Ersatzteile und Entscheidungen
Samstag, 29 November 2008Gestern mittag, 12 Uhr.
Tante Heinz schmeißt sich eine Dormicum und nimmt danach Platz auf dem Zahnarztstuhl.
Mhm, lecker. Schon wieder Drogen, die mich schläfrig machen. Diesbezüglich war das Jahr 2008 wirklich eine Wucht.
Leider durfte ich nicht einschlafen, denn der Herr Zahnarzt war angewiesen auf meine aktive Mithilfe. Das hörte ich jedoch erst, als das OP-Tuch auf meinem Gesicht eine Flucht unmöglich machte. Und weil ich gestern dank Dormicum von Vernunft und einem angenehmen LMMA-Gefühl gesegnet war, habe ich seinem Entschluss zugestimmt. Zu nah lag der Nerv dem Areal, in das mein Implantat geschraubt werden sollte.
Mit der Betäubung wurde dementsprechend auch nicht der Nerv lahmgelegt, denn den sollte ich ja spüren, sondern alles ‘drumherum. Und Bescheid sagen sollte ich, falls er sich trotz genauer Berechnung in die brandgefährliche Region schrauben sollte.
Hach Gott, was habe ich mich verflucht, dass ich meine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht doch noch ein wenig aufgestockt hatte. So ‘ne kleine Lippenlähmung ist nicht nur im beruflichen eine Tantenkatastrophe. Man stelle sich vor, ich müsste damit zu einem Logopäden - da käme ich nun wirklich in echte Schwulitäten, denn die sind alle bekloppt.
Aber was soll ich sagen - Implantieren ist echt besser als Zähne ziehen. Sieht man mal von den gruseligen Geräuschen ab, die das Skalpelll macht, wenn das Zahnfleisch abgesäbelt wird. Werde in Zukunft immer ein OP-Tuch über dem Gesicht verlangen. Man kann die Augen verdrehen, sie zukneifen, muss niemanden anschauen und kann so tun, als wäre man gar nicht da. Toll.
Und weil das in meinem Leben das letzte Implantat gewesen sein wird - schließlich habe ich den Zahn nicht versaut, sondern Dr. F. , der schlechteste und kleinste Zahnarzt auf Gottes Erdboden, Mitarbeiterausbeuter, Dumme-Witze-Reißer und Am-Ende-des-Quartals-aus-Langeweile-Privatpatientenzahnzerstörer- war das nun eine einmalige Erfahrung, die man mal gemacht haben muss.
Um 22 Uhr klingelte das Telefon. Am Apparat der Implantatverschrauber, der sich erkundigen wollte, ob alles töfte ist.
Nun habe ich ihn endgültig in mein großes Tantenherz geschlossen.
Wange kühlen geht gut - es liegt noch genug Schnee auf dem Balkon, mit dem ich innerhalb kürzester Zeit den Waschlappen auf Niedrigtemperaturen bekomme. T. hat mich mit einem feinen Mankell-Krimi versorgt. Und mit einem hübschen Vargas-Krimi. Deswegen ist es gerade auch total egal, dass ich schon um 5 aus dem Bett gefallen bin, ich muss unbedingt wissen, wer den Archäologinnen-Sohn nun umgebracht hat.
Heute werden wir in trauter Zweisamkeit Plätzchen backen und uns darüber freuen, das niemand etwas von uns will. Ab dem nächsten Wochenende wird es terminlich wieder ganz gruselig, wie immer vor Weihnachten.
Übrigens: Wir haben uns zu einem Termin bei Frau Th. entschlossen. Naja, ich schon etwas länger, aber T. hat ernsthaft zugestimmt. Wir brauchen jemanden, der erstens nett ist und zweitens ein Gespräch in Gang hält, ohne dass eine Person die Fluchtmöglichkeit ins Schlafzimmer hat. Das lassen wir nämlich hier. Wir brauchen Entscheidungshilfen. Betonung liegt auf “Wir”. Denn ich bin selbst ganz unschlüssig.
Uah… Wir gehen zur Paartherapie. Ich bin ganz aufgeregt. Dann kann ich sie gleich mal fragen, ob wir ansonsten ganz richtig im Kopf sind.
“Aber erst im nächsten Jahr.” Diese Einschränkung lässt mich angesichts des fortgeschrittenen aktuellen Jahres recht cool. Und ich habe definitiv nicht “Erst im übernächsten Jahr.” gehört. Und nachdem wir ja schon ihren Vortrag in Hannover gehört haben, denke ich, dass diese Frau genau die Richtige für uns ist. Keine Hampeleien mehr, wir gehen nur noch zu Koryphäen.
Sollte es zu einer Entscheidung kommen, müssen wir uns nur noch darüber unterhalten, wer die ausführende ärztliche Instanz sein wird. T. hat nämlich einen anderen Favoriten als ich. Vermutlich will er danach eine mit ihm rauchen gehen.
Habe Besucher Nummer 60.000 verpasst. Wer war das? Eigentlich wollte ich ihm Socken stricken. Tja. Hat sie mal wieder nicht aufgepasst, die Frau Tante und muss ihr Vorhaben auf die 100.000 verschieben. Eigentlich dachte ich ja, hier sei jetzt bald mal Schluss, aber anscheinend wid uns der Plan B noch ein paar Jährchen beschäftigen.
So. Ich gehe wieder ins Bett.
wurde das Krischen dann doch recht schnell gelöst.