen mit mehreren Follikeln sehr hoch. Mehrlinge vermeiden kann man lediglich, wenn man engmaschige Ultraschallkontrollen durchführt, um die Zahl der Follikel zu kontrollieren. Möglicherweise sind hier logistische und technische Beschränkungen Ursache für eine unzureichende Kontrolle
  • Über weitere Ursachen kann man lediglich spekulieren. Der Stellenwert von Kindern ist in den genannten Ländern sehr viel höher als bei uns oder anders formuliert: Der Stellenwert kinderloser Paare ist niedriger. Möglicherweise ist der soziale Druck und der damit verbundene Leidensdruck sehr viel höher und lässt die Risiken vergessen.

    Sicherlich ist es etwas gewagt, aus den eingangs erwähnten Berichte eine generelle Problematik abzuleiten, jedoch ist zu vermuten, dass nicht alle höhergradigen Schwangerschaften den Weg in die Presse finden (auch in Deutschland nicht) und die Dunkelziffer höher liegt. Unabhängig vom Land in der die Behandlung durchgeführt wird sollte die Vermeidung von Mehrlingsschwangerschaften eines der Hauptziele der Kinderwunschbehandlung sein. Und da können wir uns natürlich auch an die eigene Nase fassen, denn unsere Gesetzgebung erleichtert es uns in Deutschland nicht, Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden, wie ich bereits in einem früheren Artikel zum Thema Fetozid schrieb. Jedoch beträgt der Anteil der künstlichen Befruchtung an den Mehrlingen in Deutschland nur 15%.


    Noch Fragen?

    Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über zahlreiche andere Foren von wunschkinder.net.
    Die am häufigsten gestellten Fragen haben wir nach Themen geordnet in unseren FAQ gesammelt.
    Das könnte Sie auch interessieren

    Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

    8 Kommentare
    1. Elmar Breitbach
      lipperin schreibt

      Allerdings werden z.B. in der Türkei in der Regel Mehrlingsschwangerschaften, auch Zwillinge (!), reduziert. Kein Krankenhaus ist auf die zuverlässige Versorgung von Frühchen bzw. Mehrlingen eingerichtet. Hierzu gab es in den letzten 6 Monaten in Mehrlingskreisen (ABC-Club, Drillis.de) von der Ärztin Dr. Ute Sievers geradezu haarsträubende Tatsachenberichte. Sie begleitete eine Drillingsschwangerschaft, die einer absurden Tragikkömodie glich-letztlich kamen die Kinder nach unglaublichen Odysseen in der ca. 34. SSW zur Welt und sind wohlauf. Aber die ärztlichen Bedingungen schienen aus einer anderen Welt zu kommen… . Umso mehr erstaunt es mich, davon zu lesen, dass offenbar bewusst das Mehrlingsrisiko bei Kinderwunschbehandlungen in der Türkei in Kauf genommen wird ?!

    2. Elmar Breitbach
      lipperin schreibt

      Wen die Berichte der Ärztin interessieren, kann sie unter meinem Posting im Mehrlingsforum von heute nachlesen. Viele Grüße !

    3. Elmar Breitbach
      Talulah schreibt

      Was man aber auch bedenken sollte, wenn es denn andere Länder, andere Sitten sind, daß die Geburt dann auch in den Ländern bleiben soll.

      Wenn ich lese, daß man kein Geld für mehrere Versuche hat und sich deshalb mehrere einsetzen lässt, sträuben sich mir die Haare, da ich mich frage, wie denn dann die 5 oder 6 Kinder ernährt und umsorgt werden sollen? Kinder leben nicht nur von Luft und Liebe und dann stellt sich die Frage, ob der Staat unterstützen soll?

      Das ist jetzt keinesfalls auf alle bezogen, um Himmels willen, sondern nur unter dem o.g. Punkt, wenn man kein Geld hat für mehrere Versuche….

