Terrorverdacht: Kinderwunsch-Klinik in der Türkei geschlossen.


Die aktuelle Lage in der Türkei von hier beurteilen zu können, kann sicherlich niemand von sich behaupten. So kann es natürlich sein, dass Dr. Aret Kamar Verbindungen zu den Putschisten vom am 15. und 16. Juli hatte. Dass er sie unterstützte; persönlich oder finanziell. Gehen wir einmal hypothetisch davon aus, dass es so ist.

Was wäre dann möglicherweise angemessen? Was in der Türkei aktuell angemessen ist oder nicht, bestimmt Präsident Erdogans im Rahmen seiner Säuberungswelle. Die Gelegenheit dazu hatte er ja bereits am Tage des Putsches als „Gottesgeschenk“ bezeichnet. Dr. Aret Kamar leitet eine große Kinderwunsch-Klinik in Istanbul. Und von Regierungsseite wird angenommen (behauptet), er sei Mitglied der Gülen-Bewegung. Dies wird vielen Akademikern vorgeworfen und die Konsequenz der türkischen Regierung ist der Entzug der Lebensgrundlage. Kündigungen und Berufsverbote wurden und werden ausgesprochen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass um die Vernichtung von Existenzen geht.

So auch hier, wie der Spiegel berichtet:

Gut eine Woche nach dem gescheiterten Militärputsch tauchten Mitarbeiter des Gesundheitsamts, der Stadtverwaltung und des Finanzamts in seiner Fruchtbarkeitsklinik in Istanbul auf und erklärten ihm, dass der Betrieb ab sofort eingestellt sei und die Klinik geschlossen werde. Die Ermittler durchsuchten Kamars Klinik, sie beschlagnahmten insgesamt 32.000 Patientenakten […]. Die Akten sind seither verschwunden, ebenso Eizellen, Spermien und Embryos, die in der Klinik gelagert waren.

Das Schicksal von Dr. Aret Kamar ist vermutlich zu bedauern, wenn es sich wirklich um ein „großes Missverständnis handelt“. Man kann es nicht beurteilen, aber vieles spricht dafür. Unter anderem die Tatsache, dass er als armenischer Christ einer islamischen Bewegung wie der von Gülen eher wenig abgewinnen kann.

Ganz sicher ist aber das Schicksal seiner Patienten zu bedauern, deren Embryonen und Spermien aus der Klinik entfernt wurden (mit welcher Berechtigung?). Diese Zellen und Embryonen waren mit der Hoffnung von tausenden Menschen auf ein Kind verbunden. Und da ein fachgerechter Transport eher unwahrscheinlich ist, werden diese Hoffnungen vermutlich enttäuscht werden. Es wurden wieder Existenzen vernichtet, im Falle der Embryonen sogar im Wortsinne.


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Kommentar

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8 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    Maigloeckchen11 schreibt

    Ich finde noch interessant, was in einem Kommentar unter dem Spiegel-Artikel steht, gepostet von "Antaliyaner":
    "Neben dem im Artikel erwähnten Arzt hat die Klinik noch zwei weitere Teilhaber. Es besteht der Verdacht, dass Teile der Gewinne dieser Teilhaber an die Gülen Bewegung geflossen sind. Deshalb die einstweilige Schliessung. Die beschlagnahmten Eizellen etc. befinden sich sicher gelagert im Lehrkrankenhaus der Koc Universität. Ob diese Massnahme richtig oder falsch war, steht auf einen anderen Blatt."

    Die Vorstellung, meine Embryonen oder Kryos hätten dort gelegen…

    Maigloeckchen

  2. Elmar Breitbach
    Anna67 schreibt

    Nach Auskunft von türkischen Bekannten ist der "Spiegel" sehr contra bzgl.des Türkei- Themas.
    Mir kam es spanisch vor, dass dieser Artikel die einzige Quelle ist.
    Es stimmt aber. Habe Erkundigungen eingezogen. Die Bekannte ist Journalistin bei der Milliyet. Sie sagte ebenfalls, dass die Embryonen etc. sich in der Koc Universität befinden.

  3. Elmar Breitbach
    Cora schreibt

    Na ja die Armenier hatten in der Türkei ja noch nie was zu lachen…

  4. Elmar Breitbach
    OSo schreibt

    Na; bestimmt wollte der Diktator die Zeugung weiterer Gülen-Anhänger verhindern (Ironie off).
    Ne mal im Ernst, angemessen wäre bei entsprechendem Verdacht allerhöchstens eine Überwachung oder gar Interimsleitung zu akzeptieren gewesen. Und selbst das nur mit großen Bauchschmerzen, da die Leitung einer medizinischen Einrichtung und ein politisches Engagement zwei verschiedene Paar Schuhe sind und auch dies einen rechtsstaatlich fragwürdigen Eingriff dargestellt hätte. Aber zumindest hätte man mit den Existenzen der Patienten kein Jeopardy gespielt.
    Mich erinnert die alles zu sehr an rechtswidrige Stasi-Methoden oder noch schlimmer an die Verfolgung von Intellektuellen durch die Roten Khmer.
    Pfui.

  5. Elmar Breitbach
    kekskeks schreibt

    Ein winziger Teil der Türkei (darunter Istanbul) liegt sogar auf dem europäischen Kontinent… es treibt mir die Tränen in die Augen, was dort momentan staatlich/politisch/juristisch möglich ist und möglicherweise zur Zeit gerade passiert.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass auch etliche Deutsche in der Türkei med. Leistungen, wie z.B. Augenlaser-OPs, Schönheits-OPs oder eben reproduktionsmed. Behandlungen in Anspruch nehmen bzw. in der Vergangenheit getan haben (möglicherweise sogar selbst Embryos dort haben). Aufgrund der derzeitigen Lage dort wird dies sicherlich weniger werden!

  6. Elmar Breitbach
    Maya79 schreibt

    Ich bin erschüttert!! Das hat mit Demokratie nicht mehr ansatzweise etwas zu tun…

  7. Elmar Breitbach
    Silke schreibt

    In der Türkei werden zur Zeit tausende Menschen verhaftet und viele Existenzen zerstört. Ich kann hier nur noch Willkür und keine Rechtsstaatlichkeit mehr erkennen. Im Fall der Kinderwunschklinik haben die betroffenen Paare vermutlich keinerlei Handhabe, um gegen diese Willkür vorzugehen. Mich macht das sprachlos. Hoffentlich sind alle, die sich irgendwo in der Türkei haben behandeln lassen oder dies vorhaben nun gewarnt!

  8. […] wurde ja bereits über die Schließung des Istanbul Women’s Health and IVF Centre berichtet. In einem Artikel des Telegraph aus England findet sich nun die Fortsetzung oder vielmehr […]