Eine typische Geschichte?


Sie heirateten 1993. Sie war 29 und er dreißig Jahre alt. 1995 begannen sie über Kinder nachzudenken. Nach zwei Jahren ohne Erfolg ließen sie sich untersuchen. Schnell kam heraus, dass die Spermienqualität das Problem ist. Sie war bereits einmal schwanger. Dies war jedoch in einer früheren Beziehung und die Ärzte bestanden auf einer vollständigen Abklärung ihrer Fruchtbarkeit.

Die Untersuchungen bei ihr waren sämtlich unauffällig, gesunde Eileiter, Gebärmutter und normaler Hormonhaushalt, was bei ihrer Vorgeschichte wenig erstaunlich ist, aber natürlich muss man auch die Frau untersuchen, selbst wenn man vermutet, dass die eingeschränkte männliche Fruchtbarkeit im Vordergrund steht. Zeit ging ins Land.

Nach Abschluss der Untersuchungen kamen die auf eine Warteliste für eine künstliche Befruchtung. Auf dieser Liste warteten sie sechs Jahre. Als die Behandung endlich beginnen konnte, war sie 42 Jahre alt. Ihre Hormone näherten sich bedenklich den Wechseljahren, eine Behandlung mit den eigenen Eizellen wurde daher abgelehnt.

Nun ist sie schwanger nach einer Eizellenspende. 13 Jahre nach der Heirat, 11 Jahre nach Beginn des Kinderwunschs.

Jeder, der bis hierher gelesen hat, hofft nun inständig, dass sich diese Geschichte in einem weit entfernten Land abgespielt hat -oder besser noch – einfach ausgedacht ist. Sie ist jedoch wahr, es ist aber nicht in Deutschland passiert, sondern in England.

Das Gesundheitssystem in England (NHS) ist sehr viel zentralistischer aufgebaut als das deutsche. „Gesetzlich“ Versicherte landen in vielen Fällen auf Wartelisten für notwendige Behandlungen und nicht selten werden diese komplett abgelehnt, wenn ein Erfolg nicht sicher ist oder der Patient zu alt ist.

Verfolgt man die Weichenstellungen von Ulla Schmidt im deutschen Gesundheitssystem, dann findet sich vieles von dem, was im NHS bereits vorhanden ist: Der Gesundheitsfond mit vereinheitlichten Beiträgen bringt die Frage auf, warum es dann überhaupt noch verschiedene Krankenkassen geben muss und warum man nicht gleich eine zentrale Kasse für alle Bürger einrichtet. Das gegenwärtig eingeschlafene Projekt „Zentrum für Qualität in der Medizin“ würde dann die Richtlinien festlegen, die für Indikationsstellung und Therapie gelten würden. Eine freie Therapiewahl des Arztes gäbe es nicht mehr.

Die Qualitätsrichtlinien würden für natürlich für alle Ärzte gelten, was im Prinzip nicht zu beanstanden ist, jedoch würden sie auch für die Patienten gelten. Wer bestimmte gesundheitliche Standards nicht erfüllt, bekommt auch keine Therapie. Was bei der künstlichen Befruchtung hinsichtlich des Alters ja auch bereits faktisch so ist.

Meine paranoide Vorstellung für´s Wochenende ist daher, dass der eingangs geschilderte Fall nicht so weit weg ist, wie wir alle hoffen. Greta Mason hat ihren Gesundheitsfond übrigens auf Schadenersatz und Schmerzensgeld verklagt.

Die ganze Story, bereinigt von meinen Gedanken dazu, dafür aber auf englisch findet sich hier.


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Kommentar

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6 Kommentare
  1. Elmar Breitbach
    tintenklecks schreibt

    Naja, in Deutschland läuft es NOCH ein wenig anders: Kinderlose deutsche Paare werden über dem Sparen für den vierten Versuch alt und älter….Trotzdem geht es uns noch vergleichweise gut, denn neben einer ICSI müssen wir zumindest nicht auf eine evt. lebenswichtige Diagnostik warten. Denn bisher kamen wir auch noch drei Wochen vor Quartalsende ins Behandlungszimmer, obwohl der Arzt vielleicht schon umsonst gearbeitet hat. Das machen die englischen Ärzte nicht, so!

    Die Pläne des Gesundheitsministeriums sind seit Jahren nicht nachvollziehbar, zeugen von einer schlechten Recherche bei mangelndem Vermögen, verschiedenen Perspektiven Rechnung zu tragen. Dass bspw. die Ärzteschaft durchgängig von den Meinungsmachern der Regierung dikreditiert werden und schlichtweg Unwahrheiten verbreitet werden, disqualifiziert das Ministerium für uns seit Langem.

    Gilt für Kiwu-Behandlungen eigentlich auch die Budgetierung?

  2. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @tintenklecks: Nein, das läuft extrabudgetär. Deswegen ja auch die anderen Maßnahmen, um die Zahlen einzudämmen. Und die Kosten.

  3. Elmar Breitbach
    Mara schreibt

    Hallo Doc:-)

    na da kann ich wahrscheinlich bald eine ähnliche Geschichte zu beisteuern: von Anfang der Behandlung (und da war ich noch gerade frisch 36) war klar, dass die Hauptursache in den (sau-)mäßigen Spermien meines Mannes lag. Nach 6 monatiger Eingabe bei der Ethikkommission des Ärztekammer NRW durften wir nun endlich mit ICSI beginnen (heute ist die Zustimmund der AEKNO nicht einmal merh für heterologe IVF notwendig) – bei der 2. ICSI war ich dann 37. Beim 4. negativen Versuch sagte der Biologe zwar am Tag nach der Punktion "na ja ich bin schon froh, überhaupt was zu haben – die Spermien sind schon ganz schön schlecht". Nun sagt der Doc "jaja die Eizellen – eigentlich sind sie ja sogar schon 39 Jahre alt – da müssen wir reingucken (PID) ansonsten bleibt nur noch die EZS)".

    Dann bei ICSI Nr. 5 in Belgien zwecks PID: NULL Spermien. Ebenso bei ICSI Nr. 6 und nicht einmal mit Tese-Material eine einzige Eizelle befrcuhtet!!!

    Und jetzt? Na plötzlich merken wir: letzten Jahr im August waren es ja auch bloß "7 immotile Spermien"… aber es sind natürlich die alten Eizellen.

    Nun bin ich fast 39 und habe gerade meine erste HI hinter mir – 3 Jahre später beginnen wir damit und bei mir gibt es keinerlei Verdacht auf Unfruchtbarkeit.

    Aber nun bin ich bald 39 und mir bleibt kaum noch Zeit. Weil ein Reproduktionsmediziner sich die Samenspende nicht als seriös vorstellen kann, aber die EZS sehr wohl… O-Ton "ich frage mich immer, was das für hirnlose Typen sein müssen, die das machen…"

    Tja und nun? Nun ist es, als ob wir gerade bei Null angefangen haben – dabei war mir schon vor meinem 36. Geburtstag klar, dass jetzt was passieren muss, aber bis man durch die Mühlen der Bürokratie in D durch ist…

    Ein schönes Bsp: die größte Samenbank Deutschlans, hat es bis heute nicht (seit Mitte Juni) geschafft, uns überhaupt nur bis zur Samenspende zu bringen aufrgund ihrer Bürokratie – dabei liegt der Notarvertrag für lockere 250 Euro schon auf dem Tisch.

    Wir mussten bis nach Berlin, um schnelle Hilfe zu bekommen – und das ist ein Flugticket im Monat wert. Die Zeit rennt, aber so manch ein Reproduktionsmediziner ist da doch derart gründlich, dass die einzi erfolgversprechende Beahndlung dann endlich mit dem Einsetzen der Wechseljahre beginnen kann.

    Aber so sind sie zum Glück nicht alle – und ich hoffe, dass uns die flotteren und patenteren dieser Gattung dann doch noch helfen können.

    Spätestens nach ICSI Nr. 4 hätte der Doc uns die Wahrheit sagen müssen: dass das nichts mehr bringt und nur noch Fremdsamen Abhilfe schaffen kann.

    Einem Krebskranken muss man doch auch die Wahrheit sagen – warum kann das so mancher Reproduktionsmediziner nicht? Der Biologe konnte mir nicht mal in die Augen schauen, bei der Übermittlung der endgültigen nachricht der totalen Sinnlosigkeit dieser Behandlung…. während sich geziert wird, die Wahrehit mitzuteilen, rennt die zeit nur so davon…

    Gruß
    Mara

  4. Elmar Breitbach
    Elmar Breitbach schreibt

    @Mara: Ein grundsätzliches Problem bei der Beratung von Patienten kann sein, dass man seine eigene Meinung zu einem Befund oder einer Therapie zu sehr in die Beratung einfließen lässt. Was bei vorhanden gleichwertigen oder gar besseren Alternativen zu nicht unbedingt gwünschter bzw. schlechterer Therapie führen kann. Ich werfe aber bestimmt nicht den ersten Stein…

  5. Elmar Breitbach
    Mara schreibt

    @Doc: nein den ersten Stein werfe ich auch nicht;-)

    Es ist nun mal ein schwieriges Thema und sicherlich haben Ihre Kollegen auch schon so den ein oder anderen Stein an den Kopf bekommen, wenn sie ihre Patienten frühzeitig auf die sog. Alternativen hingewiesen haben.

    Man ist halt extrem vorsichtig – für meinen persönlichen Geschmack etwas zuuu vorsichtig (Betonung liegt auf "persönlich".

    Ich habe dazu eine schöne Anekdote: nach ICSI Nr 6 hatten wir nun alle Unterlagen für ein Erstgespräch in einer KiWu-Praxis zusammen, die HI/HIVF anbietet.

    Ganz klar und deutlich haben wir im Anschreiben formuliert, dass wir nur noch in dieser Behandlung (HI/HIVF) eine Chance sehen und uns über die rechtlichen Voraussetzungen informieren wollten.

    Durch eine Terminverschiebung musste uns nun ein sehr netter, etwas zerstreuter Kollege versorgen, der sich aber wohl nicht mnehr so ganz vorbereiten konnte…

    So erzählt er uns also eine halbe Stunde lang, was man noch alles bei ICSI 6 anders machen könne (immunologische Untersuchung, Frischthese, usw.), um dann irgendwann ganz vorsichtig zu fragen: "wie abgeklärt sind Sie denn? Also ich meine, haben Sie auch schonmal über Algternativen – wie bspw. Samenspende – gemacht?"

    :-):-):-)

    Da sind die Kollegen wohl übervorsichtig und das wahrscheinlich aus gutem Grunde – wer weiß ob das Gegenüber angesichts dieses Vorschlags nicht zusammenbricht oder gar wutentbrannt die Praxis verlässt?

    Na – aber mein Doc hätte mich nach der langen Zeit eigentlich besser kennen sollen;-)

    Aber nun woll wir mal wirklich die Woche nicht mit Steinwürfen beginnen – ich habe es ja zum Glück selbst in die Hand genommen und jetzt sehen wir weiter:-)

    Eine schönen Tag!!

    Gruß
    Mara

  6. Elmar Breitbach
    reaba schreibt

    das problem scheint hier in dem aufgezeigten beispiel systemimmanent zu sein..ist es aber eigentlich nicht..ich wurde mit 29 diagnostiziert, mein mann auch (endo+OAT), es hat trotzdem 10 jahre gedauert, nicht wegen wartelisten, aber vielleicht weil sich bei nicht P-patienten erstmal keiner einen kopf über differentialdignostische ursachen gemacht hat?
    dabei unterstelle ich jedoch nicht absicht oder mangelenden anreiz durch die abrechungsmöglichkeiten, sondern schlicht unwissen.
    insofern sehe ich das mit dem "zentrum für qualität in der medizin" auch nicht nur negativ.
    letztlich wird es aber sein wie mit allen deutschen "schutzgesetzen"…die wirkung wird sich mit der zeit ins genaue gegenteil verkehren.