      Just my 2 Cents. 😉

    4. Elmar Breitbach
      Ich schreibt

      @Talulah – theoretisch hast du Recht, aber praktisch gibt es ein Unterschied.
      Für 1 Versuch, noch mal, für 1 Versuch muß man mindestens 3000-4000 Euro auf einmal haben, egal im welchen Land.
      Die mußt du gleich haben.
      Das ist wirklich sehr viel und man muß es auf ein Mal bezahlen. Was die KK in andere Länder übernehmen weiß ich nicht.
      Im Monat verdient man in ärmere Länder viel weniger als 500 Euro und trotzdem kann man seine Kinder ernähren.
      Ich denke überall gibt es Kindergeld oder so ähnliches und man hat auch Familie und Freunde die unterstützen mit ein Geschenk, Essen,usw.
      Das ist der Unterschied.
      Noch zu bedenken ist es dass Paare die auf natürlichem Weg zig Kinder kriegen man keine solche Rechnungen macht. Bei denen ist alle Achtung. oder?
      Um ehrlich zu sein verstehe ich auch nicht wie Familien mit mehr als 3-4 Kinder über die Runden kommen, geschweige denn mit 6,7, 15 Kinder.
      Die haben plötzlich Geld sich sogar Wohnung zu kaufen mit zig Zimmer und Hof und es geht ihnen gut. Habe ich im TV gesehen, vielleicht sagen die nur so, aber ich denke es geht ihnen gut, sonst würden sie nicht so viele Kinder machen.
      Und wenn es zur KB kommt dann wird man auf alle Seiten nach Geld geprüft?
      Das finde ich ungerecht.
      Na ja, wenn ich sehe wie viele Leute sich KB leisten und dann auch für mehrere Versuche und Kinder (hier im Forum), dann frage ich mich auch woher.

    5. Elmar Breitbach
      Ich schreibt

      Und nicht nur in der Türkei, oder andere östliche Länder wird man als kinderlos schlecht betrachtet und behandelt, sondern auch hier z.B.
      Ohne Kinder ist man keine Familie überhaupt, auch wenn man verheiratet ist.
      Und das sagt schon vieles.
      Ohne Kinder wird man anders gestellt.
      Ich meine, Familienpass, Familien- das und jenes, aber man nennt sich Familie nur wenn man Kinder hat.
      Was ist man ohne Kinder? Wie nennt man sich dann?
      Und mehr sage ich nicht, es würde eine zu lange Liste sein.

    6. Elmar Breitbach
      Rebella schreibt

      Ich denke, in manchen Laendern haben die Leute sowieso haeufiger viele Kinder. Da macht es den paaren nicht ganz so viel aus, wenn es gleich mehrere werden. Wahrscheinlich auch, weil die ganze Familie mit anpackt.

      Probllematisch ist die hohe Mehrlingsschangerschaft trotzdem, weil ja der Koerper der Mutter nicht darauf eingerichtet ist, so viele Kinder auf einmal auszutragen. Eben die bekannten Probleme bei Mehrlingsschwangerschaften.

      Vielleicht ist in diesen Laendern die Aufklaerung zu Mehrlingsschwangerschaften nicht hoch genug. Wenn wir ehrlich sind, kommen wir doch auch erst seit ein paar Jahren vom 3-Embryo-Transfer ab.

    7. Elmar Breitbach
      Talulah schreibt

      Ja da habt Ihr Recht, aber warum müssen es dann 5 oder 6 sein? Ich denke, mit 3 Embryo-Transfer reicht es auch. Da könnte ja theoretisch noch ein natürlicher Zwilling drunter sein.

      Ich bin jetzt auch kein Verfechter von nur 1 Transfer, aber man muß einfach darauf gefasst sein, daß es dann halt auch mit allen klappen kann. Und die Konsequenzen beachten. Daß alle gesund auf die Welt kommen, ist ja eher ein Wunder. Bzw. daß später keine Folgen entstehen. Da hab ich doch lieber 1 oder 2 gesunde Kinder, denen ich auch alles geben kann, als 4 oder 5, wo evtl. ein oder zwei nicht ganz gesund sind und ich mir Gedanken darüber machen muß, wie ich sie ernähre? Bzw. mit der Ernährung ist es ja nicht getan. Kleidung, Wünsche, gute Bücher, gute Ausbildung…..

    8. Was soll denn sowas?

      […] nicht schon vorher gewusst hätte. Vielleicht gedacht als Glossar-Beitrag zum Thema Mehrlinge? Von denen wimmelt es ja in der letzten Zeit in allen Zeitungen. keine Stichwörter vergeben (Noch keine Bewertung)  Loading […